Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1914)
- Date
- 1914-03-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. XV./3 Jahrg. zur Wiener Md.; « .12. März 1S14 Seite 9 Das ME Leben in Galizien. Unsere nächsten Aufgaben. März 1914. Gustav Koh». ' In Nummer 8 der ..Jüdischen Volksstimme" vom 25. Februar 1914 wiest mir Herr Horowitz aus Krakau unter dein Titel ״Sprachcnfrage" vor: meine Ausführungcu ill der Nr. 5 bergen den ״krassesten Widerspruch" Leider mutz ich bedauernd konstatieren, datz mich Herr Horowitz total mitzverjtanden hat. Ich bin kein Gegner des hebräischen Schulwerkes in Palästina. Das habe ich in meinem Artikel״ ׳Sprachensrage" nach allen Richtungen hin dargelegt. Im Gegenteil! ich behauptete und behaupte nach wie vor, datz die hebräische Sprache die dominierende unter den palästinensischen Juden sein muß. Ich möchte nicht in die einzelnen Details cingehen. Ich habe z. B. gar nicht erklärt, datz die europäische Kolonisation in autzereuropäischcn Ländern die Sprache vernachlässigt hätte. Ich sprach von der Sctzhastwerdung der Volker. Doch gemacht, Herr Horowitz! Mich lehrt sranzösischc, deutsche, englische 5lolonialgeschichte, andere Konklusionen zu ziehen, denn Sie! Ich sehe nicht, datz Ursprungliche Kulturen und Sprachen zurückgedrüngt würden, durch die englische, sranzösischc, deutsche oder gar spanische. Alle Kolonialiändcr, so weit sie Eigenkultur besätzen, haben sie behalten. Das indische Volk in seinen Massen sprich! ebensowenig englisch als die Egypter; oder die Marokkaner sranzösisch, die Hereros deutsch. Ja, iin Gegenteil, mehr denn se besinnen sich geradr heute diese Völker ihrer Nationalität und Eigenkultur und lehnen sich gegen die sremden Sprachen und Sitten auf, die ihnen allesamt keine Kultur brachten, sondern sie vielmehr im wahrsten Sinne des Wortes: ausbeuteten. Niemand kann so sehr die Nationalisierung der palästinensischen Juden verlangen, wie gerade ich. Ich verlange nicht nur die . hebräische Sprache, sondern neuen Geist, neue Menschen sür Palästina. Doch lege ich den Hauptton auf die Oekonom!- sierung. Herr Horowitz täuschen wir uns nicht. So lange die Juden in Palästina nicht Selbsterwerbenbe, Sich— selbst—erhaltende Juden werden, nützt uns die hcbräische Sprache wenig. Ich stehe nun einmal auf dem Stadpunkte: datz nationalisierte Juden, die in Palästina in gesunden, normalen ökonomischen Verhältnissen leben, sich ihre Schulen von selbst erhalten werden und müssen. » * * ״lieber allen Wipfeln ist Ruh"! Tausende Brüder sind gezwungen zum Wanderstabe zu greifen. Hunger und Not treibt sic aus dem Lande. Täglich kann man ganze Scharen ״״Lumpenproletarier"" sehen, die mit dem kleinen Bündel am Rücken, die grotze Reise über die See antrcten. Gramdurchfurchte Gesichter, unterernährte, von Anämie und Tuberkulose verzehrte Leiber, hungrige Augen starren uns entgegen und klagen in stummer Resignation die Menschheit an, die sie zwingt, die heimatliche Scholle zu verlassen. Mit Schamesröte im Gesicht stehen wir diesen furchtbaren Tatsachen gegenüber. Hilflos, ohnmächtig gleich diesen armen Wandervögeln moderner Geschichte. Wir sehen nichts! Hören nichts. Fast hat es den Anschein, als ob sich der Zionismus nur beschränken wolltc auf seine Sammeltätigkeit. Während sich in unseren Hafenstädten die wandernden Juden Galiziens, der Bukowina und zum Teile Ungarns zusammenstauen, jubilieren wir, und feiern wir den Sieg über den ״Deutschen Hilfsverein." Wie? All das grotze Elend geht an uns spurlos verloren? Ist uns jedwedes soziale Gefühl abhanden gekommen? Wollen wir uns weiter berauschen an Siegen, die uns die Entwicklung nolcns volens bringen muhte: indctz der Hungertod an unsere Tore pocht? Wollen wir Juden Oesterreichs.wollen vollends die Juden Galiziens weiter ihren politischen Schlaf schlafen, indetz ״die Schatten eines zukünftigen nahen Krieges um uns schleichen? — —- Ich habe vor Wochen einen politischen Parteitag sür die Gesamtmonarchie verlangt. Es ist nichts geschehen! Ich habe den ״jüdischen Nationalverein für Lesterreich" in Wien daran erinnert, datz er seit circa eincinhalb Jahren keine General-Versammlung abhielt. Aber er ist weiter stille! Es scheint, als ob alles beim Besten bestellt wäre. Wie? Ter I. N.