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Jüdische Volksstimme · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ימר Nr. 42 ^Jüdische Bolk-stimme." Seite 3. Wissenschaft nicht bekannt ist und in den heiligen Büchern des Alten Testaments auch kein Paffus enthalten ist, welcher als Grundlage zur Entwicklung einer solchen Institution dienen könnte. Ob aber konkrete Fälle als Ritualmord oder als gewöhnlicher Mord zu qualifiziercn sind und welche individuellen fanatischen und sektualischen Auffassungen, wenn die kompetenten Foren diese als einen Ritualmord qualifizieren, zur Begehung solcher Taten als Motiv dienen könnten, darüber kann man sich nur bei eingehender Kenntnis sämtlicher Zustände der betreffenden Handlung eine Meinung gesiattcn." '..־ Wie der Gouverneur von Kiew die jüdische Bevölkeruug ״beruhigt. Tie Stimmung unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung seit Beginn des Beilis-Prozesses ist eine unbeschreiblich erregte und mutlose. Nach den vielen Erfahrungen mit den Pogromen, nächtlichen Streifen der Polizei, Massenausweijungen u. dgl. glauben die Juden Kiews das Schlimmste befürchten zu müssen. Tas entnervende Pogroingespenst, das seit der Ermordung Juschtschinskys, besonders aber seit der Erinordüng Stolypins über den hiesigen Juden schwebt, war nie so drohend, wie gerade jetzt. Unter diesen Uinständcn ist es kein Wunder, daß die Assäre Beilis auch einen Fall von Geistesstörung zur Folge hatte. Ein armer kranker Jude, dem der Beilis-Prozeß offenbar den Verstand geraubt hatte, bestieg vorigen Sonntag in der großen Wladimir-Kathedrale zu Kiew die Kanzel und hielt an die Versammelten eine wirre Ansprache, die die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung dartun sollte. Ten armen Mann schützte seine offenkundige Geistesstörung nicht davor, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Tieser an sich unbedeutende Vorfall hatte für die Juden Kiews recht unangenehme Folgen: Ter Gouverneur lies; den Großrabbiner Horowitz und den bekannten Philantropen Leo Brodsky als Vertreter der jüdischen Gemeinde zu sich kommen und ermahnte sic, auf die jüdische Bevölkerung dahin zu wirken, daß sie sich nicht zu Exzessen Hinreißen lasse! Tabei betonte Se. Exzellenz nachdrücklich, daß er alle Versuche von jüdischer Seite, Unruhe zu stiften, mit rücksichtsloser Gewalt unterdrücken würde'.! Gegenüber dieser unerhörten Verhöhnung soll Brodsky ruhig erklärt haben, daß Unruhen jüdischerseits nicht zu befürchten seien, da die Juden noch nie einen Pogrom veranstaltet haben; er persönlich finde cs übrigens überhaupt unter der Würde des Judentums, aus die niederträchtige Verleumdung, die bereits von der gesamten Kultur- Welt als solche erkannt werde, in irgendeiner Weise zu reagieren. Ter Gouverneur bemerkte daraus, daß die Nervosität der Juden unbegründet sei, da die Beschuldigung nicht dem gesamten Judentum, sondern nur einer jüdischen Sekte gelte. Herr Brodsky bedankte sich für diesen Trost höflich. Er hob hervor, daß das Judentum über- Haupt keine Sekten kenne und daß man ihn, Brodsky, mit ebenso gutem Grunde wegen eines Ritualmordes aus die Anklagebank sehen könnte, wie Beilis. Ter Gouverneur entgegnete gereizt, daß er sich in eine religiöse Tisputation nicht einlassen wolle und betonte nochmals nachdrücklich seinen Wunsch, daß die Eingeladenen die jüoische Bevölkerung beruhigen und von Ausschreitungen zurückhalten möchten. Während man derart bemüht ist, die arme christliche Bevölkerung vor ״jüdischen Ausschreitungcn" zu schühcn, darf das Pogromblättchen ״Zweiköpfiger Adler", das anläßlich des Prozcsses in Hunderttausenden Exeiilplaren verbreitot wird, unverhüllt u. ungestraft für einen Pogrom Propaganda machen, während die fortschrittliche Presse für jede Aeußerung über den Beilis-Prozeß, ja, selbst für die trockene Wiedergäbe nebensächlicher Nachrichten hart bestraft wird. So wurden dieser Tage zwei Kiewer fortschrittliche Zeitungen wegen Veröffentlichung eines von mehreren Rabbinern anläßlich des Bcilisprozcsses verfaßten Gebets mit hoher Geldstrafe belegt. Aeuherung eines reformierten Bischofs gegen den Ritualmord. Erklärung von Dr. Tender Baltazar. Bischof des reformierten Kirchendiftriktes jenseits der Theiß. Budapest, 11. Oktober. ..Ich verurteile den Antisemitismus auf das entschicdenste, in welcher Gestalt und in