Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 12 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MMMW8 Erscheint jeden Donnerstag. Wiener Nummer 12 Jahrg. XV3. Nische Nl>»!sß>Mk Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel- 6־— Balkan, Frankreich.Franks 14 — *3 Geschäftsstelle, Wien: h,!liotenturuistraße Nr. 31. Mit der Beilage I Poslsparknssakonto Nr. 312.842. , . j Telephon 3000/Vlii• Sprechstunden von 10—12 Uhr 2״!a§ jüd. Leven in 6>ali^ien". : Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.! Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Herausgeber: Ma^ Hitkl. j riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. L-—— - Brünn—Budapest. Wien. § W 19u Prag—Lemberg. Der Untergang der deutschen Juden. ZNärz 1914. Gustav 5tohn. II. Wie es um die Juden stand, darum küminerten sich wenige. Das Verdienst des ZioniSmus ist cs allein, endlich Wandlung geschaffen zu haben auch hier. Zionisten waren es und sind es, die sich mit jüdischer Statistik beschäftigen, als der Grundlage für kommende jüdische Hisroriker, Kulturhistoriker und Soziologen. So kam es nach dem standard Work D. Alfred Nossigs dazu, den er endlich zu sehen bekommen, wie cs eigentlich mit uns Juden steht. Dr. Mar Nordau hat auf dem 5. Kongreß auf die Notwendigkeit einer jüdischen Statistik hingewiesen: ״Eine strenge statistische Durchforschung des jüdischen Volkes ist eine allererste Notwendigkeit für die zionistische Bewegung. Erst sie wird dieser Bewegung eine feste Grundlage geben und sie aus der Sphäre des Gefühles in die nüchterne praktische Ausbauarbeit Hinüberbitten. Wir müssen mehr wissen. Wir müssen zuverlässig erfahren, wie das Volksmaterial beschaffen ist, womit wir zu arbeiten haben werden. Wir brauchen eine genaue antrophologische biologische, ökonomische fand intellektuelle Statistik des jüdischen Volkes. Wir müssen zahlenmäßige Antworten auf die Fragen haben: Wie ist das jüdische Volk körperlich beschaffen? Wie groß ist es durchschnittlich? Welches sind seine anatomischen Eigentümlichleiten? Welches ist seine Erkrankungsziffer? Welches seine Sterblichkeit? Wie viele Krankheitstage hat der Jude jährlich im Durchschnitt? Welches ist seine Lebensdauer??ln welchen Krankheiten stirbt er? Welches ist seine Eheschließnngsziffer? Welches seine Kinderzahl? Wie viele Verbrecher, Irrsinnige, Taubstumme, Feuilleton. Exekution. Von Ignaz 3t o se n f e l d, Wien. lieber die dunkle, morsche Holztreppe des baufälligen Gebäudes poltert der schwere Fuß des Gerichtsbeamten. Bei jedem Schritt, den er mühsam macht, ächzt das Holz, als ob cs ihm wehe täte. Unter seinem Arme trägt er die abgenützte schwarze Ledertasche, die sich baucht unter der Fülle der verhängnisvollen Akten. Mit keuchendcm Atem steigt er Stock um Stock, bleibt oft ermattet stehen, mit undeutlichem Fluch aus den Lippen. Endlich ist er am Ziele. Im letzten Stockwerk, in! langen, schmalen Korridor. Er bleib: pustend stehen und trocknet mit seinem rot gewürfelten Taschentuche den Schweiß von der Stirne, der in dicken Tropfen heruntertrieft. Tann greift er umständlich in die Aktentasche und entnimmt ihr ein langes, doppelbogiges Stück und liest brummend den Namen: Chaim Dawid Löwenbein Pt. 5-1 K. Dann sieht er sich um in dem halbdämmerigen Raume. Zwei enge, einflüglige Türen sehen ihm entgegen. Es ist still, tot um ihn. Nur eine einsame Fliege summt schlaftrunken am Fenster. Krüppel, Blinde, Epileptiker zählt das jüdische Volk? Hat es seine eigentümliche Kriminalität und welcher 'Art ist sie? Wie viel Juden sind Stadt—wieviel Landbewohner? Welchen Bechäftignngen geht das jüdische Volk nach? Wie arbeitet, was besitzt es? Was ißt, was trinkt es? Wie wohnt es? Wie kleidet es sich? Wieviel gibt es von seinen Einkommen für Ernährung, Bekleidung, Wohnung, geistige Bedürf-;nisse aus? All das, muß man wissen, wenn man ein Volk wirklich kennen will, solange man es nicht weiß, ist alles, was man für das Volk tun will, ein Tappen im Dunkeln, ist alles, was man über dieses Volk sagt, bestenfalls Lyrik, schlimmstensalls Geschwätz etc.etc." Tr Alfred Nossigs ״Jüdische Statistik" gibt natürlich auf alle diese Fragen nicht die ausführlichsten Antworten, wie es ja übel-aupt nicht möglich ist, solche 'Arbeit in kurzer Zeit zu bewältigen. Doch zeigen uns Nuppins, Feuchtwangers und Teilhabers Arbeiten doch ein bereits scharf umrissenes Bild von her Beschaffenheit wenigstens d. deutschen Juden Englands Juden, die in Frankreich, Skandinavien und West—Oesterreich weisen mehr oder minder dasselbe