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Jüdische Volksstimme · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wiener Erscheint jede« Donnerstag. XIV 2. Jahrg. Nummer 42 mm- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungar», halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rutzland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die üspaltige Petitzeile 30 h. Redaktion und Administration: Brünn, Adler gaffe 9. Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmstratze Nr. 31.׳ Postsparkaffakonto Nr. 312.842. Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Ruckporto beizufügen. L-N Brünn—Budapest. Wie» 15. Oktober 1913, 16 ׳ Tischri 5674» Prag—Lemberg. Der Feiertage wegen ist die ״Hamizpeh" nicht erschienen! Ans dem Inhalte: Sukkoth. — Ter Micmer Ritualmordprozeß. — 2׳. Mosenthal: Schlemilchen. —?leußerungen von katholischen Kirchenfürsten gegen den Ritualmord. — Wiener Rachrichten. — Korrespondcnzen. — Rundschau. — Eingesendet. — Laubhütteufest. — Simchath Thora. — Brunner Rachrichten. — In der Laubhütte. — Tr. Fr.: Ein russischer Rohling. — Wilhelm Menkes: Ter Chassidismus. — Literatur. — Gedankensplitter aus Moses Heß' ,?Rom und Jerusalem". Lustige Ecke. Sukkoth. Ein kalter Hcrbstwind durchweht die Lüfte und verkündet den Einzug des Herbstes. Er reißt d:e welken Blätter von den Zweigen, reißt die herabgefallenen Blätter von der Erde und trägt ge hoch in die Lüfte. Die Luft ist kühl und abgehellt, und ein dumpfes Walten hängt über dem Hcrbstland. Die Sonne spendet nur spärlich Licht und oft ringen Nebel und Sonnenstrahl um die Herrschafl des Hellen oder des matten Lichtes. Und e׳n wehmütiges Herbsllied zieht durch die sterbende Natur. Ju dieser ungastlichen Jahreszeit feiern die Juden in allen Himmelsgegenden das Sukkoth- Fest. Im späten Herbst sitzen die Juden in Hütten, festlich gestimmt und festlich aufgelegt — in G1 innernng an ein nationales Ereignis. Es i'iag wahrlich manchmal keine besondere Freude sein, bei unfreundlichem Wetter in der Sukkoth Feuilleton. Schlemilchen. Von S. H. M o s e n t h a l. (3. Fortsetzung.) ״Red', mein Kind!" sagte Onkel Markus mit liebevoller Stimme. Emilchen, die weder rechts auf Herrn Ochs, noch links auf Bärmann zu blicken wagte, sah auf in das treuherzige Gesicht des Alten und sagte mit bewegter Stimme: ״Sie sind mein Vormund und mein Wohltäter, und was Sie für mich bestimmen, muß gut für mich sein." — ״Ich habe nichts dagegen," fuhr Onkel Markus fort, ״Herr Ochs ist ein braver Mann, der dich nimmt, obivohl er weiß, daß du kein Vermögen hast, was in unserer Zeit der Zehnte nicht tut'" Tabei zwinkerte er mit den Augen dem Bräutigam zu, der ihn verstand und mit den Worten einfiel: ״Nicht der schnöde Mammon, Ihr edles Herz, Fräulein Emilchen!" Ta traten Emilchen die Tränen in die Augen und sie reichte die Hand über den Tisch hinüber dem uneigennützigen hübschen Freier und warf dabei ein Weinglas um, daß es von dem Tische kollerte und in Scherben brach. ״Knaß gelegt!" rief Onkel Markus laut lachend, Massel (Glück! und Broche (Segen)!" (Das K naßlegen ist eine Zeremonie bei Verlobungen, bei welcher ein Glas oder eine Schale zerbrochen wird.) zu feiern — in der Sukkoth zu genießen׳, aber das jüdische Volk mit seinem großen Sinn für nationale Traditionen, für die Wachhaltnng großer nationaler Begebenheiten, feiert sein Snkkothfest mit derselben Freude, mit derselben Weihe, und mit demselben Ernst, wie alle andereu nationalen und religiösen Feste. Tenn das Sukkothfest ist nicht nur die Wachhaltnng einer großen nationalen Begebenheit, sondern auch eine Ermahnung und eine Warnung — eine Mahnung speziell für die Juden in der Diaspora. In Sukkoth haben unsere Väter gewohnt, als sie von Aegypten ausgezogen, und die Sukkoth war ein Uebcrgangsstadium von Knechtschaft zur Freiheit von drückender Nachbarschaft zur selbständigen Häuslichkeit. In der Fremde, noch immer in der Fremde lebend, soll uns die Sukkoth nicht nur an!׳ine glorreiche Vergangenheit, sondern auch an eine Zukunft erinnern und für die Zukunft unseren Blick öffnen. — Somit wird die Sukkoth neben ihrer nationalen und religiösen Bedeutung auch noch zu einem hedcutungsvollcn piWMschen Symbol. Wir sitzen das ganze Jahr in Hütten und Zelten, wir leben in keinem ständigen Heim, wir haben noch nicht einmal nationale Selbständigkeit. Wir leben seit fast zwei Jahrtausenden in Sukkoth. Wir Wandern immer, bald von Land zu Land, bald von Pogrom zu Pogrom, und rasten nur in diesem oder jenem Land, weil wir nicht weiter können. Wir lassen uns bald hier, bald dort nieder, aber wir sind nirgends in unserem Heim, in einem veim, sondern in einer Sukkoth. Das ist gewiß!ein beneidenswertes