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Jüdische Volksstimme · 1913-11-20 · Heft 46 (20.11.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 46 (20.11.1913)
Date
1913-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Lette 1 Nr. 46. nowitz kommen und um Spenden für die Amversität die Bevölkerung angehcn wird, dann soll er allenthalben ein verständiges Ohr für seine Worte und eine offene Tasche für seine Werke finden. Ihn! zu Ehren fand auch im Hotel Zentral ein großer Kommers statt, bei dem auch Univ.-Prof. Tr. Leon Kellner anwesend war. Das Mitglied der ״Emunah", Herr Prof Glaser toasrierte auf Herrn Stand, auf Prof Kellner, Herr Dkajer Reifer. Auch Stand toastiertc dann noch auf Prof. Kellner, der ihn als Mann mit einem eisernen Willen bezeichnete. Zum Schluß hatte noch Adolf Stand das Wort. Erst in später Abendstunde gingen die Herren auseinander. m. r. Talmud und Blutlegende. In einer vom Zrntrnlvcrcin deutscher Staatsvürgcr jüdischen Glaubens in Berlin cinbcrufcncn, sehr stark besuchten Versammlung sprach Rabbiner Dr. Werner-München über ״Talmud und Schulchan-Arnch". Der Redner wies in längerem Vorträge nach, daß die Vorwürfe der Antisemiten, der Talmud gestatte den Juden gegen Andersgläubige jedes Verbrechen, eine arge Lüge sei. Der Talmud sei nichts weiter als ein Mommeniar der Bibel, die Bibel der Juden predige aber die Nächstenliebe. Der Talmud lehre, daß alle Menschen Gottcskinder, Brüder seien. Jeder Mensch, der nach den Sittcngesctzen lebe, sei Gott willkommen, auch der Nichtjudc. Es sei gleichgültig, in welcher Weise die Gottcsoerchrung geschehe, wenn der Mensch nur aus dem Boden der Sittlichkeit und der Menschenliebe stehe. Wenn dir befohlen wird, ein Kind zu töten, andernfalls du selbst getötet wirft, dann, so sagt der Talmud, soll man sich lieber selbst töten laffen, als das Kind töten. DaS, meine Damen, und Herren, ist der Ritualmord der Juden! «Stürmischer Beifall.« In keinem jüdischen Gesegbuche ist auch nur eine Stelle enthalten, daß die Juden zu irgendwelchen Zwecken das Blut Andcrsgläubiger brauchen. Es hat niemals einen Nitualmord gegeben, weder bei der Allgemeinheit der Juden, noch bei irgendeiner jüdischen Sekte. Aber auch der Schulchan Aruch, der ein Kompendium von Sittengesetzen ist, lehrt, daß der Jude jeden Menschen ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse lieben und nach Möglichkeit unterstützen soll. Im Schulchan Aruch sind auch Ketzcrgesetzc enthalten, die für die damalige Zeit gegeben worden sind. Aber welche Religion hatte im Mittelalter keine Ketzergcsetzc? Die Ketzcrgesetzc der mittelalterlichen katholischen Kirche sind doch zweifellos zehnmal schlimmer als die Kctzcrgcsetzc des Schulchan Aruch. Wir werden trotz aller Verfolgungen a» unserer heiligen Religion scsthaltc». Wir erstreben die höchste Ethik. Jude sein, heißt Mensch sein; Judentum ist Menschentum'. «Stürmischer, langanhaltcnder Beifall.) Der Vorsitzende Justizrat Dr. Horwitz dankte dem Vortragenden und bemerkte dann: Den: Vorstande des Zentralvcrcincs ist der Vorwurf gemacht worden, daß er keine Protestvcrsammlung gegen den augenblicklich in Kiew geführten Ritualmordprozctz cinberufen habe. Wir haben die Einberufung einer Protestversammlung unterlasse», weil Vernünftige und Gebildete auch ohne Hause behalten