Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1913)
- Date
- 1913-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2. jüdische Lokksskimme? Nr. 39. luSgeschichte überivunden und habe» wieder gesehen, wie sehr cs unserem Volke an de» Grundbedingungen für eine natürliche Entwicklung fehlt, wie sehr cs jeder Möglichkeit beraubt ist, sich ähnlich den anderen Völkern, die in letzter Zeit zur nationalen Wiedergeburt gelangten, zur nationalen Selbständigkeit aufzuschwingen. Der schöpferischen Kraft unseres Volkes erstehen überall nur Hindcrnisic und Hemmungen, wo immer sie sich zu offenbaren sucht, und gelingt cs ihr, alle Minderungen zu überwinden, so geht sic eines guten Teiles ihrer Art verlustig und das Resultat ist nur ein Teil ihres Selbst. Sogar im besten Falle mutz die jüdische Schaffenskraft an ihre Umgebung einen hohen Tribut entrichten, eine Kopfsteuer und eine Seelensieucr, mutz,sich andersartigen Bedingungen anpasien, eine fremde Form annehmcn und ihren inneren Kern bis zur Unkenntlichkeit in eine fremde Schale hüllen. Und selbst, wenn wir nur diejenigen Werte verteidigen wollen, die als historisches Vermächtnis zu nationalem Gemeingut gelvorden sind, haben wir einen Kampf zu führen nach autzcn und nach innen. Nach autzen mit einer Hingebung, die sich gegen uns sträubt, und nach innen mit einem großen Teile unseres Volkes, der nur das eine Streben kennt, sich von einer Vergangenheit loszulösen, die er als Last empfindet und dafür rein pcisönliche Zukunftshoffnungen cinzutauschen. Die Unnatürlichkcit solcher Zustände, der dauernde Kampf mit der Umgebung und ihren Bedingungen einerseits und das starke innere Gefühl anderseits, das Bewußtfcin, daß die schöpferische Kraft unseres Volkes durchaus noch nicht erlahmt ist, das sind die Momente, die den Boden für unsere Freiheitsbewegung vorbcreitct haben, die sich jetzt in unserer zionistischen Organisation ihre Form geschaffen hat, und die alles Gesunde und Lebensfähige in unseren! Volke vereinigt. Es kommt nicht darauf an, ob das Gefühl unser Bcivnßtscin beeinflußt hat, oder ob unser Bewußtsein das Gefühl hcrvorgcrufen hat, beide zugleich haben vor etwa 30 Jahren jene erste große Stoßkraft erzeugt und uns neue Bahnen gewiesen. Wenn wir nun auch diese dreißigjährige Periode nur als den Anfang eines großcn Werdens betrachten, so glaube ich dennoch, hoher Kongreß, daß wir die Pflicht haben, dem neuen Leben, das im Lande unserer Verheißung sich entwickelt, die genaueste Aufmerksamkeit zu schenken und die Tcndenzcn zu untersuchen, von denen cs beherrscht ist, damit wir danach feststcllen können, ob die Entwicklung sich -in der Richtung unseres Hauptzieles vollzieht, und damit wir auf Grund unserer Erfahrungen das Programm unserer zukünftigen Arbeit festlegen können. Wir müssen wißen, ob im neuen Jischub der gesunde Kern einer nationalen Rcnaisiancc sich findet und inwiefern in ihm die Verwirklichung unseres großen Gedankcns in kleinem Maßjtabc Gestalt und Form annimmt. Dabei wollen wir nur bei zwei Momenten verharren, die aber zur Genüge beweisen werden, daß die Idee unserer nationalen Wiedergeburt nicht umsonst gehegt und gepflegt worden ist. Vor allem mutz anerkannt lvcrden, daß unsere ersten Pioniere, die aus eigenem Antrieb, noch bevor die zionistische Organisation von ihrem heroischen Schöpfer gegründet worden tvar, in unser Land zogen, diese ״babylonischen Rück- Name ״Schlemilchen", der ihr bei jedem Anlas; entgcgenklang, hatte längst seinen Stachel sür sie verloren. Ja, sie unlarmle am Schluß des Tanzabends ihre Freundinnen so herzlich, daß