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Jüdische Volksstimme · 1913-11-05 · Heft 44 (5.11.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 44 (5.11.1913)
Date
1913-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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״Jüdische Lolksstimme." Nr. 44- Seite 4. Der Beilis-Prozcß. Professor Pawlow über den Ritualmordprozest. Petersburg. Ter erste Chirurg Rußlands, Professor Pawlow, der soeben aus Kiew, wo er als Sachverständiger im Beilisprozcß weilte, zurülkgekchrt ist, äußerte sich unter auderein über den Ritualmord wie folgt: ״Ein Alp ruhte ulis der ganzen Prozeßkorona, die Zeitungen sind nichl imstande, auch nur annähernd ein Bild voll diesem unglaublichen Prozeß zu entwerfen." Lobald der Prozeß beendigt ist, will Professor Pawlow iin Aerztevercin einen Portrag über die gerichtlich medizinischen Fachverständigen halten. Er hält dies für seine heilige Pflicht der Wissenschaft und Oeffentlichkeit gegenüber. Die Anklage Beilis entbehre seiner Ücberzeugung nach vonl medizinischen Standpunkte aus jeder Grundlage. Tas Protokoll der ärztlichen Besichtiguug des Leichnams stimmt nicht. Es ist von der Polizei und dem Gericht ohne Mitwirkung der Acrzte ausgestellt. Pater Pranaitis, der die Existenz des Ritualmordcs zu beweisen sucht. fticni. Ter Tiözesan in Turkcstan Pranaitis behauptet, der Talmud und nlündliche aus den: Zeitalter Moses' stammende Ucbcrlieferungeil, die seit Christus nicdergeschriebcn seien, legeil eine tiefgehende Unduldsamkeit gegenüber den Christen an den Tag, welche sie als moderne Götzendiener betrachten. Ter Talmud schreibt sogar eine scheinbare Aunahme deS Christentums vor, um noch mehr Christen zu schaffen. Ter Talmud und Kabbala, welche den Blutgenuß nicht ausdrücklich gestatten, sprechen von der Tötung der Richtjuden. Ter Talmud gestattet den Blutgenuß in ungekochter Form als Medizin. Ter Talmud sei die Wurzel, die Kabbala der Stamm der Rcochassiditen. Seit d. Jahre 1 S.~»9 seien die Talmudisten zusammengekommen, um die Beschuldigung der -Verwendung von Blut zu zerstreuen. Ter Sachverständige erklärt, er glaube, daß die Gelehrten, welche leugnen, daß Juden im Mittelalter wegen Verwendung von Blut verurteilt worden seien, unrecht haben. Tic Geschichte kenne mehr als 200 erwiesene Ritualmorde. Obwohl der Talmud keine derartigen Angaben und Unterweisungen über die Tötung von Christen zu rituellen Zwecken enthalte, bestehen dennoch Ueberlieferungen in diesem Sinne, die niederzuschreiben der Talmud verbietet. Tiefe Ucverlieferung wird durch das praktische Leben bewiesen. Auf die Frage, ob es im Falle Justschinstis Anzeichen für einen Ritualmord gebe, erklärte Pranaitis, daß mit Ausnahme der 1:5 Stiche am Halse kein Anzeichen dafür vorliege. Aus eine Frage des Staatsanwaltes erklärte Pranaitis, der Talmud schreibe dunkel über die Verkvendüng von Blut zur Bereitung ungesäuerter Brote, in neuerer Zeit wird das Gebot ״Tu sollst am besten Ungläubige töten!" von einzelnen auf den Krieg bezogen, indessen mit Unrecht׳, in allen jüdischen Schulen wird nur der Haß gegen die Christen gelehrt. Im Saratower Prozesse sei dem Gerichtshöfe eine mit Blut gefüllte Flasche vorgelegt worden, die einem Rabbiner übersendet worden war. Unter einer Waschrolle sei ein blutgetränktes Tuch gefunden worden. Ter Anwalt Schmakow fordert die Sachverständigen ans, sich über gewisse Stellen ans dem -Talmud zu äußern, woraus Pranaitis einige