haben, so geht das mich nichts an." ״Was wollen Sie damit sagen?" rief Bärmann, dessen Beine sich plötzlich streckten und der die geballte Faust auf die Brust drückte. ״Ich will damit sagen," fuhr James mit drohendem Blicke fort, ״daß ich hoffe, daß Sic Miß Katz aus Ihren; Anteil souteniert haben, denn ich;nüßte sonst auch durch die Gerichtsoffiz untersuchen lassen, inwieweit ich durch Sie in meinen; Eigentun; verkürzt oder durch diese Lady;!;;;;nein Eigentum betrogen worden bin! Sie verstehen;;;ich, Mr. Bärmann?" Bärrnann hatte ihn verstanden. Alles Blu war aus seinem Gesichte gewichen, kein Wort fand den Weg über seine gelähmten Lippen. Als aber James nun wieder nach seinem Hute griff, sprang er mit einen; Satz, wie ein Tiger, auf ihn zu und kranpfhaft die Finger in den schnigen Arn; des Amerikaners schlagend, stieß er die Worte hervor: ״Kommen Sie mit mir!" ״Wohin?" fragte Jamcs. sichtlich betroffen von den; Angriff des kleinen Mannes. ״Kommen Sie mit mir!" schrie Bärmann,!;;den; er die Tür aufriß und den Widerstrebenden zur Treppe zog, mit einer Hand das Geländc fassend, mit der andern seine Beute nachschleppend. ״Wohin?" rief James noch eimnal. ״Zu Fräulein Katz!" antwortete Bärmann, und dieses Wort schien ihm seine ganze Fassung ״JLbstche Lolkssttmme." Prolcsiversammlung wissen, daß der Prozeß in Kiew an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert und mit den Hcxcnprozcffcn eine frappante Achnlichkcit hat. Diejenigen, die aus Bosheit und Niederträchtigkeit die Juden des Ritualmordcs bezichtigen, werden wir nicht belehren. Eine Protestvcrsainmlung wäre aber auch schädlich. Ich habe die Uebcrzcugung, daß durch Protestvcrsammlungcn dem Angeklagten Beilis nur gcschadct wird. Wir muffen uns hüten, in ein schwebendes Prozeßverfahren cingrciscn zu wollen. Kein Gerichts- Hof der Welt würde sich durch Protcstversammlungen in seinem Urteil irgendwie bccinsluffcn laffen. Im Gerichtssaalc der ganzen Kultunvelt — und Rußland rechnet sich doch zur Kultunvelt — haben mit Recht nur die Prozeßbetciligten das Wort. Eine Protestversaininlung. noch dazu im Auslande, die gegen ein schwebendes Prozeßverfahren Einspruch erhebt, kann nur schädlich wirken. «Rufe: Die ganze Welt müßte Protest erheben!« Auch lvenn die ganze Welt Protest erheben ivollte, so würde das nicht nur nichts nützen, sondern nur schaden. Selbst wenn der Prozeß von einer Kabincttsjustiz geführt würde, könnten Protestversamn;- lungcn nur schaden. Böswillige und niederträchtige Menschen sind eben nicht zu bekehren. Wir vertrauen auf die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der Richter i» Kiew und gebe» uns der sicheren Hoffnung hin, daß das Urteil des Kiewcr Gerichtshofes nicht von Aberglauben und Rcligionshaß diktiert werden, sonder» dem Recht und der Gerechtigkeit entsprechen wird! «Lebhafter Beifall.) Da sich niemand weiter zum Wort meldete, schloß Justizrat Tr. Horivitz darauf die Persammlung. Rabbiner Dr. A. Schmiedl. Einer der beliebtesten und populärsten jüdifchen Seelenhirten wurde Sonntag den!». No-' veinber d. I. mit Tr. Schmiedl in Wien zu Grabe getragen. Die Teilnahme an dieser Leichenseier gestaltete sich geradezu iiuposant. Vornehli; und nieder, jung und alt, Männer und Jünglinge, Frauen und Mädchen füllten dicht das große Gotteshaus der