Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1914)
- Date
- 1914-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 2. Nr. 7. merische Zahl der Bevölkerung allein, sondern zugleich und vielleicht in höherem Maße ihre Tteucrkraft bei der Festsetzung der Mandate ausschlaggcbend war, sonst nnißte man den Ruthcnen nicht 29 ■A°l0, fonbern circa 45°/0 aller Mandate zusprechen. Den obigen Ausführungen gegenüber ist die verschwindende Zahl von 8 Mandaten für die Juden ein schreiendes Unrecht. Auch wenn von nationalen Forderungen der Juden, zu deren Stellung die Juden doch vollständig berechtigt sind, abgesehen wird, bilden doch die Juden im Lande größtenteils einen besonderen socialen Körper, der im Landtag vertreten sein muß. Der Handel ist fast ausschließlich, das Kleingewerbe, vorzugsweise in den Händen der Juden, da ziemlich zahlreiche Berufe, der Mäkler, Agenten, Hausierer ist, nur durch die Juden vertreten, und doch wird diesen allen mit Steuern und Leistungen belasteten Schichten keine geziemende Vertretung gegeben. Die religiösen Interessen der Juden sind überhaupt nicht vertreten, dagegen ist die katholische Kirche durch 7 Würdenträger vertreten. (Schluß folgt.) Eine Abfertigung. Von einem »reiner Schüler wurde mir vor einiger Zeit ein ״Flugblatt" des sattsam bckannten Leipziger .Hammerbundes (Theodor Fritsch) zur Aeußerung übergeben. Es trägt alle Merkmale der Aufreizung gegen eine gesetzlich anerkannte Neligionsgenossenschaft, die meines Erachtens schon unserer studierenden Jugend gegenübcr nicht unerwidert bleiben darf. Qui tacet. consentire vidctur. An seiner Stirnseite das Bild eines grimmen behelmten Germanen zeigend, den die Raben umflattern, enthält besagtes Flugblatt einen ״Auszug aus dem Schulchan Aruch", der dem Nachweis dient, daß dieser die ״Nichtjuden zu schädigen und die Macht des Volkes Israel zu heben" bestimmt ist, und der in der Drohung gipfelt, gegen die jüdischen Gemeindcn als gegen das Gemeinwohl vcrschworene Gchcimgesellschaften Anzeige zu erstatten. Der Autor dieses Pamphletes Tl-eodor Fritsch wurde vor Jahren von der Leipziger Strafkammer wegen Verbreitung dieses Flugblattes belangt, was die Sache I,inlänglich kennzeichnet. Da nun dieses famose Prcßerzcugnis auch österreichische Gebiete mit seiner Gegenwart beehrt, so ist cs Jedermanns Pflicht, der cs ernst mit seinem Judentum meint, dasselbe mit gebührlichcr Entschiedenheit znrückzuwcisen. Obgleich als Hauptguelle desselben das Machtverk eines gewissen Tr. Jakob Decker! figuriert, der bereits seine endgültige Beleuchtung gefunden, so sei zum Ucbcrsluß noch folgendes fcstgestcllt: Von den fraglichen Gesetzen des Schulchan Äruch, die hier in erwähntem Flugblatt im Auszug erscheinen, findet sich nicht eine einzige in der mir vorliegenden zensurierten Ausgabe d. Schulchan Aruch vom Jahre 1827 (Malfusische Buch- ״Mein Glück", rief er aus, ״das ich nur Ihnen verdanke!" ״Nein, ein anderes, höheres bat Ihnen die Vorsehung gewährt", erwiderte sic, ״und es fehlt Ihnen nur der Mut. cs ganz zu erfaßen. Sprcchcn Sic nicht", fuhr sic lächelnd fort. ״Ich weiß es ja. Sie lieben Berta und Berta liebt sie auch. Sie selbst hat cs mir gesagt in jenem Kuß. den sic auf meine Wangen drückte, als Sic im Tempel alle Herzen gerührt und erhoben: ich aknte damals schon dies unverhoffte Glück und pries Gott, der es Ihnen Vorbehalten. Und waruin beängstigt cs Sic?" fuhr sic fort, als Henoch, keines Wortes mächtig, ihre Hand an sein laut klopfendes .Herz preßte, ״zweifeln Sie an der Gesinnung des edelsten Vaters oder zlveifeln Sie an Ihrem eigenen Wert? Oder zittern Sie vielleicht vor dem grausamen Schicksal, das Bertas Schwester getroffen? Nein. Sie ist gekräftigt, geseit durch die wunderbare Kraft der Liebe, und wäre sic Ihnen auch nur für eine Spanne Zeit geliehen, diese Spanne wäre eines ganzen Le- I'cns wert!" ״Und das sagen sic mir!" rief Henoch überwältigt aus und eine Träne der Bewunderung trat in sein Auge. (Fortsetzung folgt. druckerei) Lemberg, also