cs einige Tüllkrauscn oder Brustbuketts das Lebeil kostete. Als die Blattern, wenn auch in inildcr Gestatt, unsere Stadt grassierten, war es natürlich Schlcmilchcn, die sie zuerst bekam, ein Umstand, der ihrer Schönheit nicht förderlich war, und als sie am Geburtstage ihrer Mutter die neuen Vorhänge, die sie aus ihrer Sparbüchse gekauft und eigenhändig in kühnen Draperien ans Fenster der ״guten Stube" geheftet hatte, mit künstlerischein Sclbskbewußtsein besah und beleuchtete, fuhr sie mit dem Lichte in die Fransen, daß die Vorhänge und die halbe gute Stube verbrannten und sie die Hände, nrit denen sie die Flammen zerdrücken wollte, monatelang verbunden in mächtigen Fäustlingen trug'. So war Schlcmilchcn, als sie sechzehn Jahre alt war. Einige Jahre später erkrankte ihre Mutter ail cincnl jener inneren schmerzhaften Leiden, die den Tod so lange fruchtlos ersehnen lassen. Emilchen pflegte sie mit unendlicher Geduld und zärtlicher Sorgfalt׳, wenn sie auch die Arznei öfters statt in den Mund über die Backen goß oder nlit der dienstfertig zugeschobenen Wärmflasche ihr die Füße verbrannte, darüber war doch nur eine Stimme, daß sie die liebevollste Tochter, die unermüdlichste Krankenpflegerin sei. wunderer" des 10. Jahrhunderts, die i» gefahrvoller Zeit eine mühselige Arbeit und zahllose Leiden aus eigener Initiative auf sich nahmen, daß diese Pioniere unö jetzt nach dreißigjähriger Arbeit den Beweis geliefert haben, daß man in Ercz Israel mit nnermüdlichcr Anstrengung sehr wohl das neue Milieu schaffen kann, das dem Wesen des jüdischen Volkes angepatzt ist. Wenn die Zahl der Arbeiter nicht in dem Maße ge- Ivachscn ist, wie wir cs erhofft haben, so ist der Grund nicht in den Verhältnissen des neuen Jischub zu suchen, sondern in den schweren Lcbcnsbcdingungcn des Golus, die unscrm Volke die Lust nehmen, ein neues Leben zu beginnen. Platz gibt es in Erez Israel für Unzählige, und, unsere Aufgabe ist cs, die Trägen und Nichtsahnenden in unscrein Volke darüber aufzuklärcn. Wir haben die Pflicht, unaufhörlich die Kunde zu predigen, daß der Orient zu neuem Leben erwacht ist, und daß, wenn w i r uns nicht beeilen, gerade die Pionierarbeit dort zu verrichten, andere kommen und das Land erwecken lvcrden. Uns ivird als dann nur die bittere Reue Zurückbleiben, um die Schande unserer Nation. Der künftige Geschichtsschreiber wird von uns sagen, daß wir cs nicht verstanden, eine so günstige Zeit für uns auSzunützcn, um durch die gemeinsame Arbeit unseres Volles die ״Schande von Mizrajim", die Schande der eivigcn Knechtschaft, kraftvoll von uns abzuschütteln. Mögen unsere Gegner sagen, was sie wollen, mögen sie kritisieren, Fehler unserer Arbeit suchen und an unseren Leistungen rütteln, so viel sie wollen, der neue Jischub ist heute ein positiver Faktor, und cs geht nicht mehr an, ihn zu ignorieren. Gewiß ist er noch nicht vollkommen, er bedarf noch in vieler Hinsicht des Ausbaues, avcr er ist ein lebendiges Zeugnis, daß das Land die Möglichkeit besitzt, seine Arbeiter zu ernähren, und daß unser Volk noch sehr wohl in der Lage ist, wieder den inneren Zusammenhang zwischen Volk und Land herzu,lcllcn. Unsere Kolonien, ihre äußere Entwicklung und ihr sich ganz neu gestaltendes Leben geben allen unseren Bestrebungen erst einen greifbaren Inhalt. Es ist klar: ohii! den neuen Jischub ständen wir heute leer und arm da. ohne Ersahrung, ohne Grundlagen, und wir müßten das ABC des neuen Jischub von unten auf anfangcn. Weil wir eben keinen anderen Weg haben, U-n! die nationale Rcnaisiancc nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann, weil