Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1914)
- Date
- 1914-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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״Jüdische »olksstimme." Seite 4. ß Nr. L. mit den unmodernen, langsamen und schlecht eingerichteten russ. Ozeandampfern direkt bis zum Hafen des Bestimmungslandes, also z. B. bis Newyork reisen und nicht etwa eine Zwischenlandung in England vornehmen. In jüdischen Kreisen glaubt man darum, daß die Vorlage, selbst wenn sie durchgehen sollte, an der gegenwärtigen Richtung des Auswanderervcrkehres, soweit die jüdische Emigration in Frage kommt, nicht viel ändern wird. Ehrung eines jüdischen Gelehrten. Das Pariser ״College de France" hat den Universiätsprosessor Dr. Ignatz Goldziehcr aus Budapest eingeladen, di-e diesjährige Vorträge einer Stiftung — deren Zweck cs ist, ausländische Gelehrte zur Mitwirkung an dieser Hochschule beranZuziehcn — zu eröffnen. Palästinafahrt des amerikanischen Botschafters in Konstantinopcl. Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, Mr. Henry Morgenthau, der sich als Jude lebhaft für die Entwicklung Palästinas und das dortige jüdische Kolonisationswerk interessiert, wird Ende März d. I., eine für mehrere Wochen berechnete Reise nach Palästina antrcten. UordrHckerei « « « Pn$$kran$tait « « « FAWTfl, Posfflasse 2. R. Travcrs Herford. In seinem unter diesent Titel in Nr. 2 der ,Ji. National-Zcitung" erscheinenden Artikel behauptet Herr Dr. Friedländer, — der, wie manniglich bekannt ist, in seinen Schriften klar und deutlich nachgewiesen hat, das; die im Talmud und Midrasch so oft erwähnten ״Minim" weder Christen noch Judcnchristcn, sondern jüdische Skeptiker waren, die sowohl die Thora als die Lehre von der Auferstehung verworfen hatten — daß ״sowie Saulus über.Nacht ein Paulus geworden", so ist Herford durch plötzliche Erlcuchtung aus einem Paulus ein Saulus geworden." Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen und nur erlauben zu behaupten, daß Herford, ein Nachbeter und Nachtreter des jüd. Geschichtsschreibers Grätz, auch bezüglich diese Metarmor- Phase nicht selbständig gehandelt, sondern blos Grätz nachgeahmt hat. Während der einstige Scminarlehrer Grätz im dritten Teile seiner Geschichte der Juden S. 245 schreibt: ״Die Schädclstätte Golgatha wurde für die geschichtliche Welt ein neuer Sinai" und auch in späteren Bänden dieser Geschichte über so manche hervorragende rabb. Autorität sich nicht sehr respektvoll äußert, donnert und zcttcrt er im 11. Bande gleich einem hochorthodoren Rabbi des neunzehnten Jahrhunderts gegen jene Fortschrittler, die es wagten zeitgemäße Reformen in den Synagogen cinzusübren. Wer sieht es also nicht ein, daß auch aus diesem Paulus ein Saulus gewor- Treffend charakterisierte Äaiserling den Hi- Noriker Grätz, indem er schreibt: Grätz als Geschichtsschreiber wurde bald aufs schärfste verurteilt, bald mit überschwänglichem Lob überschiitlet. Er war ein selbständiger Forscher, der neue Geschichtsquellen aufgedeckt und aus längst Lekannten, mit seinem Scharfblick neue Gesichtspunkte gewonnen, der aber auch viele Quellenarbeiten absichtlich verschwiegen und stillschweigend benutzt hat. Er frappiert zuweilen durch neue Entdeckungen: bei genauer Prüfung der Quellen aber erweisen sich diese vermeintlichen Entdeckungen als Hypothesen und geistreiche .stombinationen. Er liebt das Pikante, jedoch nicht selten auf Loste» -er Objektivität und hist,- rifchcu Wahrheit usw. Durch diese Art Geschichtsschreibung aber bat er heillosen Schaden angerichtet, denn er hat aus ״Viinim" Judenchristen gemacht und das!rar für die Antisemiten ein fetter Braten, sic siurzten über den Talmud her, behandelten ihn als eine Lästerschrift, da er das Christentum verwünscht und verflucht. Moritz FricdlLnder hat sich daher ein unzerstörbares Verdienst eNvorben, > indein er diesen groben Irrtum ausgemerzt und zur Evidenz nachgewiesen, daß