Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1914)
- Date
- 1914-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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geordnete wurden. Doch blieben viele Parteigenossen von dem Vorurteile befangen, der 8 sei nicht existent. Tic Autorität dieses prinzipiellen Grundsatzes jeder nationalen Bewegung war erschlittert. Und die Tatsache allein, das; dieser Punkt mit Stimmenmehrheit — bei nament- Uchcr Abstimmung — abgeschafft wurde, beweist zur Genüge, von welchem Geiste die damaligen Gewählten des jüdischen Volkes durchdrungen waren. Taktische oder gar opportunistische Aktivneu dürfen nie so weit gehen, das; prinzipielle Hauptmomcnte dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Dieser Parteitag in Prag ist auch deshalb von größter Bedeutung, weil seit jenem Tage die einheitliche zionistische Landesorganifation de facto in Brüche ging, der Parteitag ging auseinander, ohne daß man eine neue Leitnng gewählt hätte. Die Einigkeit u. Einheitlichfeit der zionistischen Bewegung in Oesterreich hat mit jenem Momente zu existieren aufgehört. Ob der formale Bruch 2, 3 Jahre später vor sich ging, ist für den historischen Beobachter ganz gleich- Es schien aber, trotz des Sprunges in der Bewegung, eine Besserung vor sich zu gehen. Als das Kurienparlameut für immer aus Ocstercich verbannt wurde, zog auch scheinbar ein neuer Geist in die zionistischen Köpfe ein. Es begann eine fieberhafte Agitation für das allgemeine Wahlrecht und für die nationale Autonomie. In Mähren vollends, wo cs zu der Scheidung nach nationalen Kataster kam, machte sich ein reges politisches Leben bemerkbar. Tr. Hermann Äadisch, der tatkräftigste Vertreter der jüdisch-nationalen Politik in Oesterreich, sprach in etwa 35 mähr. Städten und bereiste fast die gesamte zislcithanische Rcichshälfte der Monarchie, um für jüdisch-nationale Politik zu mahnen! Als nun wirklich Oesterreichs Gcsanitbevölkerung zum erstemnal zu den Wahlen nach dem allgemeinen Wahlrechte schritt, da gelang es uns Juden vier Mandate zu erobern. Ein ״jüdischer Klub" hält seinen Einzug ins österreichische Parlament. Man erhoffte von ihm alles mögliche. Und bei der unglaublichen Ueberschätzung des Pariainentarismus hierzulande konnte man an ein solches parlamentarisches Gebilde die höchsten -Hoffnungen knüpfen. Die stärksten Parteien in unseren Vertrctungskörpern, hüben und drüben, sind außerstande, auch nur eine der brennendsten Fragen österreichischer Staatskunst zu lösen, geschweige denn ein 4-Männer-Klub, zumal er sich nicht auf die Resonanz einer starken Partei vcrlassen kann. Und so kam, was kommen mußte: ein vollständiges Versagen des jüdischen Klubs. Zugestanden, daß die 4 Abgeordneten von dem besten Willen und den hehrsten Absichten durchdrungcn waren, sie konnten niemals ettvas crringen, so lange sic im Parlamente isoliert waren. Dazu kommt noch die Verkennung der Tatsache, das; fast sämtliche österreichische Parteien mehr gciidlichem Eifer, ein zweiter Esra, die Erbauung des neuen Tempels. Er zeichnete die größte Summe, die anderen schlosien sich opfermutig an. Ein Kind der Gemeinde, der Architekt Rosengarten, entwarf den Plan. Bald hob, inmitten einer schönen Gartenanlage am Ende der Stadt, sich ein mächtiges Gebäude im romanischell Stil, und el,' ein Jahr vergangen, leuchtcten die vergoldeten Gesetzestafeln vom Giebel des Tempels. Auch in das dänltilerdunkle -Haus Joel Reinachs war ein Lichtstrahl gedrungen. Ein junger Arzt, der bereits im Auslande zur Celebritat geworden tvar, hatte sich in der Residenz niedcrgelassen und Rcinach und dessen tragisches Geschick kennen gelernt. Er unterzog die schöne Berta einer gründlichen Auskultation, er fand ihre Organe intakt. Das Treibhauslebcn schien ihm der Grund, weshalb die anderen friihentfalteten Blüten so schnell vertvclkten. Wenn Berta erhalten werden solle, so brauche sie Licht, Lust, Bewegung im Freien. Sic müsse schwimmen, reiten, durch die Wälder streifen, die unsere Stadt so reizend mngiirtcn. Der Erhaltung der geliebten Einzigen wurden sofort alle Rücksichten, alle alten Gewohnheiten geopfert, und erstaunt sah inan das schlank emporgcschossenc Mädchen in dunklem Reitklcidc mit wallendem kastanienbraunem Lockenhaar, das ein blauer Schleier wie ein Wölkchen umflog, gleich einer Märchenfec auf dem milchweißen Nenner durch Felder und Wälder streifen. Das Gotteshaus war vollendet. lieber dein Eingangstor, im Innern der Säulenhalle, ragte jüdische Dolksstimme* ___ oder minder antisemitisch schillern, so daß es den! jüdischen Abgeordneten nur sehr schwer wurde, die nötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und im Innern- — -- Tie einzelnen Abgeordneten des jüdischen Klubs waren auch nicht immer von jener Einigfeit beseelt, die allein notwendig ist, zur harmonischen Zusammenarbeit. So war der Klub eigentlich nicht mehr lebensfähig bevor noch das Haus aufgelöst wurde.