Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 11 (19.3.1914)
- Date
- 1914-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener Nummer 11 Jahrg. XV|3. Iiitililir Nlilksstimmk. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Kronen 620 Kronen 12׳— Mark 12׳— Rubel 6 — Franks 14׳— Mit der Beilage ״Tatz jüd. Llblii in Galizien' Herausgeber: Max Hickl. ל Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr j Geschäftsstelle, Wien: s-, Rotenturmstratze Nr. 31. j Postsparkaffakonto Nr. 312.812.! Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. > Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest. Wien, A AU Prag—Lemberg. Chawerim Kol Jisroel. (Bou Jeanette Bauer, Tischnowitz.) Wie zahlreiche Beweise zeigen, ist der sazial-kominunistische Gedanke sehr lange vor Murr. Fourier und Lasalle durch die Tat van unseren Barfahren ansgedrnckt worden. Ei? ist nicht zu bezweifeln, das; es beim Auszuge aus Aegypten arme und reiche Juden gab. Für diesen Umstand sprechen schau die Opfer. Während der Reiche Ochsen und Lämmer opferte, war es dem Armen erlaubt, ein Paar Turteltauben darznbringen. Dem Neichen ging es unter der Herrschaft eines Pharao nicht.;!! schlecht, was ans der Lehnsucht nach de» Fleischtöpfen Aegyptens hervorgeht. Doch als cs hies; Aegypten zu verlassen, derläuguete der Neiche seine Zugehörigkeit zu seinein armen Stammesbruder nicht, erklärte s!ch mit diesem solidarisch, opferte diesem seine Fleischtöpfe, und zog mit ihm aus, einer nngewissen Zukunft entgegen, nur hoffend, das; er seinem Stammesbruder zu einer Verbesserung der sozialen Lage verhelfe. Er tat es gewiß nicht nnliewußt, denn er teilte, so lange der Vorrat an Fleisch reichte und nach Aufzehrung der gesänerten Brate mit dem Armen, bis das Manhn Alle sättigte. La, nur so kannte das typisch jüdische Herz entstanden sein. Es war das die Zeit der Evolution, eine Feit, die wohl so mancher von uns vor der Trostlosigkeit unserer Zukunft den Vorzug gäbe. Durch Evolution zur Revolution! Nevolulionen haben nach immer Gutes, Nützliches bewirkt. Auch das Judentum erstrahlte im Glanz. Der Komunismus im Fühlen und Denken machte das Judentum groß, stark, durch die Verbessernng seiner sozialen Lage wurde cs mächtig, hat ckeuiüelon. Wie Josef Seliger ein Wucherer werden sollte. (Eine wahre Begebenheit von O l e Gun ist Josef Seliger war ein allgemein beliebter Mann. In dem kleinen Städtchen in Russisch- Polen, wo er seit Jahrzehnten wohnte, hatten ihn Jnd lind Christ gleich lieb. Den Inden war er Briider, den Christen guter Freund. Sein Bank- Hans war berühmt wegen seiner Zuverlässigkeit, seine uneigennützige Ehrlichkeit war sprichwörtlief). Aus kleinen Anfängen hatte er sich mit Mühe einporgearbeitet und wandelte seines Lebens Bahn, zufrieden mit sich und der Welt, in der kein Herz ihm feindlich schlug.- So saß er auch an einem Nachmittage i» seinem Bureau, rauchte die Pfeife und las die Zeitung. Ein Bild behaglich ruhigen Lebens, wie er dasaß, das ernste, gütige Antlitz von einem Vollbart iimrahnit, bedächtig lesend. Langsam wendet er das Blatt, vertieft sich in seinen Spalten. Ta, was ist das? Was hat den ruhigen Mann so verändert? Weshalb stöhnt er auf? Rennt durchs Zimmer, wilde Glut in seinen Augen? .... N'nn läßt er in seinen Sessel sich fallen, bedeckt sein Antlitz mit beiden Händen das Judentum eine glänzende Vergangenheit. Jede Nation hat seinen Ausstieg und seinen Niedergang, somit bildet auch hierin das Judentum keine Ausnahme. Durch Rückbücke pflegt man oft erst die Gegenwart zu empfinden. Erinnerungen sind, und wenn sie auch der heitersten "Natur sind, immer traurig, weil sie der Vergangenheit angehören. Um wie viel trauriger muß uns Inden dieser .Rückblick stimmen, als wir i» der Gegenwart eine trostlose Zukunft sehen. Soll denn nur der Druck, das Elend die Inden zu Ebaverim gemacht haben? Ist denn der Egoismus eine notwendige Folge von Freiheit und Wohlergehen? Glück kann doch nur wieder Glück gebären. Geben wir uns nicht verloren, schalten wir den Egoismus aus, heim wir Inden sind noch immer wir selbst, folglich ein glnckliches Volk. Man nenne mir noch ein Volk, das wie ein Schilf im Wasser vom Sturme hin- und her geworfen, nach dem Sturme wieder ansrecht dasteht. Ist es nicht ein genügendes Beispiel für unsere Mraft, für die Kraft des jüdischen Geistes? Wenn Organe gebrauchsfähig bleiben sollen, so müssen sie auch gebraucht werden, sonst verkümmern sie. Wäre es nicht eine Sünde und Schande, den jüdischen Geist verkümmern zu lassen? Deshalb soll der jüdische Geist gepflegt werden. Nieinand ist Reaktionär, der in den Lebenskampf das mitnimt, •um was seine Vorfahren gekämptf für das sie gelebt haben,?!ein, ein Fortschrittler ist er, wenn er dem Ererbten Erlebtes hinznsügt. Was ist denn Fortschritt? Die Erkenntnis des Bessern, aber nichl Fortwersen des Alten. Uns Inden ist gut bauen, wir haben einen guten Grund gelegt. "Nun so bauen wir. Völker, die eine tausendjährige Vergangenheit haben ehren sich selbst und mit Recht, wenn sie ans diese pochen, wir mit unseren multipliziert tausendjäh¬ und schluchzt auf in namenlosem Weh. Ein Meer von Leid, von bittrer Klage ist dieses Stöhnen. ״Judenpogrome" hat er gelesen, ״Indenmassakres in Kischineff. Radom." Und da stand es fettgedruckt.