Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 50 (18.12.1913)
- Date
- 1913-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Prag. Herr kais. Rat Haurqwjtz, Mjtjchef der Firrna Reumann.und Haurowitz, begeht am.'' 20. Dezember seinen 80. Geburtstag. Herr. Haurowitz ist seit langen Jahren Mitglied der ifracl- Kultusgemeinde-Nepräseiitanz und erfreut sich als fachkundiger Mitarbeiter in der Kultüssnibe ',ober Wertschätzung. Prag. Herr Rudolf Fischer, Mitglied der ״Leseu. Redehalle jüdischer Hochschüler" wurde am Samstag. den 18. Dezember, zum Doktor der Philosophie promoviert. Pilsen. Samstag, den 18. Dezember. wurde liier Cbannka gefeiert. Der Volksverein hatte zu einem wirklich'sildischen Programm eingeladcn׳, dies ist bei den ׳landesüblichen Makkabäer-Feiern leider gar nicht so selbstverständlich. Allerdings, die Vortragenden vermochten zuin großen Teil nicht, der Höhe des Programines zu entsprechen. Frau Else Bergmann leitete mit der Rezitation von Roscnfelds ״Ehanuka-Lichtlein" ein. Man darf ihr imchrülnnen, daß sie deutlich vortrug. Tr. Otto Abcles (Dien) hielt die Festrede. — Ghettoiieder von Vaschata wurden von Frau Pe> verka sehr geschmackvoll-zu Gehör gebracht; umfangreichc Stinnnittel. ein pikantes Timbre sichern der Dame immer lebhaftes Interesse. Viel weniger befriedigte Herr Mar Adler, der jüdische Volkslieder zu interpretieren sich bemühte. Man merkt das Angelernte: die Aussprache des Jiddischen ist fehlerhaft: die 'gesanglichen Quasiraten mäßig. Das Publikum war recht zahlreich^ und dankbar Lokal , Galizien.) Die Früchte der sürchterlichen Boykotthetze. die, seit einigen Monaten seitens einiger polnischen Blättern gegen die Inden geführt wird, sangen schon zu reifen an. Von allen Orten Galiziens hört, man Tag für Tag. daß hie und da korporative Genosscnschafteil, um die jüdischen ״Blutigel" aus dem Markte gänzlich zu verdrängen, gegründet werden. Die Gründung solcher Genossenschaften, werden auch von den sogenannten ״liberalen" Blättern mit größter Freude mitgetcilt. Soll cs. so weiter gehen, so steht..uns gal!zischen Juden, eine sehr Gaurige Zukunft bevor. Auch unsere Stadt,.die bis nun den ״Rassenhaß" fast nicht gekannt hat, liat eine antijüdischc Wendung genommen. Unrer der Anführung der hiesigen Intelligenz und der umgcgcndlichen Großgrundbesitzer wurde hier mit größten! Ponrp eine korporative Dament'onsektion- und Schnlrequisiten-Gcnosscnschast gegründet.?Sollte dieses Unternehmen wirklich gelingen, so soll das ein Todschlag für die hiesigen jüdischen Handlungen, die durch den ökonomischen Zusammenbruch viel auszustehen batten, sein. Und n!it unserer Erziehung steht cs noch viel schlimmer! Vor einigen Wochen hat ein junges Mädchen Sch. ihr Großeltcrnhaus — sic ist Waise beider Eltern — verlassen und ließ sich in Krakau bei den bekannten Fcliziancr- Schwestern taufen. Alle Bitten der armen, vcr- ׳,weife! ten Großeltern und sonstigen Bekannten wies die Renegatin init äußerster Frechheit zurück. Das Traurigste dabei ist, daß — wie cs verlautet — eine junge jüdische Frau sie zu diesein schändlichen Schritte bewogen haben sollte. Sollen dies die Folgen des 2000jährigen jchmachtendcn Goluth sein? Sollen wir wirklich, ein Volk, das einem Torgneinada. Chiniclnicki und den Kreuzrittern Trotz zu bieten imstande war, jo niedrig sinken? Eines. vollem Gärige. Den Höhepunkt der Veranstaltungdürfte j die Ausführung des ersten und zweiten Aktes von Otto! LudivigS ״Makkabaern" durch die jüdische Studentenschaft' BrünnS bilden, zu deren Inszenierung!sich Herr Schauspieler Strauß 'in aufopferndster Weise zur Vcrfügung gestellt hat. Dem Komitee ist cß übrigens gelungcri,' einem allgemeinen Wunsch, dadurch Rechnung zu tragen, daß der in Brünn außerordentlich beliebte Beda iFritz Löhner) seine Mitwirkung zugcsagt hat. Endlich wird der Jüdische Turnverein Brünn eine Mnstcrricgc an! Hüchbarrcu ausftcllcn. Ine allgemeinen verspricht die Veranstaltung, die der Nachfrage nach überaus besucht sein wird, einen vollen Erfolg. . Jüdischer Turnverein, Favoriten. Ter Jüd. Turnverein Favoriten,׳,veranstaltet Donnerstag. 