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Jüdische Volksstimme · 1913-11-13 · Heft 45 (13.11.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 45 (13.11.1913)
Date
1913-11-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. jLüttsche KoNsstimme." Nr. 48. Biederkeit der Bewohner. Hoch oben auf der Staineralpe spielt sich der erste Teil des Romancs ab. Wiltrud, ein acincs elternloses Mädchen, das Pflegekind des alten Stainer, liebt dessen Sohn Wastian und gelobt ihm gelegentlich ihre Treue. Bod, der elternlose Knecht auf Stainers Hofe, begehrt Wiltrud in stiller, aber tiefer Liebe. Er weiß von der gegenseitigen Liebe Wasrians und Wiltruds und ihn quält der Gedanke, Wastian wäre es nicht ernst genug um die Liebe zu Wiltrud zu tun. Doch setzt er sich dem Richter Kreuzbcrgcr gegenüber für die Reinheit des Verhältnisses ei». Der Lohn wird ihm durch die Liebe und Ehe mit Wiltrud. Den zweite» Teil des RomancS füllt der Kampf aus. Die Gestalten auf beiden, Seiten sind gleich charakteristisch. Der Ernst und die Tragik des Kanlpfcs wird durch Szenen zivischcn den im ersten Teil besprochenen hcrzcnslauteren Personen untcrbrochcn. Wastian findet sich in die Sinnesänderung Wiltruds und lohnt so auch das Benehmen Bods dem Richter gegenüber und gibt seinerseits der Verbindung der Liebenden den Segen. Goldene Herzen, goldene Treue, heldennrütiger Opfermut — ein herzstärkendes Buch. Hochzeiten. Paffende Brautgebetbücher in feinster Auslührung. Talleffim in Seide und Wolle, sowie alle für ein jüdisches Haus notwendigen Ritualien empfiehlt Jüdischer Buch« «. Kunstverlag, Brün» Adlergaffe Nr. 9. Goethe und die Juden. Bartholdy umfaßte, und .in den Briefen David Veits an Rahel lesen wir, wie er diesen unreifen Studenten aus Judäa mit nahezu väterlicher Freundschaft bcglückte. Er stand mit Friedländcr u. a. in freundlichstem Verkehr, und er war es, der den Maler Oppenheim tätig förderte, dem Improvisator O. L. B. Wolfs in Weimar eine Professur verschaffte und nicht nur Michael Bccrs «Paria" öffentlich belobte, sonder» ihm sonst noch, wie er sich gegen Eckermann ausdrückte, «eine Freude zu mache, 1" bestrebt war. Wie hoch er Mcycrbeer schlitzte» erhellt daraus, das; er — die Wagnerianer mögen ein Kreuz schlagen! — wiederholt äußerte, nur dieser sei würdig und fähig, den Faust zu komponiereu. ünd, um seine Sündenregister hier zu schließen, u las seine neuesten dichterischen Erzeugnisse, namcntsich in Karlsbad, am liebsten jüdischen Damen, wie der Frau von Eskeles, Grotthus usw. vor, zu Ivelcher Tatsacke Riemer die Erläuterung gibt: ״Sie (die Juden) zeigen überhaupt in der Regel mehr gefällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Teil- »ahme, als ein Nationaldcutscher, und ihre schnelle Fassnngsgabe. ihr penetranter Verstand, ihr eigcntümsicher Witz machen sie zu einem sensibleren Publikum, als leider unter den zuweilen etwas langsamen und schwer begreifenden Echt- und Urdeutschcn angetroffen wird." Freilich wissen wir auch, daß Goethe über das weimarische Gesetz vom 20. Juni 1823, durch welches die betrat zwischen Ehrislen und Juden gestattet ward, gesprächsweise seinen Hellen Zorn ausgoß: aber ganz abgesehen von den Anschauungen seiner Zeit, so lag, wie wir den ״lluterbaltungen mit Kanzler von Müller" entnehmen, diesem Grolle kein niedriger Judenhaß zugründe, vielmehr empörte sich sein konservativer Sinn i.ur gegen den Gedanken, daß, wie dieses Gesetz zulieg, ״eine Jüdin im Namen der Dreifaltigkeit in der Kirche getraut werden dürfe." zur Not einige Bücher haben, die wir der hcranwachsenden Jugend in die Hand geben können — viele sind cs ja nicht! — fo haben wir kein Märchenbuch für Kinder; kein Buch, aus dem die jüdische Mutter ihren Kleinen vorlcscn könnte. Hier nun sind zwölf solche Märchen