welchem Grade er sich auch zeige. Denn ich sehe darin die Verfolgung der religiösen Uebcrzcugung, also eine brutale Ein- Mischung aus einem heiligen Gebiete, auf welchem das Individuum mit seinem Gotte in freien Verkehr tritt. Es erschwert nur noch die Sünde des Antisemitismus, wenn er sich aus seiten der Christenheit zeigt, also aus einer Seite, wo das Gebot der Liebe zum Nächsten das höchste Gebot i>t und bis zur Forderung der Feindesliebe gesteigert ist. Tas Judentum hat der Welt den Glauben an einen persönlichen Gott gegeben, den allergrößten Segen, der die Menschheit aus den Tiefen des Heidentums bis zum Himmel emporgehoben hat. Daneben hat cs den neuzeitlichen Staaten ohne Ausnahme mehr oder weniger einen bahnbrechenden Dienst erwiesen, auf volkswirtschaftlichem, wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete in gleicher Weise. In der Uebung der Wohltätigkeit ist es unvergleichlich beispielgebend. Nicht Tadel, sondern Ruhm gebührt ihm, es ist nicht der Feind, sondern der Freund, Berater und Helfer der christlichen Gesellschaft. Es bedeutet ein vollständiges Verlassen der christlichen Ideologie, eine absolute Entartung der sittlichen Grundlage der christlichen Liebe, wenn man gegen das Judentum einen Haß hegt, der bis zu der widerwärtigcn, ruchlosen Erfindung geht, daß das Vergießen von christlichem Blute als Gebot der jüdischen Religion hingestellt wird. Bis zur Erhebung einer solchen Anklage könnte der religiöse Haß allein nicht genügen. Es gesellt sich dazu der soziale Neid, von dem die Ergebnisse des Schaffens des jüdischen Geistes und Fleißes begleitet sind. Tas Geschwür des gehässige» Neides sehe ich in seiner ganzen abstoßenden Natur in der Kiewer Ritual- Mordanklage. Wenn ich an der Authenzität der Berichte der Blätter nicht zweifeln kann, muß ich mit tiefstem Entsetzen, mit dem energischen Proteste des Kulturmenschen feststelle», daß die Barbarei des russischen Volkes, die Parteilichkeit der Polizei und die Voreingenommenheit der Richter sich mit dem Nimbus der Gottessohnschaft zu umgeben beginnt. Es wäre wahrhaftig Zeit, daß das Konzert der gebildeten Staate» denjenigen Staat zur Verantwortung zieht, i» welchem die konfessionelle Gehässigkeit und der soziale Neid als Elemente der Staatsraison gelten." Gutachten eines Kjener Gelehrten im Kiewer Ritualmordprozesse. Von Hofrat Prof. Julius Ritter Wagner v. Jauregg. Vorstand der psychiatrischen Klinik im Allgemeinen Krankenhause und o. ö. Professor der Psychiatrie an der Wiener Universität.!Verfasser eines in Gemeinschaft mit dem Wiener Psychiater Professor Tr. Heinrich Obersteiner über den Befand des Professors Sikorski in Kiew erstatteten Gutachtens. Wien, 11. Oktober. ..Mit dem Gegenstände des Prozesses, der jetzt in Kiew durchgeführt ivird, habe ich mich bereits einmal näher zu befassen gehabt. Tas war schon vor mehr als einem Jahre, und die Veranlassung dazu wurde durch einen rujsischcn Gelehrte» gegeben, der wissenschaftliche Gutachten von Fachmännern aller Hochschulzentren erbat. Als Grundlage tvurden uns der Obduktionsbefund und ein Gutachten unterbreitet, das von dem russische» Universitätsprofessor Tr. Sikorski in dem Sinne erstattet worden war, daß es sich im vorliegenden Falle um einen Ritualniord handle. Gemeinsam mit Prof. Oberjteiner machte ich mich an die Ueberpr,.sung dieses Gutachtens, und >vir haben nichts gefunden, ivaS die dort nicdcrgelcgtcn Ansichten bestätigt hätte. Wir mußtcn es daher ablcbncn» eine Meinung zu äußern, welche einen Zusammenhang zwischen der Ermordung des Knaben Juschtschinsky und einem religiösen Gebrauche der Juden als zulässig erachtet hätte. Dazu lag gar kein Anhaltspunkt vor. Es gibt keine psychiatrische» Gesichlspunkte, welche Kombinationen in dieser Richtung zuließen. Man hat sich ja auch an andere Professoren gewendet, und auch diese konnten die Auffassungen Tr. Sikorskis nicht bestätigen. Tas Gutachten Sikorskis kann nicht qls wissenschaftlicher Befund vom Standpunkte der Psychiatrie betrachtet werden und bietet absolut keinen Angriffspunkt, der zu weiteren Erwägunge» dienlich sein könnte. Im diesjährigen Sommer ist die Frage des Ritualmordcs durch die Ankündigung des Kiewer Prozesscs wieder aktuell geworden. Ich ivurde von russischeu Interessenten aus beiden Lagern sehr stark besucht und um mein Urteil angegangen, ich habe mich dann