Lcopoldstädter Synagogc, uin mit wehmutsvoller Trauer Abschied zu nehlnen von dem teuren Verblichenen, dessen Seelsorge Generationen umfaßte und durch die i strenge Pflichteifrigkeit, Leutseligkeit, Milde und' Güte ihrer Führung alle Herzen zu gewinnen wußte. Ein selten hohes Alter hat ihn; die Vorsehung beschieden; er starb in; 93. Lebensjahre. Obwohl schon seit ungefähr drei Jahren den Berufspflichten entzogen, war Tr. Schmiedl bis in seinen letzten Tagen von einer seltenen geistigen Frische und oblag seinen Studien und Forschungen aufs eifrigste. Wer ihn besuchte, begegnete ihn; stets bei feinen Büchern, aus denen er immer neue Schätze geistiger Gedanken hervorzuholen verstand. Nur -in den letzten Tagen als er an einer Lungenentzündung erkrankte, hatte der greise Priester leider schwer zu leiden; er lag einige Tage in Agonie, bis das Lebenslämpchen erlosch. Fast alle Rabbiner Wiens, sowie die Vorstände der Chewra Kadischa;;!;;gaben sein Sterbelager und hielten Wacht 1,111 den teueren Verblichenen, dem zur Ehre diese Zeilen von einen; Verehrer in Pietät und Tankbarkeit gewidmet sein;nögen, besonders in diesen; Blatte, das vor Jahren sehr oft die hervorragenden Predigten des teueren Verklärten von; Schreiber dieses Nachrufes in Kürze reproduziert weiteren Kreisen zur Kenntnis brachte. Mit Mit freudigen; Interesse las Dr. Schiniedl da-;;;als seine Predigten in der ״Jüdischen Volksstinune" wieder und zollte nur bei meinen Besuchen den Ausdruck wärnistcr Anerkennung, inden; er den herzlichsten Tank anssprach, sowie auch dafür, daß ihn diese Wiedergabe seiner Predigten noch populärer mache, denn diesen; An;- stände danke er die zahlreichen AncrkennungSschreiben seiner Kollegen von nah und ferne, deren Veranlassung ihn; anfänglich rätselhaft erschien. Mit besonderer Vorliebe verkehrte der Heiingegangene mit seien Landsleuten aus Mähren, dessen einst blühende jüd. Gemeinden ihm in guter Erinnerung gebliebei; und deren berühmte Jeschiwahs mit seiner Jugendzeit so innig verknüpft waren. Das Schicksal führte ihn auch einigemale in «;eine Heiinatsgeineinde Neu- Raußnitz, das erstemal in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da noch der berühinte Talmudist Michael Wronik s. A. seines Amtes als Lokalrabbiner waltete, bei den; sich der. damalige jugendliche RabbinatSkandidat einer Prüfung unterzog, die er glänzend bestand und die ihn; die schmeichelhafte Anerkennung ernten ließ, daß ihn; eine grösst.׳ Zukunft bevorstehe. Mehrere Jahrzehnte später, da er das Proßnitzer Rabbinat inne hatte, führte ihn über besondere Einladung und ans Verwandtschaftlichcn Rücksichten die Trauungsvollziehung in der Fainilie Rciter-Karpeles wieder in diese ihm liebgewordene heimatliche Gemeinde, für deren Patrizier er ein treues Gedenken bewahrt hielt. Ein Besuch bei Dr. Schmiedl lohnte den willkonunencn Besucher durch die empfangenen geistigen Gabei; aus dem Born seines tiefgründigen Wissens im;ner reichlichst; inan zehrte lange an den; köstlichen Genüsse des Empfangenen. Trotz seines hohen Alters und der Zurückgezogenheit von seinen; Berufe, den er wie seiten einer gewissenhaft erfüllte — er fehlte an keinen; Tage bei;;; Früh- und Abendgottesdienst — suchte er innigen Kontakt mit den Ereignissen des Tages und ließ sich täglich das Wichtigste aus der Zeitung