Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1913)
- Date
- 1913-10-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fc 41. XIV./״ ^Beilage zur,Wiener JüÄ. Votksstünme» 0»°te1913 Die Entstehungsgeschichte des Kol Nidre. Als Widerlegung der neuerlichen Ausfälle von antisemitischer Seite gegen das (feierliche, jedem Juden heilige) Kol Nidre, wird jetzt abermals aus die Entstehungsgeschichte des Kol Nidre hingewiesen. Es heißt in diesen Ausführungen: Der Haren und deutlichen Erklärung dieses Gebetes läßt sich wohl nichts mehr hinzufügen. Ich vermisse in den meisten Erklärungen zu diesem Gegenstände ein, wie mir scheint, nicht ganz unwichtiges Moment. Das ist die Geschichte des Kol Nidre, resp. seine Entstehung und ursprüngliche Bedeutung. Nach Angaben mehrerer Schriftsteller entstand das Kol Nidre-Gebet zur Zeit der Annuffim, die man später Marannen genannt hat. Da waren die ״Gezwungenen", jene Juden, die gewaltsam in den Schoß der christlichen Kirche getrieben wurden. Sie mußten öffentlich den Glauben der Väter abschwören, da ihnen und ihren oft tranken und transportunfähigen Verwandten im widrigen Falle der quäl- und schmerzvollste Tod sicher war. Diese Annuflim, die im Herzen dem angestammtcn Glauben treu geblieben waren, stahlen sich rcgelmäßig am Vorabende des Versöhnungsfcstes zu den geheimen Betstuben ihrer früheren Glaubensbrüder, um dort den Jom Kippur zu feiern. Aber diese wehrten den Abtrünnigen den Zutritt zum Gotteshausc. Tie Inquisition hatte die Scheinchristen gezwungen, zweimal jährlich in der Kirche den neuen Glauben zu beschwören, zu geloben, keine jüdischen Bräuche zu üben, und zwar gerade vor Jom Kippur und vor Ercw Pesiach — gleichzeitig zu beichten und das Abendmahl zu empfangen. Das waren unmoralische Zwangseide, welche aber das Gewissen der Gemeinde schwer belasteten. Wenn diese Zwangschristen inmitten der betenden Juden erschienen, weigerte man sich anfänglich, ihnen die Teilnahme am Gottesdienste zu gestatten. Tic armen Annuffim warfen sich zu Boden, weinten und jammerten, daß cs einen Stein gerührt hätte. Nunmehr erbarmten sich die Juden der Unglücklichen, gestatteten ihnen die Teilnahme an der Feier, doch nur unter der Bedingung, daß sie vor Beginn des Gottesdienstes die Erklärung abgaben, sie seien zum Uebertritt mit Ge- Walt gezwungen worden, ihre Gelübde seien daher keine Gelübde, ihre Schwüre keine Schwüre. Die Annuffim taten dies und ihre Erklärung klang in den Worten aus: Schwuoscnu lo schewuos! Diese Prozedur hatte für die ״Gezwungenen" so viel Erniedrigendes an sich, daß die dem alten Glauben treu gebliebenen Juden von aufrichtigem Mitgefühl für die Unglücklichen erfüllt wurden, und sie beschlossen deshalb, das Gebet, das im Laufe der Jahre eine kontrete und unverrückbare Form angenommen hatte, in Gesellschaft der Annuffim zu verrichten, d. h. mit ihnen mitzubcten. Keiner war sicher, daß nicht auch er im Lause des komnicndcn Jahres vom gleichen Unglück heimgesncht werde. Tic ganze Gemeinde sagte nun regelmäßig vor Beginn des Gottesdienstes das Kol Nidre. Ta das Kol Nidre weiter aus die menschliche Schwäche Rücksicht nimmt, die im Affekt sich leicht zu einem Gelübde hinreißen läßt, so war es eben wie geschaffen zu einer feierlichen Erklärung am Beginn des Vcrsöhnungstagcs. So