Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-01-01 · Heft 1 (1.1.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 1 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621898--2573-2623684
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite t. «NMche 8olkSstiM«e." Nr. 1. UÄer die grundlegendsten Fragen herrscht die größte Unklarheit und Verworrenheit. Ein Chaos mit einem Worte. Und doch gibt cs beim konsequenten Durchdenken der gesamten Sachlage nur ein: Entweder, oder! | Entweder sind wir eine reine Palästina- Kolonisationsbewegung, oder aber wir sind die Renaisiancebewegung des gesamten Judentums. Als Kolonisationsbewegung müßten wir dann wohl alles auherpalästinensische anderen über-, lasset!. Dann aber seien wir konsequent, und werfen wir uns mit aller Macht auf Palästina. Die jüngsten Erscheinungen in Erez Jisroel beweisen zur Genüge, daß wir trotz allem noch lange im Lande nicht so festen Fuß gefaßt haben, als es den Anschein hatte. Wir können uns hier nicht von jedem Vorwurf freisprechen. Wenn man so; viele Jahre in einem Lande mit einem Herrn Dr. Nathan arbeitet, wenn man vollends mit ihm! in einer Stadt wohnt, muß man doch wohl solchen' Mann kennen und es ist kein Beweis großer! Menschenkenntnis, wenn man ihm stets mit hier! übelangebrachten Opportunismus entgegentritt. Weiß denn die ״Welt" erst jetzt, daß Herr Dr. P. Nathan ein ״Starrkopf" sei? Das hätte man doch wohl schon früher wissen können, die Leitung orientieren und warnen. Bis nun glaubte man allenthalben» daß wenigstens in Palästina unsere Arbeit ein LiHpunkt der Bewegung sei.-Die Berichte in der ״Freistatt" lauten aber ganz an-. ders. Sind sie richtig? oder sind sie, wie ich nach j dem Kongreßreferate annehmen muß, unrichtig; ist letzteres der Fall, warum reagiert dann unser Zentralorgan nicht darauf? Warum wurde dies Blatt überhaupt von der ״Welt" und den meisten zionisttschen Parteiblättern empfohlen, wenn man sich sogar am Kongreß gezwungen sah, gegen diese ״alljüdische" Revue aufzutreten. Man mußte sich doch über die Leitung dieses Blattes im Klaren sein und es berührt einen Leser eigentümlich, wenn er ober dem Striche der zionistischeu Blätter tadelnswertes, unter dem Strich lobenswertes von der ״Freistatt" liest. Nach den Umwälzungen in der Türkei wies der Schreiber dieser Zeilen auf deren Bedeutung für den, Zionismus׳ hin. Er erhielt jedoch den diesbezüglichen Artikel mit einem Briefe von der Redaktton der betreffenden zionistischen Zeitung zurück, in dem es hieß: in Anbetracht der Verhältnisse in der Türkei könne darüber nicht gesprachen oder geschrieben werden, das E. A. C. fei Wohl orientiert und informiert. Doch würde am Kongreß gerade über dieses wichttgste Pro-' blem nicht gesprochen, oder doch nicht in dem ge-' genügendem Maße, als solche historische Tatsachen es erheischen. Weit davon entfernt etwaige ge- Heime Verchandlungen des E. A. C. in die Öffentlichkckt zerren zu wollen, muß man sich doch fragen: Hat das E. A. C. den geänderten Ver- | hälttiissen Rechnung getragen? Biele Herzlkritiker, die heute oft in leitenden zionistischen Stellungen sind, haben zu Lebzeiten Theodor Herzls, ihm die hefttgste» Vorwürfe gemacht, ob seiner sogenannten geheimen Diplomatischen Berhandlnngrv, bezeichneten sein Vorgehen als undemokrattsch! stimmen aber heute stillschweigend solcher Geheimhaltung zu! In der Salonikifrage z. B. plädierte ein zionistisches Organ für eine Emigration aus dieser Stadt, die wohl gerade Saloniki für eine jüdische Emigration geeignet ist als der zukünftig wichtigste Knotenpunkt österreichischen und kleinasiattschen Handels. * * * sondern ein Gedanke zuckte in ihr wie ein Funke auf und ergoß sich mit milder Wärm«: bis in ihr tiefstes Herz. Keine Scheu empfand sie mehr vor dem sanften menschenfreundlichen Antlitz; sein leiser väterlicher Ton hatte ein unendliches Vertrauen in ihr geweckt, und als er schied, als sie unwillkürlich seine Hand an die Lippen zog, da stand ein Entschluß in ihrer Seele fest, und sie lächelte fast freudig, als He noch eintrat, der wie ein Kind des Hauses den Leidttagenden unabläsiig zur Seite stand. ״Es gibt doch kein Unglück, lieber Henoch," sagte sie, «das nicht den Keim eines Glückes in sich schlösse!" Henoch verstand diese mysteriösen Worte, aber er drückte der Freundin innigst die