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Jüdische Volksstimme · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Hkdischc DolkSstimme." Nr. 40. fluchtsstättcn geworden, die zu werden sie noch vor wenigen Jahren zu versprechen schienen. Der Antisemitismus ist auch schon in diesen Ländern heimisch. Auch das vergangene Jahr bewies, das; es nur des geringsten Anlasses bedurstc, um Juden, die sich um das Land große Perdienstc erworben haben, aus rein antisemitischen Motiven in gemciuster Weise zu verdächtigen und auzugreifcn. Aehnlich in Italien, wo sogar das Blutmärchcn erst durch das Eingreifen der Regierung zu nichtc gemacht werden mußte. Die russische Negierung wollte durch die Einsührung der Prozcntnorm den jüdischen Massen die Intelligenz rauben. In Deutschland geht man nun daran, diese Politik dahin zu unterstützen, daß man jenen jüdischen Studenten, die von deutschen Hochschulen. ihre Studien vollenden wollen, die Inskription so erschwert, daß man sic ihnen unmöglich macht. Man Hütte nun nieinen sollen, daß sich in Anbetracht dieser antisemitischeu Maßnahmen vor allem die scheinbare repräsentativc Organisation der deutschen Juden zu einem energischen Proteste aufgerafst hätte. Weit gefehlt. Jene Herren, die da im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens organisiert sind, fanden nur Zeit, ihre eigeneu Stammesgenossen bei ihren christlichen Mitbürgern zu denunzieren. Diese Handlungsweise ist wohl die traurigste Erscheinung, die das Judentum im vergangen Jahre zu verzeichneu hatte. Es ist ein harter Schlag, aber auch er wird uns nicht zum Verzagen bringen, da wir ja doch den Weg kennen, auf welchem wir vorwärts schreiten müssen, um unser Volk einer besseren Zukunft entgegenzuführeu. Wir wissen, daß die Schaffung einer ösfentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für unser Volk in Palästina und die Nationalisierung der jüdischen Massen in der Diaspora diese Wege sind. Die Tatsachen geben uns recht, denn wir konstatieren, daß auch im vergangenen Jahre die freudigen Momente für unser Volk einzig und allein in den Erfolgen lagen, die wir auf diesen Wegen aufzuwciscn hatten. Wir freuten uns über die heldenhafte Haltung der jüdischnationalen Studenten in Wien. Wir freuten uns, als wir am vergangenen Kongresse die Fortschritte sehen konnten, die unsere nationale Arbeit auch in der Diaspora gemacht hatte. Wir freuten uns aber ganz besonders über die großen Erfolge, die wir bereits in Palästina crrungen haben. Wir wollen Ausschau halten. — In dem kommenden Jahre können sich Wohl die wirtschaftlichen Verhältnisse und die rechtlichc Lage der Juden in dem einen oder anderen Lande ändern. Das jüdische Volk in seiner Gesamtheit kann aber dadurch nicht tangiert werdenen. Wir haben cs schon erwähnt und wir detonen es nochmals: ״Die Verwirklichung der Thesen des Baseler Programmcs das ist die Lösung des Problems vom jüdischen Volke." Es muß daher unser Streben im kommenden Jahre del an. ihm das Haus zu führen; ein Zimmer vorn hinaus, eine Treppe hoch, wurde ausgcrämnt und hcrgcrichtct, und Schlcmilchcn ressdicrte von nun an in: Hause des Herrn Assessors am Graben. — Seit dieser glücklichen Wendung ihres Schicksals schien der Name ״Schlcmilchen" in Vergcsscnhcit gekommen zu sein. Onkel Markus nannte sie gar nicht, die Köchin, die man aufnahm, statt wie bisher sich aus der Garküche ״speisen" zu lassen, und der alte Mewes nanulen sic ״Mamsell" und Bärmann betitelte sie nie anders als ״Fräulein Katz". In diesem Letzter« batte sic von der ersten Stunde an einen ebenso stillen als intensiven Verehrer gefunden. Verwandtschaft der äußeren Erscheinung schlang um diese beiden, von den Grazien verlassenen Wesen ein Band stiller Sympathie. Schön war er nicht, dieser Bärmann, sondern klein und mager; seine Beine, die einen gothischcn Spitzbogen bildeten, schlotterten in den vor