Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 45 (13.11.1913)
- Date
- 1913-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 45. Sprüche von Moritz Lazarus. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Eine sinnige Gabe hat Nahida Ruth Lazarus ihrem Gatten zu seinem OOjährigcn Doktorjubiläum überreicht: cs sind über 800 Aphorismen aus den Werken des Philosophen, die in einem vornehm ausgegatteten Bändchen hier gesammelt vorlicgcn. Sind die Sprüche auch naturgemäß an Wert verschieden, so spiegeln sie doch die geistige Eigenart des Jubilars aujs glücklichste. Wir geben aus der Sammlung heule die nachsichenden Porbcn: Um unsere Freiheit zn fühlen, müsic» lvir uns unserer Unfreiheit erinnern. — Der niedrigste Trieb ist der Rassen- oder Stammcshaß; der niedrigste, tvcil er der tierische ist, der unter den Tierarten entbrennt, aus feinem anderen Grunde als lvcgcn ihrer Vcrschicdenhcit. — Humor ist die Religion des Geistes. » Man kann der Sitte, nie aber der Sittlichkeit untreu werden, lvcnn man sic im Eharaktcr erfaßt hat. Es führt zu in Verfall einer Religion, lvcnn ein großer Teil ihrer Bekenner Sätze nicht mehr bcsolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkennen und dennoch als Gesetze bestehen lasten. * Ziel und Zweck des Lebens muß einen Inhalt gewinnen, der über die bloßen Familicnbedürfnissc hinansgeht. Rur durch die Pforte der Menschlichkeit kann niau zur Göttlichkeit gelangen. Das Ideal entbehre», heißt auf den Wert des Lebens und der Geschickte verzichte». » Bestimmte Bcrufslcutc unternehmen oft abertvitzigc Streifereien in andere, namentlich höhere Gebiete; großartige» mcffianisch angckündigtc Vcrbestcrungsplänc oder fundamentale Umgestaltungen werden angclündigt; Mediziner wollen plötzlich die Philosophie, Juristen die Kirche, und alle Welt die ganze Welt vcrbessern. * Es gibt stets noch Leute genug, welche nicht bloß Stroh cinsammeln, sondern cs für die eigentliche Frllcht halten. * Größe schützt vor Kleinheit nickt. * Stellen wir unk Gespräche vor, wie sic ein Jean Paul, ein Humboldt, ein Rückcrt geführt haben und vergleiche man das Gcspräck der beiden Bauern, die morgens zu Markte gehen. Schivcigcnd schreiten sic neben einander her, bis der Eine beim Anblick der Felder sagt: ..Der Roggen steht gut." — Sic ziehen zur Stadt, verrichten ihre Geschäfte, kehren zurück — immer noch schweigend — bis sic an ein anderes Stück Feld gelangen und der zivcitc Bauer sagt: ״Die Gcrschtc noch." Dieses ״Lioch" mit der dazwischen liegenden Zeit ii! der Maßstab für die Tauer der Entwicklung feines Gedankens, für das Tempo seines Denkens. * Wen» die Fülle des Lebens durchmesscn ist, lvcnn widrige Geschicke und Reflexionen über das eigene Leben nicht bloß, sondern über menschliches Leben überhaupt dahin geführt haben, die Interessen als 1111־ zureichend, die Ideale als Träume zu erkennen, und der Mensch zur Resignation gedrängt wird, dann bleibt ihm schließlich als das Einzige: ״Beschäftigung, die nie ermattet. * Wen» ein fester Glaube nicht möglich lvärc ohne Intoleranz gegen Andersgläubige, dann i>el,t der Wert des Glaubens sehr im argen. YERLOBUNQS-RINQE BRFKIT5CHMUCK - - HOCHZEIT 5QE5CHENKE EHE-RINQE.. in hervorragender Auswehl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. ■י* Provinzauflrage finden sofortige Erledigung. Prager Brief. Lehr geehrter Herr Redakteur! Ihrem Wunsche nach regelmäßigen Berichten ans Prag soll gern willfahrt werden. Ich darf es mir wohl versagen, zu Beginn meiner Berichterstattung ein Programm zu entwickeln, nach welchen! ich etwa diese zu führen gedenke. Es genüge Ihnen, ineine Versicherung — und ich glaube sagen zu dürfen, daß sie nicht leichtfertig gegeben sei —, das; mich Interesse für alles Jüdische erfüllt. Und darin liegt bereits ein Progranim ausgedrückt. Stellen wir vor allem die erfreuliche Tatfache fest, daß das jüoische Leben in Prag an äußerer Entfaltung und innerer Potenz bedeutenb gewonnen