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Jüdische Volksstimme · 1914-01-08 · Heft 2 (8.1.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 2 (8.1.1914)
Date
1914-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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&Ue 2. »Attische SalfgpthBwe." verein eine gewisse historische Notwendigkeit hat, so ist es umsomehr zu bedauern, daß die Form, in welcher die Berliner Herren diesen Bruch herbeigeführt haben, eine unwürdige und klägliche ist und daß uns dieser Kampf wieder einmal zeigen mutzte, wie tiefstehend die Moral unserer Assimilanten ist! Niemand wäre froher gewesen, als wir. wenn wir uns hätten sagen können: ״die einigende Kraft des zionistischen Ideals ist auch an unseren Gegnern bewährt Word«:; sie sind mit uns gewachsen." Leider können wir dies nicht sagen. Die Assimilanten sind Assimilanten geblieben, Menschen, die. selbst aller Idee bar, skruppellos die äuhere Macht gebrauchen, die ihnen ihr Geld verleiht. Was melden die Berichte aus Palästina? Der Führer des deutschen Hilfsvereines, ein Mann modernster Bildung, verbündet sich mit Personen aus den Bettelstuden Jerusalems; er macht gemeinsam Sache mit den Leuten, die von der Wohltätigkeit der Glaubensgenossen lebend, jede Arbeit verpönen um» mit ihrem Bann belegen, die ihre Kinder verstoßen, wenn diese es wagen, das Almosen abzulehnen und zu arbeiten. Mit diesen Elementen verbindet sich der Mann, der angeblich für ׳e Verbreitung deutscher Bildung und Kultur cintritt. Dieser Mann ruft gegen die jüdischen Lehrer die türkischen Polizisten und Gendarmen in die Schule. Der Hilfsvcrciu der deutschen Juden traktiert Schüler mit Bier, um sie iu seineu Schule» zu erhalte«. Sein Schulleiter er zählt den kleinen Mädchen, die weinen, weil sie ihre größten Kameradinnen aufgeregt die Schule crlassen schcn: ״Fürchtet euch nicht, wir haben Geld und die haben keines..Der Hilfsverein macht, weil die Lehrer streiken, den Schuldieuer, «inen yemenitischen Juden, zum Lehrer seiner ״europäischen Schulen"... Wir hätten gewünscht, daß uns all dies erspart geblieben wäre und daß uns ein größerer!»egner entgegengetreten wäre. Der Hilfsverein '׳at sich aber durch sein Vorgehen nicht nur die Sympathien aller Juden verscherzt, er hat auch dem Deutschen einen Schaden zugefügt, der nur schwer heilen wird. Müssen denn die Juden Palästinas, die von dem ״Zabern in Jerusalem" ׳inen nur allzu deutlichen Begriff bekommen haben, nicht meinen, das Vorgehen des Hilfsvereines repräsentiere die deutsche Art? Muß nicht der Haß gegen alles deutsche entfacht werden und wird nicht das Technikum, wenn cs so werden wird, wie es der Hilfsverein wünscht, statt der gewünschten Annäl-erung nicht eine Erbitterung gegen alles Deutsche zur Folge l)aben? Und das ist uns deutschsprechenden Zionisten nicht gleichgültig! Wir schätzen die deutsche Kultur viel zu l)0ch, als daß wir nicht wünschen sollten, daß unsere junge hebräische Kultur von: Geiste eines Kant, Fichte und Goethe befruchtet werde. Diese Annäherung an die deutsche Kultur hat der Hilfsverein bedeutend erschwert. Und zugleich hat er sich die Sympathien aller Juden verscherzt. Man lese nur, wie erbittert ein Mann wie Grusenberg oder Nisselowitsch sich über das brutale Vorgehen :s Hilfsvereines äußert. Aber mit der Verurteilung des Hilfsvereins ist noch nichts Positives geschehen. Wir müssen es den palästinensischen Inden möglich machen, sich selbst ihre Schule zu errichten. Jeder Jude, der die Bedeutung Palästinas für unser Leben einsieht, jeder, der an die.Zukunft des Hebräische» glaubt, vor allem jeder Zionist muß seine ganze Opferfrcudigkeit in den Dienst der Sache stellen. Der Hilfsvercin hat nur Geld; das ist das einzige, was er vor uns voraus hat. Es dars aber icht geschehen, -aß unsere nattonale Idee von dem Gelbe des Hilfsvereines umgebracht wird. Wir müssen einsehcn, daß der gegenwärtige Augenblick von entscheidender Bedeutung ist. Entweder Palästina wird den Kampf bestehen, dann wird das neue Jischub von dem schwellenden Gefühle der eigenen Kraft durchdrungen werden und unser nationales Leben wird