Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-03-12 · Heft 10 (12.3.1914) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 10 (12.3.1914)
Date
1914-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621907--2681-2623801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions (1 not found in this text)

Erscheint jeden Donnerstatz. Nummer lv Jahrg. XVj3. MW 7" 7' - BeruaSvreike:! Geschäftsstelle, Wien: Rotenturmstraße N ■&...3 Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620־ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — , Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Ballan, Frankreich.Franks 14 — j Herausgeber: Max Hickl. Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmjtraße Nr. 31. Telephon 30V9/VNI Sprechstunden von 10—12 Uhr Postsparkassakonto Nr. 312.842. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Ruckporto beizusügen. Brünn—Budapest. Wie» 1*. März 1914 14 mat 5(.4ד Prag—Lemberg. Haman. Wenn wir es versuchen, die Mrgilah mit Verständnis zu lesen, so werden wir bei Haman all die Eharakterzügr entdecken, die den Emporlömmling kenntlich machen. Nicht hervorragende geistige Fähigkeiten waren es, die Haman zu den höchsten Ehren im Staate berrifcn, er wäre nie so hoch gestiegen, hätte er es nicht verstanden sich so tief zu bucken. Als er zum erstemnalc in die Geschichte eingreift, da erscheint er unter den Räten der Krone als der Letzte. ״Die ihm nahe waren Karschena, Schetar, Admata, Tarschisch, Meres, Marssena, Mfmuchan" °, Memuchan ist Haman. Er will der größte unter den Räten der Krone sein, er tritt bescheiden zurück, er bückt sich vor den andern, läßt ihnen den Vorrang. Freilich als Achaschwerosch fragte, was mit Waschti geschehen solle, da sprach Haman ״vor dein König er den Fürsten", er drängte sich vor wie alle Emporkömmlinge, wie alle, die aus kleinen Verhältnissen, ohne eigentliche Verdienste, ans des Lebens Niederungen in die höchsten Höhen des Glückes einporgetragen werden. ״Haman spricht", doch er schmeichelt der Menge und begründet damit sein Glück. ״Nicht gegen den König allein hat Waschti gesündigt, sondern auch gegen Fürsten und Volk." Und als Haman die höchste Stufenleiter des Glücks erklommen, da tritt er nicht mehr bescheiden in den Hintergrund, er. der sich einst so tief gebückt, vor ihm sollen sich nun alle in den Staub werfen. Doch der aufrechte Mordechai bückt sich nicht und beugt sich nicht. Hainan erblickt in diesem Mordechai einen Gegner, der ihm gefährlich werden kann. Der Emporkömmling wacht gar ängstlich darüber, daß ihm niemand die schuldige Ehrbezeugung vorenthalte und weil Mordechai sich nicht bücken will. Plant er eine fürchterliche Rache. Doch ehe er an die Ausführung seines Nacheplanes geht, wirft er das Los. Haman ist abergläubig wie alle Emporkömlinge. Emporkömmlinge, die an sich nicht glauben könneu, sind von dem Gedanken getragen, daß irgend ein guter Stern, eine beglückende Fee ihnen zur Seite gestanden. Und weil ja das Glück auch Laune!! hat, ein guter Stern auch erlöschen kann, so sind sie geneigt in gewissen äußeren Erscheinuugen, eine Vorbedeutung, ein Omen für das Gelingen, oder Mißlingen ihrer Pläne zu erblicken. Haman wirft das Los und als es auf den Monat Adar fällt, empfindet er hohe Freude, denn er sprach: das Los fiel mir auf den Monat Adar, in welchen! Moscheh gestorben, doch er wußte nicht, so fügen die Weisen hinzu, daß im Monat Adar Moscheh auch geboren wurde". Wenn Haman den Sterbetag Moscheh gekannt, dann dürfte er auch von seinem Geburtstage Kenntnis gehabt haben. Allein in diesem Ausspruche der Weisen liegt eine große Wahrheit. Haman wußte, Laß Moscheh gestorben, daß die Thorat Moscheh geschwunden war. Tie Juden in Susa hatten ihre religöse Eigenart aufgegeben, und darin erblickte Hanian eine gute Vorbedeutung für das Gelingen seines Racheplanes. Israel hat eine Aufgabe zu erfüllen, den Glaubei! an Gott durch Zeiten und Geschicke zu tragen, Israel muß seine religiöse Eigenart wahren, Latz Gottesgesetz treu behüten. Und wenn Israel die Thorat Moscheh nicht beobachtet, dann hat es seine Existenzberechtigung eingebüßt. Und der Umstand, daß die Lehre Moscheh geschwuichen war, erfüllte Hanian mit Freude, darin erblickte er eine gute Vorbedeutung für das Gelingen Letz Vernichtungskampfes. Doch Haman wußte nicht, daß Moscheh auch im Adar geboren. In der der Stunde der Gefahr wurde der Gottesgedanke in Israel wieder lebendig. Ter Jndifferentismutz, die Gleichgiltigkeit schwand, ״nikhalu hajhuüim", es erwachte das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Tie Liebe zum angestammten Glauben und Israel war vor dem Untergange errettet. — Tie Hawaiis sind leider noch immer nicht autzgestorben. Möge aber der Glaubenshaß gegen Israel wie einst vor alter Zeit, die Liebe zum Glauben erwecke!!, die Indolenz, die Gleichgiltigfeit schwinden machen, ״nikhalu weomaud al nafschom" sich sammeln und das geistige Dasein schützen, war die Wirkung des ersten Purim, das möge