Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1914)
- Date
- 1914-03-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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5. März 1914 Seite 9 Nr. 9. XV./3 Jahrg. Beilage zur,Wiener Jüd. Voltsftirnme Vas Wische Leben in galirien. Jung-Zionismus. Hermann Parnaß, Wie n. Die Frage der Gegcnwartsarbeit innerhalb der zionistischen Organisation wird immer brennender. Die Ereignisse im Orient lassen aus sich nicht warten, baSj Leben tritt an uns immer hartnäckiger heran und trotzdem ist das' leitende Prinzip noch lange nicht gut durchdisküticrt und fixiert worden. Der Ruf nach einer größeren Literatur ist schon am 1V. Kongresse laut geworden und am 11. fand sich bereits ein Antrag vor! zur Einsetzung einer entsprechenden Kommission. Pas- [ rnanif hat diese Frage in einer Artikelserie in der ״Welt" angeschnitten, aber die Diskussion ist noch nicht recht vom Stappcl gegangen. Kein Wunder. Aus einer! Weltanschauung heraus muß die Frage angegriffen werde», aber wer eine Weltanschauung beansprucht, der muß eine ganze Welt sein Eigen nennen. Mögen folgcnde Zeilen, als ein Ausdruck einer neuen, sich bereits bahnbrechenden Bewegung innerhalb der zionistischen' Organisation ihren Teil zur Klärung der Frage beitragen. I. Feind und Freund sind einig in der Bewunderung der Lebensfähigkeit der Inden. Biele Völker, die gleichzeitig mit den Juden die Tragbalken zur Geschichte zusammentrugen, gehören schon längst nur der Geschichte und nicht dem Leben an. Die Römer, die so manchem Stamm das Grab geschaufelt hatten sind schon lange vom politischen Horizont verschwunden, trotzdem sie kleineren Schicksalsschlägen ausgesctzt waren als die Juden. Das unbefriedigte Kausalitätsbcdürfnis sucht schon lange nach einer erklärenden Formel, aus die die Erscheinung, die einzig in der Geschichte dastcht, zurückzusührea wäre. Ein Wunder ist cs den Gläubigen, eine herrschende Idee, die ..Judentum" heißt den Philosophen. Aber keiner dieser Gesichtspunkte erklärt restlos die Lage der Inden. Tie Geschichte und das Leben sörder» viele Tatsachen ans Licht, die in keine der bckanntcn Theorien Hineinpassen. Kein Wunder. Im Kampfe mit der Natur sistd wir unglücklicherweise um eine tief wurzelnde Borstcllung bereichert loorden, daß wir und die Natur eine» Gegensatz bilde». Unsere Fertigkeit die Naturkräste zu bändigen und sie uns nutzbar zu machen brachte es auch zustande uns außer oder über die Natur zu stellen. Eine ruhige Beobachtung, nicht vom fälschenden Antropomorphisinus getrübt, wird leicht unseren Zusammenhang mit der Natur heraussinden. Die Erkenntnis, daß wir Menschen Naturkindcr sind, unterwerfen allen natürlichen Gesehen und Schwanstlngen und nur als solche fähig sind die Träger einer Idee, der inneren Freiheit, zu werden, bricht sich schon langsam die Bahn. Es wird nach dieser Voraussetzung auch nicht Wunder nehme», tvcnn wir in der Hatur die Erklärung für den Zustand der Juden, der die Judenfrage bedingt, suchen luerbcu. Ein junger Organismus ist sehr leicht beeinflussbar; seine Organisation paßt sich der Wechselwirkung der beeinflussenden Kräfte leicht an. Einmal differenziert und organisiert verliert der Organismus dir Anpassungsbreite. Andere als gewöhnliche Einwirkungen rufen anormale, krankhaste