Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1914)
- Date
- 1914-03-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״JLdische BoNSstimme." Nr. 10. Doch dem kann so nicht sein. Das zionistische E. A. C. hat in seinem Berichte an den 11. Kongreß Nipp und klar erklärt, daß die innerpolitische Arbeit in Rationalitätenstaate« einen integrierenden Bestandteil der zionistischen Bewegung bilde. Warum tragen die div. Herren Generalsekretäre des E. A. C. diesem Umstande tcine Rechnung? Sic möge» danach trachten, — wenn cS schon den einzelnen Zcnirallcitungen an der Einsicht fehlt — daß Oesterreich in erster Linie einheitlich organisiert sei! Es ist ein Hohn auf den zionistischen Gedanken, der die Einheit aller Juden ausspricht, daß wir hierzulande inuncr mehr zersplittert werden, daß in zionistischon Köpfen sich der staatsrechtliche Wahn der osterrcichischcn Böller cinnistct und eine gemeinsame und somit ersprießliche Arbeit unmöglich macht. Wir sind Jude» ganz gleich ob wir in den Sudetcn-, Karpathen- oder Älpcnländcrn lvohncn. Wir sind Juden ganz gleich ob aus Galizien, der Bukowina, Böhmen, Oesterreich, Ungarn, Kroatien oder Fiume. Wir sind lvcitcrs Zionisten — weder Aa!udcn, noch «Jungzionistcn" — als solche gibt cs für uns keine Sonder- Interessen, keine provinziellen Eigentümlichkeiten, keine besonderen Verhältnisse. Ob aus Lemberg oder Wien, ob aus Prag oder Budapest, wir müssen eine gemeinsame Zentrale besitzen. Wir mühen eine einheitliche Politik machen. Die muß sich stets gleich bleiben, ob dies- oder jenseits der Leitha, ob vor oder hinter den Karpathcn. * * * Der mähr.-schles. Distriktstag hat eine Konferenz der zionistischen Kultusgcmeindcvertrcter beschlossen. Sehr richtig. Aber cs ist eine Halbheit. Die Konferenz muß alle zionistischen Vertreter in den Kultusgcmcinden der Gesaintmonarchic umfassen. Sämtliche zionislischc Kultusgemcinderätc müssen zusammentrcten und sich über die Neuregelung der Kullusgcmcindcn im klarcn sein. Tic Kultusgcmeindcn sind die einzige legale Körperschaft des Judentums. Die Kultusgcmeinde muß mehr, denn eine Behörde für kultliche Zwecke sein. Sic muß zur Bottsgcmciiidc werden. Zur politischen Vertrcterin der Judcnhcit. Die Kultusgcmeinde muß die Zelle bilden für eine künftige nationale Autonomie. Sic muß zum Kriitatlisationspunkt werden aller moder- »er Bestrebungen der Judenhcit, vornehmlich aber auch in politischer Beziehung. So lange an der Spitze der «israelitischen" KultuSgcmeindcn die. Stützen der Assimilation stehen, so lange ״israelitische" Kultusgcmeindcn die Hand dazu bieten, Bollwerke der politischen Machthaber für Gemcindc, Land und Reich zu fein; fo lange ist an eine Reorganisierung der Kultusgcmeindcn nicht zu denken. Sie werden sür den I. N. F. eine Summe zeichnen, sie »׳erden, wenn es hoch geht, eine Palästinalommission eiiisctzen — wenn nur für eine Sitzung — sie werden aber zur selbstbewußten nationalen und sozialen Arbeit nicht zu haben sein. Daher ergeht nochmals der Ruf nach einem politischrn Parteitag umsomehr als aus dem sogenannten juugzionistischen Lager die Rufe ertönen, wir die wir um politische Rechte -er Juden hierzulande kämpften, wären keine Zionisten (!