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Jüdische Volksstimme · 1913-11-13 · Heft 45 (13.11.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 45 (13.11.1913)
Date
1913-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SK. 45. XIV./1I Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Volksstimme' 12.Novemb. 1913 Seite 9. Zum Kiewer Prozeß.. ׳. (Fragment.) Au diese» Tagen, da der rauhe Herbst Uns überfallen hat mit stummer Gier. Dringt in die Ferne kummervoll mein Geist Und reißt den Vorhang von dem Höllcnspuk.... Vor einem Tribunal, fremd und sein. Hockt bang ein armer Jude. ivic erdrückt. Vom ,reifen des Verdachts und fast erstickt Von Träne», die sein?luge nicht mehr weint... Bin icks nicht, der daneben sitzt, gebückt? Bist du's nicht, Vater, den mein Äug' erblickt? Und du mein Kind. und du, mein teurer freund? Wir alle sitzen aus der rauhen Bank. Bewußt der Unschuld, llnd doch todesbang... Und sitzen auch nicht die Propheten dort lind die Apostel. angeklagt für Mord? .... Hat einer meiner -.'Ihnen je die Hand Erhoben gegen Gottes Ebenbild? Hab ich mich je befleckt mit Mcnschenblul? Hat Gottes Nus sich je an dich gewandt. Blntopscr heischend? Und wärst du gewillt. Ein Menschenleben für ein »verlos Gut. Für nichts zu achten? Fandest du vielleicht J11 einem unsrer Bücher das Gebot. Zu morden, feierlich erleilt von Gokk?..^ Es »recke:! Greise, deren Haar gebleicht. Die weißen Finger himmelwärts empor Und rufen Gott zum Zeugen ihres Schwurs, Doch taub verharrt des grimmen Feindes Ohr. Wo bleibt denn Gott, der arg Bedrängten Hort? Wer spricht, das uns erlösen soll, das Wort? Ist nicht des Volkes Qual auch Gottes Qual? ... Da teilt das Nachgcwölt ein Hoffnungsstrahl: Dl! ivirst uns nicht verlassen in der Nor. Du unser Schild und Hort. Tu unser Halt!. Wir bau» auf dich und fürchten nickt den Tod llnd nickt des Feindes Lügenwort — Ein Wink von dir. und es verhallt. Marek 2 cherla g. Chune WolfsthaL. auf der Wiener jüdischen Bühne. Bon Joses Grob. Wer iit Chune WolfStbal? In Galizien, Rumänie», Rußland. ja sogar in ׳.'tmcriia und überall, wo es Juden und jüdische Mafien gibt, iit der Name Wolfstlial ein gurgekanilter und fast jedes Iudenkind singt ein Liedchen von Chune Wolfsthal. Woher stammt Chune Wolfsthal? Ich bitte nickt zu erschrecken.... aus Tarnopol! Der Name dieser Ttadt ist für so manche Wiener Fnden ein 2cklagworr in Bezug auf Unehrlichkeit. Ungerechtigkeit und Unfeinheit. Das Finale dieses Schlag- Wortes klingt unter dem Ausdrucke ״Tarnopoler Moral" aus. Und Chune Wolfsthal. ein 2ohn des alten Tarnopoler Cbasen. sitzt gegenwärtig allabendlich auf der Sieglerschen Bühne und spielt auf dem Celo jüdische Weisen. Ich sitze im Theatersaalc. mein Blick auf der Bühne hastend und dort sitzt ein assyrischer Typ mit grauem Bart, das Celo in der linken, den Bogen in der rechten Hand und spielt. Das sieht das Auge. Das Ohr aber, hört ganz lvas anderes. Nicht spielen hört das Ohr, sondern eine Geschichte, eine große, lange und traurige (beschichte. Tie Golusgeschichte deS jüdischen Volkes. Ich schließe die Augen und höre das Celo, gemeistert von Wolfsthals Hand erzählen: ein großes, stolzes und mächtiges Volk war ich einst. Ein Land, ein