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Jüdische Volksstimme · 1914-01-29 · Heft 5 (29.1.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 5 (29.1.1914)
Date
1914-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener XV 3. Jahrg. Nummer 5. N- Mislhk -:-s Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Keonen 620־ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Franks 14 — m- Mit der Beilage ״Das jiid. Leben in Galizien". Herausgeber: Max Hickl. -s Ifflif. Telephon 3009/Vlli. Sprechstunden von 10—12 Uhr Geschäftsstelle, Wien: Rotenturmstratze Nr. 31. Bostsparkassakonto Nr. 312.342. Buchhändlerischc Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 8 Brünn—Budapest. 29. Jänner 1914 1 Schebalh 5674 Prag—Lembera. Sprachenfrage Gustav K o h n. Mitte Jänner 1914. Der ganze Nationalitätenkampf in Oesterreich dreht sich um die Sprachenfrage. Soziale und wirtschaftliche Probleme treten in den Hintergrund: es ist als ob in Oesterreich alles am besten bestellt wäre. Einem objektiven Beobachter, der vollends Oesterreichs Verhältnisse nicht genau kennt, stellt sich unser ganzer Nationalitätenkampf, als ein Kampf um die Vorherrschaft der einzelnen Sprachen dar. Und fast hat es den Anschein als ob dem wirklich so wäre. Keines der brennendsten wirtschaftlichen, kulturellen Probleine wird gelöst. Alles bleibt an dem zum Chaos sich anwachsenden Sprachenstreite haften. Währcnd anderwärts um die größten Kulturgüter der Völker gerungen wird, ist davon hierzulande nichts zu spüren. Die Geister, soweit sie politisch orientiert sind, werden gefesselt durch den sekundären Sprachenstreit. In ein solches Stadium ist nun auch die ziou. Bewegung getreten. Der Sprachcustreit in unseren Reihen ist nicht von heute. Er ist schon alt. Hie Jiddischisten, hie Hebräisten, wir hörten es schon vor Jahren. Nun ist dieser Kampf in ein akutes Stadium getreten. Nun überwiegt der Kampf für die hebräische Sprache alle anderen jüdischen Belangen. Weit enfernt behaupten zu wollen, daß ich die grandiose Bewegung, der E. A. C. gegen den ״Deutschen Hilfsverein" auch nur irgendwie herabsetzen wollte! Nein!, ich anerkenne und empfinde mit Stolz, welch gewaltige Kraft hier entfesielt wurde. Aber sowie ich nicht unterschätze, mag anderen Orts nicht gar so überschätzt werden. '""^Niemals kann der jetzige Moment des Profestes der zion. Parteileitung gegen den ״Deutschen Hilfsverein" der Hauptmoment zion. Ge- Feuilleton. Raafs Mine. Von S. H. M o s e n t h a l. (Fortsetzung.) In dem dämmertrüben Stübchen Joel Reinachs waren trotz des Maitages die Fenster und die grünen Vorhänge geschlossen; aber es fiel doch ein Sonnenstrahl hinein, es zog doch wie ein Frühlingshauch durch dasselbe, als der junge Gottesgelehrte dem welken begeistert seine schwungvollen Ideen mitteilte. Joel spiegelte sich in den geläuterten Gedanken des Jü!-glmgs mit väterlichem Wohlbehagen; eine leichte Röte flog über seine bleichen Wangen, war es dir Freude, die den ungewohnten Weg aus seinen! Herzen zu seinem Antlitz wiederfand, oder nur der Abglanz des Feuers, das aus Heuochs jugendlichen Zügen strahlte? ״Das ist alles schön und groß," sagte Reinach und legte ihm die zitternde Mumienhand liebkosend auf die Schulter, ״aber fürchten Sie nicht, lieber junger Freund, daß für Ihre Alexandergedauken das Reich dieser Gemeinde zu klein sei? Ist nicht das Kleinstädtische gerade der größte Feind jeder großen Idee? schehens, jüdischer Geschichte sein. Dazu ist die ganze Angelegenheit, denn doch zu sekundärer' Natur. Schon vor dem Kongresse war es ein Fehler, die ganze Werbekraft für diesen Kongreß in den Protest gegen die sogenannten ״politischen" Zionisten und für die Errichtung einer hebräischen Universität zu legen. Primärer Natur für Palästina ist nur die wirtschaftliche Eroberung, Besitznahme, daher Kolonisation des Landes. Niemals noch ist solche flanunende Agitation für wirtschaftliche Zwecke in Palästina entfacht worden, wie für das Schul- Werk daselbst in den letzten Wochen. Man braucht gar kein Anhänger einer ökonomischen Geschichtsauffassung zu sein, um sich sagen zu müffen, daß kein Kulturteil, somit auch die hebräische Sprache nicht, (Sprache ist für mich überhaupt nur ein Bruchteil einer Kultur) in Palästina jemals jene grandiöse Erpansionskraft wird erreichen können, die ihm gebührt, solange nicht ein neuer Geist, solange in Palästina selbst nicht gesunde wirtschaftliche Verhältnisse eintreten. Solange ein Großteil — heute ist es noch immer die überwiegende Mehrheit — der jüd. i Bevölkerung in Palästina aus Bettlern besteht, oder zumindest aus Individuen, die nicht durch ihrer Hände oder Köpfe Arbeit leben, sondern angewiesen sind auf die Wohltätigkeit Wohllebenderen Volksgenossen in sogenanntem ״Golus" — und sich auch darauf verläßt, ist an eine gesunde kulturelle Arbeit nicht zu denken. Zuerst