Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 49 (11.12.1913)
- Date
- 1913-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«JLUsche S«rk»fti«»e." Nr. 49 Sette S. tet, um sich aufzurichten und nach der Sonne zu schauen. Wenig Philosophie führt von der Religion ab. viel zurück. Dasselbe gilt vom Zionismus. Viel zu viel Stolz. Menschenwürde und Untcrnchmungskrast ist in ihm, als daß jeder erste beste Zionist werden könnte. Man hat sich gewundert, datz die Jugend cs zuerst getan hat und das mit ihrer Unüberlegtheit motiviert. Nein, der Grund liegt darin, die Jugend hat mehr Lebensivillcn in sich und weil sie ihn in sich hat, hat sie sich dem Zionismus angeschloffc». Wenn man die ersten sklerotischen Erscheinungen spürt, das ist dann nicht mehr der starke Lebenswille. Seine große kinetische Energie hat man nur in der Jugend. Und nun komnie» ivir zu seinem Wesen. Bon den t3 Millionen Inden haben 8 Millionen tatsächlich keine Heimat. Man könnte nun sagen, gebt den rumänischen Inden, gebt den Jemeniten eine Heimat, das könnte man sagen, aber das sage ich nicht. Wir, die ivir eine Heiniat sür nnscrcn Leib haben, wir brauchen eine für unsere Seele, denn da sind wir überall fremd; und das hat auch Georg Brandes empfunden, der im Däncutum seine Heimat nicht finden konnte und den Ausdruck prägte: europäische Kultur. Und er war eine Grütze. Wenn nun die Splitter des Brillanten in einer solchen W!!sc leuchten, sollte es sich da nicht verlohnen, den Diamanten selbst hervorzuholcn? Sollte man nicht den Versuch wagen, sich nicht mehr in alle Länder zu versprengen, sondern alle Jude» zu einem Ganzen zu sammeln? Man hat gesagt, der Zionismus sei eine Rückkehr ins Ghetto. Sie können mir glauben, es gibt keinen Juden, der das Ghetto so restlos in sich überwunden hätte, wie der Zionist. Die Judengassen mutzten ivir überwinden, dann konnten wir erst von einem Indenlande träumen, an ein Judenland denken. Was habe» wir nun bisher getan? Tie Jugend hat heute schon ei» stattliches Postulat, ein Ideal vor sich, aber nicht nur sic, ivic man cs vom Sozialismus gesagt hat, so kann man es auch heute vom Zionismus sagen. Es gibt keinen Juden, der nicht einen Tropfen von zionistischem Hele in seiner Seele trägt. Im lebten Jahrhundert haben wir die gekrümmten jüdischen Rücken tatsächlich beinahe ganz gerade gemacht. Wir haben heute nicht mehr diese Art von Menschen, die so herumgingen, als wollte» sie jeden um Verzeihung bitten, datz sie geboren wurden. Das hat aufgchört. Es ist eiivas von einem Hauche des Lebens über das Judentum gekommen. Der Zionismus ist eine kulturelle Bewegung ersten :Ranges. Er steht im Dienste der Menschheit. Es Handelt sich aber um folgendes: Die alte Generation hatte auch ihre Bestrebungen, und was tat sic? Sie ileckte einige Juden in die Talmud-Thora-Schulc, sie schickte einige an die Universität. Wir wollen nicht Fortschrittliche Juden, ivir wollen ein fortschrittliches Judentum. Wir »vollen iin Weltorchcstcr einen eigenen Ton abgeben, als Ganzes »vollen »vir cs tun und cs is» heute schon geschehen. Eine Sprache, die scheintot »var, in der man nur weinen und beten konnte, in der kann man heute singen, Studcntcnlieder, Wanderlieder sind schon da. Nein, die Zeit ist nicht »nchr weit, wo unsere Dichter