Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1914)
- Date
- 1914-03-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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p? r | r i ן! [! i l \ | I Seite 10. ליד!*־ ״Jüdische Bolkssttmme." Nr. 9. H'nlunjifntLation luurbc bic Landespolitik im Namcn des Zionismus und sür den Zionismus hctrichcn. Tie Voraussetzuiig der Laudespolitiker, wenn eine solche auch anzunehmcn in, war, daß man die Massen» die iiidisscrciitc», für den Zionismus gewinnen könne, so bald man sie der Kührung der Assiinilantcnsührcr entreisze. Wenn die Zionisten in de» gesetzgebenden Körperschasten die Vlssiinilanten verdränge» werden, dann wird der Zionismus gcsördert werde». Man mutz viel hernmsiichen in dem Kram der Casc», die man zur Verteidigung der Landespolitik aussalircn hictz, um einen dalvwcgs einleuchtenden Entschuldigungsgrund sür diese Verleumdung zu sindcn. Um die Massen zur Gefolgschaft z» gewinnen, die nichts weniger bedeutet, als eine Opposition gegen die Regierung und die Herrscheude» Parteien, mutz inan zu iluien im Namcn ihrer bedrolncn materiellen Interessen spreche». Man mutz ihnen pancni et circenses versprechen, man mutz ihnen geloben ihre ökonomischen Verhältnisse zu hebe», ihnen politische Rechte zu erobern oder zu verteidigen. Von Palästina wird logischer- und konscquentcrtocise nicht gesprochen. Ich habe viele Wahlversammlungen besucht, in denen Mitglieder des VI. (i. sprachen und habe i» de» Reden nur eines gesunden, das; auch ei» Zionist als Zionisl anssprechen kann: das offene Bekenntnis zunt Judentum im Gegensav zu den Vlssimilanten, die ihre Seelen anderen verschrieben haben. Hat man denn den Massen eitvas Neues gesagt? (*Haube» denn wirllich die Landespolitiker, das; die jüdischen Massen von dem <'iiü der Assimilation insizicrl sind? Ich mutzte leider die Erfahrung machen, das; so mancher Zionislcusiihrcr Landespolitikcr, der mit dem hinrritzcndstcu Pathos sprach, dem Iudciiiuin, der jüdischen Kultur, Sitten und Leben, der hebräischen Sprache gegenüber viel entfernicr iiand als der Turchschnitltnpus der Massen, denen die Politiker den Nationalstolz predigten. Aber lasse» tvir noch dieses Vlrgiiiiieiil wohlwollend passieren. Tic anderen Lockmitlel sind allzngesährlick, als das; man sic lange dulden könnte. Tie Erkenntnis, das; das Leben in der TiaLpora ein Scheinleben, ein latantcS, kein volles ist, führt die Itideu zur einzigen Konsequenz: ei» volles Leben in Palästina zu beginnen. In die Propagierung einer Idee der ökonomischen und politischen Enttvicklungsmöglichleit und Verbesserung der Lage der Juden!»1 (»iolullt kein Verrat am Zionismus? Entweder glaubt matt an die Enttvicklungsmöglichkeit oder Perbesierung der Lage der Juden in der TiaSpora, daitn inag man sich dem Vllljudenlum konsequent auschlictzrn, oder man darf »IS Zionijt und im Namen des Zionisinus nur sür Palästina arbeiten, aber lein Wort sür die Landespolitik spreche». Sind die Juden fern vom vollen Leben, dann lausen sie die Gefahr insolge der Nichtaltivilät zu degenerieren, aber sicher werden wir zerfällen reguliert werden, zu tun. Aus diesem Gesichtspunkte schließe ich auch den Kampf um die Kultusgemrinde — erobert werden nicht die Seelen der Mitglicder der Iudcngemcindcn nur die Kultusratssitze — auch eines der alltäglichen» veränderlichen, das Individuum betreffende Momente, aus den