schönes Land hatte ich. einen Tempel, einen Herrlichcn Tempel hatte ich und jetzt.... Ter Tempel verbrannt. das Land verwüstet, schon zweitausend Fahre. Via!» Land, keine Heimat, gedrückt, geknechtet, verfolgt, gehetzt, ich wandere und wandere, habe schon mehr keine Kraft und wie lange, Vater im Himmel, wie lange noch ivird dieser bittere Golus dauern? Ich öffne ivieder die Augen und wieder fällt mein Blick aus die patriarckalischc Gestalt Chune Wolfsthals. Sein Blick streift den »,einigen und der Ausdruck seines Blickes ist mir nicht unvcr,ländlich: So, lieber Freund — sagt mir sein Blick — so sitze ich jeden Abend hier auf diesem Platze, klage, stöhne, vergieße bittere Tränen über daS unendliche Leid meines Volkes, unsere Wiener jüdischen Brüder aber sperren ihre Fenster, verriegeln ihre Türen,!vollen mich nicht sehen und nicht hören. Ein Gefühl des Mitleids erweckte sich in mir für diesen großen Sohn Israels aus Tarnopol, den Komponisten von: Bas Ieruscholaim. Jchuda Halevi, Bostenoi. Malte Schiwu, Komischer Ball. Ter Teufel als Regent, Fluch der Liebe, Tie drei Matunes und vieler anderer jüdischer Theaterstücke, aber noch mehr bemitleide ich die sogenannten besseren Wiener Inden, deren Gon Eisen-1 back heißt und deren Tempel das Budapcsler Orpheum j ti!. Wahrlich, nur einmal, wenn sie sich aufraffen könn- [ ten. Chune Wolfsthal zu sehen und zu hören, die Tar- , nopoler Moral könnte ihnen in diesem Falle nur nützen. \ Herr M. Siegler, den! Direktor der Wiener jüdische» j Bühne, unter dessen Leitung dieselbe zu einem wahre» j jüdischen Knnstteinpel sich emporgeschwuugen, verdient . zu allererst den Dank der Wiener jüdischen Bevölkerung.! Allein ein Schauspieler ersten Ranges hat er uns nicht nur Gelegenheit geboten, den großen jüdische» Komponisten Wolfsthal allabendlich zu bewundern, so״- der» bestrebt sich auch, die besten Kräfte der jüdischen Theaterwclt in seine», Institute zu vereinigen. Der alte, ewig junge Reißmann, dessen jüdische Charaktertbpen einzig sind. Podzamcze, der Liebling der Tbeaterbesuchcr. Streng, der bene jüdische Komiker, de» das jüdische Theater anfznweisen hat. Rosenstein mit seinein saftige» und schmelzigen Ton. mit dessen Stimme man zehn Heldeiuenöre betcile» könnle. Frau Weintraub-Graf. gegenwärtig die einzig beite draniatische Primadonna auf der jüdischen Bühne. Frau Siegler, die Gattin des Direktors, die allabendlich bejubelt wird, der bekannte Tenorist und feinfühlige Schauspieler. Herr Kalisch samt Frau. Herr Jungwirth und Frau. Herr Stein und Frau. Herr Graf, der Kapellmeisier, der seit Be'iand der Tieglersckcn Bühne ihre rechte Hand ist, und viele andere gntbeivährte Kräfte bilden jetzt das Ensemble der Wiener jüdischen Bühne. Herr Wolfsthal arbeitet jetzt an ei nein neue» Theaterstück: Das heilige Land, und dürfte i» kürzesler Zeit aufgesührt werden. DaS jüdische Publikum Wiens wird es geiviß nicht verabsäumen, diese göttliche Musik Wolfsthals zu bewundern und durch öfteren und zahlreichen Besuch den unerinüdlschen Tirektor. Herrn M. Siegler, der nur von dem einen Gedanken beseelt iit. die Wiener jüdische Bühne zu einer wahren jüdische» Kunst- und Kulturstätte emporzubebe». in seinein Vorhabe» zu unterstützen. Wien.!