beisammen, also immerhin ein kleiner Schatz, mit dem wir vielleicht auskommen, bis — eine nächste Folge erscheint. Denn neben den Chanuka- und Purimslugschriften des Prager Vereines Bar Kochba ist dieses Buch vielleicht das einzige für kleine Kinder brauchbare, die. ihr Bilderbuch schon hinter sich haben — es gibt ein jüdisches Bilderbuch von Adele Sandler — und nun ״Geschichten" haben lvollcn. Hier gibt cs solche und manche sind recht schön, wie das vom Tallis, das an erster Stelle steht oder das im Andcrsenschcn Tone geschriebene von Else Ury. Die Märchen sind vor allem für Kinder gedacht, die zu Hause noch einige religiöse Formen sehen. Sic seien unseren Eltern und Erziehern hcrzlichst cntpfohlcn! Besonders aber unsere Vereine sollten cs sich nachdrücklich angelegen sein lassen, ihre Mitglieder und deren Frauen aus die spärliche jüdische Jugendliteratur hinzuwciscn, zu der dieses Buch zweifellos gehört. Möchte wenigstens das ausgcnützt werden, tvaL schon geschaffen ist. dann kann cs nicht ausbleiben, daß die Zukunft uns mehr des Guten beschert. H. Scholz: Abriß der hebräischen Laut- und Formenlehre nach Gcsenius-Kautzsch' Grammatik. Neubearbeitet von E. Kautzsch. Neunte Auflage, umgearbeitet und nach der 28. Auflage der Gcscniusschcn Aranimatik revidiert von Tr. phil. G. Bergsträßcr, Privatdozentcn an der Universität Leipzig- Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1913. 2 Mark. Wenn jemand die hebräische Grammatik wissenschaftlich studieren will, dann muß er zum ״Gesenius" greifen, der großen Grammatik. Sich da zurechtzufinden, ist nicht leicht, denn sie enthält vieles, waS nur für den cingearbcitcten Fachmann von Bedeutung ist, dc»1 Anfänger aber verlvirrt. Aus pädagogischen Gründen ist cs daher sehr empfehlenswert, daß der Anfänger sich zunächst ait der Hand dieses Abrisses in die große Grammatik einarbcitct. Daß der Leitfaden in neunter Auflage vorlicgt, ist ein gutes Zeichen seincr Verwendbarkeit im hebräischen Unterrichte. Der Stainer am Stain von Kranz W. Scherer. Hans Hübncr-cVrlag, Prien am Chiemsee. Mitte» in der prachtvollen Alpcnwelt läßt Scherer den alten .Kampf zwischen dem Bauerntum und der Obrigkeit (ll>. Jahrhundert) das Schicksal der einfachen Bevölkerung gestalten. Die herrliche Schilderung der gewaltigen Natur ist der angenehmste Gegensatz zu der Einer der glühendsten Verehrer und gründlichsten Kenner Spinozas war Wolfgang Goethe, den die Antisemitcn gar zu ihrem Spießgesellen erniedrigen möchreu. Wenn er auch vor vielen Jahre» sang: ״Nicht über Zeit- und Landgenossc» Mußt du dich beklage»; Nachbarn werden ganz andere Possen Und auch Künftige über dich sagen", daran hat er wohl nicht gedacht, daß ihn einmal Aposiel des Rassenhasses ktkS -ihren Genossen reklamieren würden. Wir wissen, mit welcher liebevollen Wärme er den tnusikalischeu ״Judenjuugen" Felix Mendelssohn- Der Einfluß der Revolution aus den jüdischen Büchermarkt. Im Verlaufe der Konferenz der Histadruth hielt Herr S. Tschernowitz einen sehr intercssantcil Vortrag über den Büchermarkt und die gclcsensten hebräischen Bücher in Rußland. Besonderes Interesse erweckten die Ausführungen des Referenten über den Einfluß der Revolution auf den hebräischen Büchermarkt. Im allgemeinen konstatierte der Redner, daß die nach dem Kriege mit Japan in Rußland ausgebrochene Rcvolution auf den hebräischen Büchermarkt einen sehr starken Dr. Leo Pinsker. Autoemanzipation. Aus der im Jüd, Buchu, Kunstverlag erschienenen Broschüre. Preis 85 Beller. (1. Fortsetzung.) Beim Kranken ist das fehlende Bedürfnis nach Speise und Trank ein sehr bedenkliches Symptom. Nicht immer gelingt es, ihn von seiner verhängnisvollen Anorexie zu befreien. Und glückt es selbst, diese zu heben, so ist es noch fraglich, ob der Kranke imstande sein