Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1913)
- Date
- 1913-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Hände zu Rauften geballt und hart aneinander gegen die Brust gepreßt — durch die Lippen kam, wie stöhnend, mühsam sein Bekenntnis voll Hoffnung, Qual, voll Mukcs, der aus Not und Pein cinporwankt — indem er laut die Worte sagte: ״Sckcmah Iisroel adonoj clauhenu cchod!" Das wollt ihr in eine ״Ordnung" bringen, diese» Strom, diesen Sturm, diese Natur? Ihr Armen! Was macht auch heute noch den Jom Kippur so ergreifend? Das; alle, alle kommen, jeder, der Hunger hat nach sich selbst und seinem Frieden mit Gott im Himmel — alle bete», es ist ein Gebet, eine Neue, eine Sünde, ein Volk. Wo kennen wir Juden denn eigentlich diese glorreiche Dreiheit: Borbeter, Chor, Gemeinde — ״die ordnungsgemäst mitzusagcn hat" — seit wann muß ich laut mitbclcn? Woher kommt uns das? lind alle diese volkssrcmdcn, volksfeindliche» Befehle, Gebote, Perbotc? Diese G c b c t h a n s o r d n u n g wird einst in ein jüdisches Mnscum kommen. Ich weiß cs ganz genau, und sehe sic vor mir, mit dem dickgcdrucktcn fünften Punkt, im Nahmen n» der Wand. Die Juden ivcrdcn davor sieben und sich ivundcrn. Der Rahmen ist wurmstickig und farblos, die Zeit hat das Papier porös und gelb gemach! und die Fliegen haben schivarzbraunc Punkte hingclegt, so das; jetzt lauter Punkte dort sind. Am deutlichsten sichtbar ist aber der sünsle. Cr durchqucrt das Blatt mit einem breiten, dunkle» Streifen. Unter dein Blatt iii ein Kaste», wo unter Glas die .Hiingersemmcln aus dem und dem Jahr liegen und die Juden wundern sich über die Gcbcthausordnnng und über die Hungerscmmcln, ivic klein sic sind. Ich wnstte aber jetzt, lvaruin mein Vater ans einmal leine;■jat batte, in den Tempel zu gehen — warum man erst arm oder Kadditck sein must, um in den Dempel zu geben, und ich ivustic manch anderes noch. Das Wort ״Ritus" haben die Juden nicht gern. Sie sprechen es verächtlich aus. CS macht ihnen Unbevagen. Wenn man sie näher bedrängt: Dann kommen sic auf philosophische Crklärungcn: Zeitgeist, Materialismus uitv. Cincr sagt cs nämlich, müstt ihr wissen, dem andern nach. Cs ist nämlich noch lange nicht bewiese», das; es keinen Gott gibt. ״Cs ist nicht lvahr, das; die Vernunftkritit, welche die Bcwcistümer für das Dasein tt-otteS vernichtet hat, auch dem Dasein Gottes ei» Cnde gemacht haben." Göttlicher Heinrich Heine, das hast du doch geschrieben? Aber Religion ist Privatfachc. Eines nur bleibt inir unerfindlich: ivarum wir uns haben innerlich bcrauben lassen, ohne zu spüren, datz man uns bestiehlt. Warum wir nicht wissen, tvic arm nur sind. Warum wir unsere Kinder nur so aufs Gcrateivohl aufwachscn lassen? Wir wissen nichl, >vas wir tun, lvenn wir mit allem turzerhand brechen, tvas uns teuer war, ohne cs zu ersehen. Aber wir haben nicht mehr Acht ans uns. Wir feiern keinen Sabbath mehr — ich meine nicht den Sabbaih — sondern einen andern - u׳ir sind Alltags-, Wochenlagsmenschen gcivordcn. Schrauben, Nieten, Maschinen. Wir werde» getrieben. Manche bilden sich ein, das; sie treiben. Wir haben Güter besessen und verloren, so wie ein Kind einen Kreuzer ins Wäger fallen lässt. Cs ist gewis; notwendig gewesen und natürlich, das; sich an unser»! religiösen Tun und Lassen und Glauben manches verschoben hat. Wir spüren aber nicht mehr,!vas uns Inden die Religion bedeutet bat. Cs hat nie einen jüdischen