Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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WV^VWWW Nr. 40. ״Jüdische Bolksstimme" Seite 5. Zerschnittene Thorarollen. Przeworsk. Vorige Woche drangen mehrere Verbrecher in das hiesige Gotteshaus öffneten die Bnndeslade und entweihten die Thorarollen, indem sie vier Seforim auf den Fußboden warstn, sie aufrollten und teppichartig zerschnitten. Von den Einbrechern fehlt bisnun jede Spur. Dr. Gaster beim König von Rumänien. Bukarest. Tr. Gaster aus London weilte hier und wurde sowohl vom König als auch von der Königin in längerer Audienz einpfangen. Im Verlauf des Gespräches berührte er auch die Judensrage in Rumänien und schilderte ihre gegenwärtige Lage. (Jüd. Korrespondenz Rabinowicz, Boskowitz.) Ein jüdisches Wunderkind. Nahezu sämtliche Blätter widmen spaltcnlangc Artikel dem ״jüdischen Wunderkind" Misch« Atlas. Misch« Atlas ist kaum süns Jahre alt und besitzt laut dem Zeugnis der hervorragendsten russischen Mediziner tatsächlich an Wunder grenzende Kenntnisse und Fähigleiten. Ter Proscffor des Petersburger psycho-ncurologischen Institutes Schakos schreibt hierüber folgendes: ״Anfang Jänner 1913 erschien bei mir der fünfjährige Michael Seiniosowitsch Atlas in Begleitung seiner Eltcrn. Ich sprach lange mit ihm über Astronomie, Zoologie und verschiedene literarische Werke und war über seine Fähigkeiten außerordentlich erstaunt." Der kleine Junge wurde natürlich auch interwiewt und es hat jedenfalls recht putzig klingen müssen, als er aus die Frage eines Journalisten, wozu er den so vieles zusammenlese, die Antwort gab: ״Am liebsten möchte ich alles durehleseu, was in der Welt geschrieben und gedruckt wird." Petersburger Gclehrtcnkrcisc haben sich nun des Kindes angenommen und werden seine weitere geistige Entwicklung kontrollieren. Prof. Auer über die jüdischen Schüler des Petersburger Konservatoriums. Vor einigen Monaten ging durch die europäische Presse die Mitteilung, die russische Negierung hätte die Zulassung von jüdischen Schülern an das Petersburgcr Konservatorium prozentuell limitiert und Auer habe aus diesem Anlaß mit seinem Rücktritt gedroht, »voraus die Verfügung ivicdcr aufgehoben worden sei. Wie Professor Auer einem Mitarbeiter einer ungarischeu Tageszeitung mittciltc, entsprach diese Nachricht nur zu einem Teile den Tatsachen. Tie Beschränkung der Zulassung an das Konservatorium bezieht sich nur auf ausländische Zöglinge jüdischer Konfession, und da bin ich denn — sagte Auer — allerdings zuweilen genötigt, die Aufnahme einzelner ganz besonders begabter Schüler mit dem Einsatz meiner ganzen Persönlichkeit zu erzwingen. Es wäre auch jammerschade, das jüdische Element, das überall, namentlich aber in Rußland, eine ganz mcrklvürdigc musikalische Begabung besitzt, von der Tonkunst fcrnzuhaltcn. Ist es denn nicht eine interessante Erscheinung, daß die größten Geiger, die in den letzten Jahren meine Schule verlaßen haben, Elmau, Zcmbalist, Haifcz, durchwegs Juden sind? Wer der Bedeutendste von diesen sei? Das läßt sich schwer entscheide». Es sind durchwegs große, interessante Individualitätcn. Elman kennen Sie ja, Zembalisr, einen vornehmen, ernsten Musiker, werden Sie im nächsten Jahre kennen lernen, und bezüglich des kleinen Haifez, der jüngst einige Berliner und amerikanische Kritiker, und ich gestehe: mich selbst durch sein Spiel zu Tränen gerührt hatte, werden Tic wohl selber meiner Meinung bcipslichten, daß uns hier der allergrößte Geiger unserer Zeit herauswächjt. Die Mischehen in Preußen. Durch die obligatorische Zivilehe nehmen die Mischehen in Preußen und die Beteiligung der Juden daran immer mehr zu. Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1910 bestanden in Preußen 5310 Mischchen, hei denen Juden beteiligt waren. In 3712 Ehen war der Mann, in 2470 die Frau jüdisch. :3000 jüdische Männer hatt evangelische Frauen, 504 katholische und 1Ü8 Frauen sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses; 1997 evangelische Männer, 478 katholische, 1 sonst christlicher und 328 sonstiger oder unbestimmten Bekenntnisscs hatten jüdische Frauen. Unter den jüdischen Mischehen ivarcn 3738 mit Kindern im Haushalt, wobei die amtliche Statistik allerdings die Ehen von Vätern unbestimmten oder sonsligcn Bekenntnisses mit Jüdinnen außer Betracht läßt, deren Zahl man aus etwa 200 schätzen kann. Von diesen jüdischen Mischehen mit Kinder» im Haushalt hatten 1204 cincu evangelischen Vater und 1732 eine evangclischc Mutter, sowie 313 einen katholischen Vater und 331 eine katholische Mutter, ferner 98 eine Mutter sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses. Im Haushalte der jüdischen Mischehen befanden sich 7783 Kinder. Von ihnen Ware» 1080 evangelisch, 1802 jüdisch. 843 katholisch, 1 sonst christlich und 151 sonstigen oder unbestimmten Bekenntniffcs. Aus einen evangelischen Eltcrnteil kommen 1,30 evangelische Kinder, aus ciuc« katholischen 1,31 auf einen jüdischen tewa 0,43. Sehr zahlreich sind auch die Kinder sonstigen und unbestimmten Bekenntniffcs iDissidenten, Religionslose usw.), deren Zahlenverhältnis zu den Ehen mit Kindern sich nicht genau scststcllen läßt, da, >vie bemerkt, die Zahl der Ehen von jüdischen Frauen mit Männern sonstigen usw. Bekenntniffcs, soweit in ihnen Kinder sind, nicht bekannt ist. Es läßt sich aber schätzen, daß aus jeden derartigen Elternteil etwa 1,50 Kinder, also so viel wie bei dem evangelischen Eltcrnteil, entfallen. Eine sehr bemerkenswerte Feststellung ist die geringe Zahl der Geburten in den jüdischen Mischehen: aus die 331g Ehen entfielen nur 7783 Kinder, also aus jede durchschnittlich noch nicht 1,3 Kinder. Von den 7783 Kindern wurden nur 1802, also noch nicht der vierte Teil, in der jüdischen Religion erzogen: fast 470 folgten dem evangelischen Bekenntnis. Danach erweist auch die Statistik den Verlust der Kinder aus Mischehen für das Judentum. Ein Hund, der seine Zeit kennt. In der Ortschaft B. verlor ein Hund seinen Herrn, ohne ihn wiederfinden zu können. Er begab sich auf die Suche nach einem Knochen oder sonst Eßbarem, um seinen Hunger zu stillen, aber er fand nichts. Ebenso ging es ihm mehrere Tage. Ta lief er aufs Feld und begann furchtbar zu heulen und zu jammern. Es steht geschrieben, sagte er: (Gott gibt Nahrung allem, was da lebt) und ich Unglücklicher finde nichts um meinen Hunger zu stillen. In diesem Augenblick erschien dem unglücklichen Tiere ein Engel. ״Warum diese Klagen? rief er dem Hunde zu: hat nicht Gott in seinem Gesetze (Erod. 22, 30) bestimmt: ״Ihr Juden sollt nichts Trefes essen, ihr sollt es den Hunden vorwerfen?" Aber der Hund, welcher offenbar Geist besaß, erwiderte: ״Das war einmal: jetzt aber, in unseren Tagen, essen sie es selbst, und zwar so gründlich, daß für uns nichts übrig