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Jüdische Volksstimme · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 0 «Jttifche BoUSstimme." Seit» S. על ג׳ דברים העולם עומד על וגר zusammen תשובה תפלה וצדקה nur alle zusammen tj Wenn wir das goldene jüdische Herz des Wohltuns unserem ältesten Erzvater Abraham verdanken, sollte man doch mit גמילות המדים beginnen und nicht mit der Mide der Eigenschaft des Jakob, da er doch der Jüngste war? Nun haben aber unsere Weisen die Reihe absichtlich so gestellt. Denn wisse: Die Hauptsache ist Thora. Ucbst du Awodoh. weil du vielleicht Nur eine religiöse Anwandlung bekamst, so ist die Awodoh keine Vollivertige, übst du Zedokoh, weil du eine Anwandlung der Gefühle hattest, so ist diese Zcdokch auch keine vollwertige. Vollwertig ist Awoda und Gemilas Chassodim nur. wenn Thora dabei ist. Die Beweggründe der Ausübung müssen das Gottesgebet sein. Auch unsere Hauptfesttage haben diese drei zur Grundläge: Schcwuath Thora, Sukkoth Gemilas Chassodim llnd Peffach Awodoh. Auch in den llncssaneh Tokef sagen tvir in erster Reihe Teschuwoh, das ist Thora. Tenn ohne ihr wüssten wir überhaupt nicht, ob mir gesündigt. Nur mit und durch Thora wissen wir die Teschuwoh die Reue über das Gefehlte, die Besserung für die Zukunft. Weder Tcfilloh noch Zedokoh findet seine Voll- Wertigkeit beim obersten Richter ohne Teschuwoh: Tenn nur mit ivahrer תשובה das ist Thora מעבירין את רוע הגזירה nur mit aufrichtiger Busse überwindest du die Strenge des göttlichen Richters. Es wird uns erzählt zwischen diesen dreien Teschuwoh: Tcfilloh und Zedokoh entstand einst ein Streit. Teschuwoh sagte: Mich mutzte man als Erstes stellen, denn es heisst im Talmud: Bcmokom schcbale tcschuwe omdim en Zadikim gcmurim jechoilim laamoid, die Stelle, die die Bußfertigen erreichen, könnten selbst jundenreine Fromme nicht bestehen. Da sprach Tcfilloh: Ich stehe höher wie du. Das Wichtigste steht immer in der Mitte. Beweis: Ter grosse Lehrer Rabbi Eliser in Messachtes Braches, folio 32, sagt: Gedoile Tcfilloh joiser mimassim toiwim wcjoiser mikol Hakorbonos. Die Andacht steht höher als gute Taten und wie jedes Opfer. Demgcgenüber spricht Zedokoh: Ich bin mehr als ihr beide. Der Talmud Jeruschalmi Pca, Kap. 8, sagt: Zedokoh ug milas chassodim schekulom kcnegcdkol Hainizwoth Wohltätige Handlungen der Menschen sind mehr als alle anderen Gebote. Der Talmud Succo 29 sagt: Ge doila zedokoh mikol Hakorbonos. Wohltäug sein ist meh als alle Opfergabcn. In der Baba Batra, folio U), steht Gedoile zedokoh schcmkorcwes cs Haguleh. Gross ist die Wohltätigkeit, sic bringt näher die Erlösung. Da sie sich nicht einigen konnten traten sie an den grossen Jom Kippur heran, dieser möge sein Urteil fällen Dieser sprach: In de: Thora heißt es: בואת יבא אהרן אל הקודש 'lhron, komme י; it זאת in das Heiligtum. Sehet genau im Machsor oberhalb des Wortes תשובה steht צום Entsagung bei T.silloh קול bei צדקה steht עמק Geld. T.es drei Worte haben jedes 139 an der Zahl das Wörtcyen 408 :את soviel als alle drei zusammen. Wisset, selbst wenn auch jeder einzelne von euch gross ist steht euch noch lange nicht das Recht zu, zu behaupten, dass der andere kleiner märe. Nur mit וארג kann jeder in das heilige Gotteshaus kommen, das heisst mit allen dreien מעביריג את רוע הגזירה überwinden die ^strenge des Ivenn er sich auch für gross hält, hat er noch lange nicht das Recht, den andern für klein zu halten, für den ׳שלום braucht man alle. Sei gerecht, dadurch wirst du en Frieden erlangen. והי, מעשה הצדקה שלים Isak Rosner, Wien. Der Antisemitismus. Von Hermann Bahr. Ter Antisemitismus will nur sich selber. Es ist nicht etwa ein Mittel zu einem Zweck. Ter einzige Zweck des Antisemitismus ist der Antisemitismus. Man ist Antisemit, um Anticmit zu sein. Man schwelgt in diesem Gefühl. Es liegt an der Zeit, daß, um die welken und verwüsteten Nerven zu montieren, künstliche Reize begehrt sind. Ten holden Rausch, den sonst der den ׳Massen jetzt verlorene Glaube und die ntwichenen Ideale gaben, sollen sie ersetzen. Die Reichen halten sich au Morphium und Haschisch. Wer