Erschrinungen hervor. Diese Anschauung aus der Beobachtung der Natur und des täglichen Lebens ist vielen geläufig und diesen Ersahrnngsgrundsatz, den wir auch durch ein Beispiel erhärten wollen, werden wir als eine der Voraussetzungcn unserer Betrachtungen wählen. Tie Palme ist im vorderen Orient und im Süden zu Hause. Tort wächst sie riescnhoch, dort blüht sie lvundcrschön. Nach *) Obiger Artikel stammt vom Senior des ״Gideon" in Wien. — Ter Jungzionismus bestrebt eine Be- ( wegung innerhalb der zion. Organisation ins Leben zu 1 rufen, die die Krastatome des Judentums in menschlich! absehbarer Zeit aus dem Golus nach Palästina verj pflanze» soll. Es soll ein demgemäßer Orden geschaffen, werden und sind solche Verbände in Tarnopol und Wien, bereits vorhanden. In Lemberg, Stanislau, Rzetzow u. Przemysl sind solche im Entstehen begriffen. Dieser Orden führt den Namen ״Bnei Chorin" ״frei vom Golus." — Wir eröffnen fiicmit über den ״Jungzionismus" die Diskussion. Tic Redaktion. dem rauhen Norde» verpflanzt, verkümmert sie in einem zwerghaften Wachstum. Sogar in dem größten Palmen- Haus der Welt in Wien unter der sorgsamsten Pflege ist sie bei weitem nicht so schön ivie in eigenem Lande, allen Zufälligkeiten der Temperatur ausgesetzt. Mutatis mutandis gilt dieses Naturgesetz bei der Gestaltung des National- und Rassenlebens der Inden. Als ei» junger, nicht oder primitiv organisierter — sowohl im sozialpolitischen wie im rassenmäßigen Sinne — Stamm, sind wir aus den Wüsten Arabiens nach Palästina gekommen. Hier entwickelten wir die uns angeborenen Fähigkeiten zu aktiven Faktoren, hier erwarben wir neue Eigenschaften, da wir noch jung und aufnahinsfähig ivaren. Hier sind ivir zur Nation und Rasse geworden. Die Erkenntnis der Wichtigkeit der Blutrcinheit förderte die Vollendung der Organisation. Tie Fähigkeitcn und Fertigkeiten, die wir aus dem Schlummer der potenziellen Stadien ins Leben riesen, das ist unser Stammkapital, der Ausgangspunkt unserer Lcbensmöglichkeiten und der weiteren Entwicklung. Von dieser Scholle, vom heißen Süden, sind wir von der rauhen Römerhand cntlvurzelt und nach dem Norden in die Diaspora verpflanzt worden. Tie grausame Natur hat uns ihre Gesetze spüren lassen. Unter den veränderten Bedingungen ist uns die Lebens- und EitlwickluugSmöglichkeit genommen worden. Wir konnte» uns nicht dem vorhandenem Milieu organisch anpassen. Unsere geistige und rasscumäßige Struktur war schon auskryiiallisiert, in unserer Art; fremd ivaren wir dem neuen Milieu und den Völkern, die bereits ivaren oder auch kommen sollten. Wir haben uns nur in den anderen Organismus cingefügt. ohne sein Leben lebe!! und ohne ein eigenes führen zu können. Wir ivüre» dein Untergang geweiht, hätten lvir uns nicht in einen anderen, Zustand binübcrgerettet. Wo ist die Erklärung für diesen Zustand? Suchen wir wieder eine Erklärung unter den Natur- Phänomenen. Viele Tiere und Pflanze» haben die Eigenschaft in den Zeiten der Gefahr oder ungünstigen Lebensbedingtii'gen in den Zustand eines latenten Lebens zu verfallen. Manche bringen cs sogar zustande sich in einen Schntzpanzer einzukapseln, in dem sie die ungünstige Zeit überdauern. Sie sind nicht tot, aber sie leben auch kein volles Leben; sie sind gegen die Gefahren gefeit. Auch das