hat. Dieses Wachsen ist unstreitig des Zionismus Verdienst. Eine jahrelange, inühevollc Erziehnngsarbeit hat bewirkt, daß ein großer Teil der Prager Judenschaft Irr- Wege verlassen hat. auf denen sie bisher wandeltc: daß sie sich ihres Judentums besann. Uebrigens ist ja dies jene hcilsainc Wandlung, die der Zionismus auch sonst ausübt; in Prag aber ist sie besonders charakterisiert: es waren gleichzeitig zwei Jrrtümer zu berichtigen. Gerade in den letzten Tagen sah ich geradezu großartige Aciißerungen des jüdischen Lebens in Prag, ich meine die Versammlung Dr. Schemarja Lenin von! 8., und den Tistriktsiag der böhmischen Zionisten vom!1. November. Unvoreingcnoniinene Beobachtung berechtigt mich zur eingangs gemachten Behauptung, daß insbesondere die innere Kraft erstarkt. Man sühlte untrüg!ich, daß diese zweittauscndköpfige Menge nicht gekoininen war, eine Sensation zn erleben, daß das Werbemittel eines so bekannten Nainens nicht ausschlaggebend sei, daß vielmehr das Interesse an der Sache seine Wirkung geübt habe. Und das ist, meine ich, ein großer Erfolg. Levin besprach ״Die Tragödie des Judennuns". Es lvar allerdings eine Sensation. Der lvnndcrsame Eindruck läßt sich kaum analysieren. Wahrhaft, gedankenticf, geistreich; alle diese Vorzüge erhoben Lrvins Rede zu eincin Meisterstück. Die leidenschaftliche Milnik und der ctivas nllgcwohnte Akzent gaben eine ungemein anstehende N'ote. Ter tosende Beifall der entzückten Versamnilnng galt ebenso sehr dem trefflichen Redner als dein ailsgezcichneten Menschen. Hierauf erzählte Herr Dr. Margulics vom 11. Kongreß. Seine korrekten, glatten Worte konnten natürlich jetzt nur einen matten Eindruck hintcrlasscn. Am!>. November fand im Saale des jüd. Rathauses der Distriktstag der böhmischen Zionisten statt. Es waren 66 Delegierte anwesend. Den Verhandlungen, die den ganzen Tag währten, wohnte ein sehr zahlreiches Publikum bei. N'ach Begrüßung durch den bisherigen Obmann des T.-.K., Herrn Dr. Singer, erörterte Schemarja Levin die großen Aufgaben der Bcwcgnng in der ncucn Kongrescheriode; cs sei daher notwendig, der Leitung weit erhöhte Mittel zur Verfügung zu stellen. Mit dem üblichen Einkoinincn ans dem Schekel reiche man nicht aus; den Schekel aber könne inan nicht erhöhen. Daher sei der Zentralfonds zu stärken. Hierauf wurde die Debatte über den in! Druck vorliegenden Bericht des D. K. abgcführt, die sich wie die Verhandlungen im ganzen aus einer bemerkenswerten Höhe hielt. Non einigen Rednern wurde angeführt, daß bei llebereinstimmnng mit den im Bericht niedcrgelcgten Nichtlincn doch die Tätigkeit des D. K. ihnen insbesondere der Intensität nach, nicht entspreche; daß cs inanchcn Korporationen gegenüber zuweilen ein wenig taktvolles Verhalten zeige und den bei ihnen vorhandenen Arbeitwillcn nicht in hinreichender Weise zu nützen wisse. Mit ■44 gegen 8 Stimmen wurde dem D. K. das Absollitorinm erteilt. In der Nachmittagssitzung erstattete Dr. Hugo B e r g m a n n ein ausgezeichnetes Kulturreferat, das etwa in folgenden Gedanken seinen Gipfel fand: Die Kulturarbeit ist die wichtigste, weil sie der Ausdruck dafür ist, daß wir keine P a r t c i. sondern ein Volk sind. Zwischen Partei und Volk besteht die gleiche Relation wie zwischen Antomat und Organismus. Durch den Autoinaten werden gewisse, durch den Organisinus alle Bedürfnisse befriedigt. Das ganze gcislige Leben muß jüdisch werden, der Zionismus nicht nur Bekenntnis sein, sondcrn den Lebensinhalt bestimmen. Die Entscheidung über Wohl und Wehe des Volkes wird getroffen in der kleineu Zelle, in der Familie. Das Familienleben innß zionisiert werden. Der Referent beantragt die Schaffung eines Kulturrates, dem die Förderung und Aufsicht über die Kulturarbeit in den zionistischen Vereinen obliegt. Aus den übrigen, nach Antrag des Referenten angenonimciien Resolutionen hebe ich jene hervor, nach der die Studentenverbindungen verpflichtet tverden sollen, hebräische Kurse für ihre Mitglieder obligat einzuführcn. - Die Diskussion über die Presse gestaltete sich so interessant, daß ich mir einige Bemerkungen hierüber Vorbehalten will. Die Neuwahl des T. K. ergab folgendes Resultat (26 gegen 11 Stimmen) die Herren: Brandeis, Feig. Freud, Dr. Gütig, Meißner, Tr. Singer, Thein. Grz. EingAnäet* * Ung.