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Jüdische Volksstimme · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 42. jüdische BolkSstimme." und mit deinen Festen. Nun sich: Die Wand der Sukkoth ist dünn, und draußen lauert der Feind.So wird die Freude und die seicrliche Stimmung des Festes durch das Gefühl der Unsicherheit getrübt. Vor drei Jahren und noch vor zwei Jahren Sukkoth haben Millionen Inden in der Sukkoth noch getrauert, bis in die Sukkoth drang der verderbende Spiest des Feindes und viele haben in der Sukkoth Zuflucht und Schutz vor Mörderhand gesucht. Und das Fest der Sukkoth soll doch ein reines, ungetrübtes Freudenfest sein. Daher hat die Sukkoth für uns eine doppelte Bedeutung, die Bedeutung der Er-!nnerungsscier und der grasten Mahnung. Mehr als neunzehn Jahrhunderte haben wir ununterbrochen in einer Sukkoth gesessen; wollen wir setzt bestrebt sein, nur sieben Tage in der Sukkoth zu sitzen! Unsere Sukkothfreude wird dann eine ungestörte sein. Voll Inbrunst und mit reuigem Herzen haben wir gestern in lichtdurchflutetcr Dämmerung und in Anwesenheit des ganzen Volkes und seiner Acltcsten gerufen: ״L'schone haboho Biruscholojim." Möge cs nicht nur beim Gebet und beim srommen Wunsch allein bleiben, sondern auch b?:m tatkräftigen Wollen. Wer nur eine Sukkoth in seiner Behausung hat. der soll auch ein Haus für sein Hciin haben wollen: Und wenn ihr wollt, ist es kein Märchen. Der Kiewer Ritualmordprozeß. Eine sensationelle Wendung. Der Hauptbclastungszeuge sagt, daß ihm seine Anzeige erpreßt wurde. Kiew. In dem Ritualmordprozest wurde gestern der Hauptbclastungszcugc, der Laternenanzünder Schachoski, ciuvernommen. Er hatte in der Voruntersuchung behauptet, dast ein Mann mit schwarzem Barte den mit Spielkameraden spielenden Juschtschinski aus der Kinderschar hcrausgcrisscn und wcggeschleppt habe. Um diese Aussage drehte sich das Verhör stundenlang, schließlich mußte der Zeuge zögernd zugebcn. daß ihm die Anzeige gegen Bcilis durch die Geheim- Polizei erpreßt worden war. Die freie Berichterstattung geknebelt. Petersburg. Der Polizeiminister hat den Blättern verboten, Berichte über die Vcrhandlnngen im Kiewer Prozeß mit Ausnahme der amtlichen AgentnrdePcschcn zu veröffentlichen. Viele Blätter in der Provinz, welche über den Ritualmordprozcß berichteten, wurden beschlagnahmt. hatte sich Bärmann, der Mensch wächst sa mit scinen^köheren Zwecken, mit einem Male aus dem venvachsencn Frack gestreckt und warf einen triumphierenden Blick über die Brille hinaus auf de» zerschmetterten Freier. Emilchcn hatte dem Lntel das unselige Braunschweiger hingercicht und sah ihn mit fragendem Blicke an. ״Es ist schon recht," antwortete dieser ruhig, ״ich hab's nur wissen wollen. Es ist ein Glück für Jeanette," fuhr er fort, die Augen auf Herrn Ochs heftend, ״wenn überhaupt der ״schnöde Mammon" glücklich macht. Was meinen Sie, Herr Ochs?" Dieser hustete, als ob ihm ein Stück der Ppramide im Halse stecken geblieben wäre, hielt sich das Batisttuch vor den Mund und blickte darüber hinaus auf Emilchcn, die ihm statte des Bildes ans Goldgrund plötzlich wie eine dunkle Silhouette erschien. Sic aber, die wie der fromme Firdolin ״nichts davon verstand", eilte zum Tisch, schenkte ein Glas Wein ein und bot es ihm mitleidig mit den Worten: ״Wollen Sic nicht einen Schluck trinken? Sie haben sich vcrkutzt!" ״Ich danke," stammelte Herr Ochs, ״der Wein hat mir das Blut in den Kopf getrieben, ich bin an starke Getränke nicht gewöhnt und muß gestehen, daß ich, wenn ich Wein trinke, allerlei Dinge rede, die — ich — die" ״Die Sic nüchtern bereuen," ergänzte Onkel Markus. ״Das ist eine bekannte Sach'! Wem das Blut in den Kopf steigt, der red't dergleichen Sachen alle inchr, und Gott bewahre, daß man so einen beim Wort hält!" Der