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Jüdische Volksstimme · 1914-03-19 · Heft 11 (19.3.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 11 (19.3.1914)
Date
1914-03-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Attische BolkSstiUMle.« Nr. 11. ist Au in Eckstein geworden." So ein ״Eckstein" tonn bestimmt eine jede, noch so kleine Judengeineinde werden. Tos Sandkorn ist unser jüdisches Kind. Dieses Saudkörnchen, ohne den kein Bau anfgesüiirr werden kann, müsste auch da das Bindemiltel darstellcn zur möglichen Erhaltung kleiuerer Juvengcmeinden. Wie viele stichhältige Gründe auch schon angesührt wurden, die zum Nersall der mährischen Judengemeinden bcigetragcn haben, möchte ich es dennoch wagen einen Lorschlag zu machen, der dem weiteren ׳Niedergang zu steuern vielleicht beitrüge. Tie Beurteilung über dessen Nichtigteit ich dem werten Leserkreise überlasse. Tatsache ist. das; der Existenzkamps auch in die kleinen Judengemeinden übertragen wurde, der umso schärfer hervortritt, je mehr Kinderfegen einer jüdischen Familie zuteil wird. Mit dem Äugenblick, wo diese Binder bildungsbedürstig werden, und aus dem Hause gegeben werden müssen, verschärft sich dieser stampf. Tie Hasten für '2 und oft mehrere minder zu erschwingen wird zur Unmöglichkeit. Nun ist der um die Zutunst seiner minder besorgte Later vor die Alternative gestellt. Entweder er gibt ferne minder in *Uv׳ und Pflege in nicht jüdische Familien, die, bei ihrem ausgesprochenen Trefc genau so Koscher sind wie die meisten jilviickien Kostgeber, nur um!10—(50°/0 billiger als diejenigen, die sich die Zugehörigkeit zum Judentum um 50—00°/o höher bezahlen lassen. Ein Kind ißt, was man ihm vorsetzt, namentlich in der Fremde. Sind der minder mehrere, so sind die Eltern genötigt, wenn sie Uwe Kinder jüdisch erzogen haben wollen, nach der ^tadt zu ziehen. Man könnte mir erwidern, das; überall Freitische gegründet worden sind. Dagegen antwortete ich: Es gibt Viele, denen kein Platz am Freitisch gesichert ist, aber auch Viele, die sich keinen Freilisch bieten lassen könneu oder wollen. Und zum Schlüsse besteht.denn das Jndsein nur aus dem Koscheressen? Wo bleibt die Erziehung der jüdischen Seele? Nicht die Zahl, sondern der nationale Geist bildet die Nation. Im ersteren Falle verliert das Judentum an jüdischen Seelen, im zweiten Falle ist das Judentum vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus geschädigt. Durch den Umzug eines Gemeindemitgliedcs nach der Stadt verlor die kleine Gemeinde ein Mitglied, demzufolge einen Steuerzabler und Wühler, das Mitglied gab eine sichere Existenz für eine unsichere preis, und nicht zuletzt, wenn auch zuletzt angeführt, die mögliche Existenz eines seiner Nachkommen. Wie oft wie- Verholte sich der Fall, das; Leute, die sich in der kleinen Gemeinde gut erhalten, in der Großstadt nicht fest Wurzel fassen konnten, den Boden unter de» Füßen verloren und entweder im Großstadtelend nmkame״ oder sie kehrten als arme Leute; ans die Gnade ihrer Glaubensgenossen angeiviescn in ihre Gemeinden zurück. Wer gewann bei diesem Handel? Niemand. Nur das Lerlustkonto ist belastet. Wenn aber z. B. eine so große Judengeineinde wie Brünn sie hat, die Aufgabe überuähme und ein Knaben- und Mädchen-Pensionat, bört er das Jammern und seines Herzens dürftgen Nachcschrci. .... Männer gemordet, Weiber geschlachtct... Rache für die zerrissenen Kinder!.... Was bält Topanofs in seiner Hand? Jsts nicht ein Messer, um zu zerfleischen, ein Knüppel, um Jndenhäuser zu zermalmen ... Hat er nicht auch gemordet, geschändet, geraubt, vielleicht in Verllciduug? Topanofs wiederholt seine Bitte und das bringt Joses zu sich. Aber, da öffnet sich die Tür und sein Töchtcrchen kommt herein, um ihm ״Guten Tag!" zu wünschen. ״Mädchen geschändet" murmeln Josef Lippen. ״Hinaus!" schreit er die Kleine an. Hat nicht Topanofs lüstern nach ihr geblickt? Will er nicht ihre Gliederchen zerreißen, seine Lust an dem süßen Engel stillen? ״Hinaus!" wütet er, daß die arme Kleine schluchzend ins Freie stürtzt... Und plötzlich hat seine Erregung sich gelegt, ist eiserne Ruhe gewichen. Rache und der Durst nach Rache und die jubelnde Freude ob der Rache erfüllen ihn. Er will sic quälen, seine Quäler, will sie jammern machen, die Mörder, die Schänder. die tierischen Gesellen. Er stellt einen Wechsel auf 300 Rubel aus und gibt ihm den Topanofs. Wortlos. 