Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 40. Berufe zu verdrängen, allerorten einen großen Umfang angenommen haben. Es kann euch aber auch nicht unbekannt sein, daß viele Angeftclltcnvcrbände diese Tendenzen fördern, und keine Organisation diese für alle Angestellten schädlichen Bestrebungen bekämpft. Das Mäntelchen ״Jntcrnationalität", das uns rinsi die Augen verhängt hat, hat 1000 Löcher und Risse bekommen und was aus diesen hcrvorlugt, unterschied sich von der offenen Feindschaft der anderen nur durch die fetzige Hülle. Kollegen und Kolleginnen! Noch ist cS Zeit. Noch seid ihr eine numerische Macht, die sich durchsetzen kan», wenn ihr cs wollt. Und ihr müßt cs wollen. Der Selbsterhaltungstrieb heischt cs gebieterisch von euch. Man hat die Juden in den Handel verdrängt. Handel und Arbeit im Handel, das sind die letzten Positionen, die das jüdische Volk und in erster Linie ihr, Kollegen, zu verteidigen habet. Fällt dieses letzte Bollwerk, dann sind wir aus dem Wirtschaftsleben ausgcschaltet. Der jüdische Proletarier verschwindet und dir großen Massen der jüdischen Angestellten versinken ins Nichts, werden zu Luftmenschen, zum Lumpcnprolr- Laßt euch von nichts mehr beeinflußen, von nichts mehr blenden. Hütet euch vor denen, die sich eure Freunde nennen. Erkennet die Lage. Schauet das Riff, dem unser LcbcnSschifs cntgcgcnstcucrt und wendet das Steuer, che cs zu spät ist. Die Verdrängung der jüdischen Angestellte» aus dem Handel, wäre eine Katastrophe nicht nur für euch, sondern sic würde den wirtschaftliche» und moralischen Ruin unseres Volkes bedeuten. Kolleginnen und Kollegen, der Jüdische Handlungsgchilscnvcrband hat die Zusammenfassung der jüdischen Angestellten zur organisierten Sclvsihilfc angcbahnt. Er trägt den jüdischen Gcwcrkschastsgcdanken mit Erfolg hinaus in alle von Juden bewohnten Länder. In seinen Reihen ist euer Platz. Der Jüdische Handlungsgchilfcnvcrband Für das Sekretariat: Benno Deutsch. Samuel Strauß Wien, 17. Bcz., Palssygaffc 18. wohin Beitrittsanincldungen und Zuschriften zu richten Installation des Rabbiners Dr. Kalman Nürnberger in Ung.- Brod. Rach heißem Wahlkampfe um den stark dewordenen Posten zum Nachfolger des Oberrabbiners Tr. Moritz Jung, London, wurde gestern am ersten Slichotage der gewählte Herr Tr. Nürnberger installiert. Eine Deputation, bestehend aus Herrn Tr. Weil, Hotelier Smettana, Bertlwld Schön, Assistent Tauber, fuhr dem Herrn Rabbiner nach Ung.-Hradisch entgegen, um mit ihm die cinstündigc Reise bis nach Ung.- Brod zu ntachcn. Am Bahnhofe erwartete ihn der ganze Borstand. Tie Frau wurde vom Ausschüsse des Franenvercincs begrüszt und von dannen in die Genieinderabbinerwolmung per Wagen gebracht, wo das Tiner für die Nabbincrsamilie und Gäste arrangiert wurde. Der Vorsteher übergab Hcrrit Rabbiner die Wohnung mit vielen Glückwünschen. Um 8^ Uhr wurde Herr Rabbiner und Frau in den im Rabbinerhausc befindlichen Sitzungssaal geführt, wo der Gcsamtvorstand der Knltusgcmcinde, der israelitischen Stadtgemeinde, Fraucnverein, Bikur Cholim-Vcrein, Olemilus-Chassodim-Verein, Gcsangsvcrcin ״Hasomir", Jüd. Bildungs- und tzk'selligkeitsverein ״Chorch" anwesend waren. Tort wurden dieselben vom Hrn. Tr. Spiegler, als Aeltesten des Rabbinerkomitees begrüszt, nachher ward Vorstellung der einzelnen Mitglieder. Präzise 41 /4 Uhr trat Herr Rabbiner den Weg zuw Tempel an, wo die Schulkinder, alles in Weis;, Spalier gebildet haben. Am Eingänge des Tempels begrüszte Herr Oberlehrer Frcschl in schwungvoller Bcgrüßungsrebc Herrn Rabbiner im Namen der kleinen Schulkinder, und die Tochter des Obcrkantors Mörncr, die kleine Tilka, trug ein Begrüßungsgedichi voll zarter kiitdlichcr Liebe vor und überreichte ein Bukett. Zum Tore des Tempels gingen die ältesten Gcmeindemitglieder und die jungen Leute mit der Chewra Kadischa an der Spitze, mit der Tbora in den Händen Sr. Ehrwürden im Rainen der Alten und in! Ramen der Jungen begrüßen. und Se. Ehrwürden hielt den Einzug in Beglcitung dieser. Es war dies ein imposanter Anblick im ganz dichtgefüllten Tempel. Vertreten waren die Bezirkshauptmamischaft durch den .Kommissar Eugen Peduzzi, Obcrpostntcister Klcinschnitz, das Bezirksgericht, Steucraint, die Stadtgcmcinde Ung.