Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1914)
- Date
- 1914-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Attische BolkSstimme." Nr. 5. ökonomische Besiedlung Palästinas. — Mit Sprache, Schulen hat es Zeit. Alle Völker, soweit wir in der Geschichte zurückblicken können, sind zuerst seßhaft geworden. Nach der Scßhaftwerdung konnte man erst daran schreiten, geistige, seelische Bedürfnisse zu fördern und zu befriedigen. Wir machen den umgekehrten Weg; was andere Völker als Krönung ihrer nationalen Kultur ansehen, damit beginnen wir: mit der Universität. Analog den kleinen österreichischeu Nationalitäten, die wiederum Universitäten heischen, wiewohl ihnen Volks-, Bürger- und Mittelschulen dringender wären. Mir wenigstens scheint es, daß die ökonomische Hebung der Juden in erster Linie zu bcrücksichtigcn ist. Alles andere hat später Zeit. — Hätten wir das viele Geld, das für die Universität gesammelt wurde, das vollends jetzt für das Schulwerk gesammelt wird, zur Kolonisation verwendet, wir stünden weiter. Ob in 10 oder 20 Jahren in Palästina hebräisirt wird, oder nicht, nicht darauf kommt es an. Ob aber in 10 oder 20 Jahren in Palästina 20 oder 30.000 selbständi ge, sich selbsterhaltendc jüd. Bauern, Handwerker, Kauflcutc oder Arbeiter leben, darauf kommt cs an. Ein Grundstock nationalfühlcnder Juden in Palästina — die Chalukahjuden werden trotz Hebräischsprechens niemals nationale Juden sein, weil sic als Almoscnempfänger Drohnen der Juden sind und bleiben — wird die Sprache und Schule selbst regeln. Und auch an der Sprache liegt cs nicht. Sondern am Geiste. Wäre es der zion. Bewegung gelungen, die palästinensischen Juden zu nationalisieren, hätten wir aus den Chalukahjuden, selbstbewusste, nationaldenkende, nationalfühlcnde stolze Juden gemacht — wahrhastig, wir könnten es ihnen verzeihen, wenn sie hebräisch nicht sprechen. Die hebräische Sprache wird über kurz oder lang die herrschende Sprache der palästinensischen Juden werden. Die hebräische Sprache wird bei starken ökonomischen jüdischen Verhältnissen in Palästina die dominierende Stellung auch unter den übrigen Völkern Palästinas und des Orients erringen. Das bringt die Evolution mit sich! Denkt man den zion. Gcdankeninhalt konscquent durch, gelangt man zu solcher Konklusion für Palästina. Das konsequente Durchdenken unserer gesamtjüdischen Sachlage und der Verhältnisse in Palästina involviert jedoch die fast eiserne Tatjache, das; in den nächsten 100 Jahren die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes nicht wird auswandern können! Hochgcrcchnet mit bewußter und gewollter Ucbcrschätzung kann füglich behauptet werden, daß wir bestenfalls V/.2 Millionen werden ansicdeln können. Was geschieht mit den zurückbleibenden Juden? Man könnle beim besten Willen der hebräischen Sprache hierzulande nicht jenes Prognostikon stellen, wie für Palästina. Bin ich fest überda öffnete sich die Türe, Berta trat ein, einen sil- Kernen Armleuchter tragend, dessen Flammen von grünen Schirinen nach einer Seite gedeckt waren. Das zurückgeworfcnc Licht fiel auf das blendende Antlitz und umwob es wie mit einem Heiligenschein. In dem schlichten weißen Kleid, das bis zum Hals geschlossen war und auf das die offenen braunen Locken in reicher Fülle herabwallten, schien die schöne Amazone in eine bimmlische Erscheinug verwandelt zu sein. Henoch starrte sie an wie ein Traumbild, seine Sinne verwirrten sich, zum Gehen wie zum Bleiben fehlte ihin die Fassung. ״Meine Tochter Berta!" sagte Reinach auf sie hindeutend. ״Wir haben uns heute schon gesehen," sagte das Mädchen lächelnd. Henoch fand kein Wort der Begrüßung. Sie hatte den Armleuchter niedergestellt, bei einer zufälligen Wendung desselben fiel das Licht auf die bleichen Züge des Greises. Sie crschrack; unbekümmert um den Fremden flog sie zu dem Sessel, mit süßem Schmeichclton fragte sie, ob er sich unwohl fühle, und als er es verneinte, kniete sic vor ihm nieder und umschlang mit beiden Arinen seine Knice, und er faltete die welken Hände über ihrer Lockcnfülle. So blüht eine