Ewigkeitsbestrebungen, dem Zionismus aus. (Fortschung folgt.) Legen ve rckordenen dckagen, Oarmträgkeit lind Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser1- Mild, doch zuverläßlich. Sternhof.PostSokolnitz bei Brünn. Brief aus Lemberg. Als nach Ausschreibung der vorjährigen Wahlen für den hiesigen Cultusrat die offiziellen Machthaber au unsere Partei mit dem Auerbieten hcrantratcn. sich auf eine .Kompromißliste zu einigen, da waren die Meinungen darüber in unserem Lager geteilt. — Da jedoch die überwiegende Majorität, unter der sich die einflußreichsten Gesinnungsgenossen befanden, der Ansicht zuneigte.dafs es in gegenwärtigem Zeitpunkte erwünscht wäre, wenn unsere Weltanschanung in der Repräsentanz der hauptstädtischen Gemeinde eine entsprechende Vertretung fänden, umsomehr als dieser Umstand auch auf die Provinzgemeinden beispielgebend wirken würde. 1,ahnten die Wahlen einen friedlichen Verlauf. - Unsererseits ging man bei der Festftellung der Bedingungen bis an die äußerste Grenze der Nachgiebigkeit, um nur den ״offizieilen" nicht den Vorwand zur Behauptung zu liefern, daß wir den Kampf in früheren Jahren um persönlicher Vorteilen! illen geführt hätten t.nd nicht vielmehr im Dienste der jüd. Renaissancebewegung. Die durch vieljährige, gewissenhafte und erfolgreiche jüd. Arbeit bekannten Gcsinnungsgcuossen Dr. Alcrander Hausmann und Simon Orange wurden als Repräsentanten unserer Richtung zu den Kultusrat gewählt. — Wir durften hoffen' daß die ״herrschende Partei" den guten, ehrlichen Willen der nengewähltcn zionistifchcn Kultusräte würdigen und ihren Anregungen betreffs Durchführung gewisser notwcndiger Reformen auf verschiedenen Gebieten des Gemeindelebens zumindest ein wohlwollendes lichung der Ueberläuferlisten in den jüd. Bläktern forderten. Die Anträge wurden ohne Debatte der geschäftsordnungsmäßigen Behandlung zugeführt und erst nach einigen Monaten infolge mehrfacher Urgenzen auf die Tagesordnung der Plenarsitzung gestellt. Trotz eingehender und überzeugender Motivicrung seitens der. Antragsteller wurden diese wichtigen Anträge teils verworfen, teils in völlig entstellter Form zum Beschlüsse erhoben. Nicht besser erging es dem Anträge des Gg. Dr. Hausmann wegen Schaffung eines einheitlichen Besoldungsfystems für die Diener und Beamten der Gemeinde, trotzdcnt dieser Antrag auch bei einigen nichtzionistischen Kultusräten Unterstützung fand, da er ja die Eliminierung des bisherigen Protektionssystems gelegentlich der Erhöhung der Bezüge bezweckt. Nun kam Gg. Dr. Hausmann in der nächslen Plenarsitzung neuerdings auf das ungerechte Besteuerungssystem zu sprechen und behauptete, daß der Mittelstand am stärksten belastet sei, während es eine große Anzahl sehr reicher Gemcindemitglieder gebe, die eine vcrhältnisinäßig viel zu kleine Kultusstcuer zahlen und auch sonst wenig jüd. Opfersinn betätigen. Nun war das Maß des Grolles voll. Obwohl Dr. Hausmann ausdrücklich hervorhob. daß er die maßgebenden Persönlichkeiten des heutigen Regimes hier nicht cinbeziehe, da gerade sie in den letzten Zeiten große Stiftungen geschaffen hätten, fühlten sich die Besitzenden in ihrem Stolze getroffen und lassen nun feit dem die zion. Kultnsräte bei jedem Anlasse ihren Aerger fühlen. Als nun Dr. Hausmann bei der letzten Sitzung eine Resolution beantragte, der Vorstand möge das in Aussicht genommene Stipendium für das