wurde das Kol Nidre zum Gemeingut aller Juden. Auch der rätselhafte Satz vor dem Kol Nidre: ״In des Gerichtes Namen droben in Himmelshöhen In des Gerichtes Namen auf Erden Im Namen der Volksgemcinde: Wir gestatten — zu beten — mit den GesetzcSübcrtrctern" zeigt, daß es sich darum gehandelt hat, die Scheinchristcn am Gottesdienst teilnehmen zu lassen. Gebethausordnung.!Betrachtungen eines Brünner für Brünner und andere Juden.) Ich bin nämlich ein junger Mensch, viel jünger, als ich eigentlich alt bin. Mit zehen Jahren ein Kind, Mit zwanzig ein Jüngling, Mit dreißig Jahren ein Mann, Mit vierzig-Jahren umgetan. Mit fünfzig Jahren stillcstahn. Mit sechzig Jahren ungcstalt Mit siebzig Jahren ein Greis, Mit achtzig Jahren silberweiß. Mit neunzig Jahren der Kinder Spott, Mit hundert haben gnad dir Gott! So haben wir einmal gelernt. Wenn wir das lesen, entstehen in unserer Vorstellung bestimmte Bilder. Das Kind sehen wir munter Reifen spielen, Ballschlagen, den 30jährigen Mann im. Vollschwung seines Innenlebens, stark, mit dunklem Bart und dunklem sicherem Strahlenblick. Und der Jüngling kühn, rasch, elastisch, trotzig, wild, schön. So ein Jüngling bin ich mit meinen 20 Jahren nicht. Ich weiß das sehr gut. Denn jenes Idealbild des jungen Mannes lebt auch in mir, begleitet mich, spricht zu mir, warnt mich, tadelt mich meist, wbt mich manchmal, ist mein ständiger Richter. Daß meine Seele fast nie selbständig, sicher,' blind, immer geleitet, gedrängt befohlene Wege stolpert, ist meines Jünglingsalters Unmännlichkeit. Selig der, welcher nicht weiß, warum er jetzo weint, sich freut, hier die Hand drückt, dort kämpft und verachtet. Doch manchmal läuft meine Hand dem Auge davon. Sie sprengt den heißen Zaum und eilt dem humpelnden Kutscher weg. Das sind die schönsten Stunden, wenn er einschläst» und ich weiden kann, wenn er vom Bock fällt und ich rasen kann, wenn ich ihn abgeworfen habe und fliegen kann. Das Seligste ist die Blindheit, der Flug durch die Nacht und über den Schwingen hoch oben die Strahlgestirne blinkend. Ich möchte jetzt gerne verraten, daß ich noch dazu ein Jude bin, aber wenn ich das als nackten Satz herstelle, so wird manches geneigten Lesers Phantasie geheimnisvoll-mystische Fäden spinnen zwischen jener Gebrochcnheit und meinem Judesein — zwischen Jndividuum und Rasse — und wird Hugo von HoffinannSthal hernehmen in der schönen Ausgabe vom Jnselverlag und ernsten Mutes rezitieren: ..Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die andern Leben hinüber. Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden. Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von׳meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niedersallen ferner Sterne." und mit seiner eigenen, so abgrundtief nachempsundenen Zerbrochenheit dann so ansgesöhnt und einig sein — als hätte er gebetet. Gebetet: wie kommt mir wunderlich dies Wort in die Feder? Aber mich.dünkt: wir jungcn Inden beten uns alle selbst zuviel an. ״Hütet euch aber, daß ihr nicht fremden Göttern nachwandelt in Eurem Herzen!" Wie kam es — daß ich heute, im Jahre 1913 nach Ehr. Geb., in den Tempel ging? Ich kam vom Land, wie täglich, zur Stadt herein, doch zwischen Ankunft und Beginn der Beschäftigung war viel Zeit vor mir. Es war kühler Morgen, die Stadt, der Platz