der Talmud unter Minim unmöglich Christen oder Judenchristen genreint haben kann. B. Z. Gummi st rümpfe n Preisen GUMMIGESCHÄFT JOS. FIALA sen״ 1, Krüns 3—5. — MaBkarten postwendend. Aiteeaiur. Der Beilis-Prozeß und seine Vorläufer in der jüdi Geschichte von Dr. Jsak Menscher. Verlag von M. Landau, Czernowitz. Alle fröhlichen undAaurigen Ereignisse im jüd. Volke üben eine gcwHe Reflexwirkung auf die Literatur aus. Ein BliöMr die geistige Werkstatt unserer Großen ge- 1üHW»n sich von der obgenannten Behauptung zu uMrzeugeu.' Die russischen Pogrome haben einaWlnze Literatur erzeugt; Dichter und Schriftsteller, Juden sind Christen haben sich dieses Stoffes bemächtigte Der Jude fühlt sich inuner als ein Glied seines: Volkes, überall kommt das ״Wir" zum Ausdruck, weshalb ihn jedes glückliche und unglückliche Ereignis im grochen'Qrganisnuls des jüd. Volkes tangiert, ihn nnLriistcn Falle zum Jauchzen, in letzteren Falle zum Klagen stimmt. Hier liegt der Brennpunkt für diese literarische Schöpfungen. — Das letzte Glied in der schier. uuendlichen Kette der jüd. Leidensgcschichte ist entschieden der Beilisprö^eß, der die Aufmerksamkeit der ganzen kultivierten Menschheit auf sich gelenkt hat. Dieser Schandfleck, des 20. Jahrhunderts hat einem jungen Historiker die Feder in die Hand gedrückt, zur Darstellung der Leidensgeschichte eines jüd. Märtyrers. Man. muß sagen, daß der Verfasser ganz objektiv den Beilisprozeß motiviert, und überall historische Kritik geübt hat. Er hat. auf den russischcn Despotismus, aus seine reaktionäre Bestrebungen hingcwicsen und küm zum Resultat, daß diese Affaire politische Raison des Zarisnius war. In seinem historischen Ucberblick über das Blutmärchen hat der Autor sich als ein vortrefflichcr Kenner der jüd. Geschichte erwiesen. Er gibt uns in chronologischer Reihenfolge die Ursachen dieser Lügen an. An der Hand der Bibel weist der Verfasser nach, daß den Juden Blut überhaupt zu genießen verboten sei. ״Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden: denn Gott hat den Menschen in seinem Ebenbildc geschaffen." Der Wert des Büchleins wird noch dadurch erhöht, daß der Verfasser uns von einem Blutmärchen in der Moldau zu erzählen weiß, das allen jüd. Historikern bis nun unbekannt blieb. Dieses Märchen» das wie alle übrigen dieselbe Motive hat, ist bei M. rropalicauu: ״Cronicile Rümanici" zu finden. Der Verfasser hat das Büchlein mit einem reichcn Literaturverzeichnis versehen. Was uns ermöglicht nähere Informationen über die einzelneu Epochen dieses menschlichen Wahnsinnes einzuziehen. Das Büchlein ist — abgesehen von einigen störenden Druckfehlern — sehr flott geschrieben und ist gewiß lobenswert. Der junge Historiker hat mit diesem Büchlein seine Prädesti- Nation zur jüd. Geschichtsforschung gezeigt. Wir sind auf seine weiteren Arbeiten, besonders auf die Geschichte der Juden in der Bukolvina, die in Kürze erscheinen wird, gespannt. Ter erste Versuch ist vortrefflich gelungen und als glänzend zu bezeichnen M. Reifer. Martin Andersen Rexö, das Glück. Erzählung aus dem Bornholiner Nordland. Albert Lampen. München. Das Glück ist der Tod, das Glück der Armen, die einzige. Gerechtigkeit, die die Verstoßenen im Bornholiner Nordland den Reichen unten im Tale gleichstcllt. Die harte Felsarbeit macht hier ihre Sklaven zu steinharten Naturen. Ihr Leben wickelt sich gleichförmig in schwerer Arbeit und unerträglichen Verhältnisten gab. nur der Tod bringt eine Unterbrechung. nur er unterscheidet ihr Dasein von dem des verwitterten Felsens. An Hans Kämpe kann er aber seine volle Mission nicht erfüllen. Er verspricht ihm zwar einen Acker (den Friedhof) und bringt ihn durch Krankheit diesem Ziele nahe: aber Hans genest und mit dein Gelde, daß er von einem Unbekannteil (der Krankenkassa) bekommt, kann er seinen sehnlichen Wunsch erfüllen und der Totenacker muß auf längere Zeit dem fruchtbaren Getreideacker Weichen. In der Umkleidung dieser aus