Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 47 (27.11.1913)
- Date
- 1913-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. flcv;n Sinne nnb im weiteren: den Scharen Andächtiger, die zu ihm ins Gotteshaus wie in ei» Vaterhaus pügerten und die in ihm einen geistigen Vater verloren haben. Sie dürfte manchem damaligen Zuhörer willkommen sein, den der 83jährige Prediger durch geistige Frische derblässte, in fließendem Redestrom ein Thema behandelnd, welches ein berühmter Lyriker des Ostens so populär machte, und zwar das Thema: T e r j ü d i f ch e M a i. .״Dem Monate Nissan, den Tagen der Freude und erhebender Erinnerungen an die einstige gottbegnavcte Zeit unseres Stammes, folgt der Jjar, der Monat voll Trauer und Wehmut. Türsen doch selbst Bräutigam und Braut während desselben nicht vor den Altar Gottes hintreten, um den Bund ewiger Treue zu schlieszeu. Und welch ein Kontrast tritt uns hier auch nach außenhin entgegen! Tie von starren Winterfesseln befreite Natur entfaltet ihre Pracht; mit rosigem Kleide umhüllt sie sich und bunte Blumenteppichc legt sie als blendenden Schmuck an. Ter Herbst bietet das Farbenspiel der Reife; gelb: Goldwogen überall; aber der Frühling spendet in üppiger Fülle das liebliche Grün, die Farben des Vertrauens, der frohgemuten Kindheit, der heiteren Jugend. Nur in Israels Mitte herrscht um diese Zeit des holden Mai's der stille dummer, die stumme Wehmut. Es gibt zwei geschichtliche Erklärungen für dieses Rätsel, von welchen wir heute die eine zum Gegenstand unserer gottesdienstlichen Betrachtung wählen. Und indem ich dieselbe anstelle, sehe ich mich im Geiste an eine Stätte versetzt, an der ich vor wenigen Tagen erst stand. Es war draußen auf dem Gottesacker, der mit Menschensaaten, ach, so dicht besät ist. Und die Bahre, vor der ich stand, sie umschloß einen der Besten unserer Stadt, die sterblichen Reste eines hochangesehenen Rechtsfreundes*). Es war ein Mann, wie er nur selten erscheint, auf den der Maßflab paßte, an welchem das Verdienst jedes wahrhaft erlesenen Menschen gemesien werden muß. Und dieser Maßstab ist ein dreifacher: Ein solcher, über die Alltäglichkeit hervorragender Mensch muß vor allem von erleuchtetem Geist erfüllt sein, der das große Universum und seine ewigen Gel)eimnisse zu umfassen, zu ergründen bestrebt ist. Und auch dieser Dahingegangene war ein solcher Geist. Er scheute es nicht, sogar in reifem Mannesalter sich ein zweitesmal noch auf die Schulbank zu setzen; er widmete an der Universität regelmäßig einige Stunden der Woche den Vorträgen großer Denker, die ben letzten Ursachen alles Seins, den Problemen der Metaphysik nachgehen. Ein kluger Geist, ein *) Gemeint War der im Frühling 1903 in der il'ollfraft seines edlen Wirkens hinweggeraffte Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Fürth, dessen Andenken da vor Hunderten Andächtigen aus edlem Priestermund pieiätovollc Huldigung erhielt. Janres griff nach seinem Hute, er fühlte ettvas wie Verlegenheit. ״Mein Bevollmächtigter wird alles glatt machen," sagte er, ״ich reise ab. und wenn ich nicht mehr das Vergnügen haben sollte, Sie zu sehen. Miß Katz, so wünsche ich good bye!" — Er streckte ihr die Hand entgegen, die Emilchen nicht ergriff. Bärmann begleitete den Scheidenden bis zur Stiege. Als er ihren Blicken entschlvunden war, brach Emilchen zusainmen. Es war zu viel der Erregung, der Angst, der Freude; Tränen, heiße Tränen strömten aus ihre» Augen, dann hob sie sie zum Himmel empor, als wollte sie fragen, ob sie nicht geträumt, ob jene Worte Bärmanns, — da trat er ein. Er betrachtete sic, sic hatte die großen feuchten Augen auf ihn gerichtet, der Vorwurf, den er ihr ob ihres rätselhasten Schweigens machen wollte, erstarb auf seinen Lippen, Er schämte sich des Geständnisses, das die auffallende Leidenschaft ihm entrungen. Er lvartete auf ein Wort, sie fand es nicht. ״Sie sind böse auch mich," sagte sie endlich! ״Nicht wahr?" ״Das nicht, das nicht!" stotterte Bärmann, ״aber!affen Sie mich wissen, warum Sie mir kein Wort gesagt haben von dem Vermächtnis?" ״Weil — ich nicht — Bärmann —״ ״O, Sie wissen es recht gut. Umsonst haben Sie mich an dem Edelmute Ihres Vormunds nicht zweifeln laffen! Aber Sie haben auch zu mir kein Vertrauen!" ״Jüdische LokkSstimme." Ehacham ist mit ihm von uns gegangen; er war' der Sohn eines Rabbiners, den er sich zunl Vorbild genommen. Der Rabbiner aber soll!licht nur ein Chacham, ein Weiser für sich selbst, souder» auch ein Talmud Chacham, ein Schüler der Weisheit bleiben, der das Wahre niemals genug studiert, das Weisheitsvolle nie erschöpfend genug gelernt haben kann. Aber den hervorragenden Menschen muß auch der Charakter auszeichnen; und zunächst der sich selbstbewußte treue Charakter, der nicht wankt und nicht weicht vor dem Verrat. Ein Charakter in diesem Sinne war dieser Mann. Er sprach gar oft das Wort aus: ״Und böte man mir eine Krone an, ich würde nicht einen Augenblick meinem Väterglauben untreu werden!" Ihm hätte kraft seiner ausgezeichneten Geistesgaben gebührt, im öffentlichen Staatsdienst seine Ailingen zu betätigen, und er konnte dies nur deshalb nicht, weil er es verschmähte, das verächtliche Beispiel so vieler nachzuahmen, sein Teuerstes um ein feiles Linsengericht preiszugeben. Und endlich muß dem vollendeten Menschen ein cdles Herz zueigen sein. Ueber die unvergleich! ichen Herzenseigenschaften des Genannten jedoch als Gatte, als Vater, als Mensch, als Freund der Entrechteten mich ausführlicher hier u verbreiten, dessen überhaupt mich sein glänzender Ruf, der ja euch alle!» nur zu gut bekann» ist. * Woher aber sollte׳ ich den lindernden Balsam nehmen für das Wunde Herz seiner Trauernden, woher die Heilung solch wehevollen Verltistes? Aber es gibt eine Quelle, der dieser Balsam entströmt, gleichsam eine Apotheke voll heilsanier Medikamente gegen alles Wehe auf Erden: Cs ist unsere Thora. Und da ist es ganz besonders jenes Wort unseres heutigen Schriftabschnittes, von dem fegeuSvollen Dienst des Priesters für die leidende Menschheit, das unsere Aufmerksanifeit fesselt. Der Priester im alten Israel war nicht nur ein Diener Gottes, sondern auch der Menschen, ein Arzt, der nebst dem kranken Körper auch die kummervolle Seele heilte. Alle Mühseligen uiid Trauernden kamen hilfeflehend zu ihm und er fand auch für jeden einzelnen das entsprechende Heilmittel. Wir hören da. von einem Hause, an welchem sich ein Schaden gefunden, der Priester sollte zwei Vögel nehmen, den einen zum Opfer darbringen, den anderen frei emporfliegen laffen, in unsichtbare Höhen zum lichten Aetl)er. Und durch diese syinbolische Andeutung des Himmlischen sollte der häusliche Schaden gesühnt werden. Denn auch der Mensch besteht aus zwei entgegengesetzten Teilen, einem irdischen, der bei seinem Ende deni ewigen Gesetze der Wandelbarkeit alles Sterblichen zum Opfer fällt, und dem Seelischen, Unvergänglichen, den: Guten, Edlen und Wahren in seiner Brust, das dann ״Zu »vem denn in der Welt!" rief sie iiiit dem Tone des innersten Herzens. ״So sagen Sie mir," und er faßte ihre Hand, die noch leise zitterte, ״haben Sie nicht gewußt, was in dem Schreiben Ihres Onkels stand?" ״O doch!" sagte sie mit gesenktem Blick. ״So hat er Ihnen verboten, davon zu sprechen?" ״O nein —״ ״So sagen Sie mir, liebes Fräulein Emilchen, warum haben Sie es verschwiegeii und vor allen verborgen?" Emilchen bückte sich, das vertrocknete Syringenzweiglein aufzuheben, und während sie es mit den Fingern zerzupfte, sagte sie: ״Weil ich ein stilles Gelübde getan hatte, lieber Bärmann. Es sollte niemand wiffen, daß ich Geld hätte, damit nicht, noch einmal, einer nm meine dreißigtausend Gulden anzuhalten käme." Sie warf den entblätterten Stengel fort und blickte beschämt zu Boden. Aber auch Bärmann fühlte sein Herz wie zusammengepreßt. Eine unsichtbare Scheidetvand schien sich zwischen ihm und beni so lange geliebten Mädchen aufzurichten. ״Sie haben recht," sagte er mit gepreßter Stimme, ״nach den Erfahrungen, die Sie gemacht haben, haben Sie recht, nach einem alle anderen zu beurteilen!" ״Bärmann!" rief Emilie und reichte ihm die Hand. Aber er faßte sie nicht, er trat einen Schritt zurück und sprach mit schmerzlicher Heftigkeit: Nr. 47. emporschwebt zu jenen Welten, die wohl unsichtbar bleiben, auf die aber alle Guten zuversichtlich hoffen. Und das ist ein gar erhebender Trost, gegenüber dem Schmerze, den der unerbittliche Tod bereitet. * Nun dahin deutet auch das Toppelantlitz. welches der Trauermonat Jjar zeigt. Die Trauer des jüdischen Mai's ist geschichtlicher Statur. In demselben wurden vor vielen Jahrhunderten von fanatisierten Horden jene Kriegszüge unternommen, die man die Kreuzzüge nennt, um im heiligeu Lande die Heiden zu bekämpfen. Und da gab es viele, die da sprachen: Wozu erst in die Ferne ziehen, gibt es doch auch unter uns solche Heiden, die man ausrotten muß; sie meinten die Juden, die nach ihrer Ansicht — Heiden wareu; und wenn wirklich der schrecklichste der Schrecken der Mensch in seinem Wahne ist, dann wollen wir lieber den Schleier des Vergessens darüber breiten, wie dieser Wahn hier gewütet hat. Das ist die düstere Seite des Trauermonats Jjar: die schweren Opfer unschuldigen Menschenlebens, die damals der Fanatismus aus Israels Mitte zu Tausenden gefordert hat. Ter Geschichtsschreiber R o t t e f sagt von jener schicksalsschlveren Zeit: ״Wenn diejenigen in diesen Kriegszügen Helden genannt werden, die hilflose Menschen, unschuldige Männer und Frauen hinmordeten, dann verdienen jene schwachen Frauen, Greise und Kinder, die damals für ihre Ueberzeugung mutvoll in den Tod gingen, doch umsoeher den Namen Helden". Darum sagen wir, oder sollten wir jenes alte ergreifende Gebet, wie es in den meisten Gemeinden üblich ist, verrichten: ״O, Vater der Barmherzigkeit, Wr du trohnst in Himmelshöhen, mögest du gedenlen der Frommen, der Gerechten, der Vollkommenen, der heiligen Gemeinden, die ihr Leben hingeopfert für die Heiligung des Gottesnamens, leichtbeschwingter als Adler, stärker als Löwen, zu erfüllen den Willen ihres Schöpfers und den Wunsch ihres Bildners." Nun sehet, das ist wieder die Lichtseite des. Toppelantlitzes, das der Monat Jjar zeigt. Er erhebt unseren Blick zu den: Ewigen, Unverlierbaren unseres Stammes, für welches so viele sei-, ncr Kinder sich opferten, und dessen Sinnbild! jener zweite Vogel war, den der Priester in die.- Himmelslüfte flattern ließ, um eine Entsühnungfür die Schäden zu bilden, die an dem Hause entdeckt wurden. Und von einem sülchen, der Reinigung be- •:ürftigen Hause heißt es in unserer heutigen Sidrah: Man möge ein solches Haus durchsuchen.. (2. B. M., Kap. 14, 36.) Und Nasch! bemerkt zudieser Stelle folgendes: Mit dieser ״Hausdurchsuchung" war auch ein praktischer Zweck ver- Kunden. Oft waren nämlich in diesen Häusern- Kleinodien verborgen. Tie Durchsuchung des. Hauses förderte nun diese verborgenen Schätzedarinnen an den Tag (Nqschi zu 2- B. M.. ״O, warum habe ich ihn heraufgeführt, warum l,abe ich Ihnen Ihr Geheimnis entrissen! Wären Sie die Arme, Enterbte geblieben, dann l)ätte sich leicht der Traum meines Lebens, die Hoffnung meiner alten guten Mutter erfüllt! Dann hätte ich ihn! ruhig sein Erbteil gegeben, und mit dem bescheidenen Anteil, der mir geblieben, ruhig und redlich tveitergearbeitet; dann hätte am Ende doch der schiefe Bärmann mit den roten Augen das Herz gehabt. Ihnen zn sagen: wollen Sie!nein Schicksal teilen, Emilchen? und Sie hätten nicht geglaubt, daß, wer um Ihr Herz wirbt, nur um Ihr Geld anhält." ״Bärmann!" rief Emilchen mit einem Aufschrei des Herzens. ״Das können Sie von mir glanben?" ״Muß ich nicht," erwiderte er. ״da Sie auch mir es verheimlicht haben?" Emilchen blickte zu ihm auf, vorwurfsvoll und liebevoll zugleich. ״Begreifen Sie es wirklich nicht," sagte sie. »Deshalb ׳ ich es Ihnen vor allen anderen verschwieg? So muß ich es Ihnen Wohl sagen," fuhr sie fort, den Kopf an seine Schulter lehnend, ״weil ich längst wußte, wie Sie dachten; weil Sie, Guter, Anspruchsloser, der vermögenden Erbin nie gesagt haben würden, lvas Sie dem armen, häßlichen Schlemilchen-" Sie konnte das Wort nicht aussprechen, denn seine Lippen hatten ihr plötzlich den Mund versiegelt. Zwei, wenig schöne Menschen hielten sich umschlungen, zwei selten schöne Seelen flössen ineinander!