i» die europäische Literatur cindringcn und die Völker Europas »vcrdcn Chajiin Nachnian Bialik lesen, »vie sie heute einen Goethe lesen. Hat man etivas von den argentinischen Kolonisten gehört? Haben sie einen neuen Akzent in das Leben getragen, dem Judentum etlvas gegeben? Man hat arme Inden dort vor Jahren angesiedelt und he»»te ü»d sie wohlhabend. Hatte man ihnen vor 25 Jahren tnriische Bahnaktien gegeben, sie »vären cs heute auch. Und »venu Palästina heute unser geistiges Zentrum ist, so haben das eben nicht die Millionen des Baron:lioth- ׳Gilde getan, sondern der jüdische Lebenslvillc. Deshalb haben »vir heute bereits zlvei hebräische Gymnasien und ein Technikum. Aber der Zionismus triumphiert noch nicht, er »veiß, datz er erst am Anfänge steht und noch große Lchlvicrigkeiten zu überwinden sind. Hätte er aber leine Schivicrigkciten, dann »väre jeder Zionist. Man »nutz aber viel Kraft haben, inan mutz sich sagen »l»d dejscu belvntzt sein, datz nian etlvas Starkes lvill. Wir kommen aber niemand ins Gehege. Es ist falsch, wen» man sagt, datz sich ein Zionist nicht staatsbürgcr-!ich ausleben könne. Aber Staatsbürgerrechte sind doch nur sie logische Konsequenz der Staatsbürgerpslichtcn und die lverden wir ׳alle erfüllen. Ist doch unsere Bo ivegung niemand zu Leide und uns selbst zu Liebe, triumphieren dürfen ivir noch nicht, doch eines sind wir »ins sicher. Wir wissen es ganz genau: Ter Zionismus hat einen Weg mit seinem Ziel, einem leuchtenden schönen Ziel und das lverden ivir erreichen, so wahr dasjüdische Volk lebt! Uordruckerei « « « Plissieranstalt « « FANTA, Postflasse 2. Die Hoffmann-Feier, Wurde zu Ehren des Tr. T. Hoffman», Rektors des Berliner RabbinerfetniuarS, anläßlich der Vollendung seines 70. Lebensjahres begangen. Eine ganze Gemeinde scharte sich um den Jubtlar, nicht allein die Kollegen und die gegenwär- Ligen Schüler, auch viele von den bereits im Amte befindlichen ehemaligen Schülern, das .Kuratorium des Nabbinerseminars. verschiedene Männer aus der Elite in den Provinzen und last not least Männer aus dem jüdischen Berlin, die man hier nicht vermutet hätte. Auch sie kamen, um an der freudigen Erregung und Bewegung teilzunehmen. Alles in allem manifestierte sich hier, daß der uralte Begriff, der den religiös denkenden Geist erfüllte und das jüdisch fühlende Herz durchzitterte, nämlich Kewod Hetauroh. die Ehre der Thora und für die Träger derselben, noch nicht ganz verloren gegangen ist. Am Sonnabend hat der Rabbiner Tr. Munk in der Shnagoge der Adas; Iisroel im Anschluß an die Erzählung voll den Brunnen ein Lebens- und Zeitbild von dem jubilierenden jüdischen Gelehrten entworfen, der die von den Philistern verstopften S-uellen wieder, aufgraben und mit den Namen, wie sie die Väter benannt haben, wieder Herstellen muß. Tie geistreiche Manier, in der dies ausgeführt wurde, tnachte auf die zahlreichen Zuhörer einen erhebenden Eindruck. Am Sonntag vormittag war der Jubilar mit den Tozenten und der Hörerschaft, mit dem Kuratorium und einer auserlesenen Schar in der Aula des Seminars zu der engeren Seminarfeier vereinigt. Prof. Tr. Barth sprach viel Schönes und Erbebendes von der Wissenschaftlichen Bedeutung des Jubilars nicht allein auf dem talmndischen Gebiete und in der halachischen