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Jüdische Volksstimme · 1914-02-26 · Heft 8 (26.2.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 8 (26.2.1914)
Date
1914-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Attische B-NSsti««e." Nr. 8• Jviir diese?hicrfcnnuufl durch alle recht- und vernünftig denkenden Männer aller Nationen der Donaumonarchie bietet sich jetzt Gelegenheit. Die im Dezember 1918 begründete: Gesellschaft zur Förderung des nationalen Friedens in Oesterreich ״Austria Nova" anerkennt die Inden als Nation. Ter Aufruf der Gesellschaft ist unterschrieben von den besten aller österrcichischer Völker. Die selbstbewußten Juden fehlen! Warum? Juden Oesterreichs, cs ergeht an Euch der Aufruf tretef der ״Austria Nova" bei! Es ist die einzige große nicht politische Gesellschafr, die die Juden allen übrigen Völkern gleichstcllt. Die für die Gleichberechtigung aller Völker der Donamnonarchie eintritt. Hier könneu wir Schulter an Schulter mit den frcihcitlichendenkenden Männern aller Nationeir für unsere Rechte käinpfcn. Es ist Gefahr vorhanden, daß sich assimilatorischer Einfluß cinnistet, daß die erhabenen Ideen der Anerkennung der Inden durch einflußreiche Assimilantcn zunichte werden, dsscn mögen unsere Parteigenossen eintreten, um den jungjüdisck)en Einfluß geltend und das juugjüdischc Programm bekannt zu machen. Ein namhafter jungösterreichischer Schriftsteiler erklärte ganz offen, er könnte, wäre er Jude, nur Jüdischnational sein! * * * Nach Ansicht der Parteileitung sei das Palästinensischc Schnlwerk gesichert. Gut. Nun beginne man endlich das so lange Versäumte in Oesterreich gut zu Ntacheu. Der ss 14 herrscht im Reiche; über kurz oder lang kann das Haus vollends aufgelöst werden. Die Jüdisch-Nationalen werden vor jüdische Wähler hintreten mit der Aufforderung, ihnen ihre Stimmen zu geben. Das muß und kann nur einlieitlich geschehen. Es geht nicht an. in Galizien für die Ruthenen und in der Bukowiita gegen die Ruthenen Stellung zu uchmeu. Es geht nicht au, daß man in einer Stadt für den Sozialdemokraten, als dem berühmten ״kleineren Ucl>el" eintritt, in einer anderen ihn aber wieder lxstämpft. Noch einmal ergeht daher die Aufforderung: Zur Einberufung eines gemcinsamen österreichischen politischen Parteitagcs durch den jüdischen Nationalvcreiu in Wien! Der Parteitag muß auch über die Leitha hinweg die Inden umfassen. Es ist höchste Zeit, daß der Partikularismus der österreichischen Zionisten anfhört, die Schaffung einer gemeinsauren Zentrale ist nötiger denn je. Der jetzige Zustand widerspricht den primitivsten Grundfordcrungcn des Zionismus. Galizien nähert sich seinem Frieden. Die Juden Galiziens sind das einzige Volk im Lande, das keiner russophilen Orientierung geziehen lvcrdeu kaitii. — Das können nicht die Polen und die Ruthenen auch nicht von sich schlankwcgs bchaupten. Die Ruthenen besitzen einen moskowophilen Flügel mit dem sogar die Allpolen Paktücrten. Es soll auch Zionisten gegeben haben, die mit den Allpolen kokettierten?-Es ist unglaublich, und grenzt an die größte Unwahr- Im Herbste ward die Hochzeit gefeiert. In Joel Reinachs Zimmer traute ein geistesverwandter Freund Heuochs das glückselige Paar. Mine war die einzige Zeugin. Herr Neinach hatte ihr einen kostbaren Seidenstoff zuin Festkleide gesandt. Als die Feier beendet war und das junge Paar sich in das neue Hans begab, das die Gemeinde ihm tieben dem Tempel er&ay* hatte, begleitete Mine sie bis zur Schwelle uud umarmte sie mit mütterlichem Segen. Dann kehrte sie in ihr Stübchen ein, zertrennte das neue Seidenkleid, heftete die Blätter zu einer Decke über die Predigcrkanzcl zusammen und nmsäumte sie mit den brabanter Spitzen, die ihr Joel Neinach zurückgesandt hatte — für ihr Brautkleid! Die schöne Berta verbarg auf Wunsch ihres Gatten ihre reichen Locken vorschriftsmäßig untcr ein weißes Häubchen, das wie ein .Heiligenschein ihr Gesicht umrahmte. Das Glück hatte sie verklärt, aber verklärter noch sah Mine auf das verklärte Paar, zu dem sie fortan unzertrennlich gehörte. Drei liebliche Kinder legten sie auf