-Hradisch. Wir halten cs für unsere Pflicht, die jüdische Qcffcntlichkcit von der Tätigkeit unseres Seelsorgers zu unterrichten, nachdem wir nahezu vier Jahre vieles mit Stillschweigen mitangcsehcn haben. Der Rabbiner muß danach streben, Führer für seine Gemeinde in jeder Beziehung zu werden, was bei unserem Rabbiner nicht der Fall ist, der bemüht zu sein scheint, das bißchen Sympathie, das gewisse Kreise »och für ihn hegen, zu untergraben. Wenn wir in den folgenden Zeilen nur einige Tatsachen herausgreifen, so geschieht dies nicht in böswilliger Absicht, wir sind vielmehr vom aufrichtigen Wunsche beseelt, daß diese Zeilen dazu beitragen werden, gewisse unhaltbare Zustände zu ändern. Rabbiner Dr. Süstic Zwick hat sich bei seiner Be- Werbung einen zionistischen Anstrich zu geben gewußt und wurde infolgedessen nur durch tatkräftigste Agitation seitens der hiesigen Gg. Gg. angestellt. Er bersprach damals auch zweien Mitgliedern der Jüd.-akad. Fcrialverbindung ״Achiwah", daß es ihm in kurzer Zeit gelingen werde, die ganze Gemeinde ins zionistische Lager herüber zu bringen. Was ist jedoch von seiner Seite bisher geschehen? Der ncugcgründeten ״Zionistischcn Vereinigung" ist er fcrngebliebcn und verhält sich allen nationalen Fragen gegenüber vollkoinmcn passiv. Wie erklärt uns Dr. Zwick diesen Gesinnungs- Wechsel, der sich erst neuerdings in krasser Weise zeigte, als er seine Tochter aus dem Jüdischen Turnverein streichen und in den deutsch-antisemitischen Turnverein cintrctcn ließ, ein Verein, der bisher vollkommen judenrein war und sich nur deshalb' an jüdische Kreise wendet, weil er jüdisches Geld nicht verschmäht. Daß dieser Schritt eine tiefgehende Erregung in der Judcnschaft hcrvorgeruscn hat, Ivird Herr Dr. Zwick vielleicht bereits gemerkt haben. Auch in anderer Hinsicht müssen wir unserem Seelsorger einen groben Vorwurf machen, der gewiß bei allen religiösen Juden die größte Billigung finden wird. Das Seelenheil unserer Jugend, die sich ja nur ällzulcicht vom Judentum entfernt, scheint ihn tvenig zu bekümmern; denn, lute könnte man sichs sonst erklaren, daß ein Rabbiner ruhig zusicht und cs sogar fördert, daß jüdische Gymnasiasten in immer größerer Zahl christliche Quartiere aufsuchcn? Haben Sic sich, Herr Rabbiner, noch nie gefragt, daß diese Jünglinge das bißchen Judentum verlieren müssen? Mußten Sie nicht vielmehr sich Ihrer Pflicht als Hüter der Rcligion belvußt tverden, daß hier etwas geschieht, was vice versa ein katholischer Priester niemals zugcben würde? Aber ganz abgesehen von diesen Betrachtungen, bilden die Vorgänge eine schwere materielle Schädigung zahlreicher jüdischer Familien, die diesen Berdicnstentgang, an dem Dr. Zlvick mitschuldig ist, nur sehr schwer ertragen könne»; cs gibt bei uns Familicn, die auf diesen Verdienst geradezu angewiesen sind, welcher ihnen durch ihren eigenen Rabbiner unmöglich gemacht wird. Vieles ließe sich noch ansührcn, z. B. wie traurig cs mit dem Religionsunterrichte bestellt ist; daß stundcnlang nichts anderes geschieht, als daß über alle möglichen und unmöglichen Dinge Gespräche mit den Schülern geführt werden, ohne religiöse Fragen über- Haupt zn berühren. Dr. Zlvick ging sogar so weit, daß er die Uebersetzung der fünf Bücher Moses gänzlich aufließ. Es bilden diese Tatsachen einen traurigen Beweis zum Kapitel ״jüdische Religionslchrcr". Mögen diese Tatsachen für heute genügen; cs lvärc sehr zu wünschen, daß eine gründliche Acndcrung eintritt, bevor uns Dr. Zwick durch sein Verhalten ztvingt, einen offenen Kamps gegen ihn zu führen. *) Für Form und Inhalt übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.