Technikum in Haiffa bis zur Entscheidung der Sprachenfrage sistieven, La wurde er von den ״Führern" der jüd. Gemeinde ganz energisch bekäntpft und das. Resultat war, daß der Antrag niedcrgestimmt wurde. Blos Ober-Finanzrat Dr. Grabscheid fand den Mut mit unseren Gesinnungsgenossen für die gerechte Forderung der Palästinenser zu stimmen. Trotz all dieser Bitternisse werden jedoch unsere wackeren Freunde in ihrer treue); Arbeit für die jüd. Sache nicht erlahmen, wissen sic doch, daß hinter ihnen der gesunde Kern der jüd. Bevölkerung steht, während die Herren von der Majorität blos auf ihren Besitzstand pochen, auf eine Macht, die dem Ansturm der öffentlichen Meinung nicht ftandhalten wird. * * * tlr.jdit, 11'.»11 wir in dic Speiche» des Schwungrades des freindc» Lebens hiueiiigreisen werden. LandeSpolilik als positives Programm iji ein Eingreifen in freutdes Leben, auch wenn sie nnicr der blauweitzen Klagge segelt. Tas fremde Leben verlangt Kompromiffc, Akkoniodation, das Aufgebcn von eigenen Werten, das Vcrschwende» t»»t Lrbensrnergie. Ich habe vergebens nach einer prinzipielle» Klarlegung der Landespolitik und deionomie gesucht. ..Tas Leben verlangt seine Rechte", das in da:- jiürtite Vlrgument der Laudespolitiker. Man köuiite mich mit Recht eine» hirnverbrannten Utopisten schimpsen, iven» ich cs autzcr Vicht lassen tnöchlc. Vlber glaube» die Laudespolitiker, datz die Juden vor ihnen uictit verstanden habe» dem Leben zu trotze»? Gibt eL eine spezielle zionistische Art sich das Brot zu erkämpfen? Vlugenominca. datz dic jetzige» Kührcr der Juden, die 1m Schleppt-,» der Vlssimilaiilen segeln, ilümperhastc Politit führen und den TaseinSkamps der Juden gesährdeu, dann möge» die Laudespolitiker im Gottcö Namen eine bessere Politik erstreben, aber nicht im Namen des Zionismus. Landespolitik und -Lekonomie ist, wie alle Kragen des tägliche» Lebens, genau so wie die Krage der Besetzung der Rabbitterposien, der Erbalniug von Schule» und Lrgänisalion von Krcdilvcreine» sür die Zwecke des Lebens in Galizien eine Politit iub specir ocenlosnm, veränderlich je nach Regien!11!t, je nach dem Zufall, je nach den Individuen. Zionismus ist ein Naturgrscu snb spreic aelcrmitatis. Nicht um den einzelnen Juden ist der Zionismus besorgt, sonder» ״m das Judentum. Tic Natur ist grausam, sic behandelt das einzelne Individuum siiesmütierlich fast ׳eindlich. sie trachtet »ur die Vlrt, dic lebenstüchtige zu erhalte!!. Sub spcei oenlorum lommt man nicht über das Vtlijudeutum und Landespolitik hinaus׳, von diesem nü'iichispuutte teil»! man »ur Individuell, die Juden in iRiiizün, die Inden in Rutzland, die Juden in Ruinä- 111011 njio, aber man kann einen Zionismus, ein Judennun als Einheit »ichi begreife». Vllle Ereignisie, dic das alltägliche Lebe» betreisen sind Sache des einzelnen Individuunis, die sub spccie occniornm entsprechend dem Bedürfnisse des Moments reguliert werden. Sie haben nichts bei Juden mit den Nalurbcstrcbungen iub speeie aeterniiaiis. die nicht von Individuen oder Zu- Interesse entgegenbriiigen werde. Dies war umsomehr eher zu gewärtigem, alc dic moßgcbeudeu Persönlichkeiten wiederholt deil Wunsch geäußert hatten, es inögcn jüngere Elemente in die etlvas altcrsschwackfc Kehilla, in der es wohl fleißige Arbeiter, aber wenig lebendige Initiative liud nur sehr enge Horizoute gibt, einen frischen, modernen Zug bringen. Unsere Freunde