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Jüdische Volksstimme · 1913-12-11 · Heft 49 (11.12.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 49 (11.12.1913)
Date
1913-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. . ,^Jüdische Bolttstimme." Nr. 49" tismuS. Die russische Regierung überschätzte die Macht der Finsternis des russischen Voltes und eS ist erfreu-!ich, -ah sic trotzdem eine Niederlage erlitten hat. Zum Schlüsse meinte der Redner, cS sei nun Aufgabe der böhmischen Juden, alles aufzubietcn, um eine Revision des böhmischen BciliS-Prozesscs hcrbcizuführcn. Nachher sprach sich gleichfalls für die Revision des Polnacr Prozesses der RcichSratSabgcordnete Dr. Schmcral aus. Der Redner denkt, daß, trotzdem im Falle Hilsner ein fürchterlicher Justizirrtum geschehen sei, zweifle er daran, daß die freiheitlich Denkenden die Macht haben werden, die Revision zu erzwingen. Ter letzte Referent, Herr Chaim Nagler, erklärte, cö genüge nicht, den Prozeß jetzt wieder nur von der juristischen Seite anzupackcn. Wenn ein gewaltiger Druck von unten erfolge, werde die Revision unausbleiblich sein. Sodann wurde folgende Resolution angenommen: ״Die heutige Versammlung begrüßt mit Genuglnttnp den AuSgang des Beilis-Prozcsscs, indem sic darin eine Niederlage der russischen Reaktion und den Sieg der neu auflebcnden russischen Freiheitsbewegung erblickt. Die Versammlung beglückwünscht die russischen Bauern, die allen Gefahren und Verlockungen zu Trotz, sich der Stimme des Gewissens nicht verschlossen und dem Zarismus eine große Enttäuschung bereitet haben. In der Bejahung der ersten <tn die Geschworenen gestellten Fragen sieht die Versammlung eine Heberrumpclung der simplen Bauern durch die jesuitische Fragestellung der zarischcn Bcamtcnjustiz. Die Versammlung findet cS als höchst beschämend, daß Lesterreich in der Frage der Ritualmordbcschuldigung hinter Rußland zurückbleibt und richtet einen Appell an alle gerecht Denkenden in Oesterreich, sich für eine endliche Revision des Hilsner-Prozcffcs mit allen Kräften einzusetzcn." Abg. Prof. Masarhk veröffentlichte im ״Czas" eine Artikelserie über daL Ritualmordmärchen, das er in schärfster Weise verurteilte. Ms dort» Quelle für den Einkauf von feiner Herrenwäsche ist und bleibt BRÜNN, Ferdinandsgasse 21,1. Stock Kleine Regle! Kleine PreiseI Preislisten gratis und franko. Zur galizischen Finanzkrise. Lemberg. Im Saale der israelitischen Kultusgemcindc fand dieser Tage eine Konferenz der Tirektoren mehrerer hiesiger Finanzinjlitute statt, die sich mit der finanziellen Krise der jüdischen Kaufleutc und der Bankinstitute beschäftigte. Die Enquete befaßte sich mit der zu unternehmenden Hilfsaktion zugunsten der kleineu Bankinstitute, welche infolge der Stagnation in eine kritische Lage verfielen. In den letzten Monaten wurden diesen Instituten 55 Millionen Kronen entzogen, so daß viele bankerottiertcn und ein kleinerer Teil seine Geschäfte liquidieren mutzte. Von 800 jüdifchen Bankgenosscnschaften konnten kaum 250 sich er- Hallen und auch diese haben einen sehr beschränkten Umsatz. Nicht besser geht cS der jüdischen Kaufmailnschaft. Nach einer längeren Diskussion wurde folgender Beschluß gefaßt: ״Der Lcmvcrgcr Israelitischen Kultusgemeindc wird zur Pflicht gemacht, sich an die Jca in Paris zu wenden, daß sie in Ansehung der schrecklichen Lage der Juden in Galizien erstens mehrere Kassen in Galizien gründe, ztvritcns die bereits bestehende» Kreditinstitute mit größeren Kapitalien fundiere und drittens den solidcn jüdischen Institutionen größere Kredite zu einem kleinen Zinsfuß erteile." Jüdischer Frauenverein in Prag. Jüdischer Kraurnverein in Prag. Der jüdische Frauenverein hat der Mädchcnfarm ״Kinercth" zur Anlage eines größerer, Obstgartens vorläufig den Betrag von 500 K übermittelt und sich verpflichtet, alljährlich einen