bleibt." Jüdisch-Akademischer Techniker-Berband. Wie m»s ans jüdischen Technikerkreisen mitgeteilt wird, hat sich an der k. k. Wiener technischen Hochschule ein Verein unter obigem Namen gebildet. Wer die Verhältnisse unseres Standes kennt, muß sich sagen, daß es hoch an der Zeit ist, wenn unsere Jugend zur Abwehr greift. Ter jüdische Techniker, der die Hochschule verläßt, findet schwer einen Posten Während seiner Studien kann er es nur besonderen Glücksumständen zuschreiben, wenn er eine Ferialpraris antreten kann. Skripten und Lehrmittel stehen ihm nicht so zur Verfügung, wie dem deutscheu Studenten, der seinen Verein lsinter sich hat. Daß er an Erkursionen deutscher Vereine nicht teilnehmen kann, ist eine alte Tatsache, die jeder Techniker an sich gespürt hat. Ter jüdische Provinzler, der nach Wien kommt, um zu instribieren, steht ohne Führer vor der Wabl seines Mißlichkeiten, die der junge Verband abzuändern suchen will. Wir wünschen ihm alles'Glück dazu und vor allem recht viel Gönner und Förderer. Koschere Milch in Wien und Umgebung. Seit vielen Jabren wird es von vielen Seiten beklagt, daß in Wien während des ganzen Jahres, ganz besonders aber an Pessach, Mangel an koscherer Milch herrsche. Turch eine Abmachung mit der Guntramsdorfer Molkerei mit der Avas Israel, ist diesem Uebelstande nun glänzend abgeholsen, da nun überall in Wien und Umgebung koschere Milch verläßlich und in guter Oualität erhältlich ist. Kaftan und Präs als Lebensretter eines antisemitischen Agitators. Bis vor süns Jahren war der frühere Reichstagsabgeordnctc Franz Udvary einer der gcsiirchtctjkcn und strupclwsesten antiscininschen Agitatoren Ungarns, dessen Rücksichtslosigkeit sehr viel zum Wiederausleven des Antisemitismus in Ungarn bcigctragen hat. Sein verderbliches Wirken in der rcssentlichkcil hat vor süns Jahren dadurch ein nnrnhinliches Ende genoinnien, daß Franz Udvarn, der sich das Vertrauen Tansender kleiner Bauern crsch..men kalte, nach Verübung großer Baiiksaiwindelcicn plötzlich vom Schauplatz seiner Täligke,. verschwunden ist. Seit jener Zeit lam.-ien öfter Nachrichten über ihn aus. einmal hieß es, er halte sich in Buka׳esl unter dein Namen Javidjangatz Fromm ans. Die Budapesrer Polizei wollte seine Verhastnng in Bukarest veranlassen, doch fand sie keine Spur mehr von ihm. Später kam die Meldung, daß er in Smyrna zum mohammedanische» Glauben übergctrcten sei. um nicht ausgcliesert zu werden. Zuletzt erfuhr man, daß Uooary unter dem Namen lldvcr Betz in die türtische Armee eingetreien und bei Tschataldscha gesalle» sei. Diese Nachricht scheint ans Richtigkeit zu vcruhcn, denn dieser Tage erhielt der Gerichtshof in Lteinamanger ans der Türkei den Nachlaß Udvarys mit dem Ersuchen zugesandt, denselben seinen dortigen verwandten auszusolgen. Unter anderen -,,«.fteii befinden sich in dem Nachlaß auch zwei lange KasianS mit einer Perücke nnd Stirnlouen, die, lvie ans den Anszeunnungen Udvarys kervorgey., von demselben aus seiner Flucht benntzt ivurden, um sich al-, polnischer Jude bei den Inden aus dem Balkan nnd in der ^--kei Gaslsreundschafl und Schuh zu sichern. Man eriährt auch, daß diese Vet.>>.