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Jüdische Volksstimme · 1913-10-09 · Heft 41 (9.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 41 (9.10.1913)
Date
1913-10-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. »Jüdische BolkSsti«me.* Nr. ii. müssen, weil, so heißt, es wörtlich im Gutachten, ״bei der Zwangsfütterung Geisteskranker, lvclche glauben, das; sie vergiftet werden und sich der Fütterung als einem Morde widcrsetzen, zum Gelingen der Operation nicht weniger als sechs Mann erforderlich sind." Das; die große Anzahl der Verwundungen dem Knaben nur zu dem Zwecke bcigebracht worden sei, um reichliche Ausblutung zu bewirken und in größeren zeitlichen Zwischenräumen, weil, wie cs wieder wörtlich in diesem famosen Gutachten heißt, ״im allgemcincn Plan der möderischcn Handlungen ein Zwischcnprogramm zwischen der Entblutung und der Beifügung qualvoller Reizungen vorgesehen war". Damit soll der Glaube erweckt werden, das; irgendwelche Gebote und rituelle Handlungen in der Zwischenzeit vorgenommen worden seien und daß insbesondere vor dein letzten tödlichen Stiche eine Art Schlußgebet verrichtet werden mußte. Er konstatiert, daß der Knabe die Mütze aushatte, da die Stiche in den Kopf durch die Mütze hindurch geführt worden waren und wirft, hieran anknüpfend, die Frage auf, ״ob dieser Umstand nicht eine religiöse oder andere Bedcutung für den Mörder besaß...." Der Direktor einer Irrenanstalt in Riga, einer der ausgezeichnctsten psychiatrischen Acrztc, gelangte in den Besitz dieser Gutachten und legte sic den bedeutendsten Kapazitäten Europas auf dem Gebiete der Psychiatrie vor. Es seien hier genannt Proscssor Ziemkc in Kiel, der bekantlich bei dem jüngst in Wien stattgehabten Kongreß der Naturforscher und Aerzte hierüber einen Vortrag hielt. Das verdammende Urteil dieses wissenschaftlichcn Arcopags, das in allen Zeitungen zu lesen war, dürfte Ihnen noch erinnerlich sein. Er legte diese Dokumente ferner den französischeu Professoren Lacassagne, Thoinet, Forel, weiters den Professoren Pepper, Mercicr und Willcox in London, Bleuer (Zürich), Bönhosfer (Berlin), Boedcckcr (Zehlendorf), Mayer (Königsbcrg) und unseren Wiener Autoritäten Habcrda, Wagner-Jauregg und Oberstciner vor. Ich muß bemerken, daß, um jeder konfessionellen Verdächtigung aus dein Wege zu gehen, jüdische Autoritäten, und wir besitzen solche, ausgeschlossen wurden. Ich kann selbstverstnädlich nicht alle diese Gutachten verlesen. Aber es möge Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß einige der Herren cs überhaupt in Zweifel zogen, ob ein solches Gutachten, das Gutachten Sikorski, von einem Arzt herrühren könne, ob es überhaupt ernst zu nehmen sei. Gegen diese Ritualmordlügc, schloß der »!ebner, haben im Laufe der Jahrhunderte katholischc und protestantische Gelehrte, weltliche und kirchliche Fürsten, Päpste und Kaiser ihre Stinnnc erhoben, und so ist, um eines Wiener Ereignisses zu gedenken, von der Kanzel der Stcphanskirche vom Domprediger Veith feierlich verkündet und mit erhobenem Kruzifix bcschworeu wotden, daß die Meinung, es.gcbe einen jüdischen Ritualmord, ein Irrwahn sei. Domprcdigcr Veith, der jüdischer Abstammung war, bcrief sich hier im Gegensätze zu dem von mir sriiher genannten