dem Volke gegriffenen, kernigen Erzählung üben dichterische und philosophische Gedanken die ' stärkste Wirkung auf uns. Ein wahrer Künstler, j bei dem das Elendste zum Ergreifend-Hohen Josef Hanus, Brünn Rudolfsgasse Nr. 25. sämtliche Damen-Modewaren, Bänder, Spitzen, Seiden- Stoffe, Posamenterie, und Zugehör für Damenschneide Harry, Roman von E. Hilgebauer, Reuß und Jtta, Vcrlagsanstalt, Konstanz (Baden). — Ein Heine Roman, der des Dichters Werden und Größe, und des Menschen Freud und Leid schildert, und den Dichter menschlich.näher bringt. — ines jener Bücher, die einem etwas Bleibendes geben und an die ntan nicht vergißt. Es ist nicht zu leugnen, daß zu diesem starken Eindrücke wescntlich Heines Figur selbst beiträgt, aber auch Philgcbaucrs hervorragend künstlerisches Können tritt hervor. Das Buch enträtselt einem so manches. Nicht in den Glorienschein eines Dichter- Heroen kleidet ihn Philgebauer, nein, man fühlt Heine mit bei dieser Schilderung, man empfindet» was Heilte entpfunden haben könnte, und ist entzückt, wenn dann das aus der Stimmung geschaffe,te Gedicht Heines in so ergreifenden Worten dein eigenen Fühlen Ausdruck gibt! Da erst lernt man den Dichter voll begreifen, ganz würdigcn! Und wie schal und leer und unglücklich phrasenhaft und herzlich schlecht dünken einen da die typische!, Literatnrgeschichtsbiographen, die so gefühllos und eintöng ׳einem sagen, was so warm und lebensvoll gekündet werden kann. Kaffeehaus-Zionismus?) So mültcher Leser dürfte diesen Artikel beim Anblick seiner Ueberschrift für einen geschmacklosc» Witz halten , und׳ verdrießlich das-Blatt aus der Hatld legen. Mir aber.ist' es lange nicht eingefüllen, über bei, Zionismus Scherze zu machen, geschweige für einen solchen Zweck die.-Redaktioit eines zionistischen Blattes attzurtlfen. Nein, lieber Leser. Ans den, Worte ״Kaffeehaus-Zionis- ,nus" spricht ein furchtbar trauriger Ernst. Dieser Artikel will keine Späße machen und niemals spotten. Die traurige Tatsache, daß-seit einigen Jahren der zionistische Gedanke in Wien gerndezu totgeschlagen wurde und an seine Stelle ein gewässerter Kaffeehaus-Zionismus getreten ist, soll hier festgestellt Werden. Wien, die Geburtsstatte des modernen politischen Zionismus, die Stadt, in der Herzl gelebt und gewirkt hat, die Stätte in der die ersten Feldherren des nngekrönten Kölligs die jüdischen Kräfte mobilisierten, die Stadt, die auf ihrem Döblinger Friedhofe die zweite Klaaemauer Israels zeigt. Dieser der Mischen Geschichte sicherlich für alle Zeiten geheiligte Boden, ist heute eittjäm und verlassen. »,Häir rabäti am — hajtha kealinonoh". Wie», mit feitteli 200.000 Juden, die Stadt, in deren Mauern die Leitung des innerösterreichischen Distriktskonlites und des ganzen Westösterreichischen Zentral kam ites liegt, zeigt heute ein-zionistisches vegetieren. Große, Kräfte, bedelstende Vor» kätnpfer stehen gaNz fern und was heute als Zwnismus ansgegeben wird, verdient lange nicht mehr diesen' Namen. Das mnttosterreichische D.-N. umfaßt ganz Westösterreich mit Ausnahme von Böhmen, Mähren und Schlesien. Dieses D.- K. weißt nur einen Verein .aus der Provinz zu verzeichnen. Nnr in Grüh"besteht eine zionistische Korporation. Alles Uebrtge liegt llräch danieder. Es ist geradezu symptomatisch, daß jüdische Sindenten einer großen Provinzstadt, denen zu einer Palästi,,areise die Geldmittel fehlen, sich nicht an die Herren Parteiführer, sondern an Herrn Dr. Grunwald wendeni (Herr Dr. G. hat für sic in der ״Welt" eine.Saiumluugeingeleitet!) In Wie» ist der Zionismus, lediglich eine Studentenallgelegenheit. Man möge mich nicht mißverstehen. Ich bin weit davon entfernt, die Verdienste der Studenten,׳ die den Jüdennamen zu einem Ehrennamen gemacht haben,, zu verkleinerii, aber wie traurig ist es doch um den ZionismuL Wiens bestellt. welln man sich die bärtigen (Für Form ». Inhalt dieses Artikels übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.)