-. November Allgemeine jüd. Kolonisations- Organisation. In einer Reihe von deutschen Städten fanden jüngst Versammlungen statt, deren Zweck die Förderung des gemeinnützigen Werkes der A. I. K. O. war. Fm Anschluß an die Veranstaltungen in München und Augshurg. die einen starken Widerhall gefunden hatten, beriefen die führenden Persönlichkeiten der Israelitischen Gemeinde in Kassel am 28. Oktober im Lokal der Sinai-löge des U. C. B. B. eine Versammlung ei», zu der die Herren Dr. Isidor Ginsberg. Ehrenpräsidem der A. I. K. O. und Vorsitzender der Deutschen Abteilung der ״Alliance Iöraelite Universelle", sowie Tr. Alfred Nofiig aus Berlin als Referenten erschienen. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Vorsitzende. Bankier H. Blumenthal. Mitglied des Vorskeheramtes der Israeliten, daß der einladende Kreis deshalb die Initiative zu der Veranstaltung ergriffen hätte, toeil jeder westeuropäische Jude dem Streben der A. I. K. C., den östlichen Glaubensgenossen dauernd zu helfen, lebhaftes Interesse entgegenbringe» müsse. Die Ausführungen der Referenten, welche ein reiches Tatsachenmaterial vorbrachten und die Kolonisations- Methoden der A. I. K. £. beleuchteten, fanden warmen Beifall. Landrabbiner Tr. Toctor hob in seiner bedeutsamen Ansprache hervor, daß es eine Pflicht der jüdischen Gemeinden sei, ungeachtet der auf ihnen bereits ruhenden anderweitigen Lasten, das Werk der A. I. K. C. nach Maßgabe ihrer Kräfte zu unterstützen. Kommerzienrat G. Nosenzweig dankte den :»eferenten dafür, daß sie die Mitglieder der Kasseler Gemeinde mit den neuen Gesichtspunkten, nach denen die A. I. K. O. ihre Kolonisationsarbeit organisiert, bckanntgcmacht hatten. In einer längere» Tiskiission regten Dr. Wittgenstein die Frage des Sanitätsdienstes auf dem Kolonisationsgebicte, H. Meckar die der Wanderlehrer für Kolonisten, Hr. Lieberg und Kommerziellrat Roscuzivcig die der Unterrichtssprache Zu den Schnlen der Kolonien an. Nach einem Schlußwort der Referenten.' die auf alle erörterten Punkte eingiiigen. wurde zwecks weiterer Förderung des A. I. K. £.-Wcrkcs ein Komitee gewählt, dem Landrabbiner Dr. Toctor als Vorsitzender, Fabrikant Bernhard Mosbacher als stellvertreternder Vorsitzender, Kommerzienrat Moritz Wertheim als Schatzmeister. Hr. Josef Heß als Schriftführer, Rechtsanwalt Tr. Katzenstein, Konimerzienrat G. Rosenzweig, H. Nußbaum und M. Feldstein als Beisitzer angehören. Die meisten der Anwesenden traten der A. I. K. O. als Mitglieder bei, auch wurde in der Versamminng eine ״anchastcre Anzahl von -,'lktien Ser ״Orient Colonijing Compan» ^1S." gezeichnet. In Gießen wurde die A. I. K. O-Verfamni lung am 20. CttolH-r unter de», Vorsitze des Großherz, ProviiizialRabbiners Tr. Sander avgehalten. Die Einladuiig war von den Leitern der liberalen und Ser orthodoren Gemeinde. Geh. Kommerzienrat 2. He, chellirim, Stadtverordneter Mar Friedverger. Hosra: 's. Grünewiild. Proviuziatrabviner Dr. Hirschseld u. a. iilisgegaiigen. Würde die O riemkolonisatio» so führte der Vorsitzende Dr, Lander ans iinr den, Gefühle religiöser Pietät entspringe», die Ansiedler jedoch einer uugiivijseu Erisienz aussetzen. so inußte inan dein religiösen Idealismus in diesem Falle entgegentreten. Gerade vom ivirlschasllichen Gesichtspunkte jedock!, den die A. I. K. C. in er»er Linie berücksichtigt, muß der Orient als das erivüuschteite Gebiet für die jüdische Koloni sation bezeichnet ,verSen. An die Spitze des A. I. K. O Komitees lraten!