Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 47 (27.11.1913)
- Date
- 1913-11-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 ״Jüdische BolkSstimme." Leite 11. Berücksichtigung der Üctue vom Werden. Jena, Eugen D iedcrichS, NN 2. W» S. 6 Mk. Ter Verfasser dieses Buches hatte sich als Naturforscher, als Biologe längsi einen Namen gemacht, ehe er sich der Philosophie zuwandle. Er ist Naturphilosopb geivordcn, vor allem ivohl deswegen, weil er gewisse Anscbauungen. die sich ihm bei der Betrachtung des Organischen gcvildcl halten, philosophisch fundieren wollte: die Ansicht vor allem, daß cs nicht möglich ist, das Leven durch physikalisch-chemische Gesetze zu bcgreisen, sondern das; uns hier eine neue eigene Gesetzlickilcil. ein höherer ״Mannigsaltigkcitsgrad" entgegen-!rill, der sich ans den niederen nicht vcgrcifen läßt. Diese ״vitaliiiische" Ansicht lies de» Anschauungen der Naturforscher vor zehn fahren noch slraks zuwider und Drieschs Namen isl mit dem Aufkommen des heute siart vervreilelen - ״Neovitalismus" enge verknüpft. Vliid) in diesem Buche, das die Philosophie geivissermaszen ad vvo neu gusvant, münden des Verfassers Untersnchnngen in eine Plülosophie des Lrganischcn auS. Was aller in nun ״Trdnungslchre"? Tie entspricht enva der Logik in der üvlichcn Terminologie, freilich »ich! der formalen Tchullogik, sondern der inhaltlichen, iransszendenlcn. ivelche die Grundsormcn unseres Denlens und damit, >vic ivir seil Kant wissen, der Natur als Gegenstand dieses Denkens entdeckt. Diese Enldecknng geschieht in der Telvsivesinnnng, ivelche den Tin» solcher ״Ursevung" wie Tei», Dasein, Tosein, Telvigleii, Verschiedenheit, Bczielmng, Notwendigkeit, Tolchheil, Anzahl. Nauinlichkeir entwickelt, indem sic sie in uns ausdeckt. Tb freilich, wie der Verfasser meint, das Ich, in tvclchem diese Tclvsivesinnung vor sich geht, das individuelle »iid diese ganze Untersuchung ein mcthodischer Lolipsismus in, möchten wir dahingestellt sein lassen. Uns ivil! es scheinen, als wäre der Begriff des individuellen Ich ein so komplerer, das; er alle Begriffe obiger Art schon voraussept; das Ich lebt von Gnaden des Denkens, nicht umgekehrt, das Denken von Gnaden des Ich so oder üluilich hat einmal Steiner gesagt. Tas Tchwergewichl in seiner Entwicklung der ״Ursctzungen" legt Driesch ans den Begriff des Werdens, mit dem der Peitbegriss >1i>d der Kausalbegrisf enge dertniipsl ist. Wir müssen uns an dieser Stelle mit diesem kurzeii Hinweis aus das umfangreiche, streng WissenschaftiiaH' Werl begnügen. 5. Herzbrrg iVromllcrgl: Ringende Gewalten. Ein Poscncr Ghetto-Roman aus der -seit des sieden-!ädrige» Krieges. Verlngsvnchdandlnng Hermann Eos-.cnovlc, siena, sin wirkungsvollem Umschlag und Einlland geh. Mk. 2.2ö, gell. Mk. 8.25. Pu beziehen durch die Admin. dieses Blattes. Es dürste ivenig bekannt sein, daß zwischen den polnischen und deutschen Juden von jeher gewisse Gegcnsätze herrschten, die keineswegs politischer Natur sind und durchaus nicht etwa in nationalen Sondcrbeslrebungen ihren Grund haben. Waren doch gerade die Juden in den ehemals polnischen Landen die eigentlichen Er- Halter und Förderer des Deutschtums selbst zu einer Peil, ivo, wie historisch scststeht, deutsche Sprache und deutsche Eigenart von den eingcwandertcn Deutschen ilisi gänzlich ansgcgcben worden waren. Vielmehr waich es lediglich kulturelle bezw. religiöse Momente, die trennend zwischen polnischen und deutschen Juden standen. Die Pflege der jüdischen Religionswissenschaften fand in Polen eine , äußerst rege Förderung und der polnische Jude, stolz auf seine bedeutenden Talmudkenntnisse, sah stets aus seine Glaullensbrüder in Deutschland, >vo das Talmudsiudium fast vollständig veriiachlässigt ivurdc, mit Geringschätzung herab, und selbst der polnische Jude geringen Standes war von einem gewissen Dünkel erfüllt, der es nicht zuließ, mit einem deutschen Juden in innigere Beziehungen zu treten. Dieses Verhältnis hat mancherlei Konflikte gezeitigt. .Konflikte solcher Art sind jedoch bisher noch nicht novellistisch behandelt worden. Ter Verfasser, der