Gepräge schon deshalb weil der größte Teil dieser Juden in Len Großstädten lebt. Mutatis mutandis kann man wohl, ohne große Fehler zu machen, behaupten, daß alles wofür Deutschlands Juden zutrifft in noch höherem Maße für England, Frankreich und Lkandinavien gilt. Sowie überall vollzieht sich auch in Deutschland die Landflucht der Juden immer mehr und mehr, ist die Landflucht im allgemeinen fast ein nationalökonomisches Gesetz, so könnte man die Landflucht der Juden als soziologisches Gesetz auffassen. Während der Landproletarier aus rein ökonomischen-Gründen das weite Land verläßt, um in der Großstadt sein Brot zu erwerden, trifft es beim Juden nur zum Teile zu. Er überlegt. Und da dringen plötzlich aus dem Innern des Zimmers weiche zitternde Töne eines seelenvollen Violinspielers. Er horcht hin. Das hat er wo gehört, dieses Lied, vor vielen, vielen Jahren. Dieses Wimmern und Flehen eines unglücklichen Kindes, diesen wahnsinnigen Schrei der Verzweiflung und dann dieses unsäglich müde, leise Hiusterben einer Hoffnung. y Das war sein verlorenes Glück... Und aus den schmerzgeborenen Wellen dieses Liedes drinnen gleitet es traumhaft wieder zu ihm und einige Minuten blickt er versonnen vor sich, während innen die schluchzenden Töne der Violine Hinschmelzen in einem leisen, bitter-;rehen Klagelied. Ewige Tränen. Das greift ihm ans Herz. Daß diese drinnen noch Musik lieben -? denkt er. Tann gibt er sich einen 3h1rf. Züchtet sich;auf, seht die alte, strenge Miene eines Züchters ans das 'Antlitz und klopft an. Drinnen rührt sich nichts. Er wartet. Umsonst. Er klopft noch einmal an. Stark, mit der gewohnten Heftigkeit eines harten Beamten. Drinnen rührt sich nichts. Er wartet. Umsonst. Beim Juden spielen neben ökonomischen auch psichologische, religiöse und geistige Motive mit so daß ich diesen ganzen Kompler als soziologisch bezeichnen möchte. Bei der Gründung des deutschen Zieiches 1671 gab es in Deutschland 512.000 Juden, die bis 1005 auf <>07,802־! amvuchsen; doch darf dabei nicht übersehen werden, daß der;',»wachs der Juden hauptsächl durch Zuwanderung aus C ft Europa entstanden ist. Immer größer wird je doch in allen Landen die Tendenz, die Jmmigratiou galizischer, rumänischer und russischer Inden zu hindern, immer strengere Maßnahmen werden getroffen, fremde Juden vom Lande .fernzuhallen osfiz. Judeutumsvertreter un terstüben dies oft - und die autochtone jüdische Bevölkerung wird immer kleiner, wie einige Zahlen leider bestätigen werden. Ich will mit den einzelnen deutschen Provinzen nicht langweilig werden und nur zeigen, daß z. B. in Bayern 1640: 50.1»;6 Juden waren oder in "/״ ausgedrückt 1 ,46 der Bevölkerung ausmachteu, im Jahre 1660 also 40 Jahre später 5:5, 52»!-"/״ 1,02; 11)05 55, :541.65 ,0 ״/"־ ״In 1»! Staaten sank die Zahl der Juden, 'in 4 hat lediglich die Einwanderung ausländ. Juden eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung bedingt in einigen blieb sie stationär". In Preußen waren anno in "/״ IM»! 12:5,Juden 11,0 1871 :!25,1:!»; Juden 1.4,2 1005 10!»,501 Inden 11,0 Das Hauptkontiugent der preußischen Juden stellt neben Berlin die Provinz Posen, doch ist die 'Abnahme aus dieser Provinz erschreckend groß ״In den lebten 25 Jahren sind 41, 46l Juden aus Posen!also genau so viel wie heule noch dort sind, ausgewandert. Wir haben es also mit einer jährlichen 'Auswanderung von ca. 4"/״ der jüdischen Bevölkerung zu tun." Und Da sieht er nur sich. Wie suchend. Dem Türpfosten entlang läuft ein krum mer Draht, der in einem verrosteten (׳kiff endet. Er zieht au. Dreimal und heftig. Ein heiseres, mißtöniges Läuten wird inneu hörbar. Er wartet. Beugt sich horchend au die Türe. Ta nähern sich ihm schlurfende Füße. Ein .Niegel wird innen zurückgeschoben und kreischend dreht sich die Türe in den 'Angeln. Er tritt ein... In ein dumpfes, finsteres Zimmer. Sieht sich um. Ein schwerer Druck lastet wie Z,entnergewichl auf ihm. Tie Luft ist stückig, zum Schneiden. Kaum nimmt er etwas wahr. Und automatisch, wie eine Maschine, sagt er die üblichen Worte, kurz, abgehackt mit drei siertem Stumpfsinn des geschworenen Beamten: ״Wohnt hier Ehaim Daivid Löwenbeins" Er blickt mit wichtiger Miene in das respektvolle Stück. Tan sagt er auswendig: ״Ich bin nämlich vom Erekutionsgernht wegen einer Pfändung auf K 54. Was ist können Sie's bezahlen, wenn nicht so Hab ich den 'Auftrag zli erequieren. Hier das 'Aktenstück. So. 'Also, was ist, Frau." Aus dem graue» verwaschenen Gesicht der 'Alten treffen ihn zwei hilflose 'Augen. Sie hat