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Jüdische Volksstimme · 1914-02-12 · Heft 6 (12.2.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 6 (12.2.1914)
Date
1914-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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®eite 2. ״JLttsche BokkM««k.' Nx. 6. Programm kann der Zionismus einen starken ins Volk reichenden Anhang finden, sonst nicht'. Mit Ideologien, mit Palästinalichtbildern, mit Sammlungen fürs palästinensische Schulwerk allein, macht man keine Renaissance eines aufstrebenden Volkes Die zionistische Partei hat mit der Annahme der Oppcnheimerschen Siedlungsgenossenschaft für Palästina offen ausgesprochen, daß sie sich zur bodenreformerischen Anschauung bekennt. Es ist eine Halbheit, die unübersehbare Konsequenzen nach sich ziehen könnte, wenn man der Meinung huldigt, man könne in Palästina Bodenreformer sein hierzulande aber ein An- Hänger der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, oder ein Nachläufer der Marxisten Da gibt es nur ein Entweder-Oder! Entweder ist man Bodenreformer in Palästina, dann muß man es logischerweise auch hier sein, oder man ist es hier nicht dann darf man es auch in Palästina nicht sein Der Grundgedanke, vielleicht der erhabendste Gedanke des Zionismus überhaupt ist ausgedrückt im I. N. F., der offenkundig ausspricht, daß ein Privatbesitz an Grund und Boden in Palästina nicht existieren dürfe. Herz! hat in seinem ״Judenstaate" einen ähnlichen Gämnken ausgeführt. Es wird zwar in unseren Reihen bald nicht mehr modern sein, sich auf Herzl zu berufen, denn ״die Jugend wandelt nicht in den Nahmen Herzls"; soll dies wahr sein, dann bedauern wir unsere jüdische Jugend. Man mag ja immerhin Herzls ״Judenstaat" als Utopie hinstecken, das Eine ist klar, daß Herzl mit einer neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina auch ein soziales Neuland schaffen wollte. Und darüber werden selbst die radikalsten Herzlkritiker nicht hinauskommen. Vom zionistischen Standpunkte ist jedes jüdische Privateigentum au Grund und Boden in Palästina zu derwerfen. Und gerade die zionistische Partei begünstigte diesen Privatankauf in Palästina. Schafft nicht jenen Bauernstand, von dem Franz Oppenheimer einmal sagte, daß ״Städte schafft, wer Bauern schafft". In Palästina muß auch ein soziales Neuland geschaffen werden, soll nicht das Ghetto nach Erez Jisroel hinübergetragen werden — und der ״Golus". Palästina mutz von jüdischen Bauern nicht nur bewohnt, sondern auch bearbeitet werden. In Palästina muß aber auch der jüdische Arbeiter — ob Industrie — oder Landarbeiter, jene Freiheit, jenes Existenzminimum besitzen, das der Arbeiter allerorts fordert und ethischerweise auch verdient. In unseren Kolonien überwicgt noch zum großen Teile der arabische Arbeiter die jüdischen. Der jüdische Arbeiter muß wissen, daß in Palästina ein soziales Neuland seiner harrt, dann wird er auch nach Palästina wandern. Man muß ihm wirtschaftliche Vorteile bieten, darf von ihm nicht verlangen, daß er seiuem Idealismus zuliebe schlechtere ökonomische Verhältnisse akzeptiert. Mine, überwältigt von ihrem Glück, die schöne Berta umarmt und geküßt hatte, so umschlang jetzt Berta die Freundin und drückte einen glühenden Kuß auf Mines bleiche Wangen. Die eine Stunde hatte über Henochs Zukunft entschieden. Einstimmig beantragte die Gemeinde seine Ernennung zum ״Landrabbiner" in der Stadt, in welcher er vor Jahren ״Tage" gegessen hatte. Sein erster Gang war zu seiner Freundin. Sie empfing ihn, glücklicher als der Glückliche. Was er erstrebt hatte, er hatte es erreicht, nicht für sie, aber durch sie. Das genügte der edlen Seele! Und nun begann ein rastloses, fröhliches Wirken. Der Organisation des Gottesdienstes wie des Schulunterrichtes wurde gleiche Sorgfalt gewidmet. Die ganze Gemeinde stand begeistert und werktätig dem neuen Seelsorger zur Seite; die Jüngeren entflammten seine erleuchteten Ideen. Den Aeltercn imponierte seine Talmudkcnntnisse und die Rücksichten, die er selbst den rituellen Satzungen trug. Mit Joel Reinach konferierte er täglich, der