Archimandriten Ambrosius auf seine genaue Kenntnis des jüdischen Schrifttums, jüdischen Gebräuche und Tradition und — ich erinnere mich desien aus meinen Kindcrjahrcn es wurde damals allgemein gesagt, daß jene Predigt in der Stcphanskirche über Anregung einer edlen erlauchten Frau gehalten worden sei. lind erst in den jüngsten Tagen hat, wie ich bereits erwähnte, ein wissenschaftlicher Areopag Europas, haben Bischöfe und Minister gegen die Ritualmordlüge ihre Stimme erhoben. Es hat — ich zitiere wörtlich: ״im Namen der slawischen Humanität, im Lebensintercsse der ungerecht verfolgten russischen Juden" die geistige Elite des tschechischen Volkes, Universitätsprofessoren, Landtags- und Rcichratsabgeordnete, Mitglieder des Herrenhauses ihre Stinnne erhoben und bit¬ R c s u 1111 i 0 n. ,,Die heute im großen Musikvcreinssaale in. Wien tagende Versammlung der Vertreter der gesamten Judcnschaft Oesterreichs erhebt in tiesinncrstcr Empörung feierliche Verwahrung dagegen, daß in dem am 8. Oktobcr 1813 beginnenden Prozeße gegen den Juden Beilis in Kiew vom öffentlichen Ankläger die Klage auf jüdischen Nitualmord erhoben wird. Tic österreichische Judcnschaft, die vor 14 Jahren an derselben Stelle gegenüber einer ähnlichen Beschuldigung im eigenen Lande ihre Stimme erheben mutzte, erneuert heute den Protest gegen die ihrer heiligen Religion angetane Schmach, gegen die Beschimpfung ihres Glaubens und seiner Grundlehrcn, gegen die frcventlichc Auffrischung des unheilvollen, wahnwitzigen Blutmärchens, dem Tausende ihrer Glaubcnsbrüdcr zum Opscr gefallen sind und das auch jetzt, im Bcilis- V * V v % 4 VHil V4 U I L 4 41 V v 44J|lf|4 4* v* 4 41U U 4il 44 » 4 41 4 4*” 4 tcre Klage geführt, ״daß ihr Volk trotz seiner unter staatlichem Schutze in die Volksmasscn getragen wird. Oeffentlich und feierlich venveist sie auf die hciligen Bücher, auf den Pentateuch, welcher schon vor Jahrtausenden die Reihe der Verbote mit dem strengsten Verbote des Mordes beginnt, auf den zum Gemeingut der gesamten Kulturmenschhcit gewordenen Dekalog, dessen sechstes Gebot: ״Du sollst nicht morden", auf das gesamte religiöse Schrifttum und die Tradition. Endlich verweist sie auf die Stimme zahlreicher erleuchteter Männer des Christentums; sie verkündet cs laut und feierlich immer und immer wieder: Datz cs einen jüdischen Ritualmord nirgends und niemals gibt oder gegeben hat und datz nur fanatischer Hatz diese wahnwitzige, lügenhafte Beschuldigung zu erheben und immer wieder zu erneuern vermag." Der Metropolit von Wilna gegen das Ritualmordmärchen. Wie polnischen Blättern aus Wilna gemclgroßen Tradition von Religionsfreiheit und Demokratie von dieser sittlichen Katastroplje nicht verschont geblieben ist. Die Polnaer Affäre, welche im böhmischen Volke solche Verheerungen anrichtete, ist noch in lebhafter Erinnerung". Dieser Aufschrei der slawischen Intelligenz in Böhmne mag und wird, so hoffe und wünsche ich, nicht ohne unmittelbare Folgen bleiben, möge er allenthalben, möge er auch in Rußland gehört werden. In diesem Sinne wollen wir am Schluffe unserer heutigen Versammlung in einer solennen Protestkundgebung unserer tiefinneren Ueberzeugung feierlich Ausdruck geben. (Lananhaltcnder Beifall.) Oberrabbiner Dr. G u d e m a