Hand. Acht Tage später trat Mine in schwarzen! Trauerkleide in das Haus in der Entengaste und ließ sich bei Herrn Reinach melden. Die Ächter empfingen sie liebreich. Wie stachen die drei rosigen Kinder gegen die alternde Jungfrau ab, deren Gesicht durch die Gemütsbewegungen der letzten Tage noch abgehärmter und eingefallener erschien! Sie fragten teilnehmend, was sie wünsche. Sie habe mit Herrn Joel Reinach selbst zu sprechen, antwortete sie, dabei drehte sie ein Päckchen in Seidenpapier verlegen zwischen ihren Fingern. Die Töchter schwiegen. Aber Berta, die Jüngste und Schönste, kaum Fünfzehnjährige, nickte der bange Harrenden freundlich zu, huschte in dak anstoßende Gemacht und kam mit freudestrahlenden Augen zurück: der Vater laste bitten, einzutreten. l Sind wir aber, was ich bekenne, die Nenaistancebewegung, dann müsten wir unser Augenmerk auf alle jüdischen Fragen werfen. So geht es nicht weiter! Mit einer ״Golusthcorie", wie sie z. B. Herr Dr. Hugo Hermann vertritt oder wenigstens im Sommer in der ״Welt" und der ״Selbstwehr" vertreten hat, können wir nichts gemein haben. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß in den nächsten 100 Jahren die überwiegende Mehrheit der Juden in den jetzigen Wohnsitzen verbleiben muß! Diesem Umstande mutz unser Programm Rechnung tragen. Die sogenannte politisihe Landesarbeit ist ganz eingeschlafen, wie Wohl sie das E. A. C. in seinem Berichte an den 11. Kongreß für einen iutegrierevden Bestandteil der zionisttschen Arbeit in Nationalitätenstaaten bezeichnet. Die im Jahre 1912 in Wien tagende politisihe Parteikonferenz verlangte die Einberufung eines politischen Parteitages. Den: wurde nicht Rechnung getragen, wiewohl gerade l1/״ Jahre verflossen sind. Unsere Parteifreunde in Galizien, die doch als Zionisten die Einheit des gesammten Judentums proklamieren, stellen sich politisch und auch zionistisch auf einen Jsolierschemmel. Während der polnischruthenischen Ausgleichsverhandlungen wurde so gut wie nichts getan, die neue Landeswahlordnung wird über die Köpfe der Juden hinweg geschaffen! Es kann aber auch nichts geschehen, so lange Ansichten wie die des Herrn Dr. Hugo Bergmann (Prag) vorherrschend sind, daß man in Böhmen, Mähren, Galizien, Bukowina andere Politik maihen muß. Vollends die Bukovina! Es ist geradezu ein Hohn auf jedes ästhetische, ethische und moralische Empfinden, wenn man den langjährigen Kampf verfolgt, der sich zwischen den Herren Abgeordneten Dr. Straucher und dem Universitäts-Professor (!) Dr. Leon Kellner abspielt. Warum schafft das E. A. C. nicht hier Ordnung?! — Dem wäre anders, hätten wir eine einheitliche politisihe Partei, wie sie der Krakauer Parteitag geschaffen hat. Die Herren, die dort das Programm schufen, treten es heute mit Füßen! — Während des deutschtschechischen Ausgleiches rührte sich keine Hand; zur Nachwahl in der Leopoldstadt nahm man gar keine Stellung, ja der ״Jüdische Nationalverein" für Oesterreich in Wien findet es nicht einmal der Mühe wert seit 14/ג Jahren eine General- Wie klopfte Mincs Herz, als sie durch die wattierte Doppeltür in das Dämmerlicht des Gemaihes trat und der gebeugte Greis in eng anliegendem grauem Rock aus dem Lehnstuhl vor dem auf einem Lesepult ein Buch aufgeschlagen lag. sich erhob und sie mit freundlicher Handbewegung zum Sitzen einlud! ״Was bringen Sie mir Gutes, liebes Fräulein?" fragte er mit flüsternder Stimme. ״Womit kann ich Ihnen dienen?" ״Verzeihen Sie," antwortete sie beklommen, ״wenn ich zu Ihnen meine Zuflucht nehme; ich habe im Nachlaß meiner seligen Mutter Spitzen gefunden, alte brabanter Spitzen, und möchte Sie fragen, ob Sie mir dieselk^n nicht — verwerten könnten?" Dabei wollte sie das Seiden- Papier entrollen; aber die magere Hand des Greises legte sich einhaltend auf die ihrige. ״Ich bin Ihnen sehr verbunden," sagte er, ihre Hand stteichelnd, und obwohl dieser Artikel nicht zu unserem Geschäfte gehört, so möchte ich," fuhr er rascher fort, als er ein schmerzliches Zucken um Mines Mund bei den letzten Worten gewahrte, ״so möchte ich mir die Frage erlauben, ob Sie oder Ihr verehrter Herr Vater in Verlegenheit-" Mine errötete vor Beschämung. ״Das nicht," stotterte sie, ״Gott sei Dank, es ist nicht für uns, — ich wollte damit-״ ״Ein gutes Werk tun," half ihr Reinach nach, von neuem ihre Hand ergreifend. Mine