Greis verjüngte sich form-!ich im Verkehr mit dem Jugendlichen. Berta nahm an allem teil; andächtig und entzückt hingen ihre schönen Augen an den Lippen des begeisterten Redners. Sie brauchte des Ritts im In Palästina muß in erster Linie ein Emigrationszentrum geschaffen werden; nicht für jene, ״die sich nicht asiimilieren wollen, oder können," sondern für diejenigen, die nicht hier bleiben wollen oder können. i Denn wir lehnen eine Assimilation a priori ab. — * * » Und nun, zur Arbeit hierzulande. Der Polnisch-ruthenische Ausgleich ist erreicht worden, wenn auch nicht restlos. Ueber die Köpfe der Juden hinweg. Oder vielleicht gar gegen die Juden. Die Juden als drittes Volk im Lande sind total vernachlässigt worden. Müssen es sein, da nach Ansicht eines hervorragenden zionistischen Parteiführers ״inter arma politica taaet". Wir verlieren hierzulande politische Positionen um Positionen. Waren wir Juden einheitlich stark organisiert, niemals hätte man den Ausgleich in Galizicn ohne uns geinacht. Hätten wir den Ruthenen die Bundesbrüderschaft gehalten, sie selbst hätten nur geholfen, unsere Forderungen, durchzusetzen. Ein jüdischer Politiker darf sich nicht von dem Momente leiten lassen, was Herr Witold Ritter von Korytovski dazu sagen könnte. Statt eine flammende Agitation im ganzen Donaureiche für die Anerkennung der jüdischen Gerechtssame einzuleiten, begnügt man sich, für das palästinensische Schulwerk zu sammeln. Unsere zionistische Parteileitung wird bald zum Rückzug blaseu! Eine Kursänderung ini Kampfe gegen den ״deutschen Hilfsverein", eine Kursänderung in diesem ganzen Kampfe, den man als Hauptmoment zionistischen Geschehens hinstcllte, ist bald zu erwarten! Dieser neue geänderte Kurs muß auch im Donaureiche sichtbar werden. Es muß endlich daran gegangen werden auch hierzulande den Wirtschaftlichen Verhältnissen ein größeres Augenmerk zuzuwendcn. Ein allgemeines nationalökonomisches Gesetz ist heute bereits die Landflucht. Ein soziologisches die Landflucht der Juden. Immer kleiner, immer schwächer wird, die jüdische Bevölkerung in den kleinen Stadtgemeinden, von den Landgemeinden nicht zu sprechcn. Dadurch wird ein Anschwellcn der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten gezeitigt, das einen Hohn auf jedwede Sozialhygiene bildet. Viele Juden haben nicht die Möglichkeit, wirtschaftlich aufzukommen, bald müssen ׳sie dem Boykott, der doch häufig zutage tritt, weichen, bald wiederum wird die arische Konkurrenz zu groß, namentlich, wo sie in der Form der Konsumvereine auftritt. Solche Konsumvereine-stnd. doch lange nicht mehr das Spezialgebiet der Arbeiter. In allen ländlichen Gemeinden kann man sie antreffen. In Mähren, Schlesien, Galizien und auch in Ungarn. Und hier namentlich in den slovakischen Gegenden, wo hiese Konsumvereine sich oft der Patronanz des ״Ortspfarrers. erfreuen. Freien nicht mehr; sie blühte frischer und glücklicher auf, wenn sie neben dem Vater und dem Freunde saß, der stillschweigend ein Glied der Familie, ja das belebende Prinzip derselben geworden war. Und er selbst, wie ersehnte er diese Stunden des Wiedersehns! Lächelnd blickte der Greis auf diesen stillen Seelenbund, es erschien ihm wie ein Walten der Vorsehung, daß die ihm von Gott Geschenkte dem gottgeweihten Manne sich zuneige, dem Manne, den auch sein Herz mit väterlicher Liebe umschloß. Aber er zagte, mit vorschneller Hand die Knospe dieser Neigung zu berühren, bevor sie sich allmählich entfaltet. Und doch bangte ihm vor dieser Entfaltung. Nicht als ob er sein einziges Kind zu gut für den Armen. Heimatlosen hielt; nein, wenn dieser nicht aus bescheidener Zurückhaltung schwieg, sondern aus Furcht vor der zarten, verweltlichen Blüte? Wenn dieser anderweitig gebunden wäre? Und hier tauchte vor dem geistigen Auge des Greises das Bild des Mädchens auf, die einst so rührend für ihren Schützling bei ihm gebeten hatte. — Durfte er die Neigung des ahnungslosen Kindes bis zur Leidenschaft gedeihen lasten? Sollte er Henochs stumme Lippen gewaltsam entsiegeln? Mit diesen Zweifeln quälte sich der edle Greis. (Fortsetzung