n n, von lebhaftem Beifall begrüßt, brandmarkt in wuchtigen Worten die Ritualmordbeschuldigung als traurig, empörend und sinnlos: er verwies darauf,. . daß er vor vierzehn Jahren an derselben Stelle!det wird, hat sich der dortige römisch katholische und aus gleicher Ursache die lächerliche und in un-Metropolit Erzbischof Klukczynski sehr abweisercm heutigen Zeitalter unglaubliche Beschuldil'cnd über die vou altpolnischer Seite eingeleitetc qung zurückzmveisen hatte. Gottes Siegel sei Boykottbewcgung gegen die Juden geäußert und Wahrheit und das Judentum kenne keine ״nt Bezug auf den Kiewcr Mordprozcß erklärt, gcheinien Schriften oder Sekten, wie cs immer er sei nach eingehendem Studiurii der cinschlägiwieder behauptet wird, die jüdische Geschichte sei gen Literatur zu der Ueberzeugung gelangt, daß zwar mit Blut geschrieben, jedoch mit dem eigc-1 für die Ritualmordverdächtigung nicht der geneu, jüdischen Blut, w^M^ Hunderttausende ringste Anhaltspunkt vorliege. •'־״ - «-״* —-יי ׳» die Rußland gegen unschuldige Juden erhebt, > London. Die englische Geistlichkeit erhebt am ist nur ein Deckmantel für das tatsächlich der- Vorabend des Kiewer Prozesses nochmals ihre gossenc, jüdische Blut, das bei den Pogromen Stimme, um gegen das Blutmärchen zu protestromweise floß. ״Wenn", so schloß Dr. Güdestieren. Erzbischöfe, Bischöfe, Peers und die hermann, ״die Weltgeschichte das Weltgericht ist,' vorragendsten Vertreter der Wissenschaft unterso wird vor diesem obersten Gerichtshof Ruß-' zeichneten das Manifest, worin erklärt wird, die land dereinst auf derselben Anklagebank sitzen,'ganze Angelegenheit sei eine Frage der Menschauf der man am 8. Oktober unschuldige Juden lichkeit und Zivilisation. Die Blutanklage sei ein zwingt." Minutenlanger Beifall folgte den Aus-! Ueberbleibscl aus der Zeit der schwarzen Magic führungcn des Obcrrabbiners, der mit lauter,ן und Zauberei, eine grausame und grundlose weithin vernehmbarer Stimme gesprochen hatte.' Verleumdung des Judentums, eine Beleidigung Am Schlüsse wurde per Akklamation folgende des Westens, eine Schande für die Kirchen, in '״'■־• c m ',־־־''■'־ ׳'׳■־■־ r י־1'־ werde. wie die;HIU 0U;1U||l: 1UIU.ÜC y\:l VUUUUIUUUU JUiyt'UVC V4.V *ÜV|4U1», vmv 'wu/uuw ,14 4. 4׳n 04uu;1 gegen die Blutbcschuldigung gerichtete Resolution deren Namen sie von Fanatikern erhoben v angenommen. Um 7 Uhr war die imposante und ' Auch andere religiöse Minderheiten, wi eindrucksvolle Versammlung zu Ende. früheren Christen, die Quäker und die christlichen Feuilleton. Schlemilchen. Non S. H. M o s e n t h a l. (2. Fortsetzung.) ״Mein lieber Herr Ochs", erwiderte Onkel Markus, indem er sich mit einem roten Schnupftuch seine lange Nase schneuzte, ״den Fischer kenn' ich nicht. Ich kenn' nur David Fischer, der in der Fahrgas; in Frankfurt eine Lotterickollektur hat. Aber was meine Mündel betrifft, so kann ich Ihnen sagen: Schön ist nicht schön, schöne Tugenden sind schön. Das Mädchen hat mel)r Verstand als man glaubt, einen bescheidenen Charakter, ein gutes Herz und dergleichen Sachen alle mehr. Was sic außerdem hat, wissen Sic selder, und cs wird nicht bei dem allein fein Bewenden haben, und was Sie haben, frag' ich gar nicht, denn ich kenn' Sie als einen soliden jungen Mann aus