sich das nicht leisten kann, wird Antisemit. Ter Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen Leute. Man will Leidenschaft, Schwung und Taumel und ihre natürlichen Quellen sind erschöpft. Sie haben keine graste Idee, kein sittliches Pathos, die die Wonnen der Begeisterung erwecken könnten. Und weil ihnen die Wollust der Liebe fehlt, versuchen sie es mit der Wollust des Hasses. Man muss nur selber einmal von ihr mit den eigenen Sinnen und Rerden gekostet haben, um ihr verführerisches Gift zu kennen. Wer gehasst wird, tut im Grunde dabei nichts. Ter Jude, ist ihnen nur eben bequem. Tie Franzosen haben dafür der Reihe nach zuerst den Preußen und dann den Juden und neuestens den Bankier gebraucht und es hat sich ihnen nicht um den Preußen und nicht um den Jilden und nicht um den Bankier gehandelt׳, es handelt sich immer nur um den Haß, um die starken Aufregungen, die er gewährt. Wenn es keine Juden gäbe, mußten die Antisemiten sie erfinden. Sie wären sonst um allen Genuß der kräftigen Erregungen gebracht. Das scheint mir die Psychologie des Antisemitismus bei der Masse. Bei den ״Führern" kommt wohl noch etwas dazu. Ich plauderte einmal mit Maurice Barres und er begeisterte sich für Rochefort. Ich müßte über den seltsanien Bund des Schwärmers für Wagner mit dem Hetzer gegen Lohengrin lachen. Aber er verteidigte den Freund: ״Glauben Sie mir, er schätzt die Würde und den Wert von Wagner so gut wie Sie oder ich; aber er findet nicht leicht etwas, das ihm besser die Massen in die Hand geben würde — wer die Massen mcistern will, darf keine Gelegenheit der Leidenschaft versäumen." Die antisemitischen Führer, denen es nicht bloß uiu das Geschäft zu tun ist, sind Prätendeuten um die Gunst deS Pöbels, die herrschen wollen. Sie möchten in ihrem kleinen Kreise so eine Art von Rietzscheschen Uebermenichen werden, die durch alle Mittel den Genuß oer Macht erwerben. ES kitzelt sie, auf den Instinkten und Begierden der Massen wie auf beweglichen Tasten zu spielen, die ihrem leisesten Trucke gehorchen. Tas meine ich über den Antisemitismus und meine deswegen, daß man mit Gründen gegen ihn nichts ausrichten kann. Wer Antisemit ist, ist es aus Begierde nach dem Taumel und dem Rausche einer Leidenschaft. Er nimmt die Argumente, die ihm gerade die nächsten sind. Wenn man sie ihm widerlegt, wird er sich andere suchen. Wenn er keine findet, wird es ihn auch nicht bekehren. Er mag den Rausch nicht entbehren. Heilen könnte ihn nur ein edlerer Taumel, wenn den Massen wieder ein Ideal, ein sittliches Pathos gegeben würde. YERLOBUNQ5-R1NQE W BRHUT5CHJiUCK * * HOCHZEIT 5QE3CHENKE EHE-RINQE. in hervorragender Auswahl zu baaondars billigan Pralsan. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldn. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdlnandsgassa Nr. 2. ■»“ Provinzauftrige finden sofortige Erledigung. Jüdische Handels- und Industrieangestellten! Kolleqen und Kolleginnen! Ter elfte Zionistenkiwgrctz gav dem Jüdische» Hondlungsaehilfenverlmnd die erivünfchte Geleqenlieil, Besprechungen über die Luge der jüdischen Angestellte» nbzuhalten. Kollegen aus Wien, Niederösterreich, Böhmen. Mähre», Schlesien, den Alpenländern. Ungarn. Kroatien. Deutschland nnd Rnssland folgten unserem Rnfe und von vielen Lrten sind u»S zustimmende Kundgcbuiigcn zugegangcn. Eine ganze Anzahl von neuen Pionieren des jüdischeu GelverkichaftsgedankcnS ivurden solcherart ge- Wonnen. Die noch vielfach vorhandene rechtlose Lage der Angestellte», verbunden mit dem wirtschaftlichen Druck, zwingt uns in eine Organisation, der Bonkott, die Per drängnng und Zurüdsetznng der jiw>,ct1cn Angestellten im besonderen nnd das feindselige Verhalten vieler Ber»i-x׳rgnmsatio11cn zwingen uns zur Vereinigung in jüdische» Verbänden. Keinem von euch wird es unbekannt sein, dass die Bcsirebnnge», die jüdischen Angestellten aus ihrem sah, atmete tief auf und wischte sich glückselig die Rase an seinem Schreibärmel ab. Aber noch bevor das erste Jahr der neuen Aera im Hause am Graben verstrichen war, trat ein Ereignis ein, das nicht nur dieses, sondern die ganze