>״nng ihm iviederholl in gesahrvollen, Momenten das Leben gerettet habe. Tie erste jüdische Gemeinde in Tirol. Durch Minisrerialerlaß vom 20. Juli ivard versügl, daß mit I. Jänner 1914 die gesetzliche .Konsiiluierung der Jsraelitengemeinde in Innsbruck in Kraft trete. Natürlich in der Landeshauptstadt Innsbruck, deren zirka 00 Familien umfasscildc Judenschast seit mehr als vier Jahren unter der Führung ihres auch um die Entwicklung der Stadl hochverdienten Prägdenlcn Wilhelm Tannhänser hartnäckig um dieses, den Bruch eines mittelalterlichen Prinzips bedeutendes Recht gekämpft hat. Bisher gab es in diesen iiur eine gesetzlich ko»- skituicrtc jüdische Gemeinde, die in Hohenems in Vorarlbcrg, der sämtliche in Tirol wohnenden Inden zugewiesen ivarcn. Wohl bildeten die in einzelnen Städten Tirols wie in Innsbruck, Meran und Bozen wohnenden Israeliten ReligionskoinileeS unter sich, die für Gottesdienst, Unterricht, Beerdigung usw. entsprechende Anstalten ins Leben riesen und erhielten. Aber sie hatten keinerlei Aemeinderechte, existierten für die Tiroler Landesregierung überhaupt nicht und ivaren in den wichtigsten Angelegenheiten von Hohenems abhängig, dessen Rabbinat seinen Sprengel auch über Tirol nnd Vorarlberg erstreckte. Wiederholt gemachte Versuche zur Gründung einer Gemeinde in Tirol scheiterten stets an dem prinzipiellen Widerstande der Regierung, die ossiziell noch die Fiktion von einheitlich katholischen Tirol auircchterhaltcii!vollle. Auch die iveuigeu evangelischcn Gemeinden des Landes hatten viele Jahre gegen dieses Prinzip zu kämpfen. Nnn iii es endlich auch zngliniien der Inden dnrchgcbrochen worden. Aphorismen zum Monat Tischri von Rabbiner Tr. N e!1 h a u s. Lauenbnrg i P. Ein Mensch, der andere n vergibt, vergibt i i cti nichts. Cfjnc Veriraiien zu Gott kein ״Vertraut sein" mit ihm. A n einem Geschick tragen, heißt, von ihm besiegt iverden. Ein Geschick tragen heißt es selber besiegen. ״Nun, ich habe meine Pslichl erfüllt" ist fajt stets ein Manko der erfüllten Ps 'cht. Nicht die Tat an sich erhöht de» Menschen, sonder» der W> l l e n zur Tat. Eine Persönlichkeit hat nicht eine Meinung, sonder» den Mut einer Meinung. An seiner Vergangenheit leidet nur der, der keine Zukuilit hat. Es ist uiir ein Zusall. da ,■"ClwTI ׳Rückkeho umgekehrt gelesen דזבועזת >die Sckain. die Reue! ergibt: es ist »ur ei» Zufall, daß das Wort!zurückkehren) umgekehrt gelesen ׳;ועז sich schämen) ergibt; aber Wahrheit ist es. daß der wirkliche» ,TZVwTI die ״Umkehr" dieses Wortes, nämlich הבלשת vorhergehen muß, daß also einer ivirklichen Rückkehr zu Gott, die Scham, die :Heue, voranSgeht. Von der Newyorker Stadtbibliothek. Ans dem letzten Jahresberichte der Newyorler össentlichc» Bibliothek isr zu ersehen, daß die seit einigen Jahren bestehende eigene Abteilung sür Hcbraica nnd Indira heule schon über 20.000 Bände zählt. Diese Abteilung, die in einem besonderen großen Saal die biographische, in die Ableitung rür Nachschlagsiverke nnd eine Abteilung für Zeitschriften. 1021 Bände behandeln die schöne Literatur in hebräischer und moderner Sprache, 1100 Bände enthalten Aiddiih-Literatur und 090 sireug genommene Wissenschaft und Kunst, ivährend 322 Bände Aufklürunge» über südliche Frage», Antiseinitismus, Zionismus nnd Jloismus bieten. Diese jüdische Bibliothek enthält auch eine hübsche Anzahl alter Bibeldrucke und Manuskripte. I IlHuf in Iflinnilr Optiker und Mechaniker, Brünn Lllllvvllj IMiblllli Krapfengasse 25 empfiehlt «ein reichhaltiges Lager von Operngläser; Brillen u. Zwicker. Installierung v. Haustelegaphen und Telephonen, sowie Reparaturen prompt und billig.