wird, die bereits begehrte Speise aufzunehmen. Die Juden sind in der traurigen Lage eines solchen Kranken. Auf diesen wichtigsten aller Punkte müssen wir mit aller Entschiedenheit eingehen. Wir müssen den Beweis führen, daß das Mißgeschick der Juden vor allem in ihrem Mangel an Bedürinis nach nationaler Selbständigkeit begründet ist, daß dieses Bedürfnis aber notwendig in ihnen geweckt und wachgehalten werden muß, wenn sie nicht einer ewig schmachvollen Existenz preisgegeben sein wollen; mit einem Wort: daß sie eine Nation werden müssen. In dem unscheinbaren Umstande, daß die Juden den Völkern nicht als selbständige Nation gelten, liegt zum Teil das Geheimnis ihrer Ausnahmestellung und ihres endlosen Elends. Die bloße Zugehörigkeit zu diesem Volke ist ein unauslöschliches Brandmal, abstoßend für den Nichtjuden und peinlich für den Juden selbst. Und dennoch ist diese Erscheinung in der Natur des Menschen tief begründet. Unter den lebenden Nationen der Erde stehen die Juden als eine schon seit langem abgestorbene Nation da. Mit dem Verluste ihres Vaterlandes sind sie ihrer Selbständigkeit verlustig gegangen und einer Zersetzung anheimgefallen, die sich mit dem Wesen eines einheitlichen, lebendigen Organismus nicht verträgt. Der unter der Wucht der Römerherrschaft erdrückte Staat verschwand vor den Augen der Völker. Aber nachdem das jüdische Volk seine staatlich-leibliche Existenz, sein politisches Dasein aufgegeben, konnte es dennoch der totalen Vernichtung nicht anheimfallen, hörte es nicht auf, geistig als Nation fortzubestehen. Die Welt erblickte in diesem Volke die unheimliche Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt. Diese geisterhafte Erscheinung eines wandelnden Toteil, eines Volkes, ohne Einheit und Gliederung, ohne Land und Band, das nicht mehr lebt und dennoch unter den Lebenden umhergeht, diese sonderbare Gestalt, welche in der Geschichte ihresgleichen Jcaum wiederfindet, die ohne Vorbild und ohne Abbild ist, konnte nicht verfehlen, in der Einbildung der Völker auch einen eigentümlichen, fremdartigen Eindruck hervorzubringen. Und wenn die Gespensterfurcht etwas Angeborenes ist und eine gewisse Berechtigung findet im psychischen Leben der Menschheit — was Wunder, daß sie sich auch angesichts dieser toten und dennoch lebenden Nation in hohem Grade geltend machte? Es hat sich eine Scheu vor dem Judengespenst durch Geschlechter und Jahrhunderte vererbt und befestigt. Diese Scheu führte zu einer Voreingenommenheit, welche ihrerseits in Verbindung mit noch andern Umständen der Judophobie Platz gemacht hat. Im Verein mit allen anderen unbewußten und abergläubischen Vorstellungen, Instinkten und Idiosynkrasien hat auch die Judophobie bei allen Völkern der Erde, mit denen die Juden verkehrten, das volle Bürgerrecht erworben. Die Judophobie ist eine Abart der Daemonopathie, nur mit dem besonderen Unterschiede, daß das Judengespenst dem ganzen Menschengesch!echte und nicht bloß einzelnen Völkerschaften zueigen geworden ist und daß es nicht wie andere Gespenster wesenlos ist, sondein aus Fleisch und Blut besteht und selber von den Wunden, welche ihm von der scheuen, sich bedroht wähnenden Menge beigebracht werden, die qualvollsten Schmerzen erduldet. Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär und als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar. Die Gespensterfurcht ist es, welche als Mutter der Judophobie jenen abstrakten, ich möchte sagen platonischen Haß hervorgerufen hat, dank welchem die ganze jüdische Nation für die wirklichen oder angeblichen Vergehen ihrer einzelnen Mitglieder verantwortlich gemacht und so vielfältig ver leumdet, so schmählich ins Gesicht geschlagen zu werden pflegt. Fortsetzung folgt.

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