Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1914)
- Date
- 1914-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 10. lidjfeit? Warschau ist nicht nur der Masse nach ein bedeutender Faktor im jüdischen Leben. — Warschau hat drei jüdische, ein hebräisches Tagblatt, eine Unzahl von jüdischen und hebräischen, sowie auch polnisch- und russisch-jüdischen Zeitschriftcn und Verlagsanstalten. Warschau hat uns eine große Zahl jüdischer Schriftsteller und Politiker geschenkt und ist auch das geistige Zentrum der russischen, besonders aber russischpolnischen Judcnheit und damit eines großen vielleicht des größten Teiles der gesamten Judenschast. Newyork dieser Schme'zkcssel, ist einer, der freudigsten Momente in der jüdischen Geschichte. Newyort hat eine nach Millionen Leser zählende jüdische Presse, eine durch ihre Produktivität höchst bedeutungsvolle jüdische Arbeiterschaf einzig dastehende jüdische Organisationen und seit jüngster Zeit auch eigene modern jüdische Volksschulen. Was hat Wien von alledem aufzuweisen? Eine in ökonomischer Hinsicht sehr rückständige, kulturell weit zurückgebliebene, politisch bedeutungslose jüdische Bevölkerung von zweihundcrttausend Juden. Tiefe Zweihundcrttausend scheinen eine regungslose Masse zu sein, an der das Leben vorvergeht, ohne sic zu berühren. Hier hat keine jüdische Bewegung noch Wurzeln geschlagen, der Zionismus ebensowenig wie der (jüdische) Sozialismus. Zionisten, Poale-Zionistcn, und Misrachisten wie jüdische Sozialisten (Bund-Separatisten) sic sind alle auf eine kleine Schichte jünar zugereister und auf die Studenten angewiesen. Ten Massen sind sic unbekannt. Auf diese haben sie fast gar keinen Einfluß und ihr Leben berühreu sie nicht. Tic Wiener jüdische Oeffentlichkcit istRot. Oder soll man die paar studentischen Veranstaltuugc» als Leben dieser Massen betrachten? Dian vergleiche nur die Kultuswahlen in Warschau mit den Wahlen in Wien׳, dort ein Kampf der Massen, ein Kampf, der die gesamte jüdische Ocffentlichkeit erregt. Hier ein Kampf Einzelner gegen Einzelne. Ein Kampf ohne Prinzipien, ohne Rücksicht aber auch ohne Maß und Ziel und ohne die Massen. Und doch hat die Wiener Kuliusgemeinde ein weit offeneres Feld, da sic in einem freien Staate LxistMt und hinter sich ein Heer von Gemeinden hat oder zumiud haben kann. Worin die Ursache dieser Oedc und Starre im Wiener jistnschen Leben liegt, darüber nach¬ In diesem Monate sind Gemeinderatswahlen des vierten (in drei Bezirken) und (in den anderen) des dritten Wahlkörpers. Doch was kümmert das die Wiener Juden? Ist doch 1־:■־ neue chrisrlichsozialc Regime für sic nicht schändlicher als das des ״gottseligen" Lueger. Tie Leopoldstadt zählt nach zchntausenden Juden aber für die Politik sind sie tot. Die Freiheitlichen haben sogar mit den Tschechen in der Leopoldstadt Kompromisse geschlossen obwohl diese im Verhältnisse zu den Juden einen sehr geringen Bruchteil der Bevölkerung dieses Bezirkes bilden. Bon den Juden hört man nichts, spricht man nichts, als wenn es in der Leopoldstadt keine Juden gäbe. Unsere ״Führer" aber unsere ״Politikcr" auch sie sindjetzt verschwunden. Gilt cs doch für jüdisch-nationale Kandidaten aussichtslosen Wahlen und auch Hoffnungen auf ein ״erfolgreichcs Kompromiß" sind hier nicht vorhanden. Aufklärungsarbeit, politische Erziehung der Masten, ja mein Gott, gerade jetzt, da man mit anderen Dingen׳ beschäftigt ist. In diesem Momente gibt cs keine Zeit für derlei Dummheiten. Und so werden auch diese Wahlen ohne jede Einflußnahme von seiten der Judenschaft auch ohne Wirkung auf die Juden vorbei gehen. Wird cs je anders werden? Und' wird es nicht zu spät? Aber doch man hat sich der Juden erinnert, und zwar von einer Seite, von der sie eigentlich nie vcrgesten wurden, am wenigsten in Wahlzeitcn. Tic ״Ncichspost" hat einen Leitartikel über die Judcnfragc gebracht. Sie hat eine Entdcckung gemacht, die für uns