in! Zentrum des strenggläubigen, gcsetzcstvcuen Judentums: möglich aber in irgend einer unzensurirten, längst außer Verwendung sielenden und darum unkontrollierbaren Ausgabe, und vielleicht auch da nur mit Bezug auf ״Akum", was lediglich ״obde kochabim umasolaus". heidnische Sternanbeter bedeutet. Ucber die Kommentare, welche gleichsam die einstigen Zeitereignisse zu solchen Äeußcrungen lieferten, ein Wort zu verlieren, ist wahrlich heute im Interesse aller unzeitgemäß. Aber solche Ausgaben als das ״heute maßgebliche jüdische Gesetzbuch" hinzustellen, das ist wirklich eine Zumutung, die etwa derjenigen glcichkäme, das l>cutige allgemeine bürgerliche Gesetz aus dem Corpus juris civilis des Justinian zu zitieren. Das Pamphlet führt heute gänzlich obsolete Proben an. Ihnen stehen aber Proben humanitärer, liebevoller, cdelsinuiger Satzungen gegenüber, entnommen jenem jüdisch-ethischen Neligions-Kodcx, der noch heute zu Recht besteht. Ausschlaggebend sind doch offenbar nicht im Leihbibliotl^ckenstaub schlummernde, sondern im Mittelpunkte des heute maßgebenden, lebendig geübten, jüdischen Religionsgesehcs stehende Proben jüdischer Moral und Sitte, von denen einige hier geboten seien: Schulchan Aruch Jore dea und zwar in jeder beliebigen Ausgabe 247, 7: ״Auch nichtjüdischcn Greisen muß man Hochachtnng erweisen und ihnen die Hand reichen, um sie zu stützen". Schulchan Aruch Jore dea 151. 12: Es ist gebührlich, nichtjüdische Arme zu ernähren, zu besuchen nichtjüdische Kranke und zu bestatten nichtjüdische Verstorbene, sie zu betrauern: zu trösten deren Wehcklagende, damit man fördere die Wege des Friedens. Auch nichftüdischen Armen darf man nicht verwehren, gleich jüdischen Armen Nachlese auf dein- Felde zu halten, eine auf dein Felde vergessene Garbe sich anzueignen und die Ecken des Feldes, die Eigentum des Armen sind, abzutreten. Schulchan Aruch Jore dea 259, 3: Wenn ein Jude einen Leuchter oder ein andercs Geschenk Bei Synagoge gespendet hat, darf dasselbe durch Gcmeindebeschluß verkauft oder einem anderen heiligen Zweck zugewendet werden: hat ein Andersgläubiger der Synagoge ein Geschenk gewidmet, dann darf dasselbe (aus Rücksicht auf den Spender) nicht verkauft oder cinein anderen Zwecke zugeführt lvcrden. Schulchan Aruch Jore dea 267, 17: Die Torah verbietet es Wohl nicht, dem Heidnischcn Sklaven schwere Arbeit aufzuerlegen, aber die uns gebotene Menschenliebe und die Lebensweisheit verbietet es. Das Verhalten gegen die Sklaven muß aber unbedingt von Erbarmen geleitet sein; das Joch, das ihm auferlegt wird, darf nicht schwer genracht werden: man quäle ihn nicht, gebe ihm vielmehr seinen Teil von allen Speisen und Getränken, die wir genießen: inan kränke ihn nicht durch geringschätzerrde Worte und Handlungen, schreie ihn nicht zornerfüllt an, sondern rede mit ihm gelassen und höre auf seine Gegenrede. Schulchan Aruch orach chajim 224, 7: Wer einen nichHüdischen Weisen siel)t, einen von den Völkern der Welt, der spreche: Gepriesen seiest Du Ewiger unser Gott, König der Welt, der Du von Deiner Weisl>eit den Sterblichen gegebe:: hast. — 8. Wer einen jüdischen König sieht, spreche: Gepriesen seist Du, Ewiger usw., der Du von Deiner Herrlichkeit denen verliehen hast, die Dich ehrfürchten; wer einen König von den Völkern der Welt sieht, spreche: Gepriesen seiest Du usw., der Du von Deiner Herrlichkeit verliehen hast dem Sterblichen. — 9. Wir üben ein Gebot der Religion, wenn wir uns bestreben, einen König zu sehen, nicht nur einen israelittschcn, sondern auch einen König von den Völkern der Welt. a. a. O: 306, 12 Magen Abraham: Es ist ein schöner Brauch, nicht nur dem jüdischen, sondern auch dem nichtjüdischen Arbeiter den Wunsch zuzurufen: Möge Dir Deine Arbeit gelingen. Wer Veranlassung findet, daß irgend Jemand, und sei es auch ein Andersgläubigcr, eine Sünde begel)e, der hat gegen die Vorschrift gesündigt: ״Vor einem Blinden sollst Du kein Hindernis legen." a. a. O: 490, 4: An den letzten 6 Tagen des Pessachfestes wird