Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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-.-־יי*■* - י "י. י 'יייי XIV|2. Jahrg. Nummer 40 Wiener Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 8.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Herausgeber: Max Hickl. Einzelne Nummer 20 h. Z-—---5 1 » Erscheint jeden Donnerstag. lMk. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmsttatze Nr. 3l. Postsparkassakonto Nr. 312.842. Telephon 3009/VIIi• Sprechstunden von 10—12 Uhr Postsparkasfakonto Nr. ÜLL4V. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Ruckporto beizusügen. -3a Brünn—Budapest. Wien,30^?5673^' Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Paul Hein: Rückschau. — Leo Jung, Berlin: Reflexionen. — Thekias Schofor. — S. H. Moscnthal: Schlemilchcn. — Utheschuvo, Usesilo, Uzedoko. — Hermann Bahr: Der AntisemitiSmus. — Jüdische Handels- und Jndustricangestellte. — Installation des Rabbiners Tr. Kalman Nürnberger in Ung.-Brod. — Eine tschechische Kundgebung gegen die Ritualmordbcschuldigung. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Tr. Marek Scherlag: Die Reichen und Ihr. — M. Baer-Jssachar: Taschlich in der Steppe. — Dr. Sch. Lcvin: Das neue Judentum in Palästina. — W. Menkes: Der Chassidismus. Literatur. — Lustige Ecke. G!G L> Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה וחתימה טבוה Redaktion und Administration ״Jüdische Volksstimme". MNTllGMTWMGsÄTllGlTW^TiiGlG!! Rückschau. Wir sind wiederum am Ende eines Jahres angekoinmen: wir wollen Rückschau halten. Das ist nun einmal unser Schicksal, das; wir bei unserer ״Rückschau" säst immer nur Beiträge zur Leidensgeschichte unseres Volkes liefern müssen. Und so auch diesnial. Was nützte all das dem jüdischen Volke, das; jüdische Soldaten für ihr Vaterland kämpften, Siege erringen halfen und den Tod auf den Schlachtfeldern fanden! Ihre Mitkämpfer und Mitbürger zwangen dennoch unsere sephardischen Brüder, zum Wanderstabe zu greifen und das Land zu verlassen, das ihren Ahnen von 400 Jahren als Zufluchtsstätte gedient hatte. Wir staunten über die große Zahl jüdischer Freiwilliger, die sich Rumänien in Anbetracht der beginnenden kriegerischen Ereignisse zur Verfügung gestellt hatten. Wir, die wir doch ihre rechtliche Lage kannten, wir bewunderten ganz besonders den Heldenmut unserer rumänischen Stammesgenossen; wir waren stolz darauf, ja, wir freutcn uns vielleicht' darüber/ Ich halte es für überflüssig, hier den Eindruck zu schildern, dem die Feststellung des rumänische». Kriegsministers auf jeden einzelnen von uns gemacht hat, der da nach erfolgter Demobilisierung behauptete, die jüdischen Freiwilligen wären nur durch einen Irrtum in die rumänische Armee ausgenommen worden. Aus den Balkanwirren resultierte die Wirtschaftliche Krise in fast allen europäischen Staatcn und es ist ja richtig, das; alle Nationen darunter zu leiden hatten. Wir jedoch mußten doppelt leiden, da ja diese Krise vor allem die im Handel und in der Industrie Beschäftigten tangierte. In solchen Zeiten einen Boykott gegen jüdische Geschäftsleute in Russisch-Polen ins Werk zu setzen, ist ein Machwerk, das nur Unmenschen vollführcn können, Unmenschen — das beweisen auch ihre anderen schändlichen Handlungsweisen, als deren krassestes Beispiel wohl die Verbrennung einer jüdischen Familie gelten kann, die polnische Bauern in Mlava dnrchgeführt haben. Wenn die Polen trotz ihrer eigenen iniPlichen Lage all das gegen unser Volk unternehmen konnten, so darf es uns nicht wundern, daß die freien Russen in der Bedrückung unserer russischen Glaubensgenossen und in der Erniedrigung des gesamten Judentums noch weitergingen. Ausweisungsbefehle, Wohnrechtsraub, das sind leider Tatsachen, die von Rußland zu hören wir eigentlich schon gewöhnt sind. Daß die russische Staatsanwaltschaft jedoch trotz der Urteile berühmter Gelehrter und Kirchenfürsten die Anklage auf Ritualmord gegen Beilis erhob, ist gelinde gesagt eine Beleidigung des Gesamtjudentums. Die Stellungnahme jedes einzelnen Juden zu dieser Anschuldigung ergibt sich von selbst, wenn wir uns an die Worte Sokolows erinnern, der da kürzlich sagte: ״Jeder von uns könnte in derselben Weise wie Beilis wie der Jude Beilis auf die Anklagebank gesetzt werden. Tie Schuld des Inden Beilis ist genau so groß wie die unsrige. Sie besteht darin, daß wir Inden sind." Abgesehen von dem immer wieder anftauchenden Gespenstc der Einwanderungsbeschrän kung, abgesehen von oft