duftige Waldlilie am Fuß eines vom Blitze zersplitterten und entblätterten Stammes. zeugt, daß die hebräische Sprache über kurz oder lang die dominierende Position in Palästina einnehmen wird, zumindest unter den Juden — daran kann der ״Deutsche Hilfsverein" nun einmal nichts'ändern — jedoch wohlgemerkt! nur bei konsoludicrten ökonomischen Verhältnissen: so bin ich nicht weniger vom Gegenteil fiir Westeuropas Juden durchdrungen. Die hebräische Sprache kann unter den Westeuropäischen Juden niemals die lebendige Kraft erreichen, die sie sich in Palästina erringen würde. Ob wir Juden nun wollen oder nicht, es wird nun einmal nicht gehen, daß wir der hebräischen Sprache in der europäischen Wcltkultur jene Stufe verschaffen, die wir wünschen. Das haben mehr oder minder in Nationalitätenstaaten alle Völker eingesehen, daß mit dem Festhalten an der eigenen völk. Sprache allein, die Nationalitätenfragen nicht gelöst werden. Vollends wir Juden, die wir in Westeuropa nur kleine Inseln bilden. Oder will man etwa durch die Erlernung und Kenntnis der hebräischen Sprache der Assimilation den Boden entziehen? Ein zweifelhaftes Beginnen. Seit Moses Mendelsohn und vor ihm schon gab es hebräischkennende- und sprechende Assimilatorcn. Wenn nun auf die Sprache Gewicht gelegt wird, nicht aber auch auf den Geist, die Umwertung aller bisherigen Werte, und auf die Umbildung der Juden zu neuen Menschen, wird der individuellen Assimilation nicht der Boden entzogen. Wir Jungjuden in Oesterreich legen momentan in unserer Jugenderziehung auf die Erlcruung der hebräischen Sprache unser Hauptgewicht. Und doch. Vergessen wir nicht! Ein Gutteil, ja gerade der grandioseste Teil unseres völkischen Schrifttums ist nicht hebräisch! Könnte jemand behaupten, daß dieser Teil jüdischer Literatur unjüdisch wäre; unschöpferisch, weil nicht auf ureigenen Grund und Boden entstanden? Die Jugenderziehung geht falsche Wege! Sie bringt cs zuwege, daß eine vollkomene Absage von kulturreligiösen, wirtschaftlichen und poliUschen Belangen platzgrcift. So erzogene Jugend wird niemals jene Pioniere und gar Triarier stellen, die H e r z l forderte, als er der jungjüdischen Jugend zuricf: ״Venit resad friarios!" So erzogene Jugend wird niemals das alte Judentum abstreifend, zu neuen Menschen werden. Die Jugenderziehung muß in erster Linie von jeder Einseitigkeit frei fein. Nurhebräisch ist eben so einseitig wie Nurjiddisch. Wird nun die hebräische Sprache im Westen sich niemals emporheben können über den Standpunkt der Lieb- Haberei, so wäre es geradezu verfehlt, den hebräischen Kampf in die jiddischsprechenden Massen Osteuropas und Galiziens zu tragen. Es sollte doch jeder Zweifel darüber schwinden, daß man dem Proletarier, dem Juden des Ostens über- Haupt seine jiddische Muttersprache nicht wird rauben können. Es mag ja für hebräisch-hörende Ohren zumal es heute noch dazu modern ist spaniolisch auszusprechen! — unästhetisch (!) klingen, wenn es jiddische Laute vernimmt. Aber Der junge Geistliche betrachtete sie stumm; dann verneigte er sich und verschwand. Als er in das erleuchtete Nebenzimmer trat, hielt er die Hand vor die Augen; er wollte nicht, daß das traumhafte Bild in seiner Seele vor dem Lichte zerrinne. Aber schon hatte sich die Tür hinter ihm geöffnet, Berta war ihm gefolgt. ״Mein Vater sendet Ihnen noch die besten Wünsche zu Ihrer Probepredigt, und auch ich schließe mich diesen herzlichst an!" So sprach sie mit der jugendlich melodischen Stimme und reichte ihm errötend die Hand. Henoch wußte nicht, was er tat, als er sie unwillkürlich an d׳e L1Ppen zog. Er hatte seiner Freundin versprochen, ihr über die Unterredung mit Reinach zu berichten; aber er stürmte in die Frühlingsnacht hinaus, hinab in die ״Au," wo der Flieder und der Hollunder dufteten, und weiter durch die einsamen Kaftanicnalleen, bis wo die Fulda ihre Wellen rollt. Hier endlich glätteten sich die Wogen seines Gemütes, seine große Aufgabe trat vor seine Seele, er sann über den Spruch, über den er vredigen wollte. ״Und hätte ich tausend Engelszungen, und hätte die