sie nur durch allmähliche Arbeit erwachsen kann, vom Kleinen zum Großen, Stein auf Stein׳, bis zu ihrer Vollkommenheit. Be,--,.,ocn, ja zurückgezogen feierten unsere Bilu- Picnicrc im vorigen Jahre die dreißigste Wiederkehr des großen Tages, an dem sie ihre Arbeit' im Lande beganncu. In ihrem engen kleinen Kreise gedachten sic jener großen Begeisterung, die damals herrschte, als?7c die Fahne entfalteten mit dem Aufruf: ״Haus Jakob, kommet, wir wollen gehen", und sie gedachten auch der sckiveren Stunden, die sic in ihrer drcißigjährigcn Arbeit durchzumachcn hatten. Nur einzelne von uns können cs verstehen, diese Zeit nach ihrem wahren Werte zu beurteilen. Nur wenige von uns wiffen, daß diese jungen Bilu-Pionicrc vielleicht die ersten Zionisien gewesen sind. Aber ich glaube, daß alle Mitglieder des Kongreßes ohne Ausnahme cs billigen werden, wenn ich diese Gelegenheit benützte, um unseren ersten Pionieren die Gefühle unserer Hochschätzung und un- Das pries auch überall die Köchin Schönchen, die sich ״Jeanette" nennen ließ, seitdem ihr Vetter aus Melsungen zunr Viehmarkte in die Stadt gekonunen war und sie ״Jeanette" nannte, um zu zeigen, daß man in Melsungen auch ״Hochdeutsch" verstehe. Jcnanette sagte in der Fleischbank wie auf dem Markte, Emilchen sei die gute Stunde selbst, und der liebe Gott sehe aufs Herz, nicht auf die Frisur. An ihrer Mutter allein habe sie sich das Gan-Edcn (Paradies) verdient! Nach langem Leiden starb die Mutter, und zwar gerade ant Abend des Purimfestes (jüdischer Fasching), wo kein Mensch Zeit und Stimiitung fand, sie und Emilchen zu bedauern. Das Wenige, was sie besessen, war durch die Krankkcit, bei welcher an Aerzten und Arzneien nichts gespart werden durfte, zusammengeschntolzen und Emilchen wäre den herbsten Entbehrungen ausgesetzt gewesen, hätte sich nicht in dem alten ״Onkcl Markus" ein Vormund und ein Nothelfer dargeboten. Onkel Markus war ihr Großonkel und der unsere, ein wunderlicher alter Herr, ein Junggeselle von fast siebzig Jahren, von langer, dürrer Gestalt, mit storchartigen Beinen; auf dem langen, stark vorgebeugten Hals saß ein schmaler Kopf mit dünnen Weißen Haaren, aus dem gelbcn, bartlosen Gesicht ragte eine kolossale nationale Nase hervor, die über die schmalen Lippen hinaus de>n langen spitzen Kinn fast begegnete. Ein langer brauner Rock, der mehrfach gewende worden, war seit einem Menschenalter sein treuer serer dankbaren Anerkennung von dieser Tribüne ans darzubringcn. (Lebhafter Beifall und Händeklat^hen.) Sprechen wir von diesen unscrerl ersten $oniercn. so müssen lvir noch eines anderen Volksgcnoffen gedenken, eines Mannes, der sich zwar nicht im Lande anZcsiedclt, der aber dem Lande unendlich viel gegeben hat. In jener schweren Stunde, als der neue Jischub, gering und schwach wie er mar, einer Krise verfiel, und fast keine Hoffnung mehr blieb, unsere Pioniere aus ihrem Unglück zu retten, damals, da die Gegner des Jischub bereits den Untergang des Gedankens von der Wiedergeburt unseres Landes verkündeten, da sie die sthwersten Angriffe gegen die begeisterten Stürmer und Dränger richteten, die nach der Befreiung unseres Volkcs lechzten — damals erschien jener auserwählte Mann gleich einem rettenden Engel und befreite den ncueir Jischub von seinen Nöten. Wenn lvir heute gesunde und lebensfähige Kolonien haben, so müssen wir beim: Hinweis auf dieses grandiose Werk, wenn wir nicht undankbar sein wollen, dem Baron Edumund v. Rothschild unseren freudigen Dank sagen. Denn Baroir Edtnund v. Rothschild kam nicht als gewöhnlicher Wohltäte! nach Palästina, sondern als ein Mann, dem die Zukunft seines Volkes am Herzen liegt. Während die anderen Neichen unsers Volkes nur Spott und Hohn für jene ״Träumer" und ״Phantasten" hatten, gab dieser Mann ihnen sein Herz, und er begriff, daß die nationale Wiedergeburt eines Volkes auch heroische Mittel erfordert. Dreißig Jahre der ungeheuren Arbeit sind jetzt vollendet. Was noch von früher her faul war, ist verschwunden, und ein lebenskräftiger, gesunder Kern ist geblieben. So anhänglich und ergeben Baron Rothschild seinem Volke ist, so bescheiden ist dieser treffliche Mann zugleich. Niemals hat er nach äußeren Ehren und nach Anerkennung gestrebt, und nicht, um ihm den Lorbeer zu winden, den er niemals begehrte, erinnern lvir uns in dieser Stunde seines Werkes. Denn er schuf, was er tat, als ein treuer Sohn seines Volkes und erfüllte seine Pflicht als ein wahrhaft edler Mensch, der- Lohn und Dank weder erwartet noch wünscht. War <s״ ihm bcschicden, einst die erste Saat zu streuen, so wird, er seinem Werke gewiß auch weiter feine Liebe untz, stine Sympathie nicht versagen, und wir sind sicher, dgtz das: jüdische Volk in seiner Gesamtheit cs einst!^erstehen lvird, eines Mannes Werk zu würdigen, der eiji wirklich! großer Mensch war. (Lebhafter Beifall.) In den letzten dreißig Jahren ist der neue Jischub, zu ciuem wichtigen und bedeutsamen Faktor in unserer ■ Renaiffancebcwcgung geworden. Auch die Kleinmütigen, und die Ungläubigen, die an die selbständige Existenz ■, der Kolonien nicht glauben wollten, und dem ganzen neuen Jischub den Untergang prophezeiten, sobald ihm die Unterstützung von außen genommen wurde, auchsie müssen zugebcn, daß sie sich geirrt haben und sickönnen nicht mehr anders, als den Wert und die Bedeutung des Jischub anzucrtennen. Das ist der erste entscheidende Wendepunkt in der Geschichte des neuen Jischub von Erez Israel. Betrachten wir die anderen großen Bewegungen um uns herum, seien es Bewegungen nationaler oder sozialer Art, so sehen wir meist, daß das Feld ihrer Arbeit auch der Zielpunkt ihres letzten Wollens ist. Ganz anders dagegen verhält cs sich mit unserer Re- Begleiter, und das Weiße Batisttuch, das nach dainaliger Mode zweifach um den langen Hals geschlungen war, schimmerte auch bei Tagesbcleuchtung in einem so warmen Ton, als ob es die Strahlen der Abendsonne vergoldeten. Als Kumberland seinen ״Schema" zeichnete, muß ihm ״Onkel Markus" im Traume erschienen sein! Er besaß ein Haus an der Ecke des ״Grabens", in welchem er nur ein einziges Zimmer am Ende der tiefen Hausflur bewohnte. Die übrigen Zimmer standen leer, wenn man diesen Ausdruck auf Räume anwenden darf, die mit tausenden heterogener Dinge, ״Urväter Hausrat", vollgestopft waren, welche zu den tausend Geschäftszweigen seines Hauses gehörten. Er handelte nämlich mit allem. Möbel und Reitcrstiefel, zinnerne Teller und brabanter Spitzen, Silberbarren und Vitriolöl, gestickte Staatsuniformen aus dem vorigen Jahrhundert, Münzen, Inwclen ״und dergleichen Sachen mehr", wie sr in dem Satze zu sagen Pflegte, lagen hier in einträchtlicher Unordnung aufgespeichert. In seinein Keller lagen Weinvorräte, die er en gros und en detail verkaufte. Holz- und Kohlenmassen, deren Abgabe an den Stadttoren er von der städtischen Akzise gepachtet hatte, und überdies führte er ein Kontor für alle deutschen Staatslottcrien, das ihm den Ehrentitel eines Lotterieassessors eingebracht hatte. Wie reich er sei, wußte kein Mensch; bei den einen galt er für einen Geizhals, bei den anderen für einen Verschwender; und beides mit Recht, denn für seine