Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 46 (20.11.1913)
- Date
- 1913-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ״Jüdische BolkSstimme." Nr- 46- Aus dem gelobten Lande des Antisemitismus. Das Königreich Sachsen galt einige Jahrzehnte als das gelobte Land der Antisemiten. Nicht etwa, daß das Volk aufrichtigen Herzens diesem ״Sozialismus der Dummen" zugcjudclt hat. Nein, davon wird der Kenner der politischen und sozialen Verhältnisse Sachscns wohl wenig merken. Aber die Regierung glaubte in ihrer Kurzsichtigkeit, die Leidenschaft des Volkes aus die Juden zu lenken und durch den Antisemitismus die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Es war die alte Politik, den Teufel durch den Beelzebub verjagen zu wollen. Diese Taktik erwies sich gar bald als bankerott. Der Sozialismus hat wenig unter dem Antisemitismus gelitten, wohl aber der Fortschritt des Landes und der Frieden der Bevölkerung. ,In den letztcir Jahren aber ging die antiscmitische Bewegung in Sachsen immer mehr zurück. So ״Helle" sind die Sachsen denn doch, um cinzuschcn, daß mit dem Rezept des :Nassen- und KlasscnhaflcS ihre sozialen Leiden nicht zu mildern sind. Nun sucht man mit aller Gewalt den Antisemitsmus im Königreiche Sachsen zu stärken. Aber vergebens. Eine Position nach der ander» geht verloren. Jetzt wurde zum . letzten Mittel gegriffen. Man hielt eine ״Tagung" der fächsischcn Dcutschsozialcn in Chemnitz ab und man vcrkündete der Welt die großen Taten dieser Partei. Für wen aber große Worte keine großen Taten bedeuten, ist der gegebene Bericht ziemlich mager. Ja, cs will scheinen, daß dieser Bericht sehr stark frisiert ist, und daß marr mehr verschweigt als man sagt. So wird mitgeteilt, daß die Mitglicderzahl seit Beginn des Jahres sich verdreifacht habe. Cs wird aber nicht gesagt, ivie groß diese Zahl jetzt eigentlich ist. Wer unsere Antiscinitcn kennt, der ivciß, was das zu bedeuten hat. Wahrscheinlich ist trotz der Verdreifachung diese Zahl auch heute noch herzlich gering. Von der Werbearbeit wurde viel gesprochen, ohne eigentlich zu sagen, ivie sic in Wirklichkeit aussieht. Run, den Grund kann man sich denken. Man weiß, daß unsere Antisemiten vor keinem Mittel zurückschreckcn, und daß sie keine Ursache haben, mit ihren Agitationsmcthodc» in der Ocffcntlichkcit zu prunken. Als Paradcjtück dieser Versammlung wurde ein Vortrag von dem bekannten antisemitischen Reichstagsabgeordnctcn Tr. Werner gegeben. Bekannt ist dieser Herr dadurch, daß er sich bei jeder Gelegenheit gern lächerlich macht. Schon die Uebcrschrist seines Vorträges: ״Die Juden, die Könige der Zeit!" zeigt uns, von welchem Geiste dieser gute Herr beseelt ist. In einer Zeit, wo die Jude» trotz aller Kämpfe cS nicht einmal erreiche», daß ihre Söhne Reserveoffiziere w.ede», daß ihre Gelehrten ordentliche Professoren werden, isi eS geradezu komisch, die Jude» als die Herrscher der Zeit darznstcllcn. Man sicht immer mehr, wie sehr unseren Antiscinitcn der Stofs ausgcht. Aus Verzivcislung greifen sie zu de» ältesten Programmpunkten. Der Antiseinitismus hat nichts vergessen und nicht zugelcrnt. Bon den Juden in Südafrika. Johannesburg. Von Antisemitismus kau» in Südafrika keine Rede fei». Die Juden genießen im geschüftlichen und gesellschaftlichen Leben volle Ancrkcnilung. Zahlreiche Juden bekleiden auch städtische Ehrenämter. Dagegen ist es bemerkenswert, daß וווו Regierungsdicnsl