Gemeinde in Spannung und Aufregung brachte. Tie Frankfurter Lotterie war gezogen worden, vage Gerüchte verbreiteten sich, cs seien große Treffer in dem Hause Markus gemacht wordeil. Telegraphen gab es damals noch nicht, aber ein eigener Kurier deS Frankfurter Lorteriebnreaus war in der Person eines jungen Beamten angekommcn und von dem Herrn Assessor im Spinnrädchen vom Posthofe auf dem Königsplatze abgehoit worden. Dieser Glücksbote führte zwar den prosaischen Rainen ״Ochs", aber er war ein Mann aus guter Familie, deren Stammhaus in der Frankfurter Judengasse wahrscheinlich einen Ochsen im Schilde geführt und dessen Raine auf die Infassen vererbt hatte. Er war ein feingebildeter Mann und wußte außer von der Frankfurter Lotterie auch von Goethe, Bettina und Ariadne auf Raros zu sprechen, wobei er nach landesüblichem Brauch das n an der Endung der Zeitwörter beharrlich verleugnete. Nachdem der Herr Assessor ihn erst genötigt, ein kleines Frühstück einzunehmcn, bei welchem Einilchen mit geräucherter Gänsebrust und Senfgurken die Honneurs machte und Ochs von Goethe und Bettina sprach, begab sich der junge Mann, dessen rötlicher Backenbart sich von der blauen Krawatte malerisch abhob, indem er sich vor dem ״Frönlein" artigst verneigte, mit dem Herrn Assessor in das Zimmer am Ende des Hausflurs, um die Liste der gezogenen Lose mit ihr zu vergleichcn. Tie meisten waren ״blank", einige mit kleineren Gewinnsten. zwei mit einem Treffer von tausend Gnlden, und die 'Rümmer 2077, die grossgedruckt in der Ziehungsliste stand, mit dreißigtausend Gulden herausgekommen. Als Onkel Markus diese Rümmer vernahm, streckte er den Hals und die Rase noch tiefer in die Liste hinein, dann legte er den Zeigefinger andie Stirn: ״Erlauben Sie einen Augenblick, Herr Ochs," sagte er, indem er aufstand und aus seinein Pulte eine alte lederne Brieftasche nahm, in welcher mit hebräischen Buchstaben allerlei Rotizen ausgezeichnet waren. ״Richtig!" sagte er und ein freudiges Schmunzeln flog _u111 seine schmalen Lippen, ״richtig Rümmer 2077!" Herr Ochs sah ihn forschend an. ״Tarf ich fragen, .Herr Assessor, ob cs mit diesem Lose eine Bewandtnis hat, die Sie bedenklich macht?" Onkel Markus sah ihn mit den kleinen Augen von oben bis unten an, als wolle er messen, wieviel Gehalt der junge Mann habe, dessen feines, gesetztes Wesen rasch sein ganzes Wohlgefallen erweckt hatte, das längst der ihm wohlbekannten Familie Ochs en bloc zugewandt war; und während ein neues Lächeln die Falten unr seinen Mund noch tiefer furchte, sagte er: ״Bedenken Hab' ich keins, sondern ich weiß eS bestimmt und will es Ihnen sagen, lieber Herr Ochs, das Los R'nmmer 2077 habe ich seinerzeit meiner Mündel geschenkt. Mamsell Ratz, derselben, die Sie heute beim Frühstück kennen gelernt liaben." Ta öffneten fich Ochsens Augen weit, fo weit, daß die dreißigtauseud Gulden und alles klebrige den Weg durch sie bis in den Grund seines Her zens fanden, auf dein plötzlich, wie auf Goldgrund gemalt, das Bild Emilchens erschien. Er erhob sich und faßte mit dem Ansdrucke ungeheuchelrer Freude des Alten Hand. ״Das freut mich von ganzem Herze", ries er ans. daß das Geld in Ihrer Familie bleibt. Herr Assessor, von der die »!einige mir stets mit solcher Verehrung gesprochen hat. Ja, ich gesteh' Ihne, daß ich nur, um sie persönlich kenne zu lerne, mir die Mission hieher Hab' übertrage lasse, denn Sie wisse ja: ״Grau ist die Theorie und grün des Lebens goldener Baum"." Herr Markus verzog das Gesicht, er hatte das ״Grau" auf sich und das ״Grün" und 05010״“ auf seine Mündel bezogen. Herr Ochs, der es bemerkte, errötete ein wenig vor Verlegenheit, dann legte er die weiße Hand auf die blaue .Krawatte in der Herzgegend und sprach: ״Ich muß Ihne gestehe, Herr Assessor, daß Ihr Fräulein Mündel schon bei der erste Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat. Was man mir zuhause von ihrem gediegneen Charakter erzählt hat, habe ich bestätigt gesunde und mich zu ihr hingezoge gefühlt wie der Fischer von Goethe. l Fortsetzung folgt.)

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