Los für ein Volk, aber auch um dieser Sukkoth willen werden wir angefeindet und diese Sukkoth, das Symbol eines nur beschränkten, zeitlichen Aufenthaltes hat uns Auch Bärmann wollte sich erheben, aber seine gotb scheu Beine versagten ihm den Tienst und er blieb wie gefesselt auf seinem Stuhle sitzen. Herr Ochs aber schlang den Arm um die Braut und küßte sie auf die Stirn, wobei sein roter Backenbart an dem Onittenschleim ihrer schivarzen Scheitel kleben blieb, ein gutes Omen für die Anhänglichkeit ihrer Seelen? Tem Sturm folgt gewöhnlich die Windstille. Ter leidenschaftlichen Erklärung war eine Pause gefolgt, in welcher Herr Ochs die Trümmer der Pyramide zerknupperte, als Onkel Markus scheinbar gleichgültig anhob: 2>״ag' einmal. Emilchen, erinnerst du dich noch? Hab ich dir einmal ein Los von der Frankfurter Lotterie gegeben?" ״Sie haben mir so manches geschenkt, lieber Onkel, daß ich nicht gleich weiß —״ ״Denk nach, Kind, von der Frankfurter Lotterie. Nummer 2077!" ״Sie haben mir zweimal ein Los geschenkt, Onkel Markus׳, wenn mir recht ist, eins zum Geburtstage und eins zw Ostern, und dabei gesagt, ich solle damit einen großen Treffer machen!" ״Ganz recht," bemerkte der Alte lächelnd, ״das eine war von der Braunschweiger Lotterie und das andere ein Frankfurter. Nummer 2077!" ״Sie können schon recht haben, lieber Onkel." ״Gey', Kind, ich bitt' dich, hol' sie einmal alle beide her." Emilchen ward verlegen. ״Alle beide?" stotterte sie. Herr Ochs spitzte die Ohren. schon mehr gekostet, als manchem Volk sein eigenes Heim. Das Sukkothfest feiern wir im Herbst, und trüb, herbstlich gestaltete sich unser Schick-- sal, seitdem wir die Sukkoth bezogen, in der wir schon zwei Jahrtausende Hansen. Mögen wir dessen eingedenk sein, daß wir nicht nur sieben Tage in der Sukkoth saßen, sondern daß wir noch heute in einer Sukkoth sitzen, denn es ist kein Haus, in dem wir leben, sondern eine Hütte, die uns weder vor Wetter noch vor Regen schützt. Wer aber nur eine Hütte zu seiner Behausung hat, soll auch ein Haus, eine feste Mauer für sein Heim haben wollen. Wer die Befreiung sei- 1u׳s Volkes feiert, soll nicht jetzt in der Fremde und in der Knechtschaft bleiben wollen. Und fürwahr, aufs Wollen, aufs ernstliche Wollen nur kommt es hier an. In diesen Tagen leset ihr eine uralte Weisheit im ewigen Buche: Ich gebe euch heute zwei Wege, das Leben und den Tod. das Gute und das Böse, und du sollst das Leben wollen." Tie Freiheit des Willens ist ein altes jüdisches Moralgut und der Wille zum Leben und zum Guten ist ein uraltes jüdisches Gebet. Wie sprach doch der große Jude: ״Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen." Wollet das Sukothfest so feiern, daß es euch nur an die große Vergangenheit, an das große Befreiungswerk erinnert, aber nicht, daß die Snkkoh zum Symbol für unsere traurige Gegenivarl wird. Und nur kann werden wir Sulkothfreude genießen, wenn die Sukkoth nicht nur wehmütige Gefühle, über unsere öde Gegenwart weckt. Noch weckt in uns die Sukkoth gemischte Gefühle, denn die Sukkoth als ständiger Anse»thaltsort ist kein glückliches Schicksal, und die Freude an einer Toppelsnkkoth ist nicht rein. Und unsere Festesfreude soll eine reine sein. ״Wesomachto bechagecho" - du sollst dich freuen an ״Warum nicht?" fragte Herr Markus: . ״Weil -- weil ich nur eins davon noch habe, das andere l,abe ich der Jeanette zum Einwurf gegeben, wie sie geheiratet hat." Herr Ochs er blaßte. ״Sei!' nach," rief der Onkel so heftig, wie Emilchen ihn selten gehört hatte. Bärmann er hob sich, er hatte seine Beine wiedergefunden und mit langvorgestrecktem Halse verfolgte er Emilchen, die zitternd zur Kommode eilte, zu der sie kaum das Schlüsselloch fand. Endlich öffnete sie die Schublade und zog ein ledernes Brief täschchen hervor, das sie. von der rätselhaften Spannung der andern verwirrt, mit bebenden Händen aseinanderschlug. Wenn bei einem amerikanischen Duell das Los über Leben und Tod entscheiden soll, so kann die Spannung der Beteiligten nicht größer als jene sein, mit welcher Herr Ochs die hervor quellenden Augen auf das Zettelchen heftete, we!- ches Emilchen. ahnungslos, daß es das Los ihres eigenen Schicksals sei, entfaltete. Mit dem Schars blick des Adlers hatte er das kaum geöffnete entziffcrt. Gleich dem Mene tekel npharsin starrten ihm wie Flammenschrift entgegen: ״Herzoglich Braunschweigische Staatslotterie'." Das andere Los, das große, das Treißigtausend-Gulden-Los war nach Melsungen geflogen: sie hatte es richrig der Köchin geschenkt. Schlemilchen war!ich!treu geblieben! Herr Ochs war bis hinter die Ohren er-!bleicht und völlig kleiner geworden. Dagegen

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