Hciligtumschändcr, einen jüdischen Gotlesdicnsiitörer gegeben, aber auch nie einen innerlich leeren Inden. ״Eine grostc Zivilisation des Herzens blieb uns durch eine ununterbrochene Tradition von zwei Jahrtausenden." Das sagt!nieder Heinrich Heine, llnd diese Tradition bricht bei uns ab. Wir sind im jüdischen Sinne innerlich leer. Wir sind keine Kulturmcnschen mcbr. Wir sterben ab. Iizchok horaglij. Der Chassidismus. Von Wilhelm Menkes, Ttanislau. (Vogelperspektive.! (± jvortidunifl.') Da i,osten inir ans zwei Strömungen: den Rationalismus und Voluntarismus, die sich auch im Cbassidismns bewert bar machen. Die meisten Chassidim nehmen einander be'äinpsendc Kräfte an, ivo also in der Handlung gewisscrmasten ein Remis eint ritt. Hiermit seben u׳ir sie der modernen Psnchologic sich nähern, besonders dem Spencer, der dieselbe Anschaunng vertrat. Naci! dem Rabbi gebe es zivci Seelen, eine tierische und eine gottlicke: eine die am Körper haftet, eine andere, die mit höheren Dingen zu tun hat. Der Rabbi vertritt oft den nationalistischen Standpunkt, wenn er ihn auch dann zugunsten des VoluntariSmns aufgibt. ״Jüdische Bolksstimme." Üiationalistisch: ״Welchen Wert die Vernunft aufzuweiscn hat, dieser Wert wohnt auch der Tugend inne." ״Das Gehirn ist imstande, sich des Herzens zu bemächtigen und alles gänzlich umzugcstalten, so daß ein Umschlag von Grausamkeit zum Mitleid zu ververzeichnen ist. Und wenn selbst der Grausame sich der Vernunft als einziger Quelle bedienen wird, kann sich derselbe gänzlich uingcslaltcn, sobald er hinter das Wescn der verzweifelten Lage und Niedrigkeit gekommen sei» wird." (תורך,;«ור). Hier sehen wir ihn gleich Sokrates, Spinoza und Hegel die Vernunft als die einzige Erkcnntnisqucllc proklamieren. Aber anderseits zeigt der Rabbi, daß sehr oft Irrationelles hinzukommt, was dem Verstände unzugäng-!ich ist. Damals tvird sich das Ucbcrsinnlichc und Metaphysische geltend machen und das Inkommensurable in Betracht gezogen werden. Aber um der Wahrheit willen!verdcn wir gestehen müssen, das; gerade die Anhänger der הב' ר sich vor den Extremen in achtnchmen, in dem ihre Lebens- und Weltanschauung ztvischcn dem Rationalismus und dem Voluntarismus laviert, wo so gar die Psychogcncsc proklamiert wird. Um aus das Frühere zurückzukommcn, werden tvir hier zwar die Trcnnungspunktc zwischen dem Chassidismus und Spinoza einerseits bemerken, anderseits aber uns die Verbindungspunkte zwischen Kant und dem Chassidismus besonders auffallen. Spinoza ist konsequent und der Notwcndigkeitsidec und dem Ursachcnzusammcnhange treu, spricht er einem jeden Wesen den freie» Willen ab, lvährcnd Kant im Dualismus hastet, den Kausalncxus aufrecht erhält, den Mcnschen als unfrei behandelt, Ivo er von :liauin und Zeit abhängig ist, dagegen ihm die vollständige Autonomie des Willens läßt, sobald sich der Mensch über diese zwei Airschauungsformen zu erheben Vermag. Kant leugnet also die immanente Willensfreiheit, während er die transzendente anerkennt. Derselbe Dualismus herrscht auch im Chasiidismus. Hier heißt cs ebenfalls fast so: Sich über die sinnliche Wcl: erhebe», in Gott ausgchen, auf ihn alles zurückführen, wodurch eben die Willensfreiheit, wenn nicht ganz gerettet, so doch scheinbar erhalten bleibt. Wo der Wille schwach ist, soll die Vernunft eingreifen und die Lücke ausfüllcn. Dieser Dualismus wird im Chasiidismus und auch beim Rabbi nie aufhörcn. Wenn er einerseits sagt: ״Tic Durchleuchtung der Gcbirne ist viel vorteilhafter als die Durchleuchtung der, guten Eigenschaften.