muß ein Grundstock sich selbst erhaltender Elemente geschaffen werden. Zuerst muß ein gesunder Bauernstand, ein gesunder Handwerker- und Kaufnianusstand gebildet werden und nicht zuletzt ein gesundes Proletariat — dann können wir erst weiter schaffen. Geregelte ökonomische Verhältnisse, eine normalökonomische Struktur kann erst die Grund- ״Ich fürchte es nicht," entgegnete jener mit freudigem Selbstvertrauen. ״Ich bin ein Kind dieser Gemeinde, ein Adoptivkind mir, aber ich danke ihrem väterlichen Schutz meine Erziehung. Weil ich sie liebe, bin ich gewiß, mir ihre Liebe zu erwerben. Ich will kein stürmender Reformator sein; schonend und rücksichtsvoll will ich sie mir erst mit dem Herzen erobern; dann fügt sich die Bildung der Geister Wohl von selbst. Glich doch bisher diese Gemeinde in ihrer Zersplitterung jenen zerstreuten Resten Judahs, die nach der Zerstörung des ersten Tempels je nach dem Ort, wohin sie sich geflüchtet, jeder auf seine Weise seinen Gott verehrte. Aber Sie haben ihnen wie Esra einen neuen gemeinsamen Dempel erbaut; glücklich preise ich den, der als Netzemia mi Ihrer Seite zu wirken und zu lehren berufen ist!" . Der Greis lächelte und hob den. Zeigefinger wie drohend gegen den jüngen Schvärmer. ״Wissen Sie auch," sagte er, ״daß eben diese beiden das Judentum in jeneFormen gossen, die man heutzutage statt ihres Inhalts verehrt?" ״Gewiß", erwiderte Henoch ruhig» ״und ich verehre diese Formey selbst, weil sie uns. den Inhalt durch Jahrtausende erhalten, haben." ״Und Sie werdenZtchIhnen fügen?" ״Das werde ich!" __ ״Gegen Ihre innere Ueberzeugung?" 0 3 O ס־ r-» a* sO -S 8 =5 läge abgeben für gesunde soziale Gebilde, kann die Grundlage bilden, für eine Eigenkultur! Schaffen wir in Palästina diese Grundlage, dann entwickelt sich die Sprache, entwickelt sich die Kultur organisch von selbst als eine Höherent- Wicklung jeglicher sozialer Gemeinschaft. Die ״Freibürgerschaft", wie sie vornehmlich Tr. Franz Oppenheimer propagiert, hätte die Grundlage bilden können: seine Kolonisation aus Grundlage der Siedlungsgenossenschaften. Seit einigen Jahren vertritt Dr. Franz Oppenheimer, der Meister des genosienschastlichen Siedlungsgedankens, seine Ideen in unseren Reihen. Doch niemals war das Geld vorhanden, diese großzügige bodenreformarische Arbeit zu leisten. Selbst die 100.090 Kronen und es sind im ganzen 2—3, müßten lange auf sich warten lassen, Niemals hat eigentlich dieser Siedlungsgedanke so festen Fuß gefaßt, niemals würde für ihn eine flanunende Agitation entwickelt. Schon der I. N. F. hat eigentlich eine bodeureformarische Grundidee insoweit als Grund und Boden stets Gesamteigentum des ganzen Volkes bleibe. Auch die P.L. D. C. ist über die kleinsten Anfangsgründe nicht hinweggekommen. Alle Wirtschaftliche Arbeit blieb mehr oder minder in den Kinderschuhen stecken. Tie Aemenitenaktion, die unternommen wurde, mußte stagnieren an eine Einwanderung russischer, rumänischer, galizischer Volksgenossen kann nach wie vor nicht gedacht werden.eine eventuelle russische Revolution, wie sie für das Jahr 1914 befürchtet wird, könnte uns in die größte Verlegenheit bringen — weil die Parteileitnng jetzt und für längere Zeit hinaus beschäftigt sein wird mit dem palästinensischen Schulwerk. Tie Grundideen des Zionismus werden eigentlich nicht einmal eingehalten, denn in erster Linie ist das Baseler-Programm bedacht: ans die ס¬ «*! E r-» <u ja ja » w 8 o scr ״Es ist meine innere Ueberzeugung." entgegnete der junge Prediger, ״daß der Seelsorger einer Gemeinde ihr Mikrokosmos ist. Er darf die Verletzung der Formen bei einzelnen dulden, aber er darf selbst sie nicht verletzen. Es ist kein Opfer der Ueberzeugung, nur ein Opfer der Bequemli'chkeit. das ich mir freudig auferlegen würde. Nicht zertrünunern würde ich die Reliquien, die kindliche Beschränktheit für heilig hält, aber von dieser kindlichen Beschränktheit würde ich die meiner Seelsorge Befohlenen, zu erlösen trachten. Es wird die Zeit kommen, wo der goldene Kern des reinen Gottesglaubens wie ein Blüte aus der geschlossenen Knospenschale steigt; ich werde sie nicht mehr erleben, aber ich werde ihr entgegengehen und die Meinen ihr zuführen!" Durch Reinachs Gesicht zuckte es schmerzlich bei dieser Mahnung an die Vergänglichkeit. Ter schwergetraffene welke Greis warf einen wehmütigcn Blick auf den blühenden Jüngling; wie eine Ahnung schauerte es durch seine Seele. Er lehnte sich-erschöpft in den Sorgenstuhl zurück und streckte ihm die Hand entgegen wie zum Abschiede. Henoch verstand ihn und erhob sich. Er hatte nie ein Wort des Tankes an seinen Wohltäter richten dürfen, jetzt im Dümmerdunkel deS Zimmers beugte er sich, wie nach seinem Hut greifend, auf die welke Hand hinab und drückte seine Lippen leise auf dieselbe. Reinach zog sie betroffen zurück,

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