Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 49 (11.12.1913)
- Date
- 1913-12-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Mttsche; VolkSstimme." Nr. 49. so müssen wir uns sagen, das; gerade diese Art des Lebenswillens das charakteristische Grundclcmcnt. das sinnfällige Merkmal des jüdischen Wesens gewesen ist. Nehme» Sic die Religion ber, die Bibel. Ta gibt cs sehr ivcnig Verheißungen rein theologischer Art. Tie Verheißungen in der Bibel sind rein nationalen Wcseus. Ta wird nicht gesagt, wenn du gut sein wirst, ivird das und das dafür gegeben, sondern cs wird zum Volke gesprochen: wenn du gut sein wirst, wirst du hier in deinem Lande leben und cs ivird dir hier gut gehen. Ticsc rein nationalen Geineinschafts- Verheißungen sind das charakteristische Element der jüdischcn Religion. Gerade in der letzten ist cs geschehe», daß christliche Theologen gerade hierin ein inseriores Element d.s Indcninms erblicken wollten, sic meinten, die jüdische Religio» ziehe nicht Fäden von Mensch zu Gott, sondern sie sehe immer durch den Filier einen nationalen Tendenz. lind Sie wissen, wenn chrisiliche Theologen dem Indentnmc Vorwürfe mache», dann beeilen sich die jüdischen, Apologetik zu treiben und zu sagen, es ist nicht ivahr. Es ist aber doch so. Und ich muß sage», wir empsindcn cs als einen ganz ungeheuren Vorzug der jüdischen Wellvorstellung, daß alles durch das Prisma der Gemeinschaft gesehen ivird. Ter Einzelne für sich ist noch gar nichts; erst dann ivird er ctwas, ivenn er sich als Funke einer großen Sonne betrachtet, ivenn er sich in die Unendlichkeit eines großen Volkes, das seine Ausgabe in der Well zu erfüllen hat, cingcglicdert bctrachtet. In der jüdischen Religion, die von innen herausgeivachsen war, ivar der Lebensivillc sehr stark vor- Händen. Er war so stark, daß er tatsächlich eine phhsiologische Funktion gcivordcn ist. Eine Funktion, die man, Ivic alle, für gewöhnlich nicht empfindet und deren man sich erst dann beivußt sein ivird, ivenn sie gestört wird. Der Mensch weiß solange von seiner Verdauung nichts, als sic normal sunktionieri. So ist es auch mit dem jüdischen LebcnsiviUen. Seine ganze Intensität kann erst in der Sehnsucht zum Ausdruck. Es kam ivohl vor, daß, ivenn von außen her Störungen kamen, wen» man nicht mehr Atem holen konnte, daß sich da die jüdische Seele wohl nicht ausbäumte, aber aufgcschriccn hat sie doch von Zeit zu Zeit: ״Wie lange noch und was Ivird das Ende sein?" Da empfand die jüdische Seele, daß sie leben wolle. Manchmal kam cs vo» innen her, durch messianischc Eruptionen, dadurch, daß sich der eine oder andere zum Messias aufwarf und dem Volke sagte: ״Ich ivill dich erlösen." In einem solchen Falle stand immer ein großer Teil des Volkes bereit, zu marschieren, so als ob man sich nur die Augen auszustreichen braucht und man war schon nach dem Traume der Gegenwart marschbereit. So war es die ganze Zeit der Diaspora. Eine starke Störung erfuhr diese Art von Lebensivillc» erst im 10. Jahrhundert, da kam durch die Emanzipationsbclvegung ein jiarkes Element in den jüdischen Lebensivillc». Es galt, irgendwie eine neue Orientierung zu finden, cs galt, ein intimes Verhältnie herauszukristallisierc» z» der umgebenden Bevöllerung. Für diese Beziehungen gab es in der bisherigen Ideologie der jüdischen Tiospora keine Form. Man wußte, daß man den Wirtsstaat ehren und achten müsse, denn er sei berufen, das- Leben zu schützen. Das genügte aber nicht, denn es hat nur eine negative Bedeutung, das Ziisammenlcben ivar darin »och nicht gegeben. Man suchte also nach einer neuen Form und Sie lvisscn ja, ivenn Begriffe