- Die Neuwahlen fürs zweite Volkshaus ergaben eine Niederlage auf allen Linien. Ein Abgcodnctcr zog ins Haus ein. Sind wir einmal ehrlich und gestehen wir uns diese Tatsache der Niederlage zu. Es ist besser einer solchen Angelegenheit mit Skeptizismus gegenüber zu stehen als mit einem iibclangcbrachten Optimismus, der ganz und gar verfehlt ist. Zogen wir aber aus der ersten Parlamentära und aus den Ergebnisten der zweiten Wahlen die notwendigen Lehren? Nein und dreimal nein. Denn es wurde nur noch schlechter! Während sämtliche Völker Oesterreichs einen heftigen Kampf um Sein od. Nichtsein führen, ihre nationale Eigenart, ihren Besitzstand mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen oder anstreben; während wir uns in einer akuten Parlamentskrise befinden, — die Sprünge unseres Parlamentarismus, der in tausend Brüche zu gehen scheint, sind in der zwölften Stunde durch das drohende Gespenst des 8 14 zusammengekleistert worden (doch fragt mich nur nicht, wie) — während es in der Donaumonarchie unter allen Völkern brodelt und siedet, der Gedanke einer nationalen Selbstverwaltung aller österreichischer Völker doch nur eine Frage kurzer Zeit sein kann; während die wirtschaftliche Not aller Völker und nicht am rvenigstcn der Juden die schrecklichstc geworden ist, namentlich im heurigen Kriscnjahr; Tausende und Abertausende jüdischer Familien mit zitternden -Händen, mit vcrhnngertem und gramvollen Antlitz nach Brot schreien, machen die Zionisten Oesterreichs großartige Protestaktionen gegen den ״deutschen -Hilfsverein". Ein zweieinhalb Millioncnvolk kämpft um die primitivsten Rechte seines nationalen Seins — und keine Hand rührt sich. Aber es soll sich nur nicht zu stark rächen! Heute oder morgen kann das Parlament doch aufgelöst werden, ja sollte es sogar seine volle Scssionsdauer überleben, wer unter den jüdischen Politikern hätte unter sotancn Umständen Sie Stirne, sich mn ein Mandat zu bewerben? Die jüdisch-nationale Politik ist nicht um Haarbreite nach vorwärts gekommen, und zwar deshalb nicht, weil das jüdische zweieinhalb Millionenvolk der Donaumonarchie einer einheitlichcn Organisation ermangelt. Unsere politische Aufklärung. Agitation und Erziehungsarbeit läßt alles zu wünschen übrig. Die Massen müsten fortwährend in Atem gehalten werden, nicht nur zu Zeiten von Wahlen. Das können sich in schöner Wölbung der Chor für die Sänger; die Jünglinge und Knaben der Geiiicinde studierten alte Cboralweisen zu den Psalmen Davids. Aus allen Bethäusern trug man die Gesetzesrolleu und die silbernen und goldenen Klekodesch (Paramente) in das von bunten Säulche» umgebene Tabernakel. Kunstfertige Frauen- Hände stickten Vorhänge und Altardeckcn; Mine batte das Brautkleid ihrer Mutter aus buntem Scidcnbrokat zerschnitten und zwei ״Mäntelchen" für die Thorarollen daraus gemacht. Aber noch immer fehlte der Prediger; von den mannigfachen Bewerbern hatte nicht einer genügt. Es war im Frühling zwischen Ostern und Pfingsten, als sich die Nachricht verbreitete, Doktor Henoch werde am ״großen Sabbat" seine Probepredigt halten. Mine hatte die Botschaft von ihm erhalten; sie hatte sie atemlos zu Joel Rcinach getragen und war geblendet im Hausflur stehen geblieben, als ihr die schöne Amazone entgcgcntrat, deren Nenner vor dem Haustore stampfte. Jubelnd teilte Mine ihr die Nachricht mit, die Berta fast zu überhören schien. ״Mein Vater wird erfreut sein, Sic zu sehen", asgte sic mit bezauberndem Lächeln, das ihre Perlenzähnc schimmern ließ, und den hohen Stülphandschuh zurückstrcifend. drückte sie ihr mit der schwellenden Alabasterhand die magere Rechte. Mit einem Blicke der Bewunderung, in die sich ein leiser Hauch von Wehmut mischte, sah Mine der blendenden Erscheinung nach; dann stieg sie die Treppe hinauf zu Herrn Joel