Praris, sondern auch ans dem der exegetischen Schriftausstellung. Hieran schloß sich die Perlesung der bebräischen Adresse durch Tr. Eppenstein, der in der Abfassung derselben seine Meisterschaft iin klassischen Stile bewiesen bat. Tr. Grünberg, einer der gegenwärtigen Hörer, überreichte dem Jubilar die von ihm im Aufträge der,Kollegen angefertigte liebersebuug der ersten Mischnab, der bedeutungsvollen Schrift des Inbilars, ins Hebräische, in einem splendid ausge statteten Trnckwerke. Tann folgten zahlreiche Teputationen: den Reigen eröffnete Rabbiner Tr. M n n k als Vorsitzender des Seminarknratoriums, Prof. Tr.- Berliner als Mitglied der Verwaltung der Adaß Iisroel-Gemeinde. Herr Prager für den Talmud-Verein, Herr I. Ro senlieim ans Frankfurt a. M. für die Freie Per inigung und noch andere, die alle schriftlich und mündlich die dankbaren Gefühle der Liebe lind Verebrnng sür den Jubilar ansdrückten. Innig und sinnig waren die Worte, welche Rabbiner r. Rosentbal ans Breslau an den Jubilar richtete, indem er Reminiszenzen ans ibrem gemeinamen Studium in den ungarischen Ieschiwolh zervorries, die in das Lob ansklangen, daß man schon in seiner Jugendzeit die einstige Bedenrnng des jetzigen Jubilars dtvinatorisch verkündet l,atte. Am Rachmittage fand in der Synagoge der Gemeinde Adaß Iisroel eine größere Se minarfeicr Natt, bei der zuerst der Tozent Tr Wohlgemut ein abgerundetes Bild von der Lebre und dem Leben des Jubilars entwarf, wie dieser zt» allen Zeiten die geistigen .Kräfte harmonisch in den heiligsten Tiensk gestellt hak. Tann sprach als Vertreter der älteren Hörerschaft Rabbiner Jr. A. Eboben ans Basel, der unter geistreicher Anweudnng von Bibel- und Midasch-Ausspriichen die Bedeutung des Jubilars schilderte als der geeignete Rachfolger des Begründers des ^eminars. der eine Pflanzstätte jüdischen Wissens hergestellt hat, aus der bereits Hi.nderte von Schülern hervorgegangen sind, welche in den jüdischen Gemeinden des deutschen Vaterlandes, wie auch an vielen Orten des Auslandes, als Rabbiner, oft als Lehrer, dem gesebestrenen Judentum genläß für Tauroh und Tradition mannhaft eintreten. Als Vertreter der gegenwärtigen Hörerschaft sprach hierauf Tr. Hartwig Earlebach, der das innige Familienleben im Hanse des Jubilars Hervorbob, welches den ' ־111׳ geren den Weg zur Religion, zur Moral tind Ethik zeige, den im Leben trotz aller Wirrnisse und Irrnissc festzubalten strenge Uebnng er heische. Zn der Festschrift haben gelehrte Freunde, viele Schüler aus früherer Zeit, wissenschaftliche Beitrage geliefert. Ein großer Kommers bildete den Abschluß der Feier. äf&Si VERLOBUNQ5-RIHQE BRAUT SCHMUCK * *i| HOCHZEIT3QE5CHENKE EHE-R1NQE.. in harvorragandnr Auswahl iu besonder» billlgan Pralsan. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwnrenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasss Nr. 2. W- Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Jüdische Chronik. Wjera Tscheberjak verklagte zwei Kiewer Vlätter und die Journalisten Jablonowski, Trionow und Brasul BrnschkowSki wegen Per lenmdnng. Ter Prozeß wird voraussichtlich in» ezember stattfinden. - Tr. Paul Nathan, der Geschäftsführer des Hilfsvereines der deutschen Inden ist in Palästina eingetroffen. - Am l. Jänner l!»ll findet in Berlin die