fehlen, stellen Worte sich ein, und wenn Inibeu sich vielleicht zu weit gewagt! Aber blicken Sie nach Frankfurt/' fuhr er fort, ihren?frm fassend, ״dort in jener orthodoxen Gemeinde wirkt ein Seelsorger, der talmudischc Bildung mit humanistischer vereint, und alle Fraktionen der Gemeinde verebren und bewundern ibn. — Sie wissen vielleicht nicht, liebes Fräulein Mine, das; die Universität Würzburg, zugleich eine Jeschive (Talmudschule) besitzt, und daß die, welche dort studieren, das Glück genießen, nach allen Dichtungen hin ihren Geist zu bilden. O wie tausendmal fliegen meine Gedanken sehnsuchtsroll dorthin! Und daun bauen sic Lustschlösser, einen neuen herrlichen Tempel in dieser geliebten Stadt. in dem sich die Zerstreuten dieser Gemeinde um den Prediger des reinen Gottesworres andächtig scharen! — Doch was ermüde ich Die, liebes Fräulein, mit solchen Phantasien! Geätzt cs dem Wurm im Staub, wenn er den Vogel im Aethcr beneidet!" Er schwieg; Mine war tief bewegt. Sie hatte das ״Stück" vergessen. Heuochs Phantasien allein beschäftigten ihre Gedanken. Aber was konnte sie tun, dem Strebenden Flügel zu leihen? Am Haustor drückte sie ihm innig die Hand. ,/Nicht wahr, Sie sagen keinem Menschen etwas von den törichten Wünschen, die ich Ihnen anvertraut?" sagte er. Gedanken fehlen, stellen Formeln sich ein. Man suchte also nach einer Formel, Und fand eine ganz unglaublich merkwürdige. Man hat sich die Seele gespalten: der Jude ging hin und sagte: ״Eigdntlich, wenn ihr wollt, bin ich kein Jude, bin ich Mosaist. Das klebrige meiner distotischcn Seele ist nackt; dem kann man jedes -Siicio aulcgcn, die römische Tunika und den polnischen Kaftan. — Das geschah im Anfang des l!>. Iahrhunderts. Da ivar cs ein kaltblütiger Herr — 40 Pulsschlüge hatte er, sagt man — Napoleon war cs, der wollte alle verwendbaren Kräfte seiner Untertanen zur Mitarbeit heranziehcn und der wußte, daß hier ein interessantes Volk noch lebe, auch das sollte heran. Aber wie? Sie waren doch Frcnide, man konnte sic doch nicht so ohne weiteres einverleibcn. Und da schickte er einen General hin und versammelte ein Synhcdrion. Da ivare» ganz ärmliche Menschlein beisammen, mit schlottcrigen Kniccn und gekrümmtem Mücken und kleinen Käppchen auf den Köpfen. Und da stellte er Fragen an sic und diktierte ihnen mit der Frage zugleich die Antwort. Ihr seid doch Franzosen, und die Käppchen nickten. Und so war die Formel gemacht. Das war anregend. Nach der Emanzipation in Frankreich kam der Kampf in Deutschland. In diesem Kampf ragen besonders zwei Persönlichkeiten hervor: Gabriel Riesscr, cin-durchaus religiös gestimmter Mensch, der mit positiver Religion nichts zu tun hatte, und ein Theologe Abraham Geiger, einer der größten Gelehrten des Judentums. Also die zlvei waren in den vordersten Reihe» derjenigen, die um Emanzipation gekämpft oder doch wenigstens geredet haben. Und siehe da: Gabriel Riesscr, der mit der Religion nichts zu tun hatte, sagte: ״Ich mache keine religiösen Konzessionen." Der also wollte von der Religion nichts abgcbcn. Geiger aber sagte: ״Ich will euch Konzessionen machen, soviel ihr wollt. Wenn euch meine Erinnerungen an Jerusalem, meine Hoffnungen aus eine Rückkehr des Judentums störe», ich habe sic schon aufgcgcben. Und so gibt er ein Stück nach dem anderen aus und zerfasert die Religio», so daß von ihr nichts übrig bleibt. Ter Theologe ist also bereit aus, zugcben, der Nichttheologc nicht. Und das ist auch ganz klar. Ter Nichttheologe konnte nicht wissen, daß ein großer Widerspruch darin liegt, zu sagen: Wir bchalten die Religion und geben die Nationalität aus. Ter Theologe Geiger