Reinach. Das Zimmer war unverändert, die Gestalt des Greises noch gebrochener als ehedem; r. -gfc 3; | starke nationale Parteien gestatten, nicht aber ' eine schwache Partei eines Mindcrvolkes, das 1 noch dazu um die gesetzliche Anerkennung seiner Nationalität strebt und ringt. ׳ ׳ Was ist die Ursache solchen Niederganges unserer nationalen Politik-Uneinigkeit, Üneinheitlichkeit und Unklarheit im eigenen Lager und unter dem jüdischen Volke überhaupt. Wir sind uns heute noch darüber nicht klar, o b und wie wir Politik treiben sollen. Es gibt viele Gegner der Landespolitik. Von solchen, die unter dem Hinweise von ״politisch Lied, ein garstig Lied" jedwede politische Betätigung a priori ablehnen, wollen wir abstrahieren; die sind zu.entschuld!- gen. Von denen aber, die von der. Wichtigkeit einer nationaleil Politik in Oesterreich durchdrungen sind, kann und muß gefordert werden, daß sie sich an die Richtlinien des am.Krakauer.. Parteitage geschaffenen ״jüdischen Nationalperein für Oesterrreich" halten. Schon der erste Punkt der dort eingesetzten Satzungen lautet: ״Der Verein anerkennt die nationale Einheit aller Juden der Welt, sowie das unzerreisbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten historischen Heimat Palästina verbindet." Es ist aber traurig und beschämend zugleich, daß das Programm nicht einmal die Parteigenossen kennen. Unsere-heutige-politische Situation ist geradezu ein Hohn auf dies Programm, daß dom der: Delegierten der gefaulten zisleithanischcn Hälfte der Monarchie geschaffen wurde. Wir betonen und verlangen die Einheit aller Juden'der Welt, siild aber außerstande in Oesterreich eine;׳ einheitliche Organisation herzustellen ' von Un- - garn llicht zu sprechen, wiewol trotz des Dualisiiius ein Kon,itee.bestehend aus den Vertretern der Gesaintmoilarchie hergestellt Werden iiiitß. ‘ sollen die ungarländifchen Juden der Assimila-; tion nicht ganz ausgeliefert werden,.es handelt sich doch schließlich um eine Million Juden. Wir sind aber in einem Partikusarisiillls'Verfahren, der an die Unglaublichkcit grenzt. Unsere ganze Partei hierzulande ist in lauter Provinzparteichen zerfallen, die woinäglich noch untereinander zerspalten sind, siehe die Bukowina! Jede Provinz, fast jede Stadt, könnte n,an sagen, fordert ein eigenes Programm, mit dem Hinweis auf die "besonderen" Verhältnisse. In welche Stadt man immer kommen inag, stets hört man dasselbe famose Lied: ״nehmen Sie aus die besonderen Verhältnisse unserer Stadt Rücksicht". Das gibt es min einmal nicht. Mit solcher Kirchtnrinpolitik und Winkelpolitik muß endlich einmal aufgeräumt werden. Entweder sind wir eine großzügige Partei, dann scheeren wir uns.des Teufels lim besondere Verhältnisse, oder aber wir sind cs nicht, dann müssen wir eine machen. Deuu man rechnet hierzulande nur mit großen Parteieu, nicht aber um kleinen Vereinen und Kasinoklnbs. aber aus seinen Augen leuchtete ein milder Freudenstrahl bei Mines Botschaft. ״Ihr; Schützling ist uns herzlich willkommen, liebes Fräulein," sagte er; ״gebe Gott, das; sich seine, Ihre edlen Wünsche erfüllen! Sic sind auch die meine«." Noch eine Woche und sie sollte ihn wiedersehen! Tag und Nacht erbebte ihr Herz bei dem Gedanken! Sie dachte nur an ihn,׳ sie betete nur für ihn; was im tiefsten Herzkämiilerlci sonst noch an Wünschen und Hoffnungen lag, blieb ungcsprochen, ja ungedacht. Aber war es Zufall, daß sie täglich, selbst in der Woche, ähr schwarz- , seidenes Sabatkleid anzog? Daß sie unter ihren. Chemisetten keine brauchbare fand und sich bei Sprstizchen Sennct, der gewandtesten Modistin der Gemeinde, eine neue verfertigen und sich sogar überreden ließ, zum ersten Male seit dem Tode ihrer Eltern eine farbige Saininetschlcife daran zu heften? Vergebens hatte sic die ersten Wochentage das Haus keinen Augenblick derlassen. Stunden und Minuten zählend und mit Herzklopfen vom Stickrahmen aufspringend,' wenn es an die Tür pochte.,Der.-Mittwoch war- Neuinaiidstag. Sonst Pflegte sie infJMskU' \ des Schwesternblindes" mit den Mädchen laut : ״halb Halle!" -zu sagen (Lobgesang). Dieses Mal ließ sie sich zwei ihrer Lieblinge ins Haus ' kommen, um den Ersehnten ja nicht zu versau.-, mell! Am Fenster, vor dem ein Paar.Hyazinthenstöckchcn in, die Friihlingssonue hiiigusdnst z teten, stand siemit den beiden KinderstZmb betete. .־•. \ (Fortsetzung' folgt.H i