auch der kominende Purim in Israel erwirken. Ob auch Moscheh in Adar gestorben, in! Adar erwacht er wieder zum Leben, wenn wir Las Gottesgesetz, die Thorat Moscheh zu neuem Dasein erwecken, unsere religiöse Eigenart bewahren' F. Rich. Heinschel. Das jüdische Wien. Es ist eine besonders schwierige Aufgabe über Wien und Wiener Leben zu schreiben. Noch undankbarer ist es über das jüdische Wien, das jüdische Leben in Wien zu schreiben. Wien das drittgrößte Iudenzentrum der Welt (nach New- York und Warschau», Wien mit seinen zweimalhunderttausend Juden ist eines der schmerzvollsten und interessantesten Probleme des jüdischen Volkes. Jeder zehnte Einwohner ist hier Jude, keine Straße, kein Gäßchen, in dem nicht Juden wohnen. Und aus überall her kommen die Wiener Juden, aus Rußland und Galizien ebenso zahlreich wie aus Ungarn und den Sudetenländern und doch was bedeutet Wien für das jüdische V015? Welche Rolle spielt Wien, abgesehen von der Philantropie und in negativer Hinsicht von! Antiseinitismutz, in der jüdischen Oeffent- Feuilleton. Weggeschnappt Von Jenny G r ü n w a l d, Wien.) Heute ersuchte mich meine liebe Nichte Franzi ihr eine lustige Geschichte oder eine wahre Begebenheit aus meiner Mädchenzeit zu erzählen. ״Erstens ist heute Purim, zweitens gehe ich nicht zu den! Purimkränzchen, drittens hast du Tante Zenete, mir schon früher eine Geschichte zu erzählen versprochen, um einen Ausgleich zu haben". Nun, wohl: aber unter Diskretion!" ״Mein Ehrenwort und dieses Busserl, liebe Tante, als Siegel der Verschwiegenheit!" Zufrieden damit begann ich folgendes: Vor allein ist in dieser Erzählung meine Schwester, die Hauptperson, und zwar in den dein ersten Teil, — im zweiten habe ich die Ehre gehabt, mehr als mir lieb ist, von mir zu reden — und glaubt‘ kaum, daß es für heute an Zeit und Geduld hinreichen dürfte, denselben zu beendigen. Du wirst nicht gleich erraten, welche Schwester ich ineine, daher gebe ich allen einen erdichteten-Nainen: Margita. — Unser Wandervöglein Margita mußte die Rückreise aus Paris antreten, weil Onkel Moritz seine junge Frau verloren, und drei kleine Kinder keine Pflegerin hatten: sehr ungern tat Lies Margita, denn sie hätte dort sicher ihr Glück gemacht: sie war sehr beliebt: ihr lebhaftes geistreiches Wesen, ihre praktischen Kenntnisse, ihre niedliche Gestalt — und ihr gutes Herz mochten die Gründe dazu sein. Ich erinnere mich, als sie ihre Sachen in den Koffer legte um nach Paris zu fahren, wie unser Miitterchen bei jedem Stückchen, das sie hineinlegte, sagte: Bleibe hier, es ist noch Zeit: geh' nicht so weit von nns weg!" Als der Koffer schon geschlossen, der Wagen vor der Tür stand, noch immer wiederholte: ״Bleibe hier!" ״Ich kann nicht, Mütterchen, ich in u ß weg. Es findet sich schwer ein Platz in Wien, wo ich den S a m s t a g nicht. entweihen müßte - - und dort bin ich bei unserein Albert: der läßt mir freie Wahl und ich lerne viel mehr in jeder Hinsicht und er ist nicht allein!" — Unser Mütterchen begann zu kränkein, sie hatte ja ein Leben voll Mühe und Kummer durchgekämpft. — Margita sandte fleißig Briefe, erfreute uns alle-durch ihre Geschenke, die ihre Künstlerhände verfertigten. ״Mein bestes Kind", sagte innner Mutter, so oft sie unier Tränen von ihr sprach. — Margitas Freu!!- diu Anette, schrieb ihr fleißig und dichtete sie an fürs Album ein Blättchen, in dem stand unter anderem: ״Zu was Höheren bist du geboren — Deshalb hast du dir ein schöneres Land erkoren!" — Fortuna möge stets dir lächeln — Mitihrem holden Antlitz dir fächeln!" Es war ein Gaudium, wenn wir die komischen Verse von aller- Hand Freundschaft und Schulkolleginnen dnrchblätterten. Nach den! die Kinder eine Verwandte als zweite Mutter erhielten — dem! Onkel Moritz verzichtete auf eine reiche Frau, die fremd war — kam endlich unser Wandervöglein Margita blühend nachhause. Wir alle waren stolz auf unsere kleine Pariserin. Mütterchen freute »ich, daß sie in unserer Nähe sein werde, denn sie wußte, daß Margita nicht zu lange in unserem Nestchen weilen würde. Es kamen Muhmen, Basen und Nachdarinnen, bewunderten unsere Schwester und jede wußte von einer ״guten Partie" zu sagen. — Eines Tages, in der Vormi!tagst!!»de, erschien, besprochenermaßen, ein junger blonder Mann, der von den Elkdrn freundlich empfangen ward. Als er Margita erblickte, schien er sehr angenein überrascht zu sein. Auch ich wurde ihm vorgestellt, doch da ich etwas leidend und blaß war zog ich mich in Las kleine Kabinet zurück. Ich hörte zumeist die Stimme Letz jungen Mannes, sein heiteres Lachen. Bei der schöngeschinückten Tafel könnt er nicht unterlassen zu sagen: Fräulein ich mache Ihnen!nein Kompliment. Es ist hier alles so niedlich und geschmackvoll. Sicher Ihrer Mühe zu danken!" Viribus unitis, sagte sie. Eigentlich bin ich nicht sehr für gewisse Beschäftigungen begeistert!"" ״So!?"! fragte er. ernst. — ״Mit dem Kochen gehts, weil ich bei ^23562

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.