guter Familie. Also hoff' ich, wird sich die Sach' machen. Aber tun Sie mir den einzigen Gefallen und reden Sie kein Wort von dem Los und von dem Treffer, das soll eine Uebcrraschung geben, zu guter Letzt. Uebrigens erweisen Sic uns die Ehr' und essen Sie morgen mit uns zu Mittag!" Als nun am andern Tag die Köchin einen ״Wälfchcn" (Truthahn) zum Schächter trug und beim Konditor Melli eine Pyramide von Makrönen bestellte, weil der Herr Ochs cingeladen sei, da war in der ganzen Gemeinde nur eine Rede: ״Der Schiddach (Heirat) ist richtig!" — ״Wer die nimmt, muß ein Ochs sein!" sagte der alte Lewy, ״wenigstens werden sie nicht leben wie Hund und Katz." Als die Köchin beim Ausnehmen des Wälschen einige unzweideutige Anspielungen fallen ließ, sagte Emilchen, indem sie ihr mit der breiten Hand auf die Schulter tappte: ״Ach geh'!" Aber sie errötete und ging hinauf, um sich anzuziehcn, denn der Onkel hatte ihr mit bedeutfamem Lächeln gesagt: ״Zieh' dein Schabbeskleid an." Vor dem Spiegel strich sie sich die Widerspenstigen Haare mit Quittcnschleim glatt, heftcte ein rotes Band und eine gelbe Rose hinein, zupfte ihr Kleid zurecht und betrachtete sich wie in Träume verloren. Es war ihr, als sähe sie im Spiegel einen hellroten Backenbart und eine dunkelblaue Krawatte, und sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: ״Ist es denn möglich?" Aber plötzlich fiel ihr Onkel Markus ein, der sich so sehr an sie gewöhnt hatte und der nun wieder allein bleiben und sich ״speisen lasten" sollte mit dem Bärmann — und sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus, in heiße Tränen, von denen wir nicht wissen, ob sie dem Onkel oder dem Bärmann galten. ״Mir ist alles recht!" sagte sic sich fastend und mit der Tüllmanfchette die Tränen abwischenk; ״was Onkel Markus für mich bestimmt, ist gewiß zu meinem Guten. Und am Ende ist alles nur dummes Geschwätz und der Ochs denkt gar nicht an mich. Aber er mußte doch an sie gedacht haben, denn er erschien in einem schwarzen Frack und einer tadellosen weißen Weste und brachte einen Strauß von Syringen (Flieder) mit, den er ihr artig darbot, und den sic, so groß er auch war, an die Brust steckte, um den jungen Mann nicht zu beleidigen. Der Tisch war gedeckt und die Pyramide stand mitten darauf, aber Onkel Markus war noch nicht da, er wollte die jungen Leute allein lasten, damit sie sich ausfprechen könnten. Das taten sie denn auch. Herr Ochs deklamierte ihr den ״Zauberlehrling" vor und sie hörte zu, und als die Besen gar nicht mehr zu bändigen waren, schrie er so gewaltig, daß die Köchin in der Küche entsetzt ausrief: ״Großer Gott! mir scheint, der Chosen (Bräutigam) schlagt die Kalle (Braut) tot!" Zur rechten Zeit erschien Onkel Markus und Bärmann, der seinen Konfirmationsrock angezogen hatte. ״Habt ihr euch ausgesprochen, Kinder?" fragte der Onkel schmunzelnd. — ״Wir verstehen uns!" antwortete Herr Ochs, und ergriff Emilchens Hand, die heftig zappelte. Man setzte sich zu Tisch. Emilchen aß wenig, noch weniger Bärmann, obwohl sie ihm dringend zuredete. Desto mutiger griff Herr Ochs zu, um möglichst schnell zum Dessert, der versprochenen Uebcrraschung, zu gelangen. Man war glücklich bei der Pyramide

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