vorlesen, Sounuers über in Mödling durch den Religionslehrer, Herrn Josef A n t s ch e r l auS Wien, der es als Ehrensache betrachtete, diesen; Liebesdienst pünktlich und hingebungsvoll zu obliegen. Vorletzten Samstag, als ich mich wieder zu einen; Besuche dieses großen Gelehrten anschickte, war es mir leider nicht inehr vergönnt, vorsprechen zu können. Von seine»; Schwiegersohn, Herrn Dr. Treu, liebenswürdig empfangen, hörte ich von diese»;, der ehrwürdige Greis —׳ ■-זח׳»׳-־־׳ ”יiZZOl wiedergegeben zu haben. Mit wenigen Sätzen hatte er die Stiege überflogen und heftig an die nächste Tür geklopft, noch ehe der überraschte Amerikaner sich ihn; entziehel; konnte. Ein leiscs ״.Herein!" antwortete dem Klopfen und im nächsten Augenblick standen beide vor Emilchen. Sie war am Fenster gesessen und häkelte mit grober Holznadel einen roten wollenen Shawl für Bärmann. Bein; Eintritt der beiden erhob sie sich überrascht; Mr. Jamcs musterte mit schnellem Blick die reizvolle Gestalt des Mädchens, die, wie bei jeder Ueberraschung, heftig zitterte. Eine plötzliche Erinnerung an Schlemilchen von ehedem ließ ein ironisöAs Lächeln über seine breiten Lippen gleiten, das Bärmann nicht entging und ihn, wie er cs auch deuten sollte, noch heftiger reizte. Nicht mehr der Meschores von dazumal, nein, der Stellvertreter seines Herrn und Wohltäters war er in diesen; Augenblicke, und ein energisches Selbstbewußtsein spannte alle seine Sehnen zu Stahl! Aus den Augen des kleinen Judcnjungen blitzte ein Strahl der Ritterlichkeit wie aus den Augen Davids, als der freche Goliath ihn höhnte, und da jener, als Amerikaner die Rücksicht gegen Ladys beobachtend, mit einen; how do you do auf Emilchen zuging und ihr die Hand entgegenstreckte, trat Bärmann rasch zwischen beide. ״Fräulein Katz," sprach er mit mühsam gefatzter Stimme, ״dieser Herr, Jakob Markus," bei den; Namen zuckte Emilchen freudig betroffen zusammen, ״dieser Herr kommt nicht zu Ihnen als Freund und Verwandter. Er hat sich selbst als fremd in diesen; Hause erklärt und durch seine Aeußerung das Recht verwirkt, daß Sie ihn willkommen heißen." — Emilchen griff mit der Hand krampfhaft nach den; Tischteppich, den sic zerknitterte. ״Er kommt als Geschäftsmann, fuhr Bärinann fort, ״der sich in seiner Erschüft durch mich und durch Sic verkürzt hält. Erklären Sie ihn; selbst, ob Sie bei Lebzeiten Ihres-״ Er konnte nicht wciterreden, denn Emilchen war totenbleich geworden, die Häkelarbeit war ihr aus der Hand gefallen, sie drohte;nnzusinfei;. James schob ihr einen Sessel zu. Es ist nicht meine Schuld. Miß Katz," sagte er, ״wenn Sic auf diese Weise inquiricrt werden. Ich habe nur einfach an Mr. Bärmann die Frage gestellt, ob Sie nicht bei Lebzeiten des Onkels —" ״Wiederholen Sie nur Ihre Verdächtigung, schrie Bärinann, ״sagen Sie es diesem Fräulein ins Gesicht, was Sie hinter ihrem Rücken auszusprechen gewagt haben! Sie sprechen nichts, Fräulein Katz? Sie haben recht. Ter Herr mag sich überzeugen, was die besitzt, die anspruchslos und uninteressiert jahrelang in diesem Hause seine Stelle vertreten hat. Nehmen Sie die Schlüssel, untersuchen Sie die Kästen wie meine Bücher, ob Tie betrogen wurden! Nehmen Sie alles, Fräulein Katz verlangt nichts von Ihre»; Eigentum!"

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