Liebe nicht", flüsterte er, — aber er besann sich, daß der Spruch deS Apostels nicht passend sei, und er wählte einen andern. (Fortsetzung folgt.) kommt es in diesem Falle überhaupt darauf an, ob ästhetisch, oder unästhetisch? Genügt nicht die Tatsache allein, daß Millionen und Abermillionen Juden die Sprache sprechen, sie als nationale Sprache hinzustellen? Sie ist entwicklungsfähig, sie hat eine schöne Literatur gezeitigt, und alles, was man für die hebräische Srache sagen kann, gilt auch von der jiddischen. Man komme nicht mit dem Golus! Man behaupte nicht, es sei die Sprache des Golus. Auch der Talinud ist nicht hebräisch, die ehrwürdigsten Gebete unseres Siddur auch nicht; ja, wenn ich nicht fehlgehe scheint sogar: ״Kol nidre" nicht hebräisch zu sein. Weder der Anfang des Pessach Hagadah: das ״Ho lachmoh anju", noch das Ende: ״Chad gadju" sind hebräisch, und tvelcher Jude wollte diese missen? Welches jugendliche jüdische Gemüt ergötzte sich nicht am ״Chad gadju"? Kaum ein zweites Werk eines jüdischen Kopfes hat so befruchtend auf nichtjüdische Denker gewirkt, wie ״Ha Gabirols": ״Mekor Chajjim". (Avicehow fons Vitae(! — doch wozu Eulen nach Athen tragen, das wissen alle Zionisten ebensogut, wie ich. Nur eines ist mir unverständlich und Widerspricht sich meinen Ansichten, vom sozialen Fühlen und Denken überhaupt. Niemals kann Sprache allein das Um und Auf aller Kultur sein! Kultur ist mehr, denn Erlernung der hebräischen Sprache. Zur Kultur gehört vornehmlich auch das ׳religiöse Problem, daß aus unseren Reihen gänzlich ausgeschaltet zu sein scheint. Gerade die feinsten und besten Köpfe aller Bekenntnisse Europas, Asiens und Amerikas beschäftigt in unseren Tagen nichts so sehr, wie das religiöse Problem. Katholiken, Protestanten, Mohamcdaner, Buddhisten, Bhramaisten, Hinduisten, sie alle ringen uni Vertiefung des religiosen Gedankens — wir Juden, wir Jungjuden wollen davon nichts wissen. Kenntnis der Geschichte, religiöses Fühlen, Kenntnis der Literatur; körperliche Regenerierung, Hygiene, Eugenik all das sind nur Komponenten, die den ganzen Komplex bilden, den wir Kultur nennen. Psychisches Erfassen der seetischen Gesamtlage unseres Volkes, statistisches Erforschen seiner ökonomischen Struktur; Ethisches Bewerten seiner Handlungen all das sind Seminanden, aus deren Semanation erst der Begriff der Kultur hinauswächst. Und noch viel mehr! Eigene nationale Kultur in ihren feinsten Elementen in Relation ge- Kracht zur Weltkultur; ein Schaffen gewisser Wechselbeziehungen befruchtender Art zwischen uns und der Weltkultur und sie zur Harmonie zu bringen, das erst könnte eine Etappe abgeben, auf der wir stehend: von einer Kulturfrage fprechen können. Welche diese Kompetenten halbwegs haben wir erfüllt? Haben wir hierzulande auch nur etwas — und sei es nur das geringste, zur Linderung der Judennot getan? Ist in unseren Reihen von einer sozialen Fürsorge etwas zu spüren? Sind in unserer Politik, soweit sie allenfalls getrieben wird, auch nur Spuren vorhanden, die die furchtbare wirtschaftliche Krisis der Juden zu lindern imstande wären? Kann man vom Mischen ״Lumpenproletarier" verlangen, er möge für das palästinensische Schulwerk Geld geben, der er selbst den Tag nicht zu überleben hat? Ist solche Art Renaissancebewegung nicht gefährlich? Ist sie ethisch? Dem hungernden Proletaricr, der nach Brot für sich und die Seinen schreit, möge zurufen, wer will: ״Lerne Hebräisch! oder gib für das palästinensische Schulwerk Deinen Beitrag!"-Wer nur etwas soziales Empfinden hat, der muß angesichts der erschreckenden wirtschaftlichen Judennot, und angesichts der totalen Stagnation einer gesunden jüdischen wirtschaftlichen und kulturellen Politik hierzulande auszurufen: ״Bis hierher und nicht weiter!" Soll nicht eine vollständige Verelendung im Osten platzgreifen und soll nicht ein vollständiger Zusammenbruch der jüdischen Politik hierzulande eintreten! Wir Jungjuden Oesterreichs wandeln falsche Bahnen . Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuveriäBlich. Sternhof,Post Sokolnitz bei Brünn.