״Am 1. Juni brachen die schwarzen Hundert in die Judenstadt ein. — Hunderte von abscheulichen Mordtaten wurden verübt. Männer gemordet, Kinder hingeschlachtet, Frauen geschändet und unter grauenvollen Martern getötet. An dem Gemetzel u. namentlich an den Schändungen beteiligten sich Offiziere und Studenten." O, diese Bestien! Seine Phantasie malt ihm die jchreckliwäen Bilder vor. Er sieht, erlebt alle Szenen mit. Eine wilde Wollust überkommt ihn. alle Schrecken sich auszndenken, die entsetzlichsten Einzelheiten sesizuhalten. Denken kann er nicht. Aber empfinden, daß sein aufgewühlter Organismns immer wieder ausgepeitscht wird. Und wie heiße Blutesweilen überströmen sein Bewußtsei!! unablässig die Worte: .... Männer gemordet, Kinder zerfleischt. .... Mädchen entehrt... getötet, zerrissen, ent- Wilde Gestalten tauchen vor ihm aus. Ein Hooligan kniet auf einem Weibe, bas er in tierischer Wut schlägt, mit seinen Fäusten zermalmt er ihren Kops, hinter ihm ein Anderer, der mit dem Kinde als Beil der Mutter Gehirn öffnet.. Vorne, rückwärts, Mord. Jammer, herzzerreißendes Geschrei. Hier ein Knabe, in der kleinen Faust rigen, glänzenden Vergangenheit, machen so gar nick't viel Aufhebens davon. Eine gut erhaltene Linde oder Eiche pflegt man als Sehenswürdigkeit;11;eigen. So mancher Naturfreund streichelt liebevoll die Rinde des Baumes und denkt: ״Wie vielen hast du in deinem Schalten Schutz vor der Sonnenhitze geboten? Wie vielen vor^Ütegen Gastsrenndschaft erwiesen? Wie vielen Legier im blauen Aerlicr als Attermieter geduldet »iiniinnit von der Musik der Arbeitsbienen, welchen du Nahrung anbotst? Und auch dich umtoste der Sturm und Blitz, und wenn man erst die Sprache deiner Blätter ver stände, was würden die uns erzählen? Ei! verschiedene ׳',eichen n»d Jahreszahlen sind in deine Rinde eingeschnitten, nun du bist ja diskret. Dock׳ was sehe ich, eine Warnungstafel, wie e׳n Br>tt'׳׳fstlv trägst du auch? ״Vor Beschädig!!--,; dieses Baumes wird unter strenger Stritte zewarnt!" Oh, wie schön ist das. denkt unser Nalursretind im Weitergchen. Wer wird jo -.׳! ׳e Warnungstafel an den Stumm des Jndcittnms hängen? Wer wird da die Verantivortnng für die Folgen des gegenwärtigen Vandalismus aus mb nehmen? Wer ste verantworten? Tie Geschichte wird davon erzählen. Doch die Geschichte ist das Weltgericht. Werden Juden Inden richten, oder werden es andere Um? So wird man ein mal sagen: ״Da war einmal eine Jndengemein de". ״Und warum besteht sie nicht mehr?" Die Inden haben sich da nicht mehr erbalten können, darum zogen iie in die Stadt". ״Kaum;11 g!a!1 be». die Inden halten doch zusammen". Heule auch nicht mehr." Und es bat stark den An-;',11111 Bane eines Hauses l!at 1110.11 auch klei ner Steine nötig, ja des Sandkornes. In Halle! ist ein gar bedeutsamer Satz enthalten. ^י.״ da lautet: ״Der Stein, den die Bauleute verwarn n, ein Messer haltend, das ihm nicht mehr Hilst, dort ein Greis, mit Blut bedeckt, mit zerbrächeneu Glieder», wahnsinnig Gebete murmelnd. Da ein kleines, zartes?Rädchen, zerbrochen, zerrissen, seinem halbgeöfsneten?Rund noch den Schrei gegen Himmel ... Und keine Hilfe möglich? Kein Freund? Kein Verteidiger gegen den Mob? Von den Ge bildeten, Ansgetlärre»? .... "Wie geinesabwesend greift er znm. Blatt. Ta steht es ja ״Auch Offiziere und Studenten.... Sie Alle. Alle, denen er so oft geholfen, die ihm die Hand drücken und ihn so dankerfüllt ansehen.... Keine Hilfe und keine?lache? Er schreit das Wort wild heraus, wiederholt es immer lauter, immer wilder, immer »tehr befreit .. bis er müde wird, in seinem Stuhl zusammensinkt, ein Spiel seiner wilden, walircii Träume Es klopft. Ein Mal. Dann stärker. Beim dritten Male erwacht Joses in die Wirklichkeit, ruft .,Herrein'." Ein großer, breitschultriger?Naim tritt ein. Topanoss, ein Schuster, der so oft schon seine Güte in "Anspruch genommen. ■20(1 Rubel möchte er. sein armes, krankes Weib, Oie Kinder hungern .... Wie Joses ihn lieht, den?tiefen mit den roten Fänslen, da durchzuckt es ihn, der Gegenwart entrückt, sieht er die Greuel,