200״ meinic ich Herr!" (ohne Schule gedacht) errichtete, indem jüdische Kinder gegen mäßiges Honorar jüdische Erziehung finden würden, so würde sich die Brünner Kultusgcmcinde mit goldenen Lettern in den Annalen der mährischen Kultusgemeinden verewigen. Nichtjüdische Konfessionen sichern sich auf diese Weise ihren Nachwuchs. Mit dieser Einrichtung soll den gewissenhaften jüdischen Kostgebern kein Abbruch geschehen, denn es würden gemiß. im Falle der Errichtung eines solchen Pensionates nicht alle Bildungsbedürstigc Platz finden können, zu dem tritt noch der Umstand, das; Viele der Erziehung in der Familie, die namentlich auf das Gemüt einen günstigen Einfluß ausübt, den Vorzug geben. Es ist nur selbstvcrständlich, daß man der Brünner Kultusgemeinde nicht die ganze Last aufbürden könnte, und wenn ich sie vorschlug, dann aus nachfolgenden Gründen, l. Als die Hauptstadt Mährens. 2. Alle Arten van Schulen. 3. Als Hauptstadt, die allerlei Begünsrigungen genießt. Es wüßte ein Verein gegründet werden, dessen-Mitglieder alle jüdischen Korporationen und alle Inden Mährens werden mühten, mit dem kleinen Beitrag von 2 K jährlich. Für K 80.000—100.000 per Jahr wäre doch kein Kummer, da auch viele im Auslände lebende Mährer gerne beisteuern würden. Wie viel tun andere Nationen für ihre Erhaltung und der Historiker Palacky drückt diese nationale Pflicht in 3 Worten aus: ״Svuj k svemu!" Zum Schlüsse bemerke ich nochmals, daß die Pensionäre gegen Bezahlung Aufnahnie finden sollten. Selbstverständlich dürfte so ein Pcnsionat keine Erwerbsquelle darstcllen, sondern nur als Mittel zum Zweck dienen. Welcher Segen so eine wirklich gottgefällige Anstalt wäre, lvürden uns diejenigen beweisen, die ihren Segen genossen. Die wahren Juden und Jüdinnen, die da erwüchsen, die sich wieder Eins fühlten in Freud und Leid mit ihren Glaubensgenossen, die wieder eingedenk wären, daß die Blütezeit Israels damals war als Chaverim kol Jisrocl, d. h. ganz Israel'vereint tvar. Das jüdische Wien. Die politische und kulturelle Rückständigkeit der Wiener Juden ist in erster Reihe auf ihre bcsondere ökonomische Stellung zurückzusühren. — Während die Juden in Rußland und in Galizien im Kleingewerbe fast so stark vertreten sind, als im Handel und auch an der Industrie, wenigstens an gewissen Industriezweigen, beteiligt sind, sind von den Wiener Juden schätzungsweise (genauc Zahlen führe ich in einer demnächst crschei- «enden Arbeit: ״Die Juden in Wien" an), dreiviertel, also ungefähr 150.000, im Handel und in freien Berufen beschäftigt. Sogar im Schneidergcwerbe, in dem die Juden in der ganzen Welt, im Osten und in Amerika ebenso wie in allen größeren Städten Westeuropas, geradezu eine Monopolstellung einnehmen, tritt die Bcteiligung der Juden verhältnismäßig zurück. — Im ״Hier sind 150 Rubel!" Topanofs sicht ihn an. Das ist der ehrliche Jude? Dieser Halsabschneider, kein Mitleid kennt er mit meinem kranken Kinde, meinem todesschwachen Weibe. Aber ich muß cs haben. Und dumpf spricht er ״Gebt her das Geld". Die Tür fällt krachend zu uud draußen ballt Einer die Fäuste und stößt schreckliche Drohungen Dem Manne da drinnen aber kommt keine Erleichterung. Bange klopft ihm das -ftm. Und daun erkennt er: Wie einer von ״ihnen" hat er gehandelt, ein Seelenmörder war er und ein Blutsauger. Er rennt ihm nach, zieht ihn mit in sein Zimmer gibt ihm den Wechsel zurück im!