wußte es aber recht wohl: Will man die Religion behalten, kann man auch die Nationalität nicht aufgebcn. Es ist das der unauslöschliche Zusammcnhang der jüdischen Psyche mit der jüdischen Vergangenhcit. Die Diaspora bedeutet aber nur ein Intermczzo: die alte Vergangenheit ivar nur unterbrochen, aber nicht abgebrochen. Dieses Problem bezeichnet den ganzen inneren Widerspruch. So entsteht das, was wir Assimilation nennen. Wie ist nun 'Assimilation auszudrücken durch den Lebenswillen? Die Nationalität aber geben wir auf. Stellen Sic sich 1 un vor: die 350 Millionen Ehristen lvürdcn eines schönen Tages sagen: ״Wir geben unser Ehristcntum auf und die 400 Millionen Chinesen würden an demselben Tage Christen werden." So würde wohl das Publikum sich ändern, das Schauspiel aber würde dasselbe bleiben, bis auf die Regie. Die 12 Millionen Juden sagen eines Tages, wir verlassen unsere Synagoge. Es ist eine Wohnung zu vermieten und 13 Millionen andere treten ein. Und nun würden sic unsere Gebete hcrnchmen, das wenigste, das sic doch übernehmen müßten, und begännen nun zu beten die Sch'monoh csra: Gelobt sei der Gott unserer Väter, der Gott ״Sie sind nicht töricht." erwiderte sie, ״und ich danke Ihnen, daß Sie mir sie anvertraut haben!" Tie ganze Nacht mußte Mine an diese törichten Wünsche denken. Das Bild des schönen Jünglings, der so sehnsüchtig nach seinen Jdealen die Arme ausstreckte, verfolgte sie bis in den Traum, Sie sah ihn als Landrabbiuer der Gemeinde in einem neuen phantastischen Tempel predigen, und aus der ersten Loge der Frauenschiil herab grüßte ihn stolz und glücklich ein Frauenantlitz; sie erschrak vor demselben so, daß sie erwachte. Aber der Gedanke schlief nicht mehr in ibrcm Herzen ein. Jst's denn auch möglich, dachte sie, daß ein Mann mit solchen Ideen in einer jüdischen Gemeinde, wie die unserige. — Einige Tage später kam der Onkel, Jechcskcl Flesch, aus dem Zimmer des Naafs, dem er eine neue Denunziation hinterbracht hatte. Frau Süß polterte in der Küche herum und warf einen mißgünstigen Blick auf ihn, als Mine dem Onfei ein ״Schnäpschcn" anbot. ״Worum nit?" antwortete dieser lind trat in die Stube. ״Onkel," sagte Mine, nach einigen gleichgültigen Gesprächsphrasen, ״ist es wahr, daß sie in Frankfurt so einen merkwürdigen Raas haben?" Abraham, Isaaks und Jakobs. Ta mußten sic doch gleich fragen, ivas sind das für Leute? Oder sic wollten einen Scdcrabcnd halten und würden also beten: ״Das ist das Brot der Armut, das unsere Eltern gegessen habe», im Lande Aegypten. Wieso unsere Eitern und in Aegypten? Schneiden Sic nun alles iveg, die Erinncrung an die Väter, an die alte Geschichte, an die Pergangenheit und neun Zehntel der jüdischen Religion sind gestrichen! Was geblieben ist, kann jeder Philosoph lehren. Noch heute hört man oft sagen, die Juden seien das ethischeste Volt der Welt. Wir sind aber nicht ethischer wie die Franzosen und Engländer und Deutscheu, wie kommen wir dazu? Wir haben genug daran, ivenn wir genau so ethisch sind, wie die anderen Kulturvölicr. Wovon sollen wir also daun leben? Nun ivill ich Ihnen von einem typischen Falt erzähle». Unlängst ist Gchcimrat- Kohn gestorben. Und da erschien ein Nekrolog auf ihn. Dari» widmet ihm der Verfasser Geiger ein herzliches Gcdenkblatt. Er erzählt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, seiner hervorragenden Stellung und erinnert sich schließlich auch daran, daß Kohn ein Jude gewesen. Ein religiöscr? Nein! Also national? Gott behüte. Aber Geheimrat Kohn hatte eine alte Mutter, die war sehr fromm. Und da er sie nicht verletzen ivolltc, ging er zur Schul und blieb so Jude. Nehmen