allzu strenger Pflicht erfüllnng vieler Einwanderungsbeamten, sind Aincrika und England lange nicht mehr den gepeinigten jüdischen Auswanderern jene Zu- ^euÄeton. Thekias-Schaufer. Lautlose Stille, die nur durch das leise Gemurmel der Gebete unterbrochen wurde, herrschte in der Svuagogc. Noch vor wenigen Augenblicken hatte» die Wände von herzzerreißenden Seufzern und SWonen widergetönt, das aus den Herzen der vom Kamps ums Dasein niedergedrückten Gestalten drang. Es war ein feierlicher Augenblick, diese im Alltag des Lebens gebeugt gewordenen Menschen jetzt hochaufgerichtet sieben zu sehe». Die Bäter ihre Kinder aus den Armen baltend, und alle die Augen voller Erivartung au׳ den Almemor gerichtet. Auf dem Almemor standen zwei Gestalten: beide vollständig in die weiten Talesim gehüllt. Tic eine, wie man erkennen konnte, schon eine Greisengesialt, war der Rabbi des Städtchens, der die Laute zum Schauforblascn Voraussagen sollte. Denn cs war beute ein heiliges Fest, cs war heute der erste Tag des Rauschhaschonoh. Au seiner Rechten stand der Schauforbläser selbst. Nachdem dieser sein Gebet beendet hatte, nahm er den Tales von seinem Haupt ' und stand, hochaufgerichtet, im Bewußtsein seiner Würde, das Horn mit b>.iöen Händen am Munde festhaltend, bereit, jeden Augenblick die geweihten Töne hervorzusloßcii. Durch seinen weißen Totcnkittel und sein weißes Leinenkäppchcn hob er sich vom Hintergründe wie ein Messias ab. Ein lauger weißer Bart wallte ihm über die Brust. Sei-׳»! Adlernase und seine zwei leuchtenden schwarzen Augen, aus denen Geist, Energie und Milde sprachen, kennzeichneten ihn als einen getreuen Sohn der sewit'scheu Rasse. Es erscholl die wehmütige Stimme des Rabbis: ״Thekio!" Und, als ob er dieser wehmütigen niedergedrückten Stimme trotzen lvolltc, ließ der Schaufor gewaltige, das Ehr ergreifende und zugleich bis ins Herz dringende Töne erschallen. ES war als lvolltc er durch diese Töne seinen Zuhörern zurufen: ״Wacher aus aus erirem gedrückten Dasein und gedenket euerer Vergaiigeicheil!" Tie ersten Schausortüne Ivaren schon längst .׳er schollen, und es lvar schon Zeit, zum zweiten Male zu blasen. Tie Geineinde wartete aus den Rabbi, der abermals die Laute vorsprechen sollte. Aber er ׳-und in Gedanken versunken, die Stirn auf die Hände gestützt. Tie Schausortüne hatten in seiner Brust eine mächtige. Umwälzung hervorgebracht. Er erinnerte sich, was einst der Schaufor für die Fuden gewesen war und was er inzwischen geworden ist. Er erinnerte sich, ivie einst die Posaunen sich erhoben, bereit, für ihr Pol! und ihre Religion Gut und Blut zu opfern. Der Schammes weckte den Rabbi aus seinen Gedanken. Ter Ton aber, mir dem der Rabbi jetzt ״Thelii" auSrics, hatte sich gänzlich verändert: nichts mehr von Wehmut und Niedergeschlagenheit lag in ihm. Er ries sein Wort jetzt mit einer freudigen, hoffnungsvollen Stimme, gleichsam dem Schaufor zurufend: ״Laß deine mächtigen Töne erichallen und bringe mit mcineil Brüdein dieselbe Umwandlung zustande, die du mit nir hervorgebracht hat!" Eli. B.—11. Schlernilchen. Vvii S. H. M o f e u t l, a 1. 11. Fortsetzung.! Das lag nun recht ini Cljarakter des Lnkels Markus, das; er Schlemilchen, das reizlose und mutterlose Mädchen, zu seiner Mündel und zu seinem Liebling erkor. Unter dein Vorwände, ihr Erbteil zu verwalten, brachte er ihr als ״Zinsen" so viel, als sie zum bescheidenen Leben brauchte. Er holte sie Sonntags im ״Spinnrädchen" ab zu Spazierfahrten in die Au und nach den benachbarten Dörfern, zog unterwegs mit dem Lächeln eines Taschenspielers aus den Wagentaschen Wein. Selterswasser. Zucker und Becher, Kuchen und Früchte hervor; schenkte ihr kleine Schmucksachen. Spitzen, seidene Tücher und dergleichen Sachen mehr, und hatte keine Augen dafür, wenn sie dieselben verlor oder zerbrach, oder beim Aussteigen aus dem ״Spinnrädchen" am Tritt hängen blieb und schwer wie ein Sack Kartoffeln dem alten Mewes in die Arme fiel. Abends besuchte er sie stundenlang, erzählte ihr Erlebnisse, Anekdoten aus Meidingers erster Auflage, und dergleichen Sachen alle mehr, die sie pflichtschuldigst belächelte, während sie mit Kreuz- und Ouerskichen ein Paar Pantoffeln für ihn stickte. Ja, als Jeanette, die geschworen hatte, nie ihre ״Mamsell" zu verlassen, von deni Vetter, dem Viehhändler aus Melsungen, einen Heiratsantrag erhielt und in diesem Konflikte der Pflichten schließlich dem Zug des Herzens nach Mel sungen folgte, da bot Onkel Markus seiner Mün-