-Brod, der Nachbarkultusvorstand durch den Herrn Malzsabrikanten Siegmund Fürst und Herrn Direktor Moritz März, Ung.-Hradisch, weiters die Intelligenz der Nachbargemeinden. Se. Ehrwürden wurde vom Vorstcherstell- Vertreter Möbclfabri kanten Herrn Johann Brief zu seinem feierlich dekorierten Sitz geführt, dieser wurde ihm übergeben, woraus der Herr Oberkantor Mayer Körner mit dem Gesangsverein ״Hasomir" einen schönen Boruch-Habo und Mah Tauwo inszenierte. Heritach wurde Mincha gebetet. Darauf übergab Sr. Ehrwürden der Vorsteher M. H. Brammer die Kanzel, begrüszte alle Anwesenden, und richtete an Se. Ehrwürden die ermutigenden Worte, er möge den Frieden anstreben und die Gemeinde in streng konservativem Sinne führen. Herr Rabbiner bestieg die Kanzel, sprach gediegen 40 Minuten eine sehr beifällig aufgenomenc Rede, wo er den Frieden anzustreben versprach und die Jugend im Geiste der Religion zu erziehen und die Institutionen im konservativem Geiste zu erhalten. Tann stimmte der Oberkantor Hallclujah an und mit einem Gebete für unseren allcrgnädigsten Kaiser, unter Absingung der Volkshymne schloß die selten schöne Feier. Möge sein Wirken zum Ruhme gereichen, möge es ihm gelingen, unsere altehrwürdige Gemeinde, die noch heute von allen mährischen Gemcinden ein Stück altes Judentum fördert, im Status quo der konservativen Richtung zu erhalten. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNGS-GESELL- SCHAFT, WIEN,!., ASPERNPLATZ 1. n eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen Reserven ciika 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht. — Unser neuester Tarif mit 5010 jährlich fallender garantierte Piämle, Oeneral-Agentur für Wien, I., Aspernplatz 1, Leiter David Nebenzahl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinand>str. 20. neu, Leiter Roheit Ocrstel Sub. Direktion für Lemberg, Sza]- oucha 3. Leiter Löbi Taubes. General-Agentur für Krakau Nathan ROssner, St. Scbastfana 10, Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Keitling. Hauptagentur für Brünn, Wawrastrasse 10. Leiter: Samuel Reiniger. EinetschechischeKundgebung gegen die Ritualmordbeschuldigungen. Aus Prag wird berichtet: Zahlreiche tschcchische Persönlichkeiten veröffentlichten eine Kundgebung, die den Kicwer Ritualmordprozes; zum Gegenstand haben. Es heißt darin: ״In Kiew wurde gegen den jüdischen Kleinbürger Beilis der fürchterliche Verdacht ausgesprochen, das; er den christlichen Knaben Justschinski ermordet habe, um dessen Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden. Leider blieb nicht einmal unser Volk trotz seiner großen Tradition von religiöser Freiheit von der sittlickjen Katastrophe verschafft. Tie Polna-Afsäre, die im tschechischen Volke so große Verheerungen anrichtcte, ist noch in leb- Hafter Erinnerung." Die Kundgebung wendet sich dann gegen den Ritualmordaberglauben und fährt fort: ״In Kiew ist zum erstenmal der Ritnalmordaberglaube durch die staatliche Autorität gestützt worden. Dort soll zum erstenmal seit dem Trientiner Prozeß ein Jude durch einen staatlichen Gerichtshof wegen Ritualmordes abgeurteilt werden. Das Herz stockt bei dem Gedanken, welche unselige Folgen dieser Prozeß für Millionen ohnehin in größtem Elend und Erniedrignng lebender russischer Juden haben kann. Wir fürchten, das; der Prozeß Beilis das Signal zu neuen Pogroms bilden und zu neuem Vcrgießen unschuldigen Blutes führen wird." Untcrzcichnet ist diese Kundgebung von 87 tschechischeu Reichsratsabgcordncten, darunter von den Ministern a. D. Fiedler, Praschek, von den radikalen Abgeordneten Fresl, Klofatsch, Lisy, von Dr. Kratnarsch, vom Pfarrer Bacck, von den tschechischen Herrenbausmitglicdern, von sämtlichen gewesenen tschechischen Landtagsabgcordncten, von zahlreichen tschechischen Hochschulprofessoren, tschechisck)en Schriftstellern, darunter Machar, daun von den Redakteuren sämtlicher tschechischen Zeitungen, von den Direktoren der tschechischen Theater, zahlreichen Großindustrie!- len, Künstlern und vielen anderen. Interessant ist. daß auch der Bruder des Abg. Dr. Baxa, der bei dem Polnaer Prozeß eine Rolle spielte, Bczirksrichter Tr. Bara, diese Kundgebung unterzeichnct hat. Knnlisc^au. Statistisches. Schitomer, Rußland. Das hiesige statistische Jahrbuch meldet, daß hier 87.081 Juden leben. Tempeleinweihnng. Kischinew. Hier wurde die neue Churschul eröffnet und mit großem Pomp eingeweiht. Die Beteiligung war eine sehr große. Rußland gegen das Hebräische. Petersburg. Das Unterrichtsministerium hat den jüdischen Religionsunterricht in hebräischer Sprache sowohl in den staatlichen als auch in den privaten jüdischen Mittelschulen verboten. Tic Benützung von Gebetbüchern und Bibeln in Mittelschulen ist von nun ab untersagt. Botschafter und Minister. Die Jüdische Korrespondenz Rabinowicz, Boskowitz meldet aus Washington, daß der neue amerikanische Botschafter in Konstantinopel ״Morgentau" in kurzem nach Amerika zurückberufen werden wird, da Präsident Wilson die Absicht hat, ihn zum Minister zu ernennen. Boykottverbot in Warschau. Warschau. Der Generaigouverneur sah sich endlich, veranlaßt, dem Unwesen der polnischen Boykottagitation ein Ende zu machen. Er erließ eine Verordnung, in welcher jede Boykottagitation, ob von Einzelnen oder von Körperschaften, strengstens verboten wird. Die Mindeststrase für Zuwiderhandelnde ist 50 Rubel Geldstrafe oder drei Monate Arrest. Spät, aber doch! Stellenvermittlung für jüdische Handelsangestellte! Der Jüdische Handlungsgehilsenverbatid in Wien hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Handclsangestcllten zu wahren. Der bekannte antisemitische Boykott, der die jüdischen Angestellten um einen großen Teil, und zwar der bestdotierten Stellen bringt, die Indolenz vieler jüdischer Chefs und der große Zufluß von arbeitslosen Angestellten aus allen Teilen Oesterreichs, die den Arbeitsmarkt förmlich übcrschwemmen, haben die Lage der jüdischen Angestellten zu einer höchst präkeren gestaltet. Verschärft werden diese Verhältnisse durch den Umstand, daß die Konjunktur in den meisten Branchen an und für sich ungünstig ist, worunter die jüdischen Geschäfte zu leiden haben, so daß viele Firmen eine Verringerung des Personals vornehmen müssen. Bei dieser tristen Lage hat sich der Mangel einer ordentlich organisierten und funktionierenden Stellenvermittlung für jüdische Hafidclsangestellte empfindlich fühlbar gemacht. Um dem abzuhelfen, hat der obige Verband eine Stellenvermittlungsabtcilung ins Leden gerufen, die allen jüdischen Angestellten ebenso wie allen Chefs kostenlos zur Verfügung steht. Ter Verband hofft das berechtigte Interesse f ü r d i e s e A n g e l e g e n h e i t i n j ü d is ch e!1 K r e i s e n zu f i n b c n und ersucht die jüdischen Unternehinen, sich seiner Permittlung zu bedienen. Bei der Ausdehnung der Organisation über ganz Oesterreich ist derselbe stets in der Lage, entsprechend qualifizierte Be- Werber zu empfehlen. Wir ersuchen uns, freie Stellen zur Kenntnis zu bringen. Mündliche Auskünfte täglich von 8—0 Uhr abends. Tie Stellenvermittlung des Jüdischen Handlungsgehilsenverbandcs, Wien, 2., Taborstraße 11 b. Koschere Esrogim! Viele jüdische Zeitungen veröffentlichen Aufrufe, die von hervorragendsten orth. Rabineu unterschrieben sind, worin bekanntgegebcn wird, daß die griechischen Esrogim, die aus gemischten Arten bestehen (Limoni und Esrog), religionsgesetzlich verboten sind. Man erfüllt in keiner Weise die Pflicht des Esrogbcnschen mit griechischen Esrogim, nur mit aus Palästina stammenden Esrogim. zumal dieselben unter rabbinischcr Aussicht stehen und jede Mischung der Gattung während des Pflanzcns der Bäume ausgeschlossen ist. — Griechische Esrogim sind Posul.