2H. Dezember 1018, Präzise halb 4 Uhr nachmittags auf.seinem Turnplätze 10. Bez-, Larcitbnr- .rerfrraße Ar. 8, eine Makkabäer-Feier mit Vorragen und turnerischell Vorführungen der Kittocrabteiluttg. Deutsch-jüdische Missionare. ' Haifa. Die Führer der hiesigen Juden, mit Tr. Rnctbach ün der Spitze veranstalteten ösfentlichcn Protestkundgebungen gegen die deutschjüdischen Mistiobäre des Hil/svereines in Ber-!in. Tic -׳hiesige׳.jüdische Gemeinde verpflichtete sich. 8000 Franken jährlich für die Errichtung und Erhaltung hebräischer Schulen anstatt der des Hilfsvereines anfzubringen. Ter ' Verein Chonwe Zion חזי Odessa leistet hierzu eine jährsiche Subvention von 20.000 Franken. Die Indenhcit Palästinas verpflichtete sich für djc Bekämpfung der deutschen Schulen' des׳ Hilfsvereines zu einem Betrag von 80.000 Franken Tic jüdisch-nationalen Institutionen in Berlin verpflichteten' sich zu einem Betrage von 80.000 Franken. Gewaltsame Gcrmanisierung der palästinen- ' fischen Juden. Jerusalem. Am 8. d, M. eröffnetc der Hilfsverein der deutschen Juden unter einem Polizeiansgebot ihr hiesiges Seminar. .18 Lehrer-Haben ihre Tätigkeit an demselben aufgekündigt. Am 0. d. M. verjagte die Polizei die streikenden Lehrer und die streikenden Schüler der Lemel- Schule und der Töchterschule. Aüdies mit Hilfe des deutschen Konsulats in Jerusalem, Alle Schülerinnen _ siild aus der Töchterschule ansgetreten, ebenso die Schüler der drei oberen Klassen der Ttemel.-Schule. Es wurde daraufhin, ein hebräisches Seminar unter der Leitung von Tr. Jelin eröffnet und zugleich auch eine Töchterschule nebst einer Knabenschul eröffnet. Allscitigc Hilst ist dringend nötig. Der rote Zettel. Jassir. Xir rote Zettel für c'unvcm'bcvnbc russische Juden iii nun endlich gänzlich avgeschafst worden, auch der Reisepaß ivird nicht mehr von de., Grcnzbchördcn zu ruckgehalten. Juden können nunmehr auch auf lange Zeit nach Palästina unbcbindcrt fahren. ..^.-5-, vis beste yueiis fürdenkinkaiif von!einer HerreniM ist und bleibt{ Brünn, Ferdinandsgasse 21, i. Stock Kleine Regie! Kleine Preise! Preislisten gratis und franko. üimdfcfiait. Makkavaerfrier. Wie wir bereits berichtet haben, veranstaltete die jüdisck'iiaiionalen und zionistischen Vcreine und Korporationen Brünns am 20. d. M. in den städtischen Redontcusälen eine große Matkabäerseier. Die Vorvercilungen zu dieser Veranstaltung sind in Br. Rudolf Katbolicky gew. Mm der I. chlrg. Rbfellttg Ctr CjtdtÄTanltfnanstalt «sdat: ecke Jerdlfianilsqasse und Jobannesgis« «rälnirrt tSgitcb von! bis 4 vdr nachm. JtmsbTfCbei 01. B03. BBBBBBBESBEESilSBBBB Der jüd. Lebenswille und seine Möglichkeit. Dem Wunsche des Herrn'Tr. O. Thon, stellen wir fest, daß Herr Tr. Thon uns diesen Artikel nicht zur Versügung gestellt hat. Derselbe wurde uns von unserem Prager Berichterstatter zugeschickt. Die Redaktion. Nicht nur Simmel, Rickert und Nordau, die der Geschichtswissenschaft ziemlich fernstehen, weib sie׳ andere Gebiete vertreten, der erstere ein Soziologe, der zweite ein Philosoph,-der letztere Kulturkritiker ist, lösen die Geschichte in andere Wissenszweige auf, so daß das rein׳ Historische so gut ׳wie ganz zurücktritt, sondern auch Lamprecht, der ein Berufshistoriker ist, identifiziert fast die Geschichte mit der Psychologie, so daß das׳ Historische mit der ״Reizsamkeit" beginnt und in den Psychologismus mündet. Trotzdem diese Forscher recht haben, werden wir, mn das׳ Historische nicht ganz zu verwischen und n», cs'gewissermaßen zu erhalten, die Knltnrgeschichte als' die wahre Geschichte und als Wissenschaft betrachten, die unauflösbar in ein anderes Gebiet übetgeht. Das Kulturhistorische wird auch das Bleibeude und das Wichtigste sein, da wir in demselben eine ins Bewußtsein der Menschheit tret-ende und über ihre Ziele sich klar werdende Wissenschaft haben werden. Tie psyäfologischen Elemente werden in die Geschichte eine Differenzierung und Nüanciernng bringen, die inneren und äußeren Momente gegen.eina!1dcr abschätzen und so das sich äußernde Kräflespie! zu ermitteln streben. Tie Kulturgeschichte .werden wir als die wahre Geschichte, d. h. als solche, die ihre Spuren znrückläßt. und unoerwischbar ist, betrachten,.und je niehr kulturhistorisch ein. Volk .sich zeigt, desto, mehr Wert wird es in der Kulturgeschichte haben. Die Völker also, deren kulturhistorischer Wert gering ist, werden hier nicht in Betracht koiiimcii. -7- Die Inder weisen keine Geschichte׳auf, weil sic träumerisch sind, in abstrakten Spekulationen sich -ergehen und weil sic keine Tatkräftigkeit zcigen. Dagegen erheben sich die Griechen Himmelhoch in dieser Beziehung über die Inder. In Jahrzehnten entwickelt sich die griechische Kultur, wie eine andere kaum in Jahrhunderten, es ist eine geradezu atitomobilartige Hast, wir bemerken ein sich Ueberstürzett von Ideen und Anschauungen, eine wahre Reichtumsverwirrung. Tie Röiner besitzen eine sich veräußersichende Geschichte, die der inneren Triebfedern fast'entbehrt nud die sich nur in Aeußerlichkeiten manifestiert. Tagegeil bildet die jüdische Geschichte die Mitte zwischen der Passiven und tatkräftigen Geschichte, es gebricht nicht an Handlungen intv wenn es auch unnütze Epochen gibt, so läßt sie auch die minderwertigen Epochen Verhältnismäßig wichtig erscheinen. Ter jüdische Geist zeigt trotz seiner Veräridermigsfähigkeit stets eine Richtungskonstante, die ihn vor plötzlichen Aenderungen zu fchützeit vermag. Ter griechische Geist hat wunderbare Früchte gezeitigt und zwar auf allen Gebieten, auf dein der Philosophie, des Dramas, des Epos, der bildenden Künste usw. Ter Genius arbeitet mit so einer Hast, daß er sich bald zu erschöpfen begiimt, er erreicht die höchsten Spitzen, um bald-in die Tiefen zu sinkcn. Ter Boden wird schnell ausgenützt, über eine verhältnismäßig kleine Raum- und Zeitfläche verteilt sich das Genie. ' Dagegen sehen wir in der jüdischen Geschichte eine Spätreife, eine Langsamkeit, eine Schneckenbewcgung, die aber nie aufhört. Tie Propheten haben sich trotz ihres scheinbar aufflackernden und erlöschenden Genies Jahrhunderte hindurch erhalten.'.und über die spätere Weltgeschichte ihre Geistesfackel leuchten lassen und besonders die Tanaiten, die fast reine Wissenschaftler, spekulative Geister und Denker waren, beherrschen noch heute das Judentum. Manche Epochen könnten abgebrochen werden, aber das Judentum zeichnet sich durch die Stetigkeit ans, eine jede (wenn auchunlvichtigsle Epoche) ist insofern wichtig, als sie zu anderen hinüberleitet. Sinn und Bedeutung der jüd. Geschichte. 1. Es gibt kaum ein wissensckfaftliches Gebiet, das von subjektiven Anschauungen so abhängig wäre, wie die Geschichte, über deren Wesen sich die Forscher noch nicht klar sind.!1. * Tie griechische Philosophie zur Zeit der Stoa war noch cntwickiungs- und bestandsfähig, um noch neue Knospen-zu treiben, aber das Knlturzentrnin fehlte bereits, als daß es sich noch zu erhalten vermocht hätte. Tie griechische Kultur war, wie eine jede andere an Raum und Zeit gebunden. Was waren überhaupt die Völker, als sie ihre Kulturzentren verloren haben? Weder die Babylonier, noch die Snmcro-Akkader, noch die Griechen, noch die Völker der Neuzeit haben sich