> : nach der Einheitlichkeit des gesamten Judenhcit diewie jenseits der Leitha. Dort muß endlich ein einheitliches Programm geschaffen werden, das bindend ist für Me Zionisten. Es ist hoch an der Zeit. Die Situation ist sehr ernst. Die wirtschaftliche Not hat ihre Kulmination erreicht. (Die Jungzionisten nehmen die schwärzesten Brillen, um sic nicht zu sehen). Der Krieg pocht an die Türe (bis dahin werden wir dank den Jungzionisten alle in Ercz Jisrocl sein). Schon träumen russische Machthaber davon, die russische Fahne auf die Karpathen zu hissen. Schon spricht Herr von Hartwig, der russische Vertreter in Belgrad, davon Oesterreich, gleich der Türkei zu teilen! (Die Jungzionistcn arbeiten ihm direkt in die Hände mit ihrer totalen Absage an die politische Landcsarbeit.) Es kann den Juden in Oesterreich nicht gleichgiltig blcibcn, wenn der russische Kosak die russische Nagaika über unsere Köpfe schwingt. (Es wäre denn, daß die Jungzionisien bis dahin aus Palästina jenes Paradies schaffen könnten, um die 12 Millionen Juden dort zu ernähren.l Wachen wir daher aus unserer Lethargie auf ehe cs zu spät wird. Die zwölfte Stunde kann bald schlagen!-—- Berichte. Boykott-Hetze in Galizien. Es mehren sich die Sympthome, die klar bewciscn, daß die Boykott-Hetze in Galizien von unseren Feinden immer mehr anschwillt und ganz bedrohliche Formen annimmt. Systematisch und mit verbissener Wut treiben cs die Boykott-Hetzer, um eine Lage a la Ruffisch-Polen in Galizien zu schaffen. Es vergeht kein Monat, wo wir nicht Zeugen wären von der Gründung neuer polnischer Kooperationen und Ligen mit ausgcsprachen antisemitischer und boykotthetzcrischcr Tendenz, die den Zweck vcrsolgcn, die erbittertste und giftigste Stimmung zwischen der polnischen Bevölkerung gegenüber den Juden zu erzeugen. Der Sokolow-Taumcl war auch nur eine unausbleibliche Folge ihrer hetzerischeu Gesinnungen und ein Präludium zu der sich jetzt immer mächtiger bahnbrechenden Boykott-Bewegung. Erfinderisch im hohen Grade sind diese Leute, wenn cs darum geht, die Lage der jüdischen Bevölkerung dem Ruine und der Vernichtung zuzusührcn. Der traurige fast aussichtslose, verzweifelte Zustand der Juden bcwcgt sic nur dazu, um über diese herzufallcn und ihnen das bischen Handel, das sic im Besitze haben, zu entziehen. — Es wäre wirklich bereits hoch an der Zeit, daß das galizische Judentum crivacht, zur Sclbstwchr greift und die Organisation schafft, welche ihnen salidorisches Kämpfen und gemeinsame Verteidigung ermöglichen soll. Denn tuen» die Juden den jetzigen Biomci t der Entscheidung wo ihre Schicksale auf der Wagschale sind, verpassen und sich das bischen ökonomische Macht den Händen entreißen lassen, müssen sie in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit verfallen. Daher rufen Wie: Organisiert Euch, rafit Euch zusammen, damit Jhe dem sich bahnbrechende» Unheil widerstandsfähig fei:■! ״Einer für Alle und Alle für Einen" soll unsere Devise lauten. Bernhards. Lilien-Ausstcllung in Lemberg. Esroim Moses Lilicns berühmte Kunstwerke wurden in Lemberg in den Sälen des ״Vereines für schone Kunst" ausgestellt. Es war das erstemal, daß die Lrmbergcr Bevölkerung Lilicns Werke im Original zu seh.n bekamen. Die gesamte polnische Presse cinschlicßlich der antiseinitischen ist voll des Lobes sür unseren genialen Künstler und bezeichnet ihn einstimmig als ungewöhnliches Künstlcrtalcnt. Die jüdischen Besucher hatten Gelegenheit den tiefen biblischen Geist und die