entsprechenden Betrag dem gleichen Zwecke zu lvidmcn, um so seinen Besitz allmählich zu vcrgrößern. Die Ausführung des vor längerer Zeit gesatztcn Beschlusses ist auf das wärmste zu begrüßen; bildct doch die persönliche Beteiligung an Palästinaarbeiten das beste Mittel, um das Interesse an Palästina und seinen Ausgaben zu stärken und stetig wach zuhalten. Jüdische Altertümer in der Ofener Festung. Als an! 2. September 1686 Ofen von den verbündeten Heeren der Christenheit den Türken entrissen wurden, verschwand auch die bis dahin blühende jüdische Gemeinde. Die berühmte Gemeindc mit ihren weitbekannten Institutionen fand ihr Grab unter den rauchenden Festungstrümmcrn. Sogar der jüdische Friedhof verschwand von der Oberfläche, kein einziger Grabstein verkündet der 'Nachwelt den Ruhm der Männer, welche dort der Auferstehung harrten. Die Bewohner fielen zum Teile der grausainen Wut der Belagerer zum Opfer, ein großer Teil wurde von den Eroberern in die Gefangenschaft geschleppt. Jsak Schulhof (geboren 1650, gestorben 1732), Schwiegersohn des wcitbcrühmten Ofner Rabbiners Rabbi Efraim Kohen, berichtet als Augenzeuge die furchtbaren Vorgänge, die sich bei der Erstürmung Ofens abspielten. Seine Schrift erzählt die grauenvollen Leiden der jüdischen Gemeinschaft, wie auch seine wundcrbare Rettung. Als die Sieger die von den Geschossen hart mitgenommenen Bauten wieder Herrichten wollten, war cs ihnen selbstverständlich, die Grabsteine des Judenfriedhofes als Baumaterial zu verwenden. Der bequemste Stcinbruch war der Friedhof, konnten doch die toten Juden auf keine Pietät rechnen in einer Zeit, wo die lebenden Juden als vogelfrei galten! Grundmauern, Trep- Pen, Pfeiler wurden aus Grabsteinen errichtet. Tie Inschrift wurde gewöhnlich abgehackt oder cingemaucrt. Tie Zeugen und Denkmäler der ruhmrcichen Vergangenheit verstummten so, bis die neue Zeit sich an die alten Gebäude heranwagte. In den Grundmauern der Stephanskapclle, der Mathiaskirche fanden sich die ersten Grabsteine der Türkenzeit. Das Budapestcr Museum bcwahrt die Denkmäler, die aus dem Zeitabschnitte 1672 bis 1678 zum Vorschein gekommen sind. Hacken und Spaten haben jetzt weitere vier Steine zum Vorschein gebracht. Die Häuser 9h. 4—5 auf dem Paradeplatz in Ofen, die Erzherzog Josef für seine Mutter Erzherzogin Klothilde umbauen läßt, bildeten das Eigentum der Abtei zu Kremsinünster. Im Jahre 1688 ließ die Abtei das Gebäude umgestalteii, und hierzu wurden auch die jetzt zum Vorschein gekommcnen Steine als Baumaterial verwendet. Der Baumeister fand die Steine im Grund- Pfeiler eingcmauert. Ich las dieselben. Zwei Steine enthalten eine vollständige Inschrift. Ter erste Stein verkündet den Ruhm des gottesfürchtigcn Rabbi Juda, Sohnes des Rabbi Chaim Sussi, der im Jahre 1678 verschied. Es ist dies ein mächtiger Kalkstein. 1,20 Meter lang, 0.49 breit. Das zweite Grabmal war ain Grabe des Nathan, Sohnes des Rabbi Gcrsou, errichtet, der im Jahre 1657 das Zeitliche segnete. Der dritte Stein stand am Grabe eines Ehepaares. Name desselben fehlt. Als Todesjahr gilt das Jahr 1600. Der vierte Stein, ein Bruchstück, bczcichnetc das Grab einer Frau, Tochter des Rabbi Juda, aus den, Jahre 1657. Die Steine werden auf Veranlassung des Erzherzogs Josef dem Budapestcr Museum einvcrleibt. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft reg. Genossenschait mit beschränkter Haftung in Brunn, ferdinandsgosse 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschäfte hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen. unter den allergünstigsten Bedingungen. Bon den jüdischen Gemeinden in Frankreich. Tic ״Union" des Associations Culturelles" in Paris veröffentlicht ihren Bericht über das Jahr 1912. Demselben ist zu entnehmen, das; dein Verband 76 Kultusgesellschaften angehören, wovon 61 in Frankreich und 14 in Algerien; ein Verein der Rabbiner ist gleichfalls dem Verband angeschlossen. Die Gesamtausgaben beliefen sich mit Einschluß der Kosten des Unterhalts der Rabbinerschule auf 200.000 Franken, und sind um 16.000 Franken höher als die Einnahmen. Infolge dieses Defizits sank der Reservefonds auf 62.000 Franken. Von den Arbeiten des Verbandsausschusses seien hcrvorgehoben: die Abgrenzung der Rabbinatsbczirke, die Erwirkung der Anerkennung der Rabbiner als Seelsorger im Kriegsfälle mit dein Hauptmannsrang. Aktuell ist der Beschluß des Verbandes, nur diplomierten Aerzten die Autorisation als ״Mohel" zu erteilen, da soeben gegen zwei Mohalini wegen ״widerrechtlicher Ausübung der medizinischen Praxis" ein geeichtliches Verfahren cingeleitet worden ist. Die Hauptsorge des Verbandes bildet seit dessen Bestehen die Frage der Ehescheidung der russischen Juden, die zurzeit einfach unmöglich ist, da sich die hiesigen Gerichte wegen des religiösen Charakters der Eheschließung in Rußland wiederholt für inkompetent erklärt haben, andererseits seit der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich die Iltabbiner jeder öffentlichen Anerkcnnung entbehren. Trotz wiederholter Schritte in dieser Sache konnte eine Lösung noch immer nicht erzielt werden. Der Bericht schreibt, daß ״die russische Negierung ihren Vertretern Instruktionen erteilt habe, aus denen zu folgen scheint, daß die Rabbiner der Kultusgesellschaften in standesamtlichen Fragen den russischen Krönrabbinern gleichzustellen seien. Jedoch müssen noch die letzten Schwierigkeiten bei den Agenten Rußlands in Frankreich aus dem Wege gerämut werden." lieber die Paßfrage in Rußland äußert sich der Bericht in sehr diskreter Weise; er bedauert, daß die Regierung den Forderungen, die im Parlamente im Namen der Gewissensfreiheit und der Prinzipien des öffentlichen Rechtes formuliert werden, ihre Unterstützung versagt hat: Dr. Rudolf Katholicky gev. Letter der f.cdlr-.-Mellen- Ser £aedet1tr*nkenanttau »ödst: Ecke TerdinamOgasse and Zsdsnnergsrre ordiniert tleilcb von 2 dir 4 Qbr niclm. Jtrasfrec&tr M 603. j Himdfcftmi.__ Kultusgcmeinbrwahlerfolgr in Nrutitschrin. Bei der am 7. Dezember in unserer Gemeinde durchgeführtcn Kultuswahl ivurdc unser Gg. Dr. S. B i r n st c i!!, der offiziell als Zionist kandidierte, in den Kultusrat gewählt. Außerdem wurde unser dortiger Vertrauensmann, Herr Emanucl Hein zum ersten Ersatzmanu bestimmt. — Wir gratulieren unseren Neutitschciner Gg. zu diesem schönen Erfolge; wir hoffen, daß nun auch in dieser Stadt das jüdische Leben ctlvas lebhafter wie bisher zu pulsieren beginnen wird. Die Red. Zur Sprachenfragc am Technikum in Haifa. ocrusalrm. Tic Protestbewegung gegen die Einführung der deutschen Sprache als Unterrichtssprache am Technikum in Haifa hat alle Schichten der palästincnjijchcn Bevölkerung erfaßt. Behörden und Konsul» der ausivärtigcn Rcgicrungc» stiinmcn der Protcstbcwegung bei. Tr. Paul Nathan ist als Vertreter des Hilfsvereines hier cingctroffen und versuchte beruhigend cinzuivirkcn. Seine Worte fanden nur bei den Chaluka- Juden Zustimmung. Tic gesamte Intelligenz, die gesanitc Lehrerschaft und die Eltern der schulbesuchendc» fugend haben den Schulleitungen des Hilfsvercines den Boykott und Ausjtanli erklärt. Man erblickt allscits in der Absicht des Hilfsvercines einen Verrat sowohl au dem jüdischen Volke als auch eine Schädigung der ontcresscn des Landes. Ter Kampf droht, sich furchtbar zu entwickeln, wenn die Männer des Hilfsvercines in Berlin nicht rechtzeitig einlcnkcn werden. Wegen einer Resolution. Petersburg. Wegen Teilnahme an einer Resolulion gegen das unrechtmäßige Vorgehen der russischen e-nstiz im Beilis-Prozcssc wurden 83 Mitglieder der hiesigen Advokatcnkammcr angcklagt. In allen juridisihcn Kreisen Rußlands herrscht darüber große Erbitter nng.

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