kaum erwacht. Da kam cs mir in den Sinn: ״Du könntest hingcheu." Durch die enge, graue Gaffe — das soll kein Vor- Wurf an eine moderne Stadt sein, alle jüd. Tempel sollen jetzt und fürder in engen, grauen Gassen liegen, in engen, grauen Ghettogassen — so kam ich zu dem mauj rischen jüdischen Gotteshaus. Ter Synagogendiener' stand davor. Ter kannte niich von früheren Jahren her, da ich noch mit meinem Vater recht oft gekommen war. Mein Vater war nämlich — Gabbe gewesen. Das ist so eine Art Armenvatcr, Kirchengeldervcrivalter, müßt ihr wiffcn. Ter Name ist eben noch geblieben, mit mancherlei Funktionen, Aemtern und Würden. '.1Im stolzestcn war ich immer — ich war nämlich daznmalen noch ein recht dummes Kind, müßt ihr wissen — wenn er oben bei der ״heiligen Lade" die heiligen Thorarollen herausnehmcn durfte, nach feierlichem Umzug sie entkleidete und beim Verlesen der Thora den Silberzeigcr in der Hand hielt, dem Vorbeter auf den Zeilen folgend. Ja — das war einmal mein Vater. Tann hat er das Amt übergeben und wenn ihn oder uns jemand fragt, warum — ״aus Mangel an Zeit". Ich las vor dem Eingang eine Tafel, auf welcher die Andachtsstunden genau bestimmt waren, wann an Werktagen, an Feiertagen gebetet und gepredigt werden sollte. Ta fragte mich oberwähnler Tempcldiener, ob ich den Jahrzeit habe, weil ich just׳ heute, Donnerstag früh — käme. Ich sagte lächelnd — nein — und cs ging mir durch den Sinn, wie einst ein Anverwandter starb, dessen Frau uns nicht sehr hold gesinnt war. Als er aber tot und begraben war, gab es eine kleine große Vcrsöhnungsszene ׳ mit Händedruck, Kuß und stummem Versprechen. Jemand aber sagte: ״Muß erst einer sterben, damit wir miteinander gut sind?" — Ich suchte meinen Platz, den Platz meines Vaters. Nahm Tallis, Gebetbuch und las jene heiligen Eingangsworte von den schöneu Zelten Jakobs und den Wohnungen Israels. Tann schlug es irgendwo halb 7 und der Kantor trat zum Pult. Es waren zu so früher Andacht natürlich nur wenige gekommen, Leute, die wirklich Jahrzeit hatten, um Kaddisch zu sagen, dann arme Leute, die auch dafür vom Gabbe aus den Geldern beteilt wurden. Um diese wenigen hob sich hoch der kühle, ivcite, dämmerige Raum hinauf. Durch das rote Fenster an der Estwand schimmerte mild ein Schein. Das war die Sonne. In tiefem Schatten lag die heilige Lade da. Aus ihrer Nacht glomm das ewige Licht. Im ganzen Hause wispernde Stille. Ter Kantor begann. Es ward mir weh. Ist S wahr? Wo war jenes ״Jigdal elauhim chaj" mit seiner morgenfrischen Melodie, die ich sonst gehört? Mir ist eS immer gewesen, als lägen die Wanderzelte der Jude» da, nachdem sie aus Aegypten geflohen, weiß auf dem grauen Wüstensand, tute verstreute Taube», im Schluinmer. Ta kommt vom roten Esten her, aus den blaue», kühlen Bergen dorr, vom Sinai ein kühler Wind daß die Palmen sich neigen und flüstern und in diesem Wind von Osten her und in diesem Flüstern der Palmen eine Helle, frohe Stimme: ״Jigdal elauhim chaj ״Wacher auf!" Wer es nie gehört hat, wenns draußen noch dämmert und es ist ka!t, bei kühlem Morgemvind vor Sonnenaufgang im kleinen Torf, in enger grauer Gheltogasse, von einem Juden gesungen, der sein Groß- Vater ist und Tefillin legt und zur Schul gehen tvill — der weiß nicht, wieviel an menschlichem Lerchengesang an frohem