Kronzeuge im 5tiewcr Mordprozeß. Kiew. Der Zeuge Student Golubow, der Haupturhebcr der Beschuldigung und Führer der antisemitischen Hochschulverbindung, schildert seine abermalige Besichtigung der Stelle, wo das Verbrechen vermutlich stattgefunden hat. Am Zaune der Zaijezischen Fabrik seien einige Brettcr durchbrochen, wodurch eine Ocffnung sich gebildet habe, durch die bequem ein Mensch durchchlüpfen könne. Der Zeuge erzählte weiter, Eugen Tschcrberjak habe ihm mitgeteilt, daß am 2!i. vormittags Juschtschinski bei ihm in der Wohnung gewesen sei. Sic seien dann zusammen in die Wohnung des Juschtschinski gegangen, wo Juschtschinski den Paletot ablcgte. Schließlich seien beide zu einem Kaufmann gegangen, um Einkäufe zu besorgen. Von da an sei Juschtschinski verschwunden. Als Zeuge weitcr nach ihm zu forschen versuchte, habe Eugen Tschcberjak nichts gesagt, sondern sei davongelaufen. Später habe er erfahren, daß die Kinder in die Fabrik schaukeln gegangen sind; Beilis habe die Kinder verjagt und diese seien in der Fabrik mnhergclaufen und Beilis habe ihn oerfolgt. Zeuge sagt weiter aus, er habe in den Werken des Ljutisansky und bei anderen Autoreu über den Ritualmord gelesen und sei von der Existenz des Ritualmordes überzeugt. König Konstantin und die Juden Eine Aeußcrung des Monarchen gegen die Ritualmordbeschuldigung. Saloniki. König Konstantin empfing am 13. d. den Großrabbiner von Saloniki in Audienz. Im Verlaufe derselben sagte der Großrabbiner, er komme aus dem Gottcshause, wo die Juden eben für das Wohl des Königs Gebete verrichten, und versicherte den König der Loyalität der Juden. König Konstantin sprach dem Großrabbiner seine Genugtuung über die Versicherung der Loyalität der Juden aus und erklärte, er werde in seinem Königreiche niemals die Ritualmordbeschuldigung zulassen. Er habe die jüdischen Soldaten, die im griechischen Heere kämpften, schätzen gelernt. .׳■ Elcmenreau gegen das Blutmärchen. Paris. Clemenceau bespricht in der heutigen Stummer des ״I'homme librc" den Kiewer Prozeß und sagt zum Schlüsse: ״Es ist notwendig, daß in Europa diese ״Periode der Unzivilisation" endgültig abgeschlossen werde. Das ist der Wunsch, welchem in einer Protestkundgebung französischer Schriftsteller, die Freunde Nußlands sind, Ausdruck gegeben wird. In dieser Protestkundgebung wird konstatiert, daß die Juden weit davon entfernt sind, Blut für ihre rcligiöscn Ucbungen notwendig zu haben. Der Ge- Herr Ochs atmete auf. ״Herr Assessor! sagte er, ״ich weiß, daß ein Mann von Ihrem Charakter und Ihrer Stellung seine Pläne und Absichten nicht auf ein einziges Los —" Onkel Markus unterbrach ihn. ״Sie sprcchen von Geschäften? Nichtig! Wir haben ja vor Ihrer Abreise noch die Geschäftsrechnungcn abzuschließen; wenn's gefällig ist, mit mir ins Kontor zu gcl)en?" Er erhob sich. Herr Ochs desgleichen. Er griff nach seinem Hute und verbeugte sich artig gegen Emilchcn, die regungslos am Tische stand und den Scheidenden nachblicktc, als wie aus einem Traum erwachend. Da trat Bärmann auf sie zu und erfaßte ihre Hand. ״Danken Sie Gott, Fräulein Katz!" rief er mit bewegter Stimme. ״Ich verstehe nicht," stammelte diese. ״Sie verstehen nicht? Nun denn, dieser Herr hat nur um Ihr Frankfurter Los angchalten, von dein er wußte, daß es dreißigtausend Gulden gewonnen hat!" Emilchcns Augen leuchteten auf vor Freude. ״Drcißigtausend Gulden!" rief sie aus, welch ein Glück für meine arme Jeanette!" Bärmann betrachtete sie und wischte sich mit dem Frackärmel die Augen. ״Fräulein Katz," sagte er, ״Sie sind ein Juwel, Gott hat Ihnen das große Los in Ihr Herz gelegt. Denken Sie nicht mehr an den Ochs und kränken Sie sich nicht! Ich weiß nicht, was Goetl)e sagt, aber das sag' ich Ihnen: das Sechus (Fürbitte) Ihrer seligen Mutter ist Ihnen heute beigestanden!" Und indem er nochmals mit dem Aermel über die Augen fuhr, verschwand er, ohne sich umzusehen. > brauch desselben ist ihren Kultus- und Nahrungsmitteln verboten. Das Blntiuhrchen ist ein Ueberbleibscl aus der Epoche der Herenprozesse. Es wird mit Grausamkeit ohne Vernunft gegen das Judentum ausgcbeutct. Es ist eine Bcleidigung gegen die westliche Kultur und eine Schande ür die Kirchengcnossenschaften, in deren Namen es dem Fanatismus hingeworsen wird. Die höchsten Notablen von England, sowie der Erzbischof von Westminfter haben dagegen Stellung genommen. Warum ahmen unsere katholischen Führer, so fragt Clemenceau weiter diese. Bei- ג piel nicht nach? Ein getaufter Jude sagt über den Ritualmord aus. Kiew. Eine Ueberraschung in der heutigen Sitzung bildete die Aussage des Archimandriten des Klosters Potschajewskaja Lavra Autonom — eines getauften Juden. Er weiß über den Fall Juschtschinski nichts, aber er verbreitet sich ausmhrlich über Nitnalmorde in früherer Zeit, von denen er gehört haben will oder zu denen er Dokumente gefunden hat. Ter Verteidiger Grusenberg beantragt, die Dokumente des Archimandritcn anznschließen. Die Staatsanwaltschaft ermahnt den redseligen Archimandriten, keine Gutachten abzugeben, sondern zum Falle Juschtschinski gehörige Tatsachen mitzuteilen, worauf der Zeuge verstummt. Aruhrrungrn von katholischen Kirchenfürstrn gegen den Nitualmvrd. Eiklärung von Kardinal Francis Bourne. Erzbischof von Westminstcr. London, 1t. Oktober: ..Ich kann nur wiederholen, was ich dem Chefrabbiner von England geschrieben habe, nämlich daß ich cs bedauere, zu hören, daß die Beschuldigung des Alitualmordcs in Rußland wieder erhoben wird. Die katholische Kirche hat, soweit ich weiß, immer anerkannt, daß diese Beschuldigung weder in den rcligiösen Ansichten noch in den Gebräuchen des jüdischen Volkes irgendwelche Begründung sinket. Ich hofsc, dag diese Tatsache bald allgemein anerkannt und daß, wenn ein Verbrechen begangen wird, cs nicht aus in Wirtlichkeit nichtbestehende Motive zurückgeführt werden wird." Erklärung des Fürstprimas von Ungarn Johann Cscrnoch. Fürsterzbischof von Gran. Gran, 11. Oktober. .,In Beantwortung Ihrer an mich gerichteten Anfrage gebe ich meiner Ansicht Ausdruck, daß der Ritualmord als eine Institution der jüdischen Religion in der Emilchcn stand da wie von einem Blitzstrahl erleuchtet, nicht getroffen. ״Das hätte ich mir gleich denken können!" sagte sie leise vor sich hin, indem ihr Blick in dem gegenübcrhängenden Spiegel ihr Bild betrachtete. Dann hob sie die Glasscherben auf, die noch am Boden lagen, öffnete die Kommode, das Brieftäschchen einzuschlicßen, zuvor aber nahm sie ein Zweiglein des Syringstraußes und legte es in das Notizbuch zur Erinnerung, zur Warnung! Dann setzte sie sich nieder und schrieb an Jeanette einen herzlichen Glückwunsch zum ״großen Los!" Als am andern Tage in der Stadt kund war, daß Herr Ochs abgereist und die Partie ״zurückgegangen" sei, sagte der alte Lewy: ״Gott, was ein Chosid (Frommer) ist der Ochs. Es ist ihm übel geworden und nun hat er doch nicht angebissen!" (Ausdruck für das Fastenbrechen am Versöhnungstag.) Einige Tage darauf rief Onkel Markus Emilchcn in sein Zimmer und las ihr ein Schriftstück vor, das er in ihrer Gegenwart versiegelte und ein Wort darauf schrieb, das sie nicht verstand. Aber sic trug das Papier mit verweinten Augen hinauf, und als sie es in die Kommode schließen wollte und das dürre Zweiglein der Syringe erblickte, legte sie es dazu, und von einem Vorsatz, von einem Gelübde beseelt, versteckte sie die Brieftasche und begrub sie förmlich unter ihren Tüchern und Bändern. Auf dem Schriftstücke stand mit großen, unbeholfenen Buchstaben das Wort: ״Kodizill". (Fortsetzung folgt.)

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