ließen es weder an gutem Willen noch an Fleiß fehlen. Mit großem Eifer beteiligten sie sich vom ersten Augenblick an den praktischen Arbeiten der verschiedenen Sektionen ultd Kommissionen, und waren bestrebt, sich rasch mit allen Einzelnheiten vertraut zu machen und wendeten ihre Aufmerksamkeit zunächst jenen Gebieten der Gemeindctätigkeit zu, wo ihnen zeitgemäße Reformen notwendig erschienen. Gg. Orange ist außerdcui auch als Mitglied des Spitalsrates sehr eifrig tätig. In einer Ansprache, die Gesinnungsgenosse Dr. Hausmann, gelegentlich der Einführung des neuen Zultusrates hielt, gab er in warnten Worten der Erwartung Ausdruck, daß die ״Majorität von heute" dic realen Vorschläge der Minorität in ernste Erwägung ziehen werde. Leider scheint es jedoch beim Alten gebliebei! zu sein. Unsere Kultusväter, auch die sympatischesten unter ihnen, stehen allen Reform- Plänen mißtrauisch und skeptisch gegenüber und wenn diese Vorschläge gar von zionistischer Seite komineu, dann wittert mau in jedem noch so berechtigten Gedanken, die böse Absicht, die Gemeinte in das politische Fahrwasser zu lenken. In einer der ersten Sitzungen unterbreiteten die Herren Orange und Dr. Hausmann einen Trinalichkcitsantrag, indem sie u. A. eine auf moderne Basis aufgebaute Reform bet der Be- Messung der Kultussteuer und der Taren für Grabstätten, ferner die Einhcbung eines aus Gemeindemitgliedern bcstehenHcn Beiräte der Armenkommissioncn und endlich die Veröffent¬ Am Rosch-Chodesch Adar Rischon jährte sich zum erftenmale der Tag. an dem der greise Gelehrte Rabbi Dr. Josef Kodak nach einem wechsclvollen Leben, das ebenso reich an großen Verdiensten mit dic jüdische Wissenschaft, als leider auch an Bitternissen und Enttäuschungen des Alltagslebens war, in die Ewigkeit abberufev wurde, — Es ist charakteristisch für die Verhältnisse im modernen Gcmeindeleben, daß diese Zierde des jüd. Priesterstandes, der einst gefeierte Herausgeber des ״Jcschurun" und vieler anderer literarischer Werke, der tiefe Ereget und gründliche Talmudkenner, von unseren officiellcn Führern mit Gleichgiltigkeit übergangen wurde. Vielleicht ist cs sein Ruhm, wentt ihm nachgesagt tvird, daß er zu jener Kategorie von Rabbinern gehörte, dic es nicht verstanden haben, sich die Gunst der Großen zu erschmeichcln. Umso verehrungsvoller gedenken seiner unzählige Schüler und Getreue, denen er Liebe und Begeisterung für das Judentum cingcimpft hat. — Heber Ersuchen dieser Schüler veranstaltote die Verwaltung der fortschrittlichen Synagoge am Vorabende der Jahrzcit eine Gedächtnis- Feier, zu der sich nebst vielen Gemeindcmitglie- Lern der Vizepräsident der Kultusgeincinde Hr. Dr. Tiamand, Kultusrat Gg. Orange, sämtl. Mitglieder der Tempelverwaltung mit dem Präses Tr. Wasser, die Mitglieder des zion. Bürgervereines ״Tikwath Zion" mit ihrem Präsideuten Dr. Rappaport, u. v. a. cinfandcn. Nach Absingung des ״Schiwisi" durch den Synagogenchor rezitierte Oberkantor Saitz das Elmolcrachmin-Gebct, worauf Religionsprof. Tr. Battabau in Vertretung des plötzlich erkrankten Rabbiners Dr. Guttmann in einer Ansprache das Leben und Wirken des Verstorbenen schilderte. Nach einem abermaligen Trauergcsange schloß die Feier mit dem Kaddisch-Gebete. Kanzel und Altar waren schwarz drapiert. — Dic Nationalfondskommiffion 1, kHasmonea» sammelte vor dem Tempel ,zugunsten des jüd. Nationalfonds. Jwri. 1 er