-F. hat sein eigen Haus in Galizien: die Zentralsondssammlungcn machen schöne Fortschrittc; das Schulwerk in Palästina bekommt immer mehr Geld. Herz, was begehrst du noch mehr? Man könnte doch auch mal aus seinen Lorbeeren ruhen? Wie? Es ist ja alles wohl bestellt! Doch bleiben wir bei dem Ernste, den di: Situation der Tinge erheischt. Ernster denn je ist die Pofliioil der Juden in Oesterreich. Ter teilweise polnisch-ruthenische Ausgleich ist zusammengetleistert worden — aus Furcht vor Rutzland. Der deutsch-tschechische Ausgleich stockt, ist aber doch nur eine Frage kurzer Zeit. Wir Juden aber sprechen kein Wort im Lande. Wir sind ruhig. Wir haben heiligere Rechte der Nation in Palästina zu verteidigen, als die primitivsten hierzulande. ~' Sind wir uns doch endlich einmal darüber klar. Lassen wir uns doch endlich einmal sagen; der nationale Ausgleich aller Völker dies wie jenseits der Leitha muh kommen. Täuschen wir uns doch darüber nicht, der zukünftige Träger der Habsburgskrone will nun einmal herrschen: über ein national- und sozial befriedigtes Völkerreich Oesterrreich! Ter Ausgleich in Oesterrreich wird komme». Dock׳ bleibt die grotze Frage ofscn, aus welcher Basis. Ties kann uns Juden, die wir wohl in den nächsten 109 Jahren im Lande werden bleiben müssen, nicht glcichgil tig sein. Es hat jedoch immer. mehr den Anschein, als ob die Klerikalen nur aus den Moment warten, wo sich die freiheitlichen Parteien aller Völker des Reiches als ohnmächtig erwiesen haben werden, den Generalausgleich zu vollziehen. Die Inden Ungarn mögen doch die Augen öffne! und doch endlich einmal einsihen, datz die Nationalitä ten in Ungarn immer mehr 1 im klerikalen Fahrwasser gelangen. Es dürste zum Heike der Juden nicht gereichen, wollten sie chauvinistischer sein, denn Kernmagparen vom Schlage eines Tißa. Es mögen sich unsere deutschfühlendcn Jude» sagen lassen, dass die ״N. Fr. Pr." weder dem Freisinn, noch dem Teutschtume ain allerwenigsten aber den Juden einen Dienst erweist, wenn sie für den Herrn Hosrat Bachmann eintritt. Unsere Juden, ob sie im deutschen, deutsch-sozialdemokratischen, jung-tschechischen oder polnischen Lager stehen, sie alle werden dafür verantwortlich gemacht, wenn sich die österreichischen Völker nicht die Hände zum Bunde werden reiche» können. » » » Keine einzige bürgerliche Partei in Oesterreich ist imstande den nationalen Frieden zu schaffen. Selbst die internationale Sozialdcrnotratie hat sich ohnmächtig erwiesen. Wir Jungjuden! Wir Juden überhaupt, die wir die jüngste nationale Partei im Lande sind piirfen nicht in jene Fehler verfallen, wie alle übrigen nationalistischeu Parteien. Wir müssen mustergrbenp sein für die anderen Nationen! Wir müssen einheitlich organisiert sein. Wir müssen eine harmonische Totalität bilden! Die jüdischen Massen müssen politisch aufgeklärt, politisch reif sein. Es ist nicht möglich, 4>atz wir Juden alle jene Fehler bcgehen, wie die übrigen Völker: wir müssen aus ihren Fehlern lernen. Es geht nicht an, dass wir uns aus einen politischen Jsolierschemmel stellen; dass wir in unserem politischen Solipsismus verharren. Heraus aus unserem Jsolierstein. Wir Jungjuden, als jüngste nationale Partei, müssen Pioniere und Träger des Bölkrrverbrüderungsgedankens in Oesterreich sein. Wir müssen eine moderne nationale Bewegung werden. Für uns heitzt nationalsein: nationale Kultur hegen und pflegen, sie in Wechselbeziehung zu bringen mit europäischer Weltlultur. Für uns heitzt nationalsein: die soziale und ökonomische Wohlfahrt des eigenen Volkes heben und dadurch den Staat kräftigen, den wir bewohnen. Für uns heitzt nationalsein: Toleranz üben gegen alle Völker dieses Reiches. Heitzt Schulter an Schulter im Kampfe stehen mit all len jenen