von großer Bedeutung ist. Es gibt Juden, die ihr Leben streng nach der Bibel entrichten",. ״cs gibt Juden, die ehrlich sind", ״die nichts wuchern, keine Mädchen- Händler sind" und in diesem Tone geht cs weiter. ״Hut ab vor diesen Juden." Klingt das nicht schön Vonseiten der Ritualmordhetzer und Leichenschänder? Und nicht nur den Gemeinderatswahlen gilt dieser Umschwung. Der jüdische Geldfäckel (der nebenbei gesagt, der jüdischen Presse so fest verschlossen ist) hat sich der ״Neichspost" geöffnet und es haben sich Juden gefunden, die in ihrer Erniedrigung so: weit gingen, die ״Reichspost" zu ihrem Jnscrtions-Örgan zu wählen. Schande und Schmach über ihr Haupt! Diese niedrigen Verrräter, dje die Hand küssen, die sie peitscht, diese Krämerseelen, die um ein Linsengcricht die Ehre ihres. Volkes und ihr eigenes Schamgefühl verkaufen,- Und noch Wahlen-hatten wir. Nämlich Gehilfenwahlcn des kaufmännischen Gremiums. Von den vicrzigtausend Angestellten, die diesem Gremium angchörcn, sind ungefähr die Hälfte, also zwanzigtausend Juden. Zwanzigtausend, ein Zehntel der ganzen Judcnheit Wiens in einem Berufe, in einer Körperschaft, man denke an die Bedeutung dieser Tatsache, an die Möglick'keitcn, die fick an sic knüpfen. Der Gehilfena1׳"״uß, der in den Händen der deutschen (lies jüti'Rcn) Sozialdcmcchraten ist, hat es bis heute vermieden, irgendwelche Aktion bezügl. der Zurücksctzung und der massenhasten Entlastung jübischer ׳Angestellter zu unternehmen. Der von den Zionisten begründete jüdische Handlungsge- Hilfenverband, der sich sehr schön entwickelt, führt daher gegen den ״Zcntralverein" einen sehr heftigen Kampf und hat auch zu diesen Wahlen, die am 8. d^ stattgefundcn haben, eigene Kandidaten au^estcllt. Das Resultat der Wahl ist Karl Pick (^entralvercin) 1237«, Köhler (deutsch-national) 328«, Benno Deutsch (jüdisch-national) 358. lieber das philantropisch-jüdische Wien, der einzige hervorstechend jüd. und anerkenncnswerte Zug der Wiener Juden, sowie über vieles Andere ein zweitesmal. Ada. YERLOBUNQ5-RINQE BRAUT5CHMUCK * r H0CHZEIT5QE5CHENKE ENE-RIBUE in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u. k, Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. V Provinzaufträge .finden sofortige Erledigung. Im Landtag zu Trottelosiopel. Eine Purim-Satire. Im Landtagsaal zu Trottelosiopel — Wo liegt die Stadt? Sie mag wohl auf dem Wege Von London liegen und Konstantinopel — Durchbricht gar wüst' Geschrei das Zahngehege. Es stehen auf der Tagesunordnung Die Steuern, der Debatte Um und Auf; Das ist einmal der Parlamente Lauf. Sie spintisieren weidlich. Alt und Jung, Wie man den andern Lasten auferlege Und nur von fremder Haut die Riemen schneide, Sich selber doch bei Leibe nicht zu Leide, - Wie neue Steuern man für alte Dinge, Für alte Steuern neue Dinge bringe. An der Beratung ist die Hundesteuer, Und es vermaß-sich einer hoch und teuer: ״Wir müssen allen Hunden mehr, aufpelzen, Vom Seidenpintsch bis zum gemeinen Köter, Um von den Armen Bürden abzuwälzen." Wie sehr erhitzt sich da manch' Schwerenöter. Mit sanfter Stimme meint ein anderer: ׳ ״Wer wird des Menschen ältesten Genossen, Der Treue Sinnbild nicht verschonen,׳ wer Belasten auch — o diese Narrenposten — . Des Blinden Führer, des Jägers Stolz vor vielen, Der alten Jungfer einzigen Gespielen, Bruder Albert, leichte Küche machte, aber solch ein Waschtag ist inein Todfeind, ein Jom Kippur ist mir lieber". — ״Wa—a—as?"!