>! ('ließen Rabbiner Dr. Sander!Vorsitzender!. Hosrat Grüneivald t Sckiatzineiüer! 1111& Herr 2, Fröhlich!Schriftführer!. Gezeichnet wurden, neben Milgliedsbeilrägen. erheblichere Beträge für den Koloiiisalionsfonds der I. M. C. Schon am :0. CttoOct fantr hierauf eine A. I. K, O.-Versammlung in Mannheim unter dein Vorfitze von Dr, lünilav Eaken im großen Saale Ser -luguft-Laincy-Loge des U, O. B. B. statt. Zn den Einberufern gehörten hier der Vorsitzende der Gemeinde. Fabrikant Sallt» Reiß. Stadtverordneter Tr. Mar Jefelsvhn, der Präsident der Lanico-Loge E. Iüdel, Rabbiner Dr. Oppenheim, Bankier Lefo, der Vorsitzende des Lokalkoinitees der A. I. ll., Herr Loev-Stern und Koinmerzieiirat H. -',immer». Anch in Mannheim fan den die Ausführnngen der Vertreter der A. I. K. C., Tr. Ginsberg nnd Dr. Nossig. unterstützt von den be redlen Worten des Vorsitzenden, lebhafte» Widerhall. In Heidelberg, wo die Veksainiiilnng am l. No veniber in der Friedrich-Loge des tt. C. B. B. abge Hallen wurde, begrüßte die Erschienenen der Logenpräfiöent R. -.'l. Dr. ,Kauffmann in, Namen des Ko milees. dem auch der Vorsitzende der Kuitusgemeinde. Herr E. Earlebacki. Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß, Stadtrar M, Liebüold. Fabrikant F. Liebhold und andere proininenle Mitglieder der Gemeinde angebörten. Auf die Referate, die sichtliches Interesse erregten, folgte eine Ansprache des Herrn Earlebach. Seiner Aufforderung das Werk der A. I. K. O. nickt nur moralisch, sondern anch finanziell zu nmerikützen. leisteten die Verfaul melten Folge, indem sie zahlreiche Aktien der C. E. (!. zeichneten nnd sich in die Mitgliederliste mit Beiträgen bis zu WO Mark eintrngen. Unter den Anwesenden bemerkte man Erzellenz Frau K, von Sack, die dein Orient-Kolonisarionswerk besonderes Interesse entgegen bringt und es auch durch eine höhere Zeichnung für S!e O..E. C. bekundete. Lkanuka-Leuchter In reichhaltigster Auswähl zu beziehen durch den Jüdischer Buch- und 00 Kunstverlag 00 Brünn« Adlergasse Nr. 9. Literatur. Sammlung preisgekrönter Märchen nnd Jagen. Herausgegeben von der Iugendschriflenkoininifsion des unabhängigen Ordens Bnei Brith. Mit l> Tonbildern und 12 Tertillnftrationen von H. Grobet. In Kominiffion bei Laewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart. Prachtausgabe M. 2.50, Volksausgabe M, 1.80. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Tic Großlogc für Deutschland 8. U. O. B. B. hat sich ein wesentliches Verdienst um die Erziehung unscrer Jugend erworben, indem sie einen Iugeudschristenausschuß einseyte und ihm die!Mittel gab, eine fruchtbare Tätigkeit zu entfalten. Ter Ausschuß begann feine Tätigkeit, indem er die jüdischen Iugendschriftsteller zu einer Konkurrenz aufforderte, als deren Resultat er nunmehr das vorliegende Buch der jüdischen Oeffentlichkeit vorlegt. DaS Buch füllt wahrhaftig eine Lücke in unserer Literatur aus: denn wenn wir ,wch

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