durch die Veröffentlichung einer größeren Anzahl von Romaneu und Novellen aus dem jüdischen Leben vorteilhaft bekannt ist und insbesondere durch die Herausgabe einer umfangreichen ״Geschichte der Inden in den Poscncr Landen" gezeigt hat, daß er ein Kenner des in Betracht kommenden historischen Materials ist, hat cs verstanden, in seinem Roman ״Ringende Getvaltcn" Konflikte oben bezcichneter Art in packender Weise zur Darstellung zu bringen. Mil ergreifende» Worten schildert er auch die Leiden, welche die Wirren des siebenjährigen Krieges über die Posener Judenschaft gebracht haben. I» dieser schlvcrcn Peit läßt er einen jüd. Jüngling nach Posen ziehen, der, von Wissensdurst getrieben, seine talinudischeu Kenntnisse vervollkommnen will. Meisterhaft sind die Seclenkämpfe geschildert, die der von der deutschen Heimat völlig losgelöste Jüngling in der Fremde durchzulämpsen hat. , Mit höchster Spannung verfolgen wir sein Geschick. Lebhaftes Mitgefühl erfaßt uns bei der Schilderung der verschiedenen feindlichen Gewalten, als Lieblosigkeit, Hosiari, gegen die er ankämpfcn muß, die er aber vermöge seiner Entschlossenheit besiegt. Prächtige Gestalicn lernen wir neben ihm kennen. Der Vorsteher der Judcnschast ist ein edler, vornehmer Mann, der unsere ganze Sympathie gewinnt. Geradezu eine Lichtgestalt ijt seine liebliche Tochter Malta, die trotz ihrer Jugend durch ihre Energie cs zuwege bringt, angesichts der ihrem Lebcnsglück sich entgegcnslemmcnden Hindernisse sich dadurch ihr Lebcnsglück zti erringen, daß sie ihre Umgebung geradezu zwingt, in eine Vereinigung zu willigen. Der Verfasser vermeidet cs, sich in langatmigen Reflexionen zu ergehen, vielmehr ist alles Handlung, und der Leser ivird kaum den Roman eher aus der Hand legen, bis er seine Lektüre beendet hat. Es sei noch besonders darauf Hingelviesen, daß ein Roman, der seinen Stoff dem Posener Ghetto entnimmt, noch nicht vorhanden ist. . Gegen verdorbenen Magen, Darm trägbeit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Stemhof,Post Sokolnitz bei Brünn. Konrad Stauffcr: Das Reich der Deutschen. Im Verlag Hans Hübner, Prien a. Chiemsee. Einen Weckruf an das deutsche Volk nennt der Autor sein Buch, in dem er auf die Ucbclstände im ösfeutlichen Leben hiniveisr und seinem Volke Mittel und Wege zur freien national :: Entwicklung zum politischcn und lvirtschaftlichen Aasschwung zeigt. Es ist durchaus nicht eines jener Bümcr, wie sic das große Interesse am politischen und öffentlichen Leben unserer Tage leider gezeitigt hat, Broschüren, in denen obskure Autoren in tendenziöser einstitigcr Weise den wahren Sachverhalt entstellen: hier nimmt ein alter Kaufmann, der in allen Weltteilen Erfahrungen gesammelt hat, zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart Stellung, ivic die politische Gewissensfreiheit des Bürgers, Schutzzoll und Freihandel, Militarisnius und PazifizSmus, Franenbcivegung und dgl. Uns dürfte am meisten die :'in und Weise der Auffassung der Lösung der Judenfrage interessieren. Tic Informationen des Autors, der sonst große Sachkenntnis verrät und die Verhältnisse richtig darstellt, dürften auf diesem Gebiete etwas lückenhaft fein, da die große einschlägige Literatur zur Genüge bewiesen hat, daß fortschreitende Kultur und Wacht des Gewissens als Wege zur Lösung äußerst problematisch sind. Immerhin erscheint es eigentümlich, daß der Autor, der für die Deutschen eine ihrem Wesen cntsprcchcnde Entwicklung verlangt, der aus die Widernatürlichkeil, ja Lächerlichkeit der Nachabmung ultramontancr. Dr. Leo Pinsker. Autoemanzipation. Aus der im Jüd. Huchu. Kunstverlag erschienenen Broschüre. Preis 85 Heller. (2. Fortsetzung. ) Fortsetzung folgt. Ohne Anstoß und ölten verfolgt der Nichtjude int Ausland seine eigenen Interessen. Man findet es überall natürlich, ihn — allein oder im Verein mit andern — für diese Interessen kämpfen zu sehen. Der Ausländer braucht im fremden Lande kein Patriot zu sein oder zu scheine n. Der Jude aber ist in seiner Heimat nicht nur kein Einheimischer, er ist auch kein Ausländer, er ist recht eigentlich ein Fremder ״kat’ exochen.