Alter glänzenden schwarzen Hosen, und aus den kurzen Acrmein seines Kontorrockcs. die leinene Schreibärmel schützten oder verdeckten, hingen lange, knöcherne Hände hervor. Seine bleichen Wangen waren von den Enden der rasierten Barthaare bläulich angehaucht und seine Augen, die durch Brillen geschützt waren, besaßen einen Purpursaum wie eine Toga praetexta. Aber er blickte damit über den stählernen Brillcnrand hinaus zu ״Fräulein Katz" auf wie zu einem höheren Wesen. Er konnte cs ihr keinen Augensein: Fortschritte auf dem Gebiete der Nationalisicrung der. jüdisäfen Massen erzielen; in Palästina aber neue Positionen erringen und neue Werte schaffen. P a u l H e i 11. Reflexionen. Von Leo Jung, Berlin. Motto: Das Wahre ist immer neu! Ob man Zionist ist oder nicht, ist Gewissenssache. Tic Zugehörigkeit zum Misrachi aber hängt vom Temperament ab. * * * Man mußte sich beim Zionistenkongreß mit aller Gewalt an den Boden klammern, um nicht — in den Himmel zu fliegen. * * * Denjenigen, die sich ans religiösen Motivcn selbst dem Misrachi fernhalten, braucht man nur cntgegcnzuhalten, daß der Zionismus nicht ein vollkommen Fertiges ist und daß nur die Zionisten ihn ausmachcn. Ein Masscnanschluß der Religiösen kann ihn in unserem Sinne umgestalten. Wenn nur die schwachnackige Angst vor eigener Schwäche nicht bestände! * * * Weil wir daran vergessen, daß die Geschichte unscrs Volkes schon viel traurigere Phasen aufweist, sind wir mutlos. Noch tausend Jahre des Goluth in Europa bedeuten nichts so arges, wie baldige Renaissance in Palästina, das von Mossinsohnschem Geiste erfüllt wäre. * * * Es ist traurig, aber das offene freie Gestündnis bewirkt vielleicht Besserung: Die einzigc lebendige Organisation im jüdischen Volke stellt der Zionismus dar. Und er ist den Frommen noch nicht verloren, wenn sie Mut und Einsicht besitzen. Ein starker Misrachi, .verbände er mit den echt jüdischen Idealen eines Samson Naphael Hirsch die lebendige Tatkraft Ussischkins, brächte die Rettung. Ich möchte in die Posaune stoßen, um diesen Ruf in aller Ohren cindringlich tönen zu lassen. * * * Es ist noch trauriger, daß Vertreter eines religiösen Nihilismus Einfluß gewinnen kanntcn; umso trauriger, als ihre Art zu dem Wahnglauben Anlaß gibt, Zionismus sei mit Zionisten identisch. * * * Das Traurigste aber, daß man untätig die geballte Faust in der Tasche, zuschcn muß, wie sie unser Ercz Jisroel zu einem Platze machen, auf dem jüdischer Geist an Nietzsche und Wciningcr gemessen wird. Auch dagegen nur eine Hilfe, die Hilfe: Masscnanschluß der Gesetzestrcucn und Um- Wandlung des majorisierten Zionismus in eine blick vergessen, daß sic seine Wäsche ausbesscrte gleich der des Onkels, mit großem Fleiß und noch größeren Stichen, daß sie seine Socken wie Fischernetze stopfte, daß sie einen Mohnkuchen, den Jeanette aus Melsungen schickte, teilte und ihm die Hälfte für seine Mutter cinwickclte, und als diese, die buckelige Jochebedchen, die mit Gänsclebcrn und Grieben (Grammeln) hausiereu ging, zum ersten Male seit Emilchens Einzug ins Haus kani und Fräulein Katz sie ״Madamc Bärmann" nannte, ins Zimmer führte und ihr ein Glas ״Franzwein" einschenkte, da flössen die Augen des gerührten Sohnes nicht minder über, als das von Schlemilchen kredenzte Glas!;Nach und nach griff diese auch in die Geschäfte des Hauses mit ein. Sie maß am Freitag denen, die einen halben Schoppen ״Kidasch- Wein" (zum Segcnsspruch) holten, mit gerechtem Maß und goß nicht selten einen ganzen Schoppen über den Trichter hinaus; sie ließ sich altes Zinn und Mesiing verkaufen und merkte nicht, daß ihr dieselben Gegenstände sechsmal gestöhlen und sechsmal wieder verkauft wurden. Aber darüber hatte Onkel Markus nur ein gutwütiges Lächeln, denn sie half ihm treu und verschwiegen bei seinen heimlichen Wohltaten und machte stets neue Entdeckungen, wo in aller Stille etwas ״Gutes" zu