nur eine ganz geringe Anzahl Juden angestellt ist. Die jüdischeti Einwanderer passen sich sehr schnell dcti Verhältnissen des Landes an, und die zivcitc Generation fühlt sich in der Regel schon vollkommen heimisch und bildet ein tvertvollcS Bürgerclement. Die EinwandernngSbchördcti lassen cS allerdings den jüdischen Immigranten gegenüber an Entgegenkommen häufig fehlen, und der jüdische Dcputicrtcnrat für Südafrika hatte ivicdcrholt Veranlassung, gegen offenbare Zurücksetzung jüdischer Einwanderer Stellung zu nehmen. Da aber in den letzten Jahren zahlreiche Juden britische Untcrancn geworden sind und sich leb- Haft an den Wahle» beteiligen, und da cs auch eine Anzahl jüdischer Parlamentsmitglieder gibt, so ist daraus zu rechnen, daß die südafrikanischen Juden künftig nachdrücklicher und mit mehr Erfolg für ihre Rechte ivcrdcn kämpfcit können. Von einem eigentlichen jüdischen Gcmeindclcben und der Pflege jüdischer Gcmcinschaftsintcrcffcn ist nicht viel zu spüren. Besonders die junge Generation verhält sich allen jüdischen Angelegenheiten gegenüber sehr gleichgültig. Die einzige wirklich gut organisierte und eifrig tätige jüdische Organisation ist die zionstischc Föderation, der Hutidertc von Zivcigvcreinen im ganzen Lande angcschlossctt sind. Es ist ein tvcitvcrbrciteter Irrtum, daß die Erschlicßung der Gold- und Diamantcnmincn die Juden ins Latid gebracht habe. Die meisten angesehenen jüdischen Firmen in Südafrika bestehen schon seit Jahrzehnten und haben sich in langsamer Arbeit ihren Ruf erworben. Bei den Bergwerken sind zahlreiche Juden als Fachleute ans den verschiedensten technischen Gebieten tätig. Die jüdische Schuljugend empfängt ihren Unterricht zum größten Teil in den öffentliche» Regierungsschulen, die hauptsächlich von jüdischen Schülern bcsucht werden. Da hier täglich eine Stundc hebräischer Unterricht erteilt wird, und zwar auf Kosten der Regicrung, föinuii die Juden meist von der Errichtung eigener RcligionSschulcn absehen. Für seminaristisch gebildete jüdische Lehrer bieten sich übrigens in Südafrika vorzügliche Chancen. Tie Juden als Glieder eines vielfach unterdrücktcn Volkes gehören in Südafrika zu de» eifrigsten Bertcidigcrn der Rechte eines AolkSstammcs, der gleichfalls unter Ausnahmegesetzen zu leiden hat. Im Trafisvaal besteht nämlich für Ansiedler aus Britisch-Jndicn ein Ansicdlungsgcbict äh,flich dem jüdischen Ansicdlungsrayof, in :Nußland. Die Indier sind auf die Provinz Natal angewiesen und haben sogar hier eine Kopfsteuer zu bezahlen. Diese Maßregel soll angeblich aus Wirtschaftlichen Gründen nottvcudig sein, um ein Herabdrücken der Löhne zu verhüten, und soll ferner einer weiteren Rassenmischung entgcgcnwirkcn. Zwei jüdische Bürger von Johannesburg sind nun kürzlich verhaftet worden, weil sic Indiern widerrechtlich zur Einwandcrung if> außerhalb des Ansiedlungsgcbicts liegende Provinzcli verholscn habe». Obwohl die Betreffenden unstreitig gege:! das Gesetz verstoßen haben, bringt die öffentliche Meinung ihrer Handlungsweise lebhafte Sympathic entgegen. Es ist hierbei darauf zu verweisen, daß die jüd. Ansiedler in Südafrika ja meistens rnffische Auswanderer sind, die in ihrem Hcrkunstslandc die Schrecken von Ausnahmegesetzen am eigenen Leibe erfahren haben. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNGS-GESELL- SCHAFT, WIEN, I.» ASPERNPLATZ I. im eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen Reserven cirka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit Wo JäbrUch fallender garantierte P ämie, General-Agentur für Wien, I., Aspernplatz 1, Leiter David Nebenzahl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinandsstr. 20. neu, Leiter Roheit Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, Sza]- oucha 3. Leiter LObl Taubes. General-Agentur für Krakau Moritz Griffet, Ringplatz Nr. 9. Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Heitting. Hauptagentur fOr BrOnn, Rossitzergasse 4. Leiter: Samuel Reiniger. Prager Brief. 2cl)v geehrter Herr Redakteur! Letztens berichtete ich vom Distriktstag der böhmischen Zionisten, soweit ich annehmen konnte, das; er auch einen über Böhmen hinausreichenden Leserkreis interessiere. Nunmehr lassen Tie mich einige beiläufige Anmerkungen zur Debatte über die Presse nachtragen. Ich werde dabei nicht vergessen, ans die Stellung Ihres Blattes Rücksicht zu nehmen und so wei׳ als möglich Zurückhaltung zu üben. Man würde nämlich von gewisser Seite eine Kritik in diesem Blatte gar zu gern als Konkurrenzmanöver bezeichnen und ans Rcchm.ng Ihrer angeblich gehässigen Gesinnung setzen, was einzig und allein der Ehrlichkeit des Berichterstatters zuznschreiben ist. Wir haben jetzt zwei zionistische Parteiorgane. die ״Telbstwehr" und die ״Zidovske lisch". Das tschechische Blatt erscheint noch nich ein Jahr lang: daher ist ein abschließendes Ilrteil nicht möglich. Aber das Tistriktskomitec meint selbst in seinem Rechenschaftsbericht, das; es auch beim tschechischen Blatt die gleiche Ent- Wicklung voraussehe, wie bei der ״Selbstwehr" — eine Entwicklung, die zum Untergang führt. Die ״Telbstwchr" arbeitet nämlich trotz der sehr munisizenten Unterstützung seitens einer Gesinnungsgenossin — cs handelt sich um einige tausend Kronen — mit einem gar nicht unbeträchtlichcn Defizit. Das D.-K. führt natürlich dieses schlechte Resultat einzig auf die Gleichgültigkeit der Gg. für ihre Presse zurück. Dieser Erklärungsgrund reicht jedoch bei weitem nicht aus; vielmehr scheint mir sehr triftig, was auch von einzelnen!Redner am Distriktstag angesühr wurde: das; die redaktionelle Leitung zum großen Diel den Tiefstand der Abonnentenzahl vcrschulde. Das; es unter diesen Umständen Ihren Freunden ein Leichtes wäre, eine Prager Aufläge Ihres Blattes zu placieren, ist ersichtlich. Wenn diese Ihnen trotzdem hiervon abraten, so ist dies gewiß als ein Zeichen von Parteidisziplin hoch zu werten. Uebrigcns erklärte der Del. Adler, daß sich bei Sparsanikeit das Defizit wohl hätte vermeiden laßen und wies ans die Tatasche hin, das; eine Nummer der ״Selbstwchr" bei gleichem Imsang und gleicher Auflage mehr als das Doppelte der ״Zidovske listy" koste. Die Entgegnung des Herrn Dr. Singer für das T.-K. war wohl scharf, aber wenig überzeugend. Wie schon des öfteren, hat auch Heuer die jüdische Studentenschaft eine Aktion zwecks Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Prager Hochschulen eingeleitet, an deren Spitze ich die Lese- und Nedehalle jüdischer Hochschüler gestellt hat. Während aber sonst die Aktion mit Einreichung des Memorandums ihren Abschluß and, der hohe akademische Senat seiner Ruhe einen Eintrag tnn ließ, ergaben sich diesmal gewisse Anzeichen, die die Durchsetzung der berechtigten Forderungen nicht aussichtslos erscheineu laßen. Aus leicht begreiflichen Gründen kann näheres derzeit nicht mitgetcilt werden. Auch in