Tagesschaffensmut darin gelegen ist - nullst du, schwarzes Männchenpüppchen in schtvarzem Talac da oben mit deinem Runkersageu mich erwecken? mit deinem Vorlesen? Tinge» sollst du, summend singen — weißt du -- so: Jigdal elauhim cha aj tvarum Iveitzt du das nicht? tvarum, wenn du es weißt, tust du es nicht? Auf einmal erinnerte ich mich, daß es Donnerslag sei. Ta wird nämlich auch aus der Thora vorgelesen, müßt ihr wissen, lind sonst hat mein Vater AlijeS verteilt. ״Wie wär's," denke ich, ״ivenn ich beule ich bin ja hier Gast - aber nein — ich Hab ja keine Tefillin an." Ta kommt schon der Schammes auf mich zu. ״Guten Tag, Sie sind Schlisch, —" Ich erschrocken: ״Ter ivievielte ist das?" ״Ter drille." ״Ich habe keine Tefillin an —" ״TaS macht nichts," sagte er, ״ich bin Ihnen mechabed —" Er fragt nach Vater, Mutter und sendet Grüße. - - - - Alle Leute, an denen ich vorüverging, haben mir dann .,Sckiekoach" gesagt. Ich tveiß, daß ich einmal vor Jahren auch eine Alije, meine erste und schönste, bekam: Maflir. Damals lvußte ich nicht, wie ich hinaus zur Thora und tvieder zurückgekomineu bin. Ich tvar mächtig ergriffen. Ich war nämlich noch sehr jung, müßt ihr wissen. Heuie sah ich jede Steinplatte und Stufe auf meinem Weg, bemerkte, daß der jetzige Gabbe mit den! Silberzeiger die Stelle nicht wußte, >vo der Vorbeter las und!hu leise fragen mußte: ״Wo ist das?" und daß das schwarze Männchen gar nicht schön geleint hat - nicht mehr so - weißt du Männchen so: ״Wajaumer Adonoj elmansche lemaur.“ Dem Schammes, der mir mechabed geivest׳» habe ich sehr gedankt. 'Nach dem letzten Kaddisch ׳sackte ich ein und ging. Trauße» im Flur las ich noch die Kundmachungen der Gemeinde, Stipendien für arme jüdische Bräute, Stiil Plätze für Kranke. Unter diesem Wandschmuck auch eine eingerahmte ״Gebethausordnnng". Im Punkte l wird alles Mögliche von Wurden und Ansehen des Gottesdienstes erzählt, die jeder Besucher zu wahren verpflichtet wäre. Ich aber drehte im Geiste meine Hand, daß die Handfläche oben lag, und fragte mich: ״Wie heißt? Wir haben doch seil dem 9. des Jahres 70 keinen einzigen jüdischen Tempelruhestörer gehabt. Eder doch? Vielleicht. In unserer Gemeinde hohem :>Ial sitzen ja gewiß ausgezeichnete Manncr, die gewiß mehr wissen als ich." Punkt ö u׳ar dick gedruckt. Das hat er aber auch verdient. Das war aber auch ei» Punkt. Er war der Hauptpunkt, der Mittelpunkt, der 'Nullpunkt alles Verjtändnisses für die jüdische Masse, das jüdische Volk, für unsere Seele. Horche! auf, ihr Himmel! ״Alles laute Sprechen, laute Beglückwünschungen. Begrüßungen, das Verlassen der Bänke während des Gottesdienstes ist im Interesse der gottesdienstliche» Würde verboten. Das Mitsingen der Gebete m nur an jenen Stellen erlaubt, die üvungsgemäß Gemeinde und Vorbeter gemeinsam zu singen haben. Das laute Mirbeten sonst ist verholen." Herre (statt! Ich erschrak. Wer bat das erdacht, wer hat das verfaßt, wer hat das unterschrieben, wer hat das genehmigt? Ich lvar ein dummes Kind - mußt ihr wissen ״ da sah ich einst einen jüdischen Arbeiter nicht weit von mir beten, sei» Schema Jisroel sagen! Kann ich das beschreiben? Er hatte den .Kopf — de» Kopf! —• gehoben, die Augen geschlossen, so daß die Augenlider in ihrer ganzen bleichen Fläche sichtbar ivarcn — die mageren l