tun sei. So vertrugen sich diese beiden sonderlingifchen Charaktere so vortrefflich, daß der Alte sich immer zärtlicher an sie schloß, und daß es in der ganzen Gemeinde Jdcalsgcmcinschaft, au der alle ruhigen Gewisseus festhalten können! Wenn wir mit diesem Vorsatze ein neues Jahr beginnen: Heil uns! Denn der wichtigste Satz Des elften Zionistenkongrcsses war jenes Geständnis des greisen Rabbi Reines: ״Als der Misrachi gegründet wurde, hofftcn wir, den Zionismus gegründet zu haben." Und bei aller Anerkennung der extremsten Standpunkte der Frommen, Eins darf nicht vergessen werden und ich will es in kurzen Sätzen festhalten: Helfen kann uns nur eine junge, lebendige, tätige Mannschaft. Die einzig vorhandene ist die des Zionismus. Da der Zionismus für die Frommen, die niemals das Kulturprogramm zum Anschlüsse bewegen kann, farblos ist, hängt seine Richtung von der Richtung seiner Betenner ab. Die Gesamtorthodoxie hat also die Möglichkcit, mit einem Massenanschluß ihm die rechte Richtung zu geben. Sic muß also entweder in Masse sich ihm anschließen, oder ohne Verzug an eine Tätigkeit schreiten, die, parallellaufend dem gleichen, prinzipiell gleichen Ziele dient. Daß das Zweite gelingt, ist sehr,unwahrscheinlich. Es gibt also nur das Erste. * * * Warum die Agudath Jisroel die Hofsnungen nicht erfüllt, die auf sie gesetzt wurden? Weil Ungarn nicht erwachen kann, Rußland nicht erwachen darf und Deutschland, wo die Träger der Idee ihrem Ideale immer näher kommen, ׳ an Zahl zu gering. Der Hauptmangel aber, weil zu unserem großen Unglück die Gelegenheit noch nicht gekommen, uns durch'zehn große, tätige Männer die Massen zu gewinnen. Entweder: Tic Frommen entlehnen dem Zionismus die Kunst seiner werbenden Kraft oder sic leihen ihm ihre Ideale. * * * Das stellt dann die Versöhnung dar, jeder Partei mit sich selbst. Und dadurch mit der andern! Leschonoh tauwoh! Leschonoh habooh — bijrnscholaim! Beesrath Ha schein. B c r l i 11, in der letzten Elulwoche. תשובה תפלה וצדקה Die täglichen Gebete: Schachris haben wir unscrem Erzvater Abraham zu verdanken, Mincha dem Erzvater Iizchok und Mariw dem Erzvater Jakob. Deshalb sagen wir im Schmone Essre-Gcbete א׳ אברהם יצחק ויעקב Die drei Eigenschaften, auf welchen die Welt bciichl, ahmen lvir auch unseren Erzvätern nach. Gemillas Chassodiin von Abraham, Awodoh von Iizchok und Thora von Jakob. Nun entsteht die Frage: Warum heißt cs: ausgemacht war, Emilchen werde den reichen Onkel beerben oder wenigstens von ihm eine großartige Mitgift erhalten. Der alte Lewy behauptete zwar, es werde keiner die ״Katz" im Sack kaufen, aber es kamen immer häufiger Schatchonim (Heiratsvermittler), um sich bei Onkel Markus vertraulich nach Fräulein Katz und ihrer ״Nedinge" (Mitgift) zu erkundigen. Da benahm sich dann der alte Herr sehr reserviert. So viel er wisse, habe seine Mündel wenig od^r gar kein ״Mütterliches". Er selbst habe einen Brudersohn, der allerdings seit Jahren in Amerika sei und von dem er lang nichts gehört habe. Doch sei dieser sein nächster und einziger Verwandter, für den er Pflichten habe und dergleichen Sachen alle mehr! Eine schöne Ausstattung würde er seiner Mündel geben, an Weißzeug, Silberzeug, Möbeln und dergleichen Sachen alle mehr, aber wegen alles Uebrigen bchalte er sich die Entschließung vor, je nachdem der Mann sei, der um sie anhalte; wer sie' nur wegen der Nedinge nehme, der gefalle ihm schon gar nicht; sie habe einen bescheidenen Charakter, ein gutes Herz und der gleichen Sachen alle mehr! Auf diese Rede hin fragten die Schatchonim: Wie die Geschäfte gingen? Ob in Westfalen der Weizen geraten sei? Wer in der letzten Frankfurter das große Los gewonnen hätte? und dergleichen Sachen alle mehr. Aber nach Emilchen fragte keiner mehr. Bärmann, der die bekam!- ten Vermittler mit langen Gesichtern abziehen

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