Sie nun statt des Gcheimrates einen, der Gchcimrat iverdcn soll. Und statt der alten Mutter eine alte Großmutter, dann haben Sie denselben Fall. Und nun wissen Sie, Großmutter und alte Mütter haben dieselbe schlechte Gelvohuheit, sie sterben. Was dann? Theoretisch ist also die Assimilation nicht anzuschcn als Lebenswille, sonder» als Lcbcnvcrncinung. Praktisch Ivar cs noch schlimmer. Gleich in der ersten Zeit trat eine Taufscuchc ein und man fragte, wie ist cs möglich, daß so viele austrctcn. Ich möchte da an ein Wort erinnern, das vom Grafen Kaunitz stammt. Als Maria Theresia ihn fragte, was man denn tun solle, daß die bösen Juden einmal den lvahren Christenglauben annchmen, erwiderte Kaunitz: ״Ja, Majestät, wenn Ihr sie adelt." Heute braucht man nur Bankdirektorcn aus ihnen zu machen, dann sind sie nicht mehr Juden. Ein altes Volk, wie das Judentum, das Inzucht hat, hat seit hundert Jahren kein Patriziat mehr ausgcbildct. Tie alten Familien sind nicht mehr da. Die Assimilation ist haltbar, solange die Großmutter, die Muttcrnoch leben. Für die dritte Generation ist sie nicht mehr haltbar. Der jüdische Lebenswille nun äußert sich heute darin, daß ein Teil der Juden dem äußersten Radikalismus angehört, da er die optische Täuschung hat, daß mit der Lösung der anderen Fragen auch die Judenfragc gelöst wird. Wenn tvir mit dem Liberalismus gehen, so war das unsere strategische Position. Da ist die jüdische Religion lein Hindernis. Man kann sic ja aufgebcn. Und wen» uns der Liberalismus nicht gehalten hat, was wir vo» ihm erivartcten, ivas erst der Sozialismus: Tort hatten wir wenigstens die llebcrzcugung: tua res agitur. Aber hier haben wir die wirtschaftliche Ucbcrzeugung contra et agitur. Denn die ersten, die wirtschaftlich zermalmt werden sollen, sind die Juden, deren ärmsten doch als Ausbeuter verschrieen sind. Als nun die Assimilation versagte, da gab der Regisseur der Weltgeschichte dem Zionismus das Stichwort und er trat auf die Bühne, llcbermütig, aber stolz aufrecht und mit festen Schritten. Was ist nun Zionismus durch den Lebcusivillen ausgedrückt? Es ist die volle Bcwußtlvcrdung, die äußerste Intensivierung des Lebenswillens, die wachgcwordcne Judenscclc, die auch einen Platz an der Sonne sich sucht. Sic werden sich wundern, daß ich bisher noch nicht das Wort Antisemitismus gebraucht habe und, wenn ich cs jetzt tue, so möchte ich es nur, um einen Irrtum zu rektifizieren, der sich allgemein, auch in zionislischcn Kreisen breit macht, den Irrtum, daß der Zionismus durch den Antisemitismus hervorgebracht ivurde. Das Umgekehrte ist der Fall. Der Zionismus ist trotz des Antisemitismus und nicht durch den Antisemitismus cntstandcu. Sie werden das gleich cinscheu, ivenn ich Sie auf folgendes vcriocisc: Ein Mensch, der nicht schwimmen kann und trotzdem in der Mitte eines Flusses ist, der baut doch leine Dreadnoughts, der denkt, ivie komme ich heraus. Und der Zionismus ist doch im Projekt, im architektonischer Einfall, der Bau eines Dreadnoughts. Wenn der Antisemitismus so von uns empfunden würde, könnten ivir nicht zum Zionismus kommen. Und wir scheu das auch in der Geschichte bestätigt. Die messianischen Eruptionen sind immer ausgetreten daun und dort, wann und ivo cs dem Judentum gutging. Der Zionismus hat seine Feinde, rechts und links, und seine größten Gegner befinden sich in der Stockorthodoxie, in den untcrdrücktcsten Nestern Galiziens und Rußlands. Das ist sehr merkwürdig, aber richtig, denn um Zionist zu sein, mutz man emanzipiert sein. Ein Jude, der nicht in sich die ganze Kultur aufgcnommen hat, kann nicht Zionist sein, er ist zu geknech-