Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1914)
- Date
- 1914-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener XV|3. Jahrg. Nummer 6. MM. BrzugStzreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjLhrig . . ..Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig . . . . . . Mark 12 — Rutzland, ganzjährig . ..Rubel 6 — Sallan, Frankreich . ... Franks 14־— Mit der Beilage ״DaZ jiid. Lebe» i» Galizien" Herausgeber: Max Hickl- Postsparkaffakonto Nr. 312.342. Telephon 3009/Vlli- Sprechstunden von 10—12 Uhr Geschäftsstelle, Wien: Rotenturmstrahe Nr. 3l. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. Brunn—Budapest. Wien 1a* Jänner 1914 ~™U16 ׳. Schcbath 5674 Prag—Lemberg. . Wegen technischer Schwierigkeiten konnte die letzte Nummer nicht erscheinen, was wir hiemit höfl. zu entschuldigen bitten. Zur jüdischen Wirtschaftspolitik. Gustav Köhu. - Anfang-Februar 1914. - . Eine der wichtigsten Forderungen jeder völkischer Arbeit bildete und bildet die ökonomische - - Soweit Staatskunst geübt wird, scheiden sich die politischen Parteien nach Weltanschauungen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten. ' Oesterreich ist vielleicht der einzige Staat, in dem Solches nicht geschieht. Bei uns kann von einer Sammlung nach wirtschaftlichem. Standpunkte nicht einmal gesprochen werden, steht man allenfalls von den Agrariern ab. Die gesamte Nationalitätenfrage wird in Oesterrreich — wie ich bereits einmal ausführen konnte— als Sprachenfrage aufgestellt. Schulfragen find bei uns höchst politische Angelegen- Heiken; und da mit der Sprachenfrage die nichtssagendsten Details Zusammenhängen, ist es nur in Oesterreich möglich, daß z. B. infolge des Streites um die Besetzung eines Nachtwächter- Postens sagen wir in Czaslau, sofort sämtliche wirtschaftliche Forderungen in den Hintergrund gestellt werden. Dem beginnt anders zu werden. Schon sind die werktätigen Schichten aller Völker hierzulande solcher Art Staatskunst müde. Man heischt allerorts nach sozialer Fürsorge, nach Kräftigung aller wirtschaftlichen Zweige. Keine Partei ist oder wäre imstande, solches gesunde soziale Programm aufzustellen, oder gar <fcuillefcm. Raafs Mine. r Von S. H. MosenthaI. (Fortsetzung.) . . Und der entscheidende ״große Sabbat" kam, der Tempel war in allen Räumen gefüllt. Als die Thorarollen in den Brokatmäntelchen der seligen Rebzen wieder ״eingehoben" waren und Vom Chor herab ein vielstimmiges Halleluja erklungen war, trat der junge Prediger auf die links vom Tabernakel erhöhteKanzel hinan.Eine lange schwarze. Toga umhüllte. die schlanke Gestalt, ein. schwarzes Baret, . wie das der griechischen Popen,, krönte das noch schwärzere Lockenhaar, die innere Erregung hatte alles.Blut aus seinem Gesichte gebannt , und als er die großen dunklen. Augen innig, und seelenvoll zum Himmel erhob, da glich er nicht mehr, wie einst dem .Predigenden Jefusknäben, sondern dem verklärten Propheten, der seinen Jüngern die Berg- | predigt verkündet. . ' Nach einem kurzen Gebet, das, mit leise vibrirender Stimme begonnen, immer inbrünstiger zu erfüllen, nach Erfüllung dessen, die österreichische Bevölkerung in ihren ökonomischen Bedürfnisien befriedigt gewesen wäre. Die Agrarier allein wußten eine Solidarität aller agrarischer Wirtschaftsgenosien über ihre- Nationalität hinweg zustande zu bringen; ja sie setzen sich sogar über die Grenze der Leitha hinweg, soll es sich darum handeln, solidarisch vorzugehen. Agrariertum und Industrie allein sind es, die trotz des bestehenden, brüchigen Dualismus solidarisch mit ihren Wirtschaftsgenosien jenseits der Leitha kooperieren. Auch die Sozialdemokratie in Oesterreich ist weit davon entfernt, auch nur ein J-Pünklchen der nationalen Fragen gelöst zu haben. Obwohl eine der stärksten parlamentarischen Parteien hat sie zur Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisie sehr wenig beigetragen. Der Bruch der tschechischen Sozialdemokratten -der Antonomistem oder wie sie eine Butte der offiziellen Partei nennt, die Separatisten, ist tiefer gehender denn in nationaler und gewerkschriftlicher Hinsicht. Der Bruch ist auch zum Gutteil einer Aufsasiung des österreichischen Staatsgedankens zuzuschreiben. Die tschechischen Autonomisten sind eine österreichische Partei, sind Gegner des Dualismus, sind Anhänger des natioval-autonomistischen förderativea Groß-Oesterreichs! Die sogenannte internationale, besser gesagt