Leben der Juden ist kein volles, nur ein latentem Zustand; unser Schulipanzer ist das Ghetto. ES ist ein allgemein verbreiteter Irrtum, daß das Ghetto von den anderen »ns anfgezivungen ivorde» sei. Die äußeren Mächte haben mir einen bereits eristierenden Zustand sanktioniert. Unsere Abschliessung von der übrigen Welt war eine Naturnotwendigkeit: die Gesetze der Rabbiner ivaren von dem lveisen Zukunstsblick und von einem genialen Erhaltungsinstinkt diktiert. In dieser Beleuchtung ist die Lebensgcschichte der Juden unserem Verständnis näbergerückt. Tie Völker, unter denen lvir leben empfanden uns immer als einen Fremdkörper in ihrem eigenen Körper. Dringt ein Fremdkörper in unsere Hand hinein, dann bildet sich um ihm herum Eiter: und diese Eiterbitdung hat keinen anderen Zweck, als den Fremdkörper zu entfernen. Mord, und Pogrome, Verachtung, ökonomische und politische Knebelung — das ist die Eiterung der anderen Nationalkörper, das sind instinktive Bemühungen sich unser zu entledigen. Von diesem Gesichtspunkte ließe sich auch die eigenartige ökonomische Entwicklung der Juden verstehen und die geistige Richtung und Art ist nichts andcres als eine Funktion dieses Zustandes. Unsere grüßten Errungenschaften, die wir der Menschheit gegeben haben, sind in Palästina entstanden: die Religion. Zwar nennen wir große Männer aus der Diasporazeit — einen Majmonides und Spinoza, einen Heine und D' Jsraelli, einen Meyerbeer und Israels usw., unser Eigen, aber ihre Werke sind ein Prodllkt eines latenten Lebens: groß sind sie, aber nicht so groß wie die Werke des vollen Lebens in Palästina. Dieser Zustand dauerte fast unverändert bis zu den Zeiten der geistigen und politischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts. Kurzsichtigkeit glaubte, daß der Fceihcitstauiucl. der Europa eine zcitlaug fesselte, auch uns eine bessere Stunde verkünde. Man glaubte nach der Verkündigung der Menschbeitsrechte sei die Zeit angebrochen ein volles Leben führen zu können. Ein Sonnenschein lvar es, ein falscher, der die schlummernden Kräfte aus dem sichere» Versteck hervorrief. Nur kleine Teile, von dem glühenden. chrlichcn Eifer eines Moses Mendelssohn geführt, wagten sich in das fremde Leben in der falschen Erkenntnis der Tragiveite dieses Schrittes. Schon die Nachkommen sind schiffbrüchig geworden und rettete» sich i» den Schoß derKirche. Wer genau die Geschichte der Nisimilativiisbeilrelmiigen betrachtet, der wird drin die Wirkung der noliveiidigeii Naturgesetze finden. Jede aktive Teilnahme am fremde» Leben, die nichl eine Abwehrbewrgung ist, führt niit der vollsten Sicherheit zu Energieverlnst und zur Abstostung der angefrrsscnen Körperteile. ll. Ter Zionismus ist eine Bewegung, die bre,weckt die Juden aus dem Lateuzstadium in ein volles Leben u» überführen. Heß, Pinsker, Acbad Haam und Herzl sind nicht Schöpfer des Zionismus; sie sind nur seine eklatauten, konzentriertesten Träger. Das iind die Sammellinsen der ansiirahleudeu Kräfte, aber die Kräfte schlummerten in der Natur de-:- Judentums. Ter Zionismus ist eine Naturäusserung und als solche eine Naturkraft. Bei den entsprechenden Erscheinungen der Natnr, bei den w׳r nm Erklärnngen pochen, finde» nur die Tiere und Pflanzen ans dem Stadium des latenten Lebens in das des Vollen übergeben, sobald die Gefahr im Verzüge in. Ist die Gefahr für »ns im Verschwinden? Die Ersahrnngen der letzten Zeit antworten ein Harles ״Nein!" Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich an dieser Stelle alle Möglichkeiten anszählen und untersuchen, die ein (Gelingen unserer Bestrebungen verbur gen oder fördern.?Iber eines darf nicht außer '.'Ictu gelassen werden: der Zionisiiins. die Bestrebung zur ’(!•- generation ist schon hoch an der Zeit. Ein allzulanges Latenzstadiuln bringt in sich insokge herabgesetzter At tivität eine riesige Gefahr: die Regenerationsfäkigkeit verlieren zu können. Dieses Memento muß ich ninso ausdrücklicher nnkersireichen als sich schon manches Versallszeichen der Rasse meldet. Das Basler Programm zeigt die Heilsrichinng gegen die Kranlheit an. an der ivir und die anlochlonen Völker, unter denen wir leben, laborieren. Diese Krankfeit Jndeiisrage iit eine Wellsrage. Die erfolgrei-be, radikale Bekämpfung einer .Krankheit hängt viel davon ab, ob die Aetiologie, die Krankheitsursache, bekannt!!!. Ist der Krankbeilserreger bekannt, dann ivissen ivir mit ivelchen Mitteln ivir sie bekämpfe» können, oder nur kennen!venigstens die :»Itchknng, an der nur d>e Heil mittel suchen sollen. Wir haben es dann in der Hand die Symptome richtig eiuzuscbätzeu und niebt mit der!Ir sache zu verivechsel»; dann ist es auch möglich die Prognose «den Krankheilsverlauf> zu iielle», um die r!cb tigc Heilung anznbahnen. Diese Tatsache, jedem prat rischen Arzt geläufig und auch dein Laien ׳chon läiigsr kein Geheimnis, ivnrde bei der Beirachtniig der Inden frage arg vernachlässigt. Die Jndeiisrage ivnrde gelvöbnlich auf Grund von Sumptoinen. die nicln ans!bien 111׳ sprung znrückgefübrt wnrden, behandelt. Den einen!u das Kulturelle anfgefallen. den anderen das Oekonomische, den .Kurzsichtigen die politische Bevormundung. Dieser Erkenntnis entsprach auch die entsprechende Auffassung des Zionismus und die ans dieser Aui-.bauung vorgeschlagenen Mittel sind auch deinenlsprechend. Eine symptomatische Behandlung ist heute die Weisheit unserer Politik. In der Medizin bedeutet es ein Bekennlnis der Unzulänglichkeit unseres Wissens, ein Versagen aller Mittel und sobald iich der Organismus aus Erhaltungstrieb die Schutzmittel selbst nichl schafft, dann ist das erkrankte Individuum dem Tode ausgeliefert. Aber wenn man sich seines Unvermögens, die .Krankheitsursache herauszufindcn beivnßl in, dann zwingt die .Hoffnung sie doch zu finden so inaiichen Gelehrten an den Arbeitstisch. Gefährlich ist ein Svinp tom als Ursache einer Krankheit anzunehinen. Dann glaltbt man nicht ivciter suchen zu müssen. Unseren Politikern, .Knltnrellen und Oekonoinisten ist es so ergangen. Diese falsche Jnangriffnahnie der Frage erzeugt Verweisung und Symptoinlosigkeit. Das erklärt auch manche Verirrungen, die sich die zionistische Lrganikation oder manche ihrer Teile zuschulden kommen ließen. Es möchte zu lveit führen alle Fehler auf ihre Genese zu untersuchen: es lvird gelingen, ivenn ich an einem Beispiel eine Verirrung, die die grüßten Verheerungen hervorgerufen, die Gefahr der Snslenilojigkeit und der Verkennung des eigentlichen Zustandes kennzeichne» ivcrde. Ich meine die Landespolitik. In Rußland und Galizien, den Ländern mit der größten jüdischen Mas-