erste Er ziehungskonserenz für jüdische Kinder statt. Tie Anregung hierzu ging vom Jüdischen Frauenbunde ans. lieber Familienerziehugn wirb Rek tor Spanier-Berlin und Frau Tr. Goitlieim Mannheim, über Anstaltserziehung F-rl. Pap penheim, über Jugendpflege Tr. Engelmann, über religiöse Erziehung Tr. Warschauer sprechen. -- Tie Gründung eines Standesvereines der jüdischen Presse Tentschlands ist angeregt worden. Terselbe soll den Zweck haben, die Mitglieder aller Richtungen der jüdischen Presse in Teutschland zttr Wahrung der Standesehre zusainmenznschließen. Tie jüdische Gemeinde in Ratibor beging die lOO-Iahrfeier ihres Besinn des. Von türkischer Seite werden Anstrengungen gemacht, die in Saloniki etablierten is raeiitischen .Kaufleute zu veranlassen, sich zwecks Hebung des Handels bei Gewährung einer siebenjährigen Steuerfreiheit in türkischen Gebie len niederznlassen. Herr Mar Weiß. Kurator der Lehranstalt sür die Wissenschaft des v\! dentumS. Berlin, feierte seinen 70. Gebnrtstag. Tirektor S. Nathan von der Avergasglühlichtgesellschaft in Berlin, wurde vom Groß- Herzog von Hessen zum Kommerzienrat ernannt. - Zum Bürgermeister von Eincinnati wurde der Kandidat der Republikaner S. Spiegel, ein angesehener lnesiger Jude, mit einer Mehrheit von 7,000 Stimmen gewählt. Jakob H. Schiff, der berühmte Philantrop und Finanzier, bat der amerikanischen Roten Kreuzgesellschaft eine Spende von einer halben Million Kronett überwiesen. Religionslehrer Bernhard Goldftein- Preßl-nrg ist gestorben. Ter Senior der isr Kultnsgemeinde Klosterneuburg, Herr Jakob Reich, i!t im Alter von »."> Jahren gestorben. - NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNüS-GESELL- SCHAFT, WIEN, L, ASPERNPLATZ 1. im eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 40b Millionen Reserven ciika 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht. — Unser neuester Tarif mit 50/0 jänrlci fallender garantierte PiSmie, General-Agentur für Wien, 1., Aspcrnplatz I, Leiter David Nebenzabl, Sub.Dircktion für Prag, Ferdinand-str- 20. neu, Leiter Robert Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, Szajoucha 3. Leiter LSbi Taubes. General-Agentur für Kra.au Moritz Griffel, Ringplatz Nr. V. Generalagentur für Blelitz. Scblossgiabcn 9, Leiter Adolf Heitüng. Hauptagentur fOr BrQnn, Roasitzergasae 4. Laitar: Samuel Ralnigar. Zum böhm. Beilis-Prozeß. Sonntag den :i». Noveinber wurde in Prag vom Vereine ״Poule-Zwn" in der Prodnkfeiiöörse eine Mal senvecsamminng veranilailel, i» welcher zunächst ndet die Lehren des Beilis-Prozejses nnd sodann über die Möglichkeit einer :lievijio» des HilSner-ProzesseS reteviert wurde. Das erlie :'teserat eritattele Leon Ebalanowiv ans Wien. Nackdtin der :»icdner die gegenwärtigen Verhältnisse in :lllitzland besprach, ersieht er 11! dein Beilis--Prozcsse eine neue Niederlage der Zar! scheu Negierung, lveiche beabsichtigte, mit dem Niemer Prozesse die ureigensten Interessen des russischen Vol-!es abzuleuken. :ttedner vertveiit sodann ans den Teeniusprv.zetz in ,Frankreich, der ans ähntichen Motiven, »venu auch unter ganz anderen llinständen geführt wurde und der eine Wiederbelebung der klerikalen Herrschast in ,Frankreich herbciführen sollte. Tort machte man ecaber modern nnd benützte dazu den Patrio-