folgt.)' Natürlich sind solche Konsumvereine in den Augen der Juden antisemitische Pfähle, der Juden, die in ihrer Kurzsichtigkeit nicht erkennen, daß auch diese wirtschaftlichen Gebilde politischen Hintergrund besitzen! Der.Slovake Ungarns, eben so wie der Rumäne, Ruthene und Deutsche ist heute mehr oder minder völkisch organisiert. Steht in Konsequenz besten der Regierungsmäjorität oppositionell gegenüber. Der Jude Ungarns aller Parteien stützt den magyarischen Chauvinismus dergestalt, daß schon aus diesem Grunde, ein Antisemitismus platzgreifen muß; oder wähnen etwa die NWgyaronischen Juden, daß der jüdische Demokrat Dr. Vaßony Vilmos den Juden. Ungarns und auch Rumäniens einen Dienst erwies, als er im Parlamente gegen den Grafen Tißa und dessen Ver- Handlungen mit den Rumänen protestierte? Die ungarländischen Rumänen werden diesen ״Dienst", den ihnen der jüdische ״Demokrat" Vaßony geleistet hat, mit dem gebührenden Danke zollen. Wird das rumänische Volk Ungarns immer weiter ins christlich-soziale und somit antisemitische Fahrwasser gedrängt, werden es die Juden in erster Linie im wirtschaftlichen Boykott spüren und kann man denn angesichts solcher verkehrter Politik über den Antisemitismus klagen? Mit keiner Zeile, mit keinem Worte hat noch die zionistische Partei weder in Ungarn, noch anderwärts dagegen Einspruch erhoben, daß Herr Dr. Vaßony nicht das Recht besitze, im Namen der Juden oder gar als Demokrat gegen die berechtigten Forderungen eines Volkes zu sprechen, so mag es hier geschehen! Die jüdische Politik ist Kirchturmpolitik, das kann man nicht genug oft sagen. Von einer sozialen Fürsorge ist nichts zu spüren! Von den wirtschaftlichen Punkten des Krakauer Programmes ist auch nicht einer seinem Ende zugeführt worden. Es ist notwendig, die Heren, die dieses Programm schufen, wieder einmal daran zu erinnern! Es umfaßt zehn Punkte, die halbwegs durchgeführt, dem Judentum vom größten Nutzen sein könnten: ״Förderung von Industrie und Export, namentlich Industrialisierung Galiziens und der Bukowina." ״Gesunde Jomunalc Boden- und WohnuugS- Politik, Vermehrung des Gemeindegrundbesitzes. Ankauf von Letifundien durch den Staat und Aufteilung an Bauern, auch an jüdische, unter Förderung von genostenschaftlichen Siedlungen und Rentengütern." ״Schutz der Auswanderung, Ausbau des Heimatsgesctzes Zwecks Verhinderung der gegen die Aufnahme von Juden gerichteten Gemeinde- Praxis usw., usw. Kaufinännische Konsumgenossenschaften. Verbilligung des Kredites für junge aufstrebende jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende. Stärkung des jüdischen Handwerkes, und seine Organisierung, das׳ alles wären Aufgaben einer jüdischen völkischen Politik. Doch davon geschah so gut-wie nichts!, denn man kennt das Programm gar nicht. Und es ist fast zu spät! Noch einige Jahre und die nationale Ordnung wird, in Oesterreich ihren Einzug halten, ohne oder vielleicht sogar gegen, das Parlament. Ist einmal der polnisch-ruthenische Ausgleich perfekt, so folgt ihm der deutsch-tschechische, über die Köpfe der Juden hinweg, denn unsere Gg. in Prag halten es nicht der Mühe wert, etwas in dieser Hinsicht zu tun. Eine Verständigung zwischen den Südslaven und den übrigen nichtmagyarischen Völkern mit der ungarischen Regierung herbeizuführen, scheint eine Hauptaufgäbe des derzeitigen ungarischen Premiers Grasen Tißa zu sein — und er kann sie herbeiführen, trotz Herrn Dr. Vaßony.- Was bleibt uns Jüdisch-nationalen noch übrig? Glaubt man etwa, wenn die übrigen Völker der Habsburgermonärchie völkisch befriedigt sind, man werde sich dann mit den Juden allein auseinandersetzen? Mit Nichten! Man wird nach der vollzogenen Tatsache einer völkischen, wenn auch nicht restlosen Befriedigung der österreichischen Völker über die Juden zur Tagesordnung übergehen! Politische Situationen fürs Judentum haben wir verpaßt; wirtschaftliche Positionen nicht geschaffen!- Noch ist Zeit! Noch kann, wenn nicht alles, so doch viel gewonnen werden, wenn sich die Juden auf sich selbst besinnen und ihre nationalen

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