י(לק:׳::* תורר) ״ ״Das Grundprinzip der Seele ist der Verstand." תורד, א*־). Wenn tvir ihr hier tvic Voltaire und andere Rationalisien sprechen hören, ivcrdcn wir anderseits erstaunt sein, ihn das Gefühl vor der Vernunft bevorzugen zu sehen und tvic Rousseau sprechen hören. ״Das Crkcnniniskritcrium ist das Gefühl." Da sehen wir bereits den Chassidismus den Standpunkt der khrcnaiker vertreten, die die Affektioneu und Gefühle als allein erkennbar betrachtet hatten. Alles tvird aus die Gefühle und Empfindungen zurückgeführt, indem man dieselben als das einzige Kriterium hinstellt. Diese Ansicht geht dahin, daß inan einzig und allein von feinem Gefühls- und Cmpfindungszustandc Kunde geben könne. Dieser Anschauung begegnen wir auch in der indischcn Philosophie, bei DeSeartes, Spinoza und heute besonders bei Mach, der selbst unseren Körper als einen Cmpfindungstomplcx betrachtet. Infolgedessen tvird es uns nicht im mindesten wundcrnchmen, lvenn tvir die Philosophie und die Psychologic dem reinen Subjektivismus huldigen sehen werden. Spinoza hat zwischen adäquaten und inadequaten Ideen unterschieden und tvir ivcrdcn beim Chasiidismus adäquate und inadequate Affekte unterscheiden können. Die Liebe tvird die Repräsentantin der einen, die Furcht die der anderen sein. Dies iverden tvir dann auseinandcrsctzcn und erläutern. (Fortsetzung folgt.) Literatur Maurice Maeterlinck: Vom Tode. Verlegt bei Eugen Ticdcrichs, Jena. Zn beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunstverlag, Brünn. An ein edles Beginnen wagt sich Maeterlinck, er ivill uns das Sterben leicht machen. Nicht der Tod ist es, der dem Menschen in seinen letzten Zügen Qualen bereitet, sondern das Leben, welches sich noch zum letzleninal emporbäumt, um dem Tode zu entgehen. Aber Nr. 41. auch den Einwand, datz der Tod das Andenken unserer Lieben, die im Grabe dahinmodern, verunglimpft, ist falsch, denn an uns liegt die Schuld. Durch das Feuer geläutert, sagt Maeterlinck, lebt die Erinnerung .im Aethcr wie ein schöner Gedanke sort, und der Tod ist nur noch eine Geburt zur Unsterblichkeit in einer Feucrwicge. All diese Betrachtungen sind unseres Dafürhaltcns nicht geeignet, die Furcht vor dem Tode zu entkräften, da sie nicht in der Furcht vor den Schrecken und Gefahren, die er mit sich bringt, besteht, sondern in der Angst vor dem Unbekannten, in das uns das Sterben stürzt und daher schreiben wir diesen Ausführungen geringere Bedeutung zu, da es doch selbst für einen Durchschnittsmenschen bedeutungslos ist, wodurch die Qualen beim Tode hervorgerufen werden, ob sic ein integrierender Bestandteil oder nur die Vorläufer des Endes sind. Tic grundlegende Bedeutung des Buches liegt in der Behandlung der eben angcschnittcnen Frage: ״Was geschieht mit uns nach dem Tode?" und indem der Autor sich bemüht, uns vor den Schrecken der vier, seiner Ansicht nach, möglichen Lösungen zu befreien, beginnt erst sein großes Werk. Restlose Vernichtung oder Fortdauer mit unserem jetzige» Bewußtsein sind ausgcschlosien, so bleibt nur die Annahme eines Fortlcbcns im Wcltgcist oder in anderen Bewußtscinsformcn. Zwischen diesen beiden Hypothesen schtvankcn wir und wisicn nicht, ob wir jemals das jetzt Unergründliche ergründen werden; denn über eins sind tvir uns klar, was wir als denkende Menschen