einen gewaltigen Aufschwung nehmen. Oder aber: der Kampf, den die Palästinenser führen, wird im Goluth nicht das entsprechende Echo finden, sie werden unterxm, und eine Verzweiflung wird sich ihrer bemächtigen, die das Ende unserer Hoffnungen bedeutet Seid euch der Größe des Augenblicks bewußt! Sendet dem zionistischen Zentralbureu (Berlin A. Sächsische Straße 15) die Steuer für das hebräische Schuliverk, die bezeugt, daß das jüd. Volk gewillt ist, feine heiligen Güter zu verteidigen! YERLOBUNQS-RINQE BR/K1T5CHMUCK * ‘ HOCHZEIT5QESCHENKE EHE'RINQE. In binromgendar Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachtier, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. ■W*־ Provinzauftrige finden sofortige Erledigung. ״Alljudentum" und Zionismus. Das jüdisch-politische Leben ist durch ein neues Schlagwort bereichert. ״Alljudentuin" dieser Ruf beunruhigt seit Kurzem die zionistischen Parteigrößen und Parteisekretäre. ״Alljüdische Revue" nennt sich die von Herrn F. M. Kaufmann rcdigirte Monatschrift ״Die Freistatt". Was will denn dieses Alljudentuni und warum ist cs denn den oberen ״Parteibonzen" nicht gefällig? Diese Frage präzis zu beantworten ist vielleicht noch nicht ganz möglich, aber ״Die Freistatt" mit der die ״Alljuden" so eng verknüpft ist vermag darüber Auskunft zu geben. ״Alljuden" Netz Dr. Nathan Birnbaum durch feinen vortrefflich begabten Schüler Kaufmann die um ihn gescharte Gruppe taufen. Und damit ist auch das Mißbehagen der ״Sekretäre" , am ״Alljudentum" und seinem Organe der ״Fvei statt" aufgeklärt. Ist es doch Acher, der mit aller Wucht die Entgleisungen der zionistischen Bewegung bekämpft und verworfen hat, ist es doch der ״Unzähmbare", der ״ja nicht einmal organisierter Zionist ist". Kurz es ist die Persönlichkeit Mathias Acher's, die aus den: ״Alljudentum" hervorlenchtet und ״oben" unangenehm ist. Sind aber die Alljuden Gegner des Zionismus? Diese Frage muß entschieden verneint werden. Nennen sich doch auch Trietsch, Kaplanski und fast die ganze Gruppe der ״Poale Zion", der gewiß nicht der Vorwurf des A-Zionismus gemacht werden kann, ״Alljuden". Alljudentum, dieser Name soll die Einheitlichkeit des ganzen jüdischen Volkes betonen und auch wahrscheinlich die Pflege alles ״Jüdischen" hervorheben. In der Hauptsache betonen die Alljuden, im Gegensätze zu den meisten zionistischen Theoritikern, ihren Positivismus d. i. die Bejahung des ״Goluth". Sie meinen trotz gewisser abnormaler Erscheinungen könne und werde das jüdische Volk in der Diaspora sich Verhältnismäßig günstig weiter entwickeln. Nur ein besonders starkes Volk, sagen die Zionisten unter ihnen, könne ein ״Land erobern". Ist der Untergang des jüdischen Volkes gewiß, dann ist der Zionismus die Phantasie des Volkes in der Agonie. Ein sterbendes Volk aber kann keines- Wegs soviel Energie aufbringen als die Besiedlung eines Landes bedarf. Das jüdische Volk ist stark, ״Palästina" aber ist eine gewisse Prophylaxis, ein notwendiger Luxus, ein Stärkungs- und Kräftigungsmittel. Darum ist es aber schädlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und des Volkes von allen Fragen des Tages und Lebens abzulenken und sie nur aus einen Punkt zu konzentrieren. Umsomehr, da doch Palästina gar icht imstande ist alle Energien des jüdischen Volkes auszunehinen und ein beträchtlicher, vielleicht der größte Teil des jüdischen Volkes in der Diaspora bleiben wird, wie cs ja alle Zionisten zugeben. Nun dürfen wir der Zukunft dieses größten Teiles nicht vergessen. Oder erwarten ir von Palästina eine gänzliche Umwandlung der Diaspora? Und in der Bejahung des Goluth ist auch die zweite Streitfrage zwischen den offiziellen Zionisten und Alljuden bedingt. Die-Sprachenfrage. Gestützt auf die Arbeiten Leßczynskis, Rubsteins, Lockers und anderer stellen sie fest: die Tendenzen des Goluth gehen dahin, die Juden in großen Zentren in den Großstädten zu sammeln und hier eine gewissermaßen geschlossene jüdische Wirtfchaft entstehen zu lassen. Hier in diesen Zentren wird die jüdische Massensprache nie untergehen, weil gar keine wirtschaftlichen und noch weniger kulturellen Notwendigkeiten