jüdisch-altertümliche Weihe, welche Lilicns Kunstwerke durchziehen, zu bewundern und an dem crhabcndcn 'Anblicke dieser schönen Schöpfungen sich zu ergötzen. — Lilien wurde in Drohobycz geboren und besuchte das Gymnasium in Lemberg. Eine Unterredung mit der Gräfin Wielopolska. Eincin Berichte des ״Hamizpe" zufolge hat der Korrespondent dieses'Blattes vorige Woche ein Interviev mit der Frau Gräfin Wielopolska gehabt. Im Lause der Unterredung bekundete die bereits rühmlichst bekannte Aristokratin ihre volle Shmpathie zum Judentum und der jungjüdischen Bewegung aufs neue in herzlichen Worten. Sic erzählte, wie sie in der jüdischen Literatur bewandert sei und Nordaus sowie Achad Haams Werte überhaupt alle zionistischen Schriften eingehend lese. Sehr zufrieden war sie über den Sieg des Hebräischen in Palästina. Sie steht in steter brieflichcr Verbindung mit den Führern der galizischen Zionisten Adolf Stand und Dr. Leon Reich. Sic ist weiter mit der Verfassung einer Einleitung zu Herzls Schristcn, lvclche in Kürze in polnischer Sprache erscheinen sollen, beschäftigt. Uebcr Einladung eines polnischen Vereines gab die Gräfin Wielopolska Samstag, den 8. d-, in Krakau einen Vortrag, welchem auch viele Juden beigewohnt haben. Neu-Markt, den 7. März 1914. In der letzten Nummer des ״Jüdischen Leben in Galizien" erschien eine Notiz aus Neu-Markt, in welcher die in unserer Stadt bereits eingclcitctct Aktion für das hebräische Schulwesen in Palästina geschildert wird. Da jedoch diese Angaben in gewisser Hinsicht tendenziös und unvollkommen vorgcbracht wurden, sehen wir uns veranlaßt, dieselben richtig zu stellen und zu vervollkommnen- — Indem wir einerseits den ersten Teil dieses Kommunikates, in welchem das antisemitische Wirken der hies. Zeitung ״Gazcta Podhalainska" angcfochlcn wird, unberührt lassen, vielmehr es noch bekräftigen, müssen wir andcrerscits die gegen die jüdische Lesehalle hervorgehobencn ungerechten und falschen Vorwürfe zurückschlagen. — Unwahr ist es nämlich, daß — wie cs in der erwähntcn Korrespondenz heißt — die jüdische Lesehalle erst ״durch die unermüdlichen und eifrigen Bestrebungen des Herrn Bernhard Wildfeuer" für die Sache des hebr. Schulwerkes in Palästina getvonnen wurde, indem die jüdische Lesehalle, die zwar als ein jüdisch-kultureller Verein ohne irgend welche politische Tendenz keinen ausgeprägten zionistischen Charakter trägt, die jedoch in ihrem Ausschüsse mehrere Zionisten zählt, noch im Anfang Januar über Antrag des Ausschußmitglicdcs, des Herrn Jakob Mückcnbrunn, die einzige gegen den ersten Beschluß des Kuratoriums des Hasser Tcchnikums lauten Protest erhoben und eine Protestresolution an den Hilfsvcrcin und an die zionistische Presse gesandt hatte. — Unwahr ist eS auch. Laß die jüdische Lesehalle ״vom lokalen Chauvinismus und Patriotismus abgcschüttelt, das erstemal für eine jüdische allgemeine Sache öffentlich und offiziell ausgetreten ist", denn die jüdische Lesehalle hat während ihrer kaum einjährigen Existenz öffentlich eine rege, national-jüdische, kulturelle Arbeit geführt, wofür die zahlreichen Vorträge, in welchen die zionistischen Probleme überwiegend berücksichtigt waren, wie auch die von der Lese- Halle veranstalteten Kurse der hebräischen Sprache, Geschichte des Zionismus, und der jüdischen Geschichte und Literatur, genügenden Beweis