begreifen, begreifen tvir mit unseren Sinnen und insolange wir nicht imstande sind, den Weg dieses Begreifcns zu verstehen, insolange können tvir auch keine Vorstellung von einem Fortlcbcn, in welcher Form immcr haben, nicht einmal die restlose Vernichtung können wir uns verdeutlichen, denn tvic kann der Geist, der sich den Körper bildet, die Funktion, die allmählich das Organ entstehen läßt, mit dem Leib zugrunde gehen. Seele und Körper sind wie Herr und Knecht und jede Faser unseres Verstandes sträubt sich dagegen, daß das Zugrnndcgehcn des Knechtes die Vernichtung des Herrn mit sich bringt! In prägnanter, wirklich bewundernsivcrter verständlicher Weise behandelt das Buch dieses schwierige Thema, ja wir sagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß cs auch seinem Zweck, dem aufgeklärten Menschen, die Furcht vor dem Tode und dem unergründlichen Zustand, in den uns sein Eintritt versetzt, zu nehincn, gerecht wird. Schalom Asch: Amerika. Verlag Neues Leben, Berlin. Bei der Lektüre dieses Buches kommen wir gar nicht auf den Gedanken, einen Roman vor uns zu haben. Allzu herb ist das Schicksal der Qstjudcn, als daß der Dichter seine Phantasie spielen lasicn müßte. Amerika ist ein Buch, das nur eine Tatsache, die sich jähr-!ich zchntauscndmal abspiclt, erzählt. Cs schildert das Schicksal des armen rusiischcn Schneiders, der seinen Lieben voran, nach Amerika auswandcrt, um dort eine Existenz zu begründen. Wir blicken in die Schneiderwcrkstätte Ncwyorks, dir tvir in Nosensclds Gedichte» kennen gelernt habe», wir blicken aber auch in das Herz des armen Mcir, dessen Sinnen nur darauf gerichtet ist, seine Familie aus dem grausamen Rußland nach Amerika kommen zu lassen. Wir lernen die jüdischen Zwischcndcckspassagicre schätzen und achten, die alles tun, um den zivci alleinstehenden Kindern die Rückreise so angenehm als möglich zu gestalten. Aber noch cttvas deckt der Autor mit rückhaltloser Offenheit auf; er zeigt, wie rasch sich der russische Jude seiner neuen Umgebung anpastt, tvic er deren Sitten und Gebräuche annimmt und allmählich seinem Volke, ja sogar seiner Familie entfremdet tvird. Ergreifend ist die Gestalt des kleinen Iossclc. ״Aus seinen erschrockenen Augen, aus seinem Zittern sprach mehr noch als bei anderen das Elend und die Verlasienhcit der jüdischen Kinder Roßlands zu ihr." Er vermag nicht tcilzunchmcn an der Frühlichkeit der andern, denn auf ihm lastet die ganze Tragik des Juden, der tiefe Schmerz, der den Juden von der Wiege an begleitet; er vermag sich in das neue Leben nicht hincinzufindcn und so stirbt er, den alle Liebe in der neuen Heimat nicht heimisch machen konnte, in den Arincn seiner Mutter. Tic Sprache des Romans ist besonders bei der Schilderung von Iasiclcs Tod meiilerhaft und die vielen bitteren Gedanken, die Trauer, die den Goluthjudcn stets begleitet, sind in ergreifender Weise ausgedrückt. Brandes: Theodor Körner. Verlag Otto Hillmann, Leipzig. Preis Geh. k Mark. Anläßlich seines hundertsten Todestages mag eine ansehnliche Literatur über unseren Dichter und Freihcitshcldcn erschienen sein. Im vorliegenden Büchlein aber erfahren wir einige wichtige Momente aus seinem so ungemein intercsianien Privatleben. Sein inniges Verhältnis zu seiner Patin, der Herzogin Dorothea von Curland ergreift uns in seiner Einfachheit und gegenseitiger Liebe umso tiefer, als der familiäre Verkehr im angenehmsten Kontrast zu seinem heldenhaften