Textstelle» zitiert, welche dartun sollen, daß die Juden im Altertum den Moloch verehrten. Tie Kabbala lehre, daß die Ermordung von jungen Mädchen die Ankunft des Messias nähere. Wenn das Gesetz das Blut zweifüßiger Wesen verlange, so versteht es darunter das von Menscheu. Ta die Juden Eigentum von Ungläubigen als ihnen gehörig betrachten, nehmen die Inden, welche stehlen, nur dasjenige, was ihnen gehört, an sich. Ter Sachverständige erklärt weiter, cs gebe keine päpstlichen Bullen, welche verbieten, daß die Juden wegen Ritualmordes angeklagt werden. Ter Sachverständige behauptet, daß die späteren Ausgaben des Talmuds alle verdächtigen Stellen entfernt haben oder mit Anmerkun gen versehen sind. Petersburg. In verschiedenen Ortschaften Russisch-Polens kam es im Zusammenhänge mit dem Beilisprozesse zu schweren Mißhandlungen von Juden durch Soldaten. » L. I. Urasul Bruschkowski: Tie Wahrheit über den Mord Juschtschinski und den Prozes! Beilis. «,Feuerrcitcr-Vcrlag, Berlin-Schöncbcrg. Kurt Schmcltzer und Robert Rosccu.) Zu beziehen durch die Administration dieses Blattes. Geheftet 1 K 20 Schon seit Woche» hält der Kicivcr Ritualmordprozctz die ganze zivilisierte Welt in fieberhafter Errcgung und Spannung. Die Grausamkeit der ruffischen Gerichtsbehörden, ihre unerhörten Gelvaltmatzrcgctn und absichtlichen Justizvcrirrungcn, ihr blinder Fanatismus gegen das Judentum» all das bringt er in ganz ungeahnter Weise a» den Tag. Der eigentliche Urheber des Prozesses aber, der Mann, der jahrelang «nit unerschrockenem Mute und glühender Wahrheitsliebe der Ritualnrordaffäre nachging» der die ganze russische Staatsgewalt gegen sich hatte, der sogar mehrere Wochen im Gefängnis für seine Kühnheit büßen mußte und cs dennoch fertig brachte, den Prozeß schließlich in die richtigen Bahnen zu lenken und die Wahrheit ans Licht zu bringe», ist S. I. Brasul Bruschkoivski. In der vorliegenden Broschüre entrollt er uns die ganze rätselhafte Geschichte in ihrer entsetzlichen Grauen- Hastigkeit und beschämenden, kaum glaubhaften Rechtsschändung. Die Momente der Aufregung, die tragischen Zlvischcnfällc, die Verirrungen der Masscnpsychc, Religionsfanatismus und Rassenhaß — alles findet in seinein Buche einen erschütternden Ausdruck. Alle Welt blickt mit Beiuundcrnng aus diesen Apostel der Wahrheit, sein Werk bringt für unsere jüdischen Glaubensgenossen Erlösung von der schmachvollen Verlcuindung, die Grausamkeit des russische» Gcrichtssystems bricht vor ihr zusammen. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERS1CHER UN G S-GESELL- SCHAFT, WIEN, L, ASFERNPLATZ 1. t>» eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen Reserven ci.ka 116 Miliionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht. — Unser neuester Tarif mit 50/0 jährlich fallender garantierte P Linie, Qenerai-Agentar für Wien, 1-, Aspcrnplatz 1, Leiter David Nebenzahl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinand-str. 20. neu, Leiter Robeit Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, 8zajoucha 3. Leiter Löb Taubes. General-Agentur für Krakau Nathan ROssner, St. Sibasliana 10, Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Heitling. Hauptagantur für Brünn, Rossitzergasse 4. Leiter: Samuel Reiniger. Die Unterrichtssprache am jüdischen Technikum tu Haifa. Das Kuratorium des jüdischen Instituts für tcch- «tische Erziehung in Palästina hat in seiner letzten Sitzung Richtlinien bczüglitk, der Unterrichtssprache an den im nächsten Jahre zu