die ,Siiiic des Großvaters; Hiob sah neues Leben aus den Ruinen blühen. Ruhig schloß er die müden Augen, er wußte seine Berta im Schutz eines edlen Gatten, einer liebevollen Mutter! So wäre alles schön und glücklich gewesen, scheinlichkeit, daß eine Negierung dem nicht Rechnung tragen sollte. Wir Jungjuden sind eine Partei, die ihrem Programme nach die österrcichische Ncichsidcc auf ihre Fahne schrieb. Galizien ist ein strategisches Bollwerk gegen Rußland. Galizien ist ein Grenzgebiet, in dem nichts so sehr gesucht wird, und nichts nötiger ist, denn eine rcichstreuc Bevölkerring; das sind in erster Linie die Juden im vollen Umfange. Es kann der österreichischen Regierung nicht gleichgiltig bleiben, aber auch nicht dem dcrzeiti- Ligen Höchstkommandicrcndcn der österreichischen Armee, welcher Art Staatskunst in diesem militärisch wichtigsten Lande gemacht wird. Tie zionistischen Parteiführer dürfen sich jedoch durch ein liebenswürdiges Lächeln, durch einen freundlichen Gruß des Herrn Statthalters Tr. Witold Ritter von Korytowski nicht bezaubern lassen. Do nt des! Die Jungjuden Oesterreichs versichern der österreichischen Negierung Reichstreue und man wird mit ihnen rechnen. Aber da müssen schon die Führer die Massen hinter sich haben; da müssen zuerst alle die assimilatorischen ״Allpolen" niedergerungen sein. Und es wäre traurig, wenn die 800.000 Juden Galiziens nicht für uns zu haben wären. Sicherlich mit Palästinalichtbildern, mit Schekelsammlnngen allein kann man sie nicht gewinnen, da muß schon ein großzügiges Wirtschaftsprogramm anfgerollt werden. Und was Jahre versäumten, können Jahre wieder wettmachcn. Aber auf zur Arbeit! Die jüdischen Massen müssen sehen, daß wir hier für sie etwas tun wollen, daß wir mit der inneren Arbeit Ernst machen. Tie Juden Böhmens mögen sich an Galizien ein Muster nehmen, und alle übrigen auch. Man will endlich in Oesterreich den Frieden baden. Wer ihn will, ist gleichgiltig. Aber cs wird ernst mit dem Ausgleich. Die Juden Böhmens mögen doch endlich aus ihrem politischen Schlafe erwachen, damit sie ein Faktor sind, wenn zu multiplizieren begonnen wird. Graf Stefan Tißa, der ungarische Premier, verhandelt mit den Nationalitäten. Vorläufig mit den Rumänen. Tie Südslavcn werden nicht rasten, die Slovakcn und Deutschen nicht ruhen. Nur die Juden! Die sind noch alle am Gänge!- band der verschiedensten chauvinistischen Parteicn und bekämpfen einander unter dem Losungswort der ״Opposition" und der ״nationalen Arbeitspartei." So fassen denn unsere nngarländischen Zionisten die zionistische Partei nur palästinophil ans? Wähnen sie etwa noch immer, Ungarn sei ein einheitlicher Nationalstaat? Wollen vielleicht die Juden Ungarns der magyarischen Gentry Volksmengen über den magyarischen Nationalismus halten? Wir erlebten schon das tragikomische Schauspiel, daß ein Jude Auspitz dem alldeutschen Georg Ritter von Schönerer den Verrat am deutscheu Volke vorwarf. Die Entwicklung lehrte, welche Folgen den Juden daraus erwuchsen. * * * hätte nicht die Feindin des Schönen und Glücklichen, die giftige Cholera, zu jener Zeit ihren Berwüstuugszng durch Deutschland gelenkt. — Grimmig wütete sie in der Gemeinde, rastlos srand der edle Seelsorger den Kranken und den Sterbenden zur Seite. Aber das ״Los" des Schöneu auf der Erde fiel auch ihm, das tätliche Gift war in seine Adern geschlichen. Ein kurzes, schmerzliches Ringen und die leuchtenden Sterne seiner Augen versanken am Horizonte unserer Erde, seine geflügelte Seele flog dem Urquell der Liebe zu. Mine stand an seinem Lager in stummer Verzweiflung neben Berta, die ihr Haupt au dem erstarrten Herzen des Gatten barg. Sie hatte nur ein Gebet: sie flehte den Todesengel an, auch sie zu küssen; aber dieser zog der verwelkten Blume die blühende vor und küßte Bertas jugcndschwellcnde Lippen. An eincin Tage wurden Hcnoch und Berta bestattet. Als Mine davongetragen sah, was sie ans Erden geliebt hatte, da fragte ihr gebrochener Blick die ewige Vorsehung: ״Was soll ich noch hier?" Da tönten die Stimmen der Kinder an ihr Ohr, die harmlos im Nebenzimmer spielten