das Hallelgebet (Psalm 113—119) nicht vollständig verrichtet. Ture Sahab: In diesen Tagen fanden nämlich die Acgyptcr ihren Untergang im Schilfmeere und Gott spricht gleichsam: ״Meiner Hände Werk versank im Schilfmeer und Ihr wollet einen Lobgesang anstimmcn?" a. a. O: 694, 3: Es ist an vielen Orten Brauch, am Purimfeste milde Gaben an Arme ohne Unterschied des Glaubens zu verteilen. Dieser Brauch muß beibehalten werden. Das sind Proben jüdischerMoral und Sitte, die heutzutage im jüdische» Alltagsleben gelehrt uud geübt werden, die aus unzählig vielen analogen hcrausgegrifsen sind und die. zusammengestellt, ganze Bände füllen würden. Der Leipzigcr Hammer-Bund aber — nomen cst omen — der, anstatt sich belehren zu lassen, cs vorzieht.als Hammer tüchtig dreinzuhauen, verlangt kategorisch ״von maßgebender jüdischer Stelle" Ant- Wort aus seine 6 gestrengen Fragen. Nun, diese wird ihm wie in Deutschland auch hier nicht schuldig geblieben werden. Aber hier sei ihm vorweg auf seine 6 Fragen folgende Antwort erteilt, selbst auf die Gefahr hin, ob dieser Kühnheit von Herrn Fritsch der ״rabbinischen Despotie und Tyrannei" geziehen zu werden. Zu Frage 1: Von einem Vorkommen der von Ihnen vorgebrachten ״Lehren" in den rabbiirischen Schriften, die unter keinen Umständen zu billigen wären, ist mir nichts bekannt. Zu Frage 2: Daß wir an unserer jüdischen Gemeinschaft fcsthalten, kommt daher, weil diese, wie obige Proben zeigen ,die edelsten, von lauterster Menschenliebe diktierten Grundsätze lehrt, übt und verbreitet. Zu Frage 3: Die Juden haben nienrals eine Uebersetzung der rabbinischen Lehren zu hintertreiben gesucht. Abgesehen von den lateinischen Uebersetzungen des Paul Riccitus, Samuel Clarke. Surenhusius, D. Lund, von der Mischnah- Uebersetzung des Rabe, Heinemann, Jost, Samter, H. L. Strack, wird gerade in unseren Tagen eine komplette Uebersetzung des Talmud von Lazarus Goldschmidt bewerkstelligt. Zu Frage 4: Eine despotische Gelvalt der Rabbiner existiert nach den obigen Moral-Proben derselben nirgends sonstwo als in der Phantaste des Leipziger. Hammer-Bundes. Frage 5 und 6: bezüglich des ״Ehrennamens Mensch" und der ״nichtswürdigen Moerledigt sich nach Gesagtem von selbst. Schließlich noch der Rat an die Herren Antisemitcn, die einer Belehrung zugänglich sind. — die Geschäftsantisemiten vermeiden diese ja grundsätzlich: — Wer sich über die Moral des Talmud und der Rabbiner ernstlich orientieren, will, der greife nicht zu Pamphleten, die aus alten, außer Kurs geratenen Quellen und oft aus berufsmäßiger Gehässigkeit ihre Weisheit schöpfen, sondern zu Werken, gleich David Hoffinanns: ״Der Schulchan Aruch und die Rabbiner über das Verhältnis der-Juden zu Andersgläubigen". (2. Auflage Berlin 1894.) Doch, wie lautet nur eine der bekanntesten., auch in den deutschen Spruchsatz übergegangenen Wahrheiten der ״despotischen Rabbiner": ״Ein guter Mensch braucht keine Lehre, einem schlechten Menschen nützt keine Lehre". Rabbiner Dr. Simon Mandl. Ein altes Lied. Wer kennt sie nicht, diese jammervollen Ge-, stalten, die sich uns hier in der Hauptstadt äugstlich zaudernd näljern und sagen: ״Jjch best' enk fugt mer, wü is doj dus allgemeine Kranken- Haus?" Wer sah'sie noch nicht, diese erbarmungswürdigen Geschöpfe in den Straßen Wiens herumirren, Passanten für Passanten belästigend endlich froh und überglücklich zu sein einen ״Brieder" gefunden zu haben, der sie aus dein Labyrintt, der Straßen den׳ so schmerzvoll erwarteten Ziele zuführt. Ja, schinerzvoll, das verraten uns sofort die aus deil tiefen Augenhöhlen bald nach links bald nach rechts!löschenden Blicke. Ueberall sehen sie eine Gefahr. Ob mit Recht oder nicht, hier zu erörtern liegt uns ferne. Sicher ist, daß das dem Juden schon einmal so angeboren. Aber heute handelt es sich uns um etwas ganz anderes. Gewöhnlich stecken wir Vorwürfe, daß bei uns Juden, physische Uebel, das sind körperliche Gebrechen in einem erschreckend hohen Petentsatz grasiieren, ganz ruhig ein. Oder wir halten