den Blättern, die tschechischen eingeschlos- 011, weckt die Angelegenheit ein lebhaftes Echo. Vor einigen Tagen fand die Gencralversammlung des hiesigen Volksvcreines ,,Zion" tatt. Der Bericht stellt einen erfreulichen Ausschlvung des Vereinslebens in jeder Hinsicht fest. Ich gehe nicht fehl, wenn ich diesen Aufschwung Herrn Prof. Dr. Engel, dem Obmann des Vereines, als Verdienst zurcchve. So schmeichelhaft dies für Dr. Engel ist, es bestärkt mich in der nicht erfreulichen Erkenntnis, daß die Arbeit in dem Bürgerverein gar zu sehr von der Tüchtigkeit eines Mannes abhängt. Wie es Wohl möglich wäre, diese ans eine breitere Basis zu stellen! Grz. Literatur. Tr. E. W. Tschlenoff (Moskau): ״Fünf Jahre der Arbeit in Palästina. Aus dem Russischen. 86 Seiten. 1 Mk. Jüdischer Verlag, Berlin, 1913. E. W. Tschlenoff, der auf dem elften Kongresse in das engere Aktionskomitee der zionistischen Organisation gewählt worden ist, ist der breiteren zionistischen Oeffentlichkeit des Westens nicht sehr bekannt. Nun gibt er mit diesem Buche gewissermaßen seine Visitenkarte ab und jeder, der cs liest, wird sich Herzlich darüber freuen, daß der neue Mann unserer Leitung ein solch objektiv betrachtender, nüchterner und dabei doch weitblickender Mensch ist, als der er sich in diesem Buche zeigt. Tschlenoff war vor fünf Jahren und war jetzt wieder in Palästina und schildert nun den gewaltigen Umschwung, den das palästinensische Leben in dieser kurzen Zeit durch die planvolle Arbeit unseres Paläslinaamtcs erfahren hat. Er schildert ruhig und sachlich und vermeidet so sehr jede Schönfärberei, daß der Leser hie und da durch die Schwierigkeiten des Unternehmens, wie sie Tschlenoff schildert, deprimiert ivird. Aber um so mehr glaubt man auch dem Lobe Tschlcnoffs dort, wo er ein solches austcilt. Seine Ausichten laufen manchem in unseren Kreisen verbreiteten Vorurteil entgegen; so verurteilt er die Gründung besoliderer jüdischer Stadtviertel in Palästina, weil dies zur Isolierung führe; so macht er auf einige Bedenken gegen die Organisation der Wächter aufmerksam usw. der Fernstehende kann sich da schwer ein Urteil bilden; aber jeder wird die Unbefangenheit des Urteils anerkennen. Sehr lesenswert ist besonders, was Tschlenoff über die Innenseiten schreibt. Auch seine Kritik des palästincnsischcn Schulwesens verdient bemerkt zu werden. Insbesondere tadelt er, daß die Volksschule in den Kolonicn nicht genug bäuerlichen Charakter hat. — Die Ucbcrsetzung aus dem Russischen hat leider aus die Bedürfnisse des deutschen Publikums nicht genug Rücksicht genommen. S. -tö ivird z. B. der Ausdruck ״Waad Halaschon" (Sprachkomitcc) ohne jede Ucbcrsetzung gebraucht, S. 67 ist eine palästinensische Bibliothek mit ,.unserer" Kopckciibibliothek verglichen, die niemand hierzulande kennt usw. Aber diese kleinen AuSstellungen sind leicht zu verbessern. Jedenfalls sollte diese Broschüre eifrig vertrieben werden. Tr. L. Knoller: Kurzgefasitrr Leitfaden für den grammatische» Unterricht in der hebräischen Sprache. Sechste durchgcschcne Auslage. Breslau, Verlag Will). Jacobsohn und Co. 26 S. Kürzlich ivurdc in dieser Zeitschrift des sonderbaren Umstandes Erwähnung getan, daß in Deutschland, obzwar dort der Hebräischuntcrricht nicht obligat ist, alljährlich hebräische Lehrbücher in stattlicher Zahl erscheinen, während dies bei uns trotz des obligaten Hebräisch nicht der Fall ist. An diese Bemerkung mußte