Freiheitlichen aller Völker, die ein starkes modernes, gefundeS Neu-Lesterreich erstreben. Für uns heitzt weiters nationalsein: die Hochachtung und!der Stolz auf die und vor der eignen Rationalität in Verbindung init der Achtung jedes anderen Boltes. Wir Jungjuden müssen frei sein von jedem Chauvinismus. Müssen jrei sein von allen Vorurteilen, die in die Rumpelkammer des Mittelalters gehören. — Müssen an dir Stelle des Krieges Aller »ege« Alle di» Liebe Aller zu allen treten zu lassen! In der Pflege und Erziehung des einzelnen In» dividuums als des Elementes und der Zelle jedes völlischen Körpers liegt unsere Aufgabe. Und indem wir die einzelnen Individuen hoher heben — kulturell, physisch, religiös, ökonomisch — heben wir die gesamte Nation als die Summation aller jener Zellen. Ueber die crivachte und höher entwickelte Nationalität geht erst der Weg zur Humanität. Das mag doch auch den wenigen ״Weltbürgern" klar vor den Augen flehen, datz das 20. Jahrhundert, als das Jahrhundert der aufstrebenden Nationen über die Tatsache der Existenz dieser Nationen nicht hinwegspringen kann. Die Natur kennt leine Sprünge! Die Entwicklung lveisl unbarmherzig heut« die Tendenz zur Jnternationalität iiber die höher entwickelte Nationalität hin. Und diese Nationalitäten werden in Oesterreich zuerst autonom iverden müssen. Zuerst müssen wir die völkische Selbstverwaltung erreiche!;. Hand aufs Herz! Haben wir Jungjuden in den letzten Jahren etwas zur Erreichung der nationalen Autonomie getan? Als der ruthenisch-polnische Ausgleich perfekt tourde, haben die Zionisten erklärt und sich beklagt, datz die Juden als 8. Volk im Lande — und wie ich letzthin ausführen konnte, als das einzige reichstreue Volk im ganze» Umfange — übergangen wurden. Wem gebürt die Schuld? Den Polen? Ten Ruthenen? Den Regierungen? L.i! nichtzn! Uns Zionisten selbst! Wir Zionisten selbst allein sind Hie schuldtragenden an dem vollständigen Zusammenbruch unserer innerpolitischen Arbeit. Sind wir ehrlich. Gestehen wir unS dies zu. Rufe jeder für sich selbst: Mea culpa! Sollen Regierungen für unsere viechte eiatrelen? Wo in aller Welt ist dies schon ge-!chehen? Tie Polen etwa, die Ruthenen? Wenn wir selbst, es zu tun, versäumten. Wenn unsere gefamte Presse schweigt, befangen und übrrsüllt ist von palästinensischen Angelegenheiten? (Und dankbar müssen wir der ״Jüdischen VolkSslimme" sein, datz sie allein in Leslerreich zu den politischen TageSsragen Stellung nimmt). Wenn wir in Sorge für die 100.000 paläftinenfischen Iussen der 8 Millionen österreichischet «nd rnssischer Juden vergaßen, deren wirtschaftliche Rat jeder Beschreibung spottet? Ist cs nicht typisch für den Geist, der unS beherrscht, datz sich ein hebräisches Blatt in Rutzland, der ossiziöje ״Haolam" mit der politischen Betätigung der österreichischen und ungarischen Juden beschäftigte in einer Zeit, wo in dem deutsch geschriebenen zionistischeu Blätterwalde fast ausnahmslos der Kamps um die hebräische Sprache tobte. An der Niederlage in Galizien sind wir Jungjuden selbst schuld. Keine Hand rührte sich. Rührt sich bis heute. Zur selben Zeit, als der polnisch-ruthenische, deutschtschechische, magyarisch-rumänische, slovakische-südslavische Ausgleich in Schwebe war, beratschlagten fast samtliche zionijlische Disirikte der Monarchie über die zionistische Tätigteit. Und ausnahmslos sind sie über die Sanierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zur Tagesordnung übergegangen. Proteste gegen das Kuratorium des ,.Deutschen Hilssverrines" sind überall laut geworden, aber Proteste gegen d׳e politische Vergewaltigung im Lande hat man nicht gehört. So macht man keine Politik. So werden wir niemals zu unseren Rechten gelangen. Vorausgesetzt, datz cs uns darum ernst ist. Sind aber die zionistischen Be- Hörden der Meinung, datz innerpolitische Betätigung nicht in ihre Kompetenz falle, dann mögen sie eS offen aussprcchen. damit daran geschritten werden kann, eine Behörde zu schassen, die sich damit beschäftigt.