und kicherten. Sie ward die Mutter der Waisen, die unter ihrer Sorgfalt blühend heranwuchsen; der Aelteste hatte feines Vaters dunkle Locken und dessen großes tiefes Auge, das Jüngste, kaum Es mag auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, wenn ich Palästina mit Jnnerarbcit zusammcgbringe. Doch gehören die beiden Begriffe zusammen. Vorläufig noch. Dem Programme gemäß. Und auch das E. A. C. trägt diesem Umstaude Rechnung. Tie innerpolitische Betätigung ist ein integricrcnder Bestandteil des Zionismus. Die innerpolitische nationale Arbeit ist aber auch das TchibboU! des Zionismus. Sind wir uns doch darüber klar! Auch die Wiener Kultusgemeinde hat in einer schwachen Stunde ihr -Herz an Palästina verloren. So frage ich denn? Hätte die Wiener jsr. Kultusgemeinde —■ selbst wenn Tr. Alfred Stern geschlafen hätte, fauch der göttliche Homer soll ja bisweilen geschlafen haben) — so frage ich, hätte die Wieiter Kultusgemeinde für die nationale Arbeit im Lande gestimmt? Und wäre cs nur für eine Sitzung gewesen! Tas eben ist der Kernpunkt unserer Bcwcgung! Wir vergessen in unserem Palästinarausche immer inehr daran, daß so mancher Jude für Palästina eher seinen Obnlus gibt, denn für selbstbewusste, nationale Arbeit hierzulande. Man läßt sich nur allzugerne als Wohltäter der Menschheit preisen, selbst von den ״bösen" Zionisten! Es klingt auch eigentümlich, wenn unser Zentralorgau die Mitarbeit der Assimilanten knrzwegs von der Hand weist, und denn doch wieder empört ist, wenn Assimilanten kein Geld geden wollen! Oder pecunia non ölet? Ta sind wir doch, die wir keiner Kligue und keiner Tafelrunde angehören, denn doch auch gute Zionisten, die wir alle Leute, die zu uns kommen wollen, erst aus Herz und Nieren prüfen. Und wer, um ans deni Bache zu trinken, zuerst niederkniet, nin Wasser mit der Hand zu schöpfen, den weisen wir lieber aus unseren Reihen. To ähnlich soll es Gideon der Baaltöter gemacht haben: Er soll ja auch kein schlechter Jude gcwesen sein?-- Tarn in aber haben wir Zionisten ganz vergesscn. Da war es zu Herzls Zeiten denn doch anders. Ta stritt man ja darüber, ob man an Nichtzionisten den Schekel verkaufen dürfe. Und wenn ich nicht alles vergessen habe, so müssen ja Parteibeschlüsse eristieren, die sich dagegen euergisch aussprachcn. Wir sind ja aber heute über Hcrzl hinaus, so sagt man wenigstens! Oder sollen etwa Parteibeschlüsse nur dazu da sein, um nicht cingehalten zu werden? Es muß doch einem organisierten, geschulten Zionisten bekannt sein, daß ein Schekel nur an einen Parteigenossen verkauft werden dürfe. In der Praris soll es ja doch anders sein. Vielleicht irre ich? Wer nur für Palästina Geld gibt und gar fürs hebräische Schulwerk, deu lassen wir einen guten Mann sein. Doch ich rufe: O.uvd non! Noch lange ist der kein Zionist, der Palästinophil ist. Noch lange nicht. Und wir gehen gejährliche Bahnen! Mit dieser unserer zionistischeu Wertschätzung. Es könnte mal so einem palästinophilcn Assimilanten cinfallen, mir ins Gesicht zu schleudern, er wäre der bessere Zionist, weil er für Palästina mehr Geld gäbe. ztveijährige, glich an Engclsschönheit ihrer Mutter. In der Sorge für die geliebten Kleinen fand Mine ihre Jugend wieder. Sie spielte mit ihnen, sie erzählte ihnen Märchen, sie sang ihnen ״An Alers" und ״In Myrtills zerfallener Hütte"! Und wenn die Kinder in der Orangerie Blüten sammelten und Mincs Augen über die weite Grasslächc des ״Bullengrün" dahinschweiften, dann grüßte sie im Geiste die lieben Verklärten, die dankbar segnend auf die Hüterin ihrer Kinder herablächelten! Als diese heranwuchsen, erzog sie Mine im Geiste des Vaters, im Kultus der heiligen Erinncrung an die Verklärten. Sie sah, eine Greisin, die geliebten Treversorgt und als sie die Augen schloß, umgaben sic drei weinende Kinder. Man wollte sie neben ihreit Eltern, dem alten Raas und Frau Süß, begrabet:; aber es war kein Raum für sie da; die Toten drängten sich wie die Lebenden. Ta fand sich zufällig ein Plätzchen just neben Henoch und Berta. Dort ruht Naafs Mine!

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