-Plötzlich brachte ein Bote ein Telegramm. Margita schien nicht sehr erbaut vom Inhalt des Telcgrammcs: sie erbleichte sogar leicht, doch sagte sie mit erzwungener Ruhe: ״Nichts von Belang". — Väterchen war im Gespräche vertieft, er forschte den jungen Mann gehörig aus, Margita tvinklc den Mütterchen und sie berieten draußen was zu tun sei. Dank dem Eifer des Gespräches mit Herrn Sohle verschwand Margita jeden Moment und endlich erblickte sic den Kutscher lief dem Wagen entgegen, daß er nicht vorfalirc, winkte sic dem Kutscher stehen zu bleiben, sodann rief sie in den Wagen, in französischer Sprache, hinein: Bruder Josef fahre mit deinem Frcunhx M. ins nächste Reftaurant hier, damit wir Euch aus unserem Fettster beobachten können und du unseren Mosjö Sohle, der bei uns weilt sehen kannst. Ich komme alsbald nach. — Margita eilt ins Reuaurant. natürlich tief verschleiert, Herr Marcellus ist sehr freundlich, strahlend vor Glückfeligkeit. Hastig antwortet Margita, sie ist hochgerötet und aufgeregt, bittet unt Entschuldigung und erzählt, daß ihre Schwester Janka, unwohl sei; Bruder Josef eilt eben so schnell nachhause, begrüßt alle, wird Herrn Sohle als Arzt, der er ist. vorgcstcllt, empfiehlt sich alsbald, nachdem er bei der offeuen Tür, wo ich stehe hineinruft: Für Schwester Janka ein Bad, achtzchn Grad Cel., und wenn ״Gefahr" droht, drei Moorkugeln Janka, als Patientin», habe die ״Gefahr" sichtbar zu werden. Es ist das Losungswort, sagt Josef, das laut gesprochen werden müsse. Wenn nämlich Herr Lwhlc jetzt mit Papa wcggeht, ihn nicht wieder herein zu lasten,' sondern das bewußte Losungswort rufen: ״Achtzehn Grad Cel. und drei Moorkugel"/damit die "Draußen stehenden übertönt werden und Herr,Marcellus, der nach Herrn Sohle hereinkommt, nichts von draußen erfahren soll. Dieses sprach Bruder Josef leise draußen zu n,ir, und ging wieder ins Restaurant vor dem Fenster aufzupassen. Margita empfiehlt sich rasch nimmt den herrlichen Rosenstrauß von Herrn Marcellus und meint: das Bad für Janka dürfte bald genommen sein. Auf Wiedcrschaun bei uns Herr Marcellus! Sic ist wieder, zuhause; Herr Sohle bittet um eine 3iose, welche ihm auch gegeben wird. Also, Papachen, das Bad wird zu recht gentacht, hier im Entree, steht schön die Wanne, bitte.... ״Gerade heute muß diese Wirtschaft und Rennerei sein, sagt verdrießlich Väterchen, denn er weiß nicht warum—.“ ״Ja unser Doktor will die Wirkung abwarten um weiter zu fahren" sagt Margit. — ״In Gottes Namen", sagt er, indem er mit einer Handbelvegung den Herrn Sohle bedeutet mit ihm einen Spaziergang inj die Weingärten zu machen. ״Gottlob!" riefen wir alle lachend. Josef und Herr Marcellus kommen zu uns. Schon sind alle im Häuschen. Der Schlüssel knarrt im Schloß. Schwester Janka ist zu Bette, ״ntan muß die Wirkung abwarten", sagt Josef. Nun wird der Rest des Mahles des Herrm Sohle frisch aufgetragen. Herr Marcellus vertilgt mit Josef die guten Speisen, denn es war bereits 2 Uhr nachmittags. — Leider bauerte der Spaziergang nicht lange, Väterchen und Herr Sohle stehen vor der Türe. Er klopft, er wird böse und ruft: ״״Na, wirds bald? Weit Hab' ichs gebracht, daß man mich nicht ins eigene Haus herein läßt". Margita und ich: ״Das Bad ist schuld daran". ״Drei Modrkugeln und achtzehn Grad Cel.", brüllt unser Doktor ins Entre" Haht Ihr mich nicht verstanden? Nasch ins Wasser hinein!" Gleich, lieber Papa, man hatte die Moorkugcln vergessen, ich öffne bald, sagt Margita. — To lange, können Sie mein Herr, hier nicht warten. Sie müssen um halb drei bei der Bahn sscin! ״Ich muß, leider, ja, ja!" sagt Herr Sohle mit zaghafter Stimme. Bei diesen crlösenden Worten, öffnet Margita vorsichtig die Türe, ״die Badewanne läßt mir wenig 3iaum!" sagt sie. — Macht nichts, liebes Fräulein, reichen Sic mir nur ihre Hand zum Abschied. Danke Ihnen für die angenehmen Stunden, die ich bei Ihnen hier verbracht hatte. Leben Sie wol Herr Sohle! — Margita schloß rasch die Tür, wieder knarrte der Schlüssel im Schloß. Stach Verlauf einer halben Stunde war Papachen zurückgekehrt. Noch che er reden wollte, brachte ich das Telegramm und so ward alles aufgeklärt. Josef hatte sich eingehend über Herrn Marcellus erkündigt und war seit längerer Zeit in geschäftlichem Verkehr mit demselben. Bei der Bahn am Perron stand Herr Sohle, er hatte den Zug versäumt. Janka blieb bis zur Abfahrt des Herrn