“ Man sieht in ihm weder den Freund noch den Feind, sondern einen Unbekannten, von welchem nur bekannt ist, daß er keine Heimat besitzt. Dem Ausländer mag man nicht v e rtrauen; dem Juden — nicht trauen. Der Ausländer beanspracht eine Gastfreundschaft, welche er mit gleicher Münze bezahlen kann. Der Jude kann auf solche Weise nicht quittieren; er darf daher keine Ansprüche machen auf Gastfreundschaft. Er ist kein Gast — viel weniger ein willkommener Gast. Eher gleicht er dem Bettler; und welcher Bettler ist willkommen? Eher ist er ein Schutzbedürftiger. Und wo ist der Schutzbedürftige, dem Schutz nicht auch verweigert werden könnte? Die Juden sind Fremdlinge, welche keine Vertreter haben können, weil sie kein Vaterland haben. Weil sie ein solches nicht haben, weil ihre Heimat ohne Grenzen ist, hinter denen sie sich verschanzen könnten — ist auch ihr Elend ohne Grenzeit. Für die Juden als für wahre Fremde ist das Gesetz nicht geschrieben. Dagegen existieren überall Judengesetze. Und soll das allgemeine Gesetz auch für die Juden gelten, so muß dieses durch ein besonderes Gesetz erst ausdrücklich bestimmt werden. Sie müssen, wie die Neger, wie die Frauen, ungleich allen freien Völkern, emanzipiert werden. Umso schlimmer für sie, wenn sie, ungleich den Negern, einer edlen Rasse angehören und, ungleich den Frauen, nicht allein bedeutende Frauen, sondern auch Männer, ja sogar große Männer aufzuweisen haben. Da der Jude nirgends zu Hause ist, nirgends als Einheintischer betrachtet wird, so bleibt er überall ein Fremdling. Daß er selbst, daß auch seine Vorfahren im Lande geboren sind, ändert an diesem Tatbestand nicht das geringste. In den allermeisten Fällen wird er als Stiefkind, als Aschenbrödel behandelt, im günstigsten Falle gilt er als Adoptivkind, dessen Rechte bestritten werden können;nie als legitimes Kind des Vaterlandes. Der auf sein Germanentum stolze Deutsche, der Slave, der Kelte gibt nicht zu, daß der semitische Jude ihm ebenbürtig sei. Und wenn er auch, als gebildeter Mensch, ihm alle bürgerlichen Rechte einzuräumen bereit ist, so wird er es doch nie dahin bringen, in diesem seinen Mitbürger den Juden zu vergessen. Die legale Emanzipation der Juden ist der Kulminationspunkt der Leistungen unseres Jahrhunderts. Aber diese legale Emanzipation ist nicht die g e s e 11 s c h a f tliehe und mit der Dekretierung der ersteren sind die Juden noch bei weitem nicht von der Ausschließlichkeit ihrer gesellsch ältlichen Stellung emanzipiert. Die Emanzipation der Juden findet natürlich ihre Rechtfertigung darin, daß sie immer ein Postulat der Logik, des Rechtes und des wohlverstandenen Interesses gewesen sein wird. Niemals wird man sie als einen spontanen . Ausdruck menschlichen Gefühls ansehen können. Weit entlernt, ihre Entstehung dem spontanen Gefühle der Völker zu verdanken, ist sie darum auch nirgends selbst verstündlich und hat sie noch nirgends so tiefe Wurzel gefaßt, daß von ihr zu sprechen nicht mehr nötig wäre. Immerhin, ob die Emanzipation aus eigenem Antriebe oder auf Grund bewußter Motive vorgenommen wurde, bleibt sie eine reiche Gabe für das arme, erniedrigte Bettelvolk, dem man gern oder ungern das splendide Almosen hin wirft; für das Bettelvolk, das man trotzdem nicht gerne bei sich beherbergen mag. Denn man kann keine Syntptahie, kein Zutrauen zu einem Vaterlandslosen, wandernden Bettler hegen. Der Jude darf nicht vergessen, daß ihm das tägliche Brot des Bürgerrechtes gegeben werden muß. Das Brandmal, das diesem Volke anhaftet, das ihm die so wenig beneidenswerte Isolierung unter allen Nationen aufdrängt, wird durch keine offizielle Gleich- Stellung weggewischt werden, können, solange dieses Volk seiner Natur gemäß unstete Landstreicher schaffen wird; so lange es sich nicht darüber ausweisen kann, woher es kommt und wohin es geht; solange die Juden selbst in arischer Ge- Seilschaft nicht gerne von ihrer semitischen Herkunft sprechen, nicht gerne an diese erinnert werden mögen; so lange man sie verfolgen, dulden, beschützen, emanzipieren wird. « (Fortsetzung folgt.)