eröffnenden jüdischen Schnlen in Haifa beschlossen, aus denen trotz ihrer vcrklausulicrteu Form deutlich hcrvorgcht, daß nicht die hebräischc, sondern die deutsche Sprache an den neuen Schulen die herrschende Unterrichtssprache sein soll. Jedcnfalls wird es den Schülern des Technikums, da die jüdischen Fächer dort nicht zu den Prüsungsgcgcnständen gehören, möglich seit«, die Anstalt zu absolvieren, ohne die gcringsien Kenntnisse der hebräischen Sprache zu besitzen. In dem Kommunique des Kuratoriums ist zwar sehr viel von der Pflege der hcbräischeu Sprache, auch als Umgangssprache der Schüler, die Rede, aber die Kuratoren jeheiucn sich über die wachsende Bedeutung der ln bräischen Sprache für Palästina noch recht ivcnig klar gewesen zu sein, wenn es möglich «vor, daß sie eine :licsolution Dr. Schmarja LcvinS abgclchnt haben, die iolgcuden Wortlaut hatte: 1. In der Mittelschule soll die hebräische Sprache als Unterrichtssprache auch für die allgemein wissenschastlichcn Fächer . cingcsührt werden. Die deutsche Sprache erhält damit den Platz der Hauptfremdsprache. 2. Im Technikum is« die dtntschc Sprache einst- «veilen die Unterrichtssprache. Eine oder einige allgcmein «vissenschaftlichc und obligatorische Disziplinen aber sollen in der hebräische» Sprache gelehrt werden. Riinmt man noch dazu, daß auch ein Vermittlnngsantrag Pros. Philippsohns abgelchnt wurde, der verlangte, daß an der ncucn Mittelschule außer deu rein jüdischen Fächern «venigstens noch Geschichte und Geographie in hebräischer Sprache unterrichtet werden sollen, so kann man über die Willcnsrichtung der Mehrheit des Kuratorinms nicht tut Zweifel sein und wird cs dcgreislich finden, das; die drei Vertreter der hcbräischeu Sprache im Kuratorium, die Herren U. Ginzberg «Achad Haotm, Dr. Schmarja Levin und Dr. Tschlenow, ihren Austritt aus dem Kuratorium erklärtcn. — ES muß nun beachtet iverden, daß die ״Hebraisten" nicht etwa aus reinem Dogmatismus heraus praktisch unersüllbare Forderungen gestellt haben, sondern daß sie lediglich im Interesse der Schulanstaltcn und der Schüler selbst und der jüdischen Entlvicklung Palästinas verlangt hatten, daß dem gegenwärtigen Stande dieser Entlvicklung in jüdischem Sinne Rechnung getragen werde. Alle jüdischen Schulen Palästinas, die hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem, das Lchrcrinneuscminar und die Kindergärten des Hilfsvercin.-s usw. beweisen klar, daß cs unmöglich ist, in Palästina heute noch Kultur- und Erziehungsstättcn auf nicht hebräischer Basis gründen zu wollen. So schrieb erst dieser Tage ein großes deutschkonservatives Blatt, die ״Breslauer Schlesische Zeitung" in einem Artikel ״Die deutsche Sprache in Palästina", daß das Hebräische in Palästina ״einen wohl nie gedachten Aufschwung genommen" habe. ״Mau ist überrascht, zu scheu, wie diese Sprache zu einem neuen und reichen Leben wieder aufcrstanden ist. Augenblicklich ist es die Lchrsprache in den meisten jüdischen Schulen und Lehranstalten ..... Man darf daher auch nicht erstaunt sein, nicht nur vereinzelt Hebräisch auf der Straße, sondern ganze Ortschaften, wie Tibcrias und Safed am Sec Genezarcth, diese Sprache sprechen zu hören. In Jaffa und Jerusalem gibt es sogar hebräische Theater. Mit einer bemerkenswerten Ausdauer arbeitet das jüdische' Volk daran, dieser Sprache ihre frühere Bedeutung wicderzugcbcn und zweifelsohne wird es ihm bei den Fortschritten der jüdischen Kolonisation hier im Lande auch gelingen." Deshalb werden cs auch alle theoretischen Beschlüsse nicht verhindern känucn, daß die neuen Schulen in Haifa, wenn sic jüdisch sein wollen, in Zukunst auch hebräisch sein werden. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Prag. In der 12. Gcncralvcrsamnilung erstattete der Obmann INE. Rudolf Raudnitzky den Tätigkeitsbericht über die beiden abgelaufenen Semester. Er führte u. a. folgendes aus: Als erfreulichstes Ergebnis unserer Arbeit ist die Durchführung einer strasscn Organisation anzuschen. Sic ist die Quelle aller übrigen Erfolge. Es ist uns geluugcn, den Verein auf eine breitere Basis zu bringen. Es stehen uns nunmehr cttva 00 ständige Mitarbeiter zur Verfügung und attch die übrige Mitgliedschaft zeigte ein gesteigertes Interesse. Allerdings kamen uns auch die äußeren Verhältnisse zustatten. Durch unser neues prächtiges Heim erhielt unsere Arbeit einen würdigen Rahmen. Durch etwa 40 neue Mitglieder wurden unserc Rethen gestärkt. Wir waren uns bewußt, daß cs unsere vornehmste Pflicht sei, der jüdisch-nationalen Bewegung in ihnen tüchtige Mitarbeiter zu erziehen. Unsere Arbeit bewegte sich nach zwei Richtungen: Einmal oblag uns die Vertretung der jüdischen Studcnicnschast nach außen. Unsere Aktion zwecks Atterlcnnung der jüdische» Nationalität bei deu akadcmischeu Behörden blieb zwar wie alljährlich erfolglos, jedoch glaubten wir ihrer wegen des demonstrativen Wertes nicht cutratcn zu dürfen. — Anläßlich der Gründung eines Medizincrvcreincs mit der Tendenz, den Ausschluß der jüdischen Studenten aus Rußland hcrbeizusühren, hielten wir eine Protestversammlung ab. — Sehr wirksam gelang uns die Repräsentation durch unsere gesellschaftlichen Veranstaltungen, insbesondere das Krünzchcn der jüdischen Studentenschaft, das unstreitig eine der besten Vcranstaltungc» der Pragcr Saison war. Das Komitec konnte den vollen Subskriptionsbetrag den Wohlsahrtseinrtchtungcn der Halle zusührcu. Unsere besten Kräfte liehen «vir der inneren Ausgestaltung des Vereines. Die ivisscnschaftlichcu Sektionet« setzten ihre Arbeit nach festgclcgtcm Arbeitsplan fort. Die zionistische Sektion insbesondere arbeitete ständig unter Leitung des Bb. Glaser. Es wurden die wichtigen Kapitel über Geschichte und Ideologie des Zionismus behandelt; eingehend wurde unsere Stellungnahmc zu der von der ncucn Leitung inauguriertcn Richtung diskutiert. Ein erfreuliches Bild boten die 10 durchwegs gut besuchten Vcreinsabeudc. Wir versuchten da, unseren Mitgliedern verschiedenartige Anregungen zu bieten. Es sprachen 1t. a. die Herren: Generalsekretär Kttrt Blumcnscld über ״Jüdische Minimalprogramme, Rnbbitter Dr. Hirsch über ״Propheten und ihr soziales Wirken", Dr. Hecht über ..:llasscnhygicne", ferner folgcndc Bb.: Epstein über Sombarts ״Juden und das Wirtschaftsleben", Willy Glaser über ״Zionismus und Nationaljudcutum", Moritz Grzyb über Dührings ״Tic Judenfragc als Frage des Rasscncharakters und der Rassenschädlichkeit", Walter Stern über ״Grundlagen dxS Zionismus״, Otto Zucker ״Tie ncucn Rassciithcorien", ״Bubcrs drei Reden", Julius Ttukhart ״Der elfte Zionistcukougrcß". Ein Forischrcitcn ans dem Gebiete der zioniitischeu Erziehung bedeutet auch der ncueingerichtete Hebräisch-KurS, der unter Leitung des Herrn Ehajim Nagler eine Tcilnchmcrzahl von 20 Mitgliedern auswies!Methode: ivrith b'ivrith). Einen zuverlässigen Anzeiger für die Intensität der Veretnsarbcit bilden diese für den I. N. F. abgelte-

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