aber nicht mehr mit der Sache befaßt, und nur auf das Gutachten hingcwiesen, das ich gemeinsam mit Prof. Dr. Oberjteiner ausgcarbeitet hatte. Meine persönliche Meinung über die Frage des Ritualmord ist wohl bekannt. Mir erscheint der Glaube an diese Möglichkeit nicht berechtigt, und auch wissenschaftlich ist niir nie etwas untergekommcn, was den Ritualmord auch nur als eine Erscheinung religiösen Wahnsinnes als möglich denken ließ. Wohl kam es vor. daß Dienstmädchen, namentlich solche von sehr geringer Intelligenz, welche bei Juden dienten, plötzlich mit Furchtvorstcllungen auftratcn und behaupteten, die Inde» wollen sie schlachten. Ter Psychiater konnte aber in solchen Fällen regelmäßig Beeinflussung abergläubischer Gemüter oder Geistesstörung fesistellen. Ein Fall, daß ein Jude, auch im Zustande der Geistesslörung oder des religiöse» Wahnsinnes davon phantasierte. ein Christenkind zu rituellen Zwecken zu töte», oder daß er gar einen derartigen Versuch gemacht hat, ist 1»ir nie vorgekommen und auch nicht bekannt, daß er sonst irgendwo vorgekommen wäre. Wissenschaftliai crisliert also der Ritualmord nicht." YERLOBUHQ5~RIHQE BR/KlTSCHnUCK . - HOCHZEIT 5QE5CHENKE EHE-RINQE .. ln bervorragsnder Auswahl zu b•sonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwel 2n-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgassa Nr. 2. Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Protest-Versammlung in Prag. Prag. Am 12. Oktober 1013 fand im großen Saale der Produktenbörse eine von der Prager Gruppe des ״Poale Zion" einbcrusene Protestversammlung gegen die Ritualmordbeschuldigung in Kieiv statt. Zu einer tausendköpfigen Menge, die nicht zum geringsten Teile aus Vertretern des tschechischen Arbeiterstandes sich zusammeusetztc, sprach als erster Redner Herr Chajim Nagler aus Lemberg. Er betonte in seinen AuSführungen, durch häufige Beisallskundgebungen unterbrochen, daß es nicht vor allem den Juden obliege, sich gegen diese ivahnwiyige Beschuldigung zu verteidigen, daß vielmehr alle Kulturvölker verpflichtet seien, diesen Schandfleck europäischer Kultur zu tilge». Daher haben die Einberufcr der Versainmlung Vertreter der tschechischen und deutschen Nation eingeladen, zu dieser Beschnldi gnug, die auf die ganze Kulturwelt ein beschämendes Licht ivirft, Stellung zu nehme». Hierauf sprach :lieichSratsabgcordneter Nemec im Namen der tschechisch-autonomen Sozialdemokratie. Er stellte einem inoffiziellen Rußland, dem man keine Schuld an diesem ״blöden Aberglauben" beiinesseu könne, ein offizielles, vom Zarismus beherrschtes Rußland entgegen. Dieses suche durch ein so schändliches Erpetiment die Anfmerksan'kei! der Massen abznlenken. Wie könnten auch, führte unter begeisterten Zurufen der Versammlung der Redner aus, die JudeiMdie in den Sturmjahren 1005 ü» auf den Barikaden van Moskau ihr Blut mit dem des insjischen Proletariats im Kampfe für die Freiheit gemischt, eben diese Pro letaricr morden? Prof. Mara, im?kamen der tschechischen Realinen- Partei, entwarf ein anschauliches Bild von der Feindseligkeit der russischen Gesetzgebung gegen die jüdische Bevölkerung und von der schändlichen Schikane bei der Durchführung durch die Beamten. Er iveist auf die scharfen Proteste von seilen der russischen und der ganzen slawischen Intelligenz hin. Ferner sprachen für die Organisation der lsche chischen Juden I. II. Tr. Hirsch, für den jüdischen Volksverein I. II. Dr. Singer, und Herr Kahn, der sich durch Erwähnung des Hilsncrprozesses eine Rüge durch den :!!egierlliigsvertreter zuzog. Hierauf las Herr Chajim Nagler eine Resolution in deutscher und :lieichsratsabgeordneter Nemec in lsche- Mischer Sprache vor. Sie ivurde einslimniig augenonimen und cs wurde beschlossen, sie sogleich dein russischen Konsul zu überreichen. Unter slrömendeni :!!egen bewegte sich ein großer Teil der Versammlung, von einem starken Polizciaufgebot begleitet, zum russischen Konsulat. Die Deputation, die die Resolution überreichen sollte, ivurde vom Konsul nicht empfangen. Während aus den verschiedenen Lagern des lschechischen Voltes Redner und zahlreiche Teilnehmer ihre Sympathien für den Protest kundgaben, hielten es -scheinbar die Vertreter der deutschen Parteien nicht für nötig, auch nur durch ihre Anwesenheit ihre Stellunguahine zu bekunden.

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