liefern. — Jedoch, wie das oft geschieht, hat die Lesehalle viele Gegner und wird hauptsächlich von diesen Kreisen, welche nach billigcm Lob und Ruhm jagend, sich jedoch von jeder crnsie» Arbeit fern halten, auf Schritt und Tritt verfolgt und in ihrer Tätigkeit in falschem Lichte und tendenziös vorgcstellt. Von diesen Kreisen — vermuten wir — rührt obige Korrespondenz her, denn wir können nicht glauben, daß jemand, der über die jüdische Sache ernst denkt, gegen die einzige in unserer Stadt viel wirkende jüdische Institution solche Insinuationen erheben könnte, ohne darauf Nücksich: zu nehmen, daß eine solche öffentliche und falsche Aeußerung dem Vereine selbst und mittelbar auch der jüdischen Sache schädlich sein kann. Kolbrun. Prolog zur Purim-Feier. Ein Königstraum! so zaubermärchenschön Wie Blütcnkcimcn einer Flühtingsnacht. Ein halb vergessenes, windverwehtes Lied, Das silberir llang auf unsrer Sehnsucht Harfen, Ein stolzes Fest voll Siegeszuversicht, Das mar uns Purim, unser Lösetag. Kein Wunder war geschehe»! Keine Himmclszeichen Erschreckten eines icigcn Königs Herz, Es hat kein Meer sich gähnend aufgctan. Kein Felsen gab uns Trank, kein Mannah fiel uns zu. Nein, wundertätig allbczwingend siegte Der Glutcnhauch der opscrslarken Liebe. Das macht uns stolz und stark, daß eine Kraft, Die fiebernd auch in uniern Pulsen pocht. Das heilge Werk der Volksbefreiung schuf. — Doch andre Juden feiern Purim anders. Das Königsmärchcn ist zum Gaukelspiel, Das Siegcsfcst zum Mummenschanz geworden. Die Sage raunt von einer goldncn Krone — Sic tragen Flittergold und Maskenkleid, Weil sic so gern, so leicht sich selbst betrügen lind in dem raschen Laumel des Genusses Vergessen, was sie heute hat gekränkt Und »vas sic morgen droht aufs »len zu drücken. Im fremden Kleid, erlauschte Worte äffend. Erborgte Namen und Manieren heuchelnd. Verstellen sie sich einer vor dem andern. Und waren glücklich, nicht erkannt zu werden. Bis daß sie schließlich selber nicht gedachten. Daß nur erborgter feiler Flitterkram Die schlichten Alltagsröcke schlecht verberge. So feierte ein selbstbefrcites Volk Tcn Lösetag in eitlem Selbstvergessen. — Uns sei das Fest ein hoher Tag der Liebe! Der Liebe, die sich selber hingegeben. Damit ihr armes Volk errettet werde. Die Laune eines brünstigen Despoten Versprach ein Königreich als Liebeslohn, Doch Esther wählte ihres Volkes Freiheit. Statt eines morgenländschen Thrones Pracht. Dasselbe Volk lechzt heute noch nach Freiheit, Dasselbe Volt harrt hoffend der Erlösung, Wie können wir die Selbstbcsrciung preisen. Wenn wir zu feige sind zum Sclbstcrkcnnen? Drum sacht die große Liebe in uns an. Die unsre Herzen wärmt mit heilger Flamme, Die siedend unser träges Blut erhitzt. Damit die schlaffe Hand zur Faust sich balle. Und die geballte Faust die Ketten sprengt. Und können wir auch keine Königsgabc Verächtlich werfen vor des Schenkers Füße, Die Freiheit unsres Volkes aufzuwiegcn. So wollen wir die freigcwordnen Arme Und unsre heißen, licbcglühnden Herzen Dem großen Sieg des stolzen Volkes weihen Und feiern Purim als ein Fest der Freien. Wien. Hugo Zuckermann. Eiteeainr. Die jMsche Kolonisation Palästinas. (Eine Buchbesprechung.) Dem Verfasser darf das Lob nicht versagt werden, im Rahmen eines großen Studien- und Nachschlage- Werkes die Forderungen der Wissenschaftlichen erfüllt