hiesür vorhanden mageren Wangen der alten Jungfrau. War es die Sehnsucht, die jedes Mädchenherz, zunml in reiferen Jahren empfindet, die Sehnsucht zu lieben und geliebt zu sein, die Schnfucht, ein einsames, verwaistes Herz an ein anderes vertrautes zu schließen, die Sehnsucht, in der grohen Kette der endlosen Menschheit nicht wie ein abgefallener Ring zu Boden zu fallen, die Schnsucht nach der Freude und dem Leid der ״Familie", nach der Seligkeit, ein Kind mit Muttcrglück und Muttersorge an die Brust zu drücken! War es ein Gchanke an den praktischen Plan Ihres Onkels, war es ein idealer Blick auf den nicht durch den Ort allein, nein, auch durch Iugend und Schönheit ihr fernentrückten Freund? Was war es, was ihr bei diesem Worte heiße Tränen entlockte? Und diese Tränen, waren es Perlen der Hoffnung oder Tränen der Resig- Nation. Sie hatte das dreißigste Jahr überschritten, aber die schmerzlichen Erlchnisse, die ihre empfindlichen Nerven erschütterten, hatten ihr Aeuheres vor der Zeit altern gemacht. Noch bewahrte sie die schlanke Gestalt, die vornehme Haltung, noch ringelten sich die dunklen Haare in langen Locken an den mageren Wangen hinab, aber an Stirn und Schläfen hatte sich bereits darauf ein leichter, kaum wahrnehmender Herbstreif gelegt. Dennoch schien Jecheskel Flefchs Prophezeihung in Erfüllung gehen zu wollen. War eS ruchbar geworden, daß die Hand von Raafs Mine als Servitut an der zu besetzenden ״Landrabbinerstelle" hafte? War es ihre Verwandtfchaft mit dem eifernden Schammes oder die stille, aber allbekannte Protektion Joel Reinachs? War cs die Berechnung, daß die Gemeinde, um den Jahrgehalt der Waise zu ersparen, den Be- Werber um ihre Hand bevorzugen müssen? Was immer hier in die Wagschale fallen mochte, genug, alle die ledigen Raboniin (Rabbiner), die sich für die erledigte Stelle meldeten, verheiratete wies Jecheskel Flesch ohne weiteres ab, versäumten es nicht, sofort bei Raafs Mine einen Besuch zu machen, um ihre Protettion zu bitten und mit mehr oder weniger verblümten Andentungen sich ihr zur Verfügung zu stellen. Aber wer von ihnen nach den: ersten Besuche nicht von selbst ausblicb, der erfuhr sicher bei dem zweiten eine verständliche Zurückweisung. Vergebens bemühten sich ihre Freundinnen, ״ihr zuzuraten," vergebens warf ihr Oheim sein zürnendes «Worun: nit" ein, Mine verbat sich jeden weiteren Besuch und erklärte ihrem Onkel weinend, sie wolle lieber auf ihren Jahrgehalt verzichten. Ebenso beharrlich hatten Joel Reinach und die jüngeren Vertreter der Gemeinde gegen die U:ntriebe des fanatischen Schammes protestiert und man beschloß, die Stelle vorläufig unbesetzt zu lassen, urch verschrieb für die nötigen Funktionen von Fall zu Fall einen Rabbiner aus dem benachbarten Landstädtchen. Raafs Mine blieb fürderhin unangefochten und widniete ihre Zeit den: ״Schwesternbunde" einem Verein zur Erziehung armer jüdischer Mädchen. Sie verbrachte nicht nur täglich niehrere Stunden in: Vereinshause, sie nahm auch die Begabtesten mit zu sich, unterrichtete sie in Sprachen, im Gesang, in Kunststickerei und verfertigte mit ihnen allerlei Gegenstände, auf denen Blumen aus bunten Perlen und plastische Vögel und Früchte aus geschorener Wolle prangten, die zu ״Purim" in einer Lotterie zum Besten des ״Schwesternbundes" ausgespielt wurden. Die armen Kinder beteten sie an. Und so floß ihr Leben dahin wie ein niilder, gleichförmiger grauer Tag, in den nur ein leuchtender Sonnenstrahl fiel, wenn der Briefbote mit den Worten eintrat: ״Aus Würzburg!" Dann röteten sich unwillkürlich ihre bleichen Wangen und mit zitternden Händen erbracht sie die Botschaft des geliebten Freundes. Die letzte enthielt nach vorausgeschickken Erkundigungen und persönlichen Mitteilungen die folgenden Worte: ״Sie ermahnen mich, einzige Freundin, in: Hinblick auf meine Zukunft und die Ziele, die ich mir vorgesteckt, dem Glauben unserer Väter mich im Irrgarten der modernen Philosophie nicht zu entfremden! O, glauben Sie mir. Teuerste, ich bin durch diese Studien erst gläu-- »ig geworden. ,׳ w (Fortsetzung folgt.)

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