־ drängt ihm ein Bündel blauer Scheine auf.... ״Perzeiht Topanofs, verzeiht, ich wollte mich rächen. Aber ich sah euere arme Stube, euer krankes Weib, hörte das Weinen euerer Kinder. Verzeiht Topanofs, ich habe mich, meine Brüder, rächen wollen ... Aber ich kann es nicht. So wäre Josef Seliger beinahe zum Wuchcrer geworden an dem Tage der Wut, die in Schmerz sich wandte und in Trauer.... Handel wieder ist die Zahl der Agenten und Hausierer geradezu ungeheuer, alle aber mit Ausnähme einer Oberschicht (Quai-Juden) ernähren sich nur kümmerlich und führen einen besonders schweren Kamps um ihrer Existenz. In den liberaten Berufen ist den Juden der sicherste, näm-!ich die Beamtenlaufbahn, fast ganz verschlossen. Und so häuft sich zum Agenten- und Hausiererelend, ein fast noch furchtbareres Intelligenten- Elend. Von den Christlich-sozialen und auch von den Jüdisch-nationalen wird beständig behauptet, die Juden wären im Lager der Liberalen. Nun, ich;abc die liberalen Wühler-Versammlungen in jüdischen Viertel besucht. Aber, wie traurig sieht steses mißratene Kind der großen liberalen Periode aus. Einzelne Versaminlungen konnten wegen schwacher Beteiligung überhaupt nicht abgchalten werden. Die anderen hatten kaum 20 Besuchcr, von diesen aber waren nie mehr als ein Drittel Juden. Tic ״interkonfessionelle" Idee hat gänzlich bankrottiert, in die jüdische Massen war sie nie gedrungen und ist anch heute nur ans einen Kreis ״Intelligenzler" beschränkt. Die jüdischen Maßen warten auf ihre Erweckcr, sie können eine ungeheuere Macht werden, aber die ״Führer!" Am 9. d., sprach Gehcimrat Felix von Luscheu, einer der angesehensten Forscher auf dem Gebiete der Anthropologie, in der ״Urania" über ״Tie Anthropologie der Juden". Gehcimrat Luschau geht von einem Chambcrlains Theorien entgegengesetzten Standpunkte aus. Die Mischrasse ist eine höhere Kulturstufe. Nur sie crmögliche und fördere den Fortschritt der Mepschheit. Alle bedeutenden Kulturvölker seien aus Mischrasten hcrvorgegangen. Die Römer und Hellenen ebenso wie Inden und Germanen. Die Juden sind schon zurzeit der Besiedlung Palästinas ein Mischvolk, in dem hauptsächlich drei Rassen vertreten sind, die Hethiter, Semiten und Arier (!). Die als ״Judennase" bekannte Höckerform sei ein rein hethitischcs Nasscnmerkmal. Man begegnet unter den Inden semitischen Typen, die den Beduinen besonders ähnlich sind. Aber auch blonde Arier kommen nicht selten vor. Und so sind die Abbildungen an den persischen und iranischen Kulturdenkmälern wie die an den Denkmälern Aegyptens und Babels den Juden sehr ähnlich. Die heutigen Juden sind durch Religion und Tradition ebenso geeint wie ein jedes Volk. In einem zweiten Vortrage wird von Luschau seine sehr interessanten Ausführungen fortsetzen und besonders die jetzige Stellung der Inden unter den europäischen Kulturvölkern darlegen. Ada. VERLOBUNQS-RINQE BR/1UT5CHMUCK 1 - HOCHZEITSQESCHENKE EHE-RIHQE. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Bert hold Bachner, k. u. k, Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Ooldu. SJIberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. «V- Provinzaufträge ^finden sofortige Erledigung. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Prag. Am 28. Februar fand die 12. ord. Voll- Versammlung statt, in welcher der gcschäftsführcnde Obmann-Stellvertreter, JÜC. Moritz Grzyb, den Rechenschaftsbericht über das abgclaufene Semester gab. Er führte 11. a. aus: Die Charakterisierung unserer Arbeit gelingt d. das Wort: fortschreitende Entwicklung. Dieses Resultat, das schon an sich zu befriedigen vermag, wird bedeutsam, wenn man in Betracht zieht, das; zeitweise Schwierigkeiten besonderer, interner Natur zu überwinden waren. Wir waren imstande, hievon die Gefestigtheit unserer organisatorischen Grundlagen zu ermessen. Die Arbeit des Vereines weist nach verschiedenen Richtungen. So mannigfach sie also er-

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