deutsche Sozialdemokratie steht dem österreichischeu Reichsgedanken skeptisch gegenüber, verleugnet das Renner-Spriugersche Programm, das grundlegend für die Neugestaltung eines neuen Oesterreichs ist. Die Sozialdemokraten sind nicht imstande, jüdische Jnteresieu zu vertreten. Es ist einer der größten Fehler jüdischer Politiker, zu glauben, von den Sozialdemokraten ihr Heil zu erwarten. wie auf Flügeln sich zum Himmel hob, sammelte sich der Prediger einen Augenblick, um auf seinen Text überzngehen. Er hatte die Worte Meleachis gewählt: ״Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns alle geschaffen? Warum sollen wir einer den andern verfolgen und den Bund unserer Väter entweihen? Von diesem Mittelpunkt ausgehend, beschrieb sein klarer Geist innner größere Kreise, die Familie, die sich einträchtlich um den gemeinsamen Vater, die Gemeinde, die sich um das gemeinsame Heiligtum, die Nationen, die sich um den gemeinsamen Herscher, die Völker der Erde, die sich um den gemeinsamen Weltenlenker, die Erde selbst und die unendlichen Weltsysteme, die sich um den gemeinsamen Schöpfer harnionisch scharen, getrennt und zusammengehalten durch die unergründliche Kraft seiner.Liebe! Mit der Menschheit sei der Gottesbnnd geschlossen und seine heiligen, nrewigen Rechte, habe der Schöpfer all' seinen Erschaffenen verbürgt;׳ wer lieblos den andern verfolge, entweihe den Bund, auf den die Welt gegründet sei. Die Tage des Messias, die Propheten verkünden, trügen als Wahrzeichen die Verheißung; Hann werden alle Völker erkennen: Es gibt nur einen Gott und fein Name ist: der Einzige! Dadurch allein, daß die Sozialdemokratie eine ausgesprochene Klassenpartei ist, kann sie unmöglich daran gehen, die Judenfrage zu lösen, ja sie kann daran überhaupt nicht glauben, weil sie die jüdische Nationalität ignoriert. Nirgends kreuzen sich die wirtschaftlichen Forderungen so sehr, wie im Gesichtskreise der Sozialdemokraten und Juden. Die Sozialdemokratie ist in erster Linie eine Jndustriearbeiterpartei. obwohl sie zu Wahlzeiten erklärt, eine Partei aller arbeitenden Schichten zu sein, um deren Stimmen sie auch An eine Verelendung im Sinne Marrens und an eine Verproletarisierung der Massen im Sinne des Marr-Engelschen Manifestes ist heute nicht zu glauben Ter verschwindende Bruchteil des jüdischen Volkes besteht aus Industriearbeitern: der großte aus einer Mittelschichte aus Kleingewerbetreibenden, Kaufleuten und ihren Zwischengruppen. Die Sozialdemokratie muß diese schädigen, will sie die Interessen der Arbeiter im Sinne ihrer marxistischen Weltanschauung wahren Will die Sozialdemokratie Arbeiter-Kon-;umvereine errichten, was ja in der Konsequenz ihrer Parteiintentionen gelegen ist, so muß üe jüdische Wirtschaftsinteressen schädigen Auch die Auffassung der nationalen Aut.׳- nomie mit Einschluß der Juden ist in der So;ialdemokratie ebenso ungeklärt, wie in allen übrigen parlamentarischen Parteien Welche Folgerungen mag man aus dem bisher Gesagten ziehen? Die Jüdisch-nationalen müssen allerorts eine nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientierte Politik betreiben, wollen sie die Massen ge- Winnen Nur durch ein gesundes ökonomisches Und diesen Gedanken führte er auS, ohne Predigerton, ohne KomödiantenpathoS, in Tonen des Herzens, die jedes Herz erschütterten und rührten, und wie er nun als Mittel zur Erreichung dieses höchsten Zieles die Milde, die Tuldüng, die Liebe pries, die Liebe im Menschen- Herzen als Fortpflanzung dcS göttlichen Schöpfungsgedankens, wie seine Worte zu Tränen, seine Tränen zu Flammen des heiligen Geistes wurden, da wob durch den ganzen Raum ein Hauch der Begeisterung, ein unnennbarer Liebesdrang schloß alle Herzen auf, ein jeder Hütte den andern gern, am liebsten den Redner, au das schwellende Herz gedrückt. Tie Bänke des Saales glichen von dem stillen Beifallssummen und nicken der Männer einem bewegten Erlengebüsch. die Logen der Frau-enschule von dem Wehen der Schnupftücher einem bewimpelten Schiff. Ein bleiches, von Tränen genetztes Antlitz bog sich, von Freude verklärt, über die Galerie hinab und ein blühendes verbarg sein Erröten in die Blätter des Gebetbuches. Mit einem kurzen SegenSspruch hatte er geendet. Ein hundertstimmiges Amen scholl vom Chor herab. Als der Gottesdienst geendet, umdrängte die ganze Gemeinde glückwünschend den Glücklichen. Auf der Stiege der Frauenschul' besegneten sich Berta und Mine. Wie damals