atmete auf. ״So ist'S!" rief sie, ״ich wollte-״ Versammlung einzuberufen. Hatte etwa Prof. Engel auf der Parteikonferenz in Prag nicht Recht, als er auf solche Fehler der politisihen Arbeit hinwies? Soziale und wirtschaftliche Wohlfahrt des jüdischen Volkes wird ganz vernachlässigt. Wozu auch! ״Man lebt doch im Golus!" lieber Wirtschaftliihe Fragen, die dringender sind als die Erlernung der hebräischen Sprache, spricht kein Mensch. Man geht an solchen Fragen mit einer gerade schon an Frivolität mahnenden Gleichgiltigkeit hinweg. Glaubt man denn wirklich, daß man durch solches Programm verstärkt durch die ״Goluththeorie" die Massen wird für uns erwärmen können. Will man etwa den Kampf zwischen Hebräisch und ״Jiddish" auch, in die yiddish sprechenden Masten hineintragen? Warum wird denn dieser lebenden Spräche, die--^- doch die Sprache der überwiegenden Majorität^ unseres Volkes ist, so wenig Rechnung getragen? Unsere Erziehungsarbeit, ein Haupttaktvr jeder Bewegung, liegt ganz darnieder,׳ yHkdie Jugend in der ״Goluththeorie" erzogen, alle״ wirtschaftlichen, sozialen, politisihen und ״kul-— turellen Fragen neglegiert. Oder besteht momentan die Jugenderziehung ganz und gar nur im ״Wanderbund", Turnen und Sport? Besteht aydererseits unsere ganze Kulturarbeit aber nur>nt^ ׳> der Errichtung hebräischer Sprachkurse und der Erlernung der hebräischen Sprache? Gehört die religiöse Frage nicht mit hinein in eine Re-״ naistancebewegung eines ganzen Volkes? Ein,.. Leser dieses Blattes hat mich total mißverstanden als er behauptete: ich trete, dafür ein, daß j>k Zionisten ״Mazzes mit Schinken" essen sollen! So etwas fiel mir nie ein. Was ich verlangte und verlange ist Klarheit und vor allem Ehrlichkeit in allen und insbesondere in religiösen Fragen. Da aber in erster Linie! Hier muß Klarheit herrschen! Es ist infolge solcher allgemeiner Unklarheit und Verworrenheit zweckmäßig, wenn man sich trotz langjähriger zionistischer Arbeit die Frage stellen muß: Was ist eigentlich der Zionismus? Wirklich nur Palästinakolonisation? oder doch die.Renaissance, des jüdischen Volkes? Berichte aus allen Teilen innerhalb und außerhalb der Monarchie sind ttostlos: In Jnnerösterreich wird außerhalb Wiens nirgends gearbeitet! In Mähren gzbt es noch immer Gemeinden, in denen niemals eine Versammlung war, vollends die politischen Gemeinden in Mähren werden ganz vernachlässigt. Aus Budapest, Agram, Triest Fiume, Belgrad, lauter große jüdische Zentren, liegen die pessimistischesten Daten vor. Trotz wochenlanger Korrespondenz ist es nicht möglich z. V. in Fiume den ״Zion"-Verein zu konsolidiercn. Das Resümee, das wir ziehen, ist folgendes: 1. In Palästtna infolge der Aktion des ״deutschen Hilfsvereins" eine akute Krise. 2. Die politische Landesarbeit in Oesterreich total verwahrlost; ״Haben Sie kein Vertrauen zu mir?" fragte Reinach lächelnd, als sie von neuem stockte. ״Doch, doch!" rief sie aus und eine Träne trat in ihr Auge, das groß und offen in die matten Sterne der Seinigen blickte. ״Unter unseren Seminaristen ist einer, der schö—, der junge Henoch, ein besonders begabter, trefflicher Schüler meines Vaters. Sein ganzes Herz hängt daran, in Würzburg zu studieren! wo man, wie er sagt,, sehr gelehrt werden soll. Er hat mir seine Ideen anvertraut, schöne herrliche Pläne, unsere Gemeinde dereinst in einem neuen, geläuterten, erhebenden Gottesdienst zu vereinen." — Reinachs Hand zuckt in der ihrigen. — ״Aber er ist arm," fuhr sie fort, ״er muß hier ״Tage" essen, und da glaube ich vielleicht durch den Erlös dieser Spitzen —״ Sie schwieg und blickte verlegen auf das kleine Paket. Aber Reinach hatte den grünen Schirm von den Augen zurückgeschoben und betrachtete sie lange mit liÄreichem Blick. ״Da haben Sie ganz recht gehabt, liebes Kind", sagte er, mit der Hand sanft über die ihre stteichelnd. ״die alten brabanter Spitzen sind viel Geld wert! Bemühen Sie sich nicht, ich brauche sie gar nicht zu sehen, um sie schätzen zu können, und ich zahle sie gewiß nicht zu teuer, wenn ich Ihnen jährlich dreihundert Reichstaler vorläufig auf drei Jahre für Ihren Schützling zur Verfügung stelle!" ״Gott segne Sie!" rief Mine aus und wollte seine Hand an die Lippen ziehen; aber die stürmische Bewegung, der jubelnde Aufschrei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.