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Jüdische Volksstimme · 1913-09-25 · Heft 39 (25.9.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 39 (25.9.1913)
Date
1913-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wiener X1V|2. Jahrg. Nummer 39 Erscheint jeden Donnerstag. Mischt Msstimm. Bezugspreis c: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 /». -3 Ä— I -^Xi^>־- Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien:!., 'Rotenturmstraße Nr. 31. Poslsparkassakonto Nr. 312.312. Telephon 3000,VHb Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. Brünn—Budapest. Wien, A 1913- Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Elul. — S. H. Moseuthal: Schlemilchen. — Tr. (i(). Levin: Das neue Judentum in Paläsiiua. --?lssimilatorische Knechtseelen. — Olmüder Brief. — Nabbinerinstallation in Jglau. Prof. Herzberg-Fränkel gestorben. — Aufruf Westen Gründung eines Asyls für jüdische Obdachlose in Wien. — Korrespondenzen. — Rundschau. — Marek Scherlag: Jankele, der einzige Jude in der Klasse. — Josef Grob: Tie ersten Slichoth. — W. Menke»: Ter Ehassidis- »ins. — Literatur. — Jüdische Berlagsgesellschast. — Jüdischer Handlungsgehilfenverband. Elul. Elul ist der Monat der Weihe und der Buße für die Jndcnheit. Es ist die Zeit der Läuterung und sie hat die Bestimmung, die menschliche Seele vom Sinnlichen abzulenken und dem göttlichen׳ Gedanken inuner näher zu führen. Und stimmungsvoll waren die Tage dieses Monats für unsere Väter und sie gaben ihnen eine Fülle eigenartiger Schönheiten und seelischer Nertiesungen. Dieser Monat bedeutet die Vorstufe zu ^den hohen weihevollen Tagen und er führt uns mit jeder Stunde diesem Ziele näher. Darin lag die Größe dieses Monats für unsere Väter. Ein wunderbarer Seelenton durchzog die jüdischeu Herzen und ließ sie in Erwartung der gewattigen Tage erbeben. Aber die Hoffnung auf eine Seelenläuterung, die Sehnsucht, gereinigt und geheiligt vor Gott dazustehen, gab ihnen auch ein großes, gewaltiges Glück. TaS ganze Leben der alten Juden war eben mehr nach inneu als nach außen gekehrt. Sie konzentrierten alles aus das Seelische und daher wurden sie Lebenskünstler im höheren Sinne des Wortes, Künstler des Innenlebens. Kein zweites Volk verstand es so gut wie Israel, jedem Tage seine besondere Weihe und seine eigenartige Stimmung zu verleihen. Und darin liegt das Rätsel der sittlichen Reinheit und der gewaltigen seelischeu Kraft mitten in all den äußeren Leiden und Kämpfen. Die Mohammedaner leiten ihren .Ramadan, den Fastenmonat, durch Kanonenschüsse ein. Ter Elnl des Judentums wird durch die schaurigen Töne des Schofar eingeleitet. Die Klänge dieses merkwürdigen primitiven Instrumentes wirken, als wenn sie aus einer fremden, verklärten Welt zu uns herübertönten. Sie lassen uns erschauern und schaffen eine innere Disposition ür religiöse Vertiefung. Dieser Elul fällt in die Zeit, wo der Sommer sich seinem Ende neigt und der Herbst seine Herrschaft antritt. Dräuen ein langsames Abterbcn der MturF ein Welk?» und Verblühen. Diese Stimmung gemahnt an die Vergänglichfeit alles Irdischen. Und so führt die Natur selbst den Juden zum Göttlichen. Langsam, Stufe für Stufe, geht die Abkehr vom Irdischen vor sich und die dornenvolle Bahn zum Göttlichen und zum Erhabenen wird immer freier. Aus der Ferne winkt der Rosch Haschana mit seiner gewaltigen Kraft und er rüttelt das Gemüt auf und läßt den Menschen Einkehr halten und die Bilanz seines Innenlebens ziehen. Mit jedem Tage wird die Wirkung größer und gewaltiger. Für unsere Väter schwanden in diesen Tagen all die kleinlick)en Sorgen des Alltages, all die kleinen Schmerzen und Freuden des Außenlebens. Sie hatten das große gewaltige Ziel vor Augen, und dieses Ziel erfüllte ihre Herzen so, daß alles andere nichtig und unbedeutend schien. Diese gewaltige poetische Stimmung stellt einzig da. und es ist traurig, daß die heutige Generation immer mehr das Verständnis sür diese Dinge verliert. Sie verliert damit den inneren Zusammenhang mit der Vergangenheit, und ihre religiöses Leben wird dadurch matter uud schwächer. Gewiß können wir nicht in allen Dingen so leben wie unsere Väter vor fünfzig Jahren. Aber bas gleiche Ziel soll uns vvrichive den und wir sollen alles, was schön und erbaben ist, i!» Judentum pflegen und unseren Kindern zu erhalten suchen. Ter Elul braucht uns nicht gar so düster erscheinen, und doch soll er aus unsere Seele wirken und soll uns zu den Höhen der Gottesidee langsam sühren. Eine gesunde Entwicklung darf nicht das Alte vernichten, sondern fortsehen und im Geiste der Zeit ausbauen. A'ur so kann eine Gesundung des Judentums eintreten, nur so kanu das jü dische.Leben in neuer Gestalt ansblühen. Auch uns hat der Elul viel zu geben. Auch zw uns spricht er eine gewaltige Sprache, nur müssen wir diese Sprache verstehen. Wir dürfen uns von diesem Seelenleben nicht entfernen, dann wird der alte Strom auch für uns fließen und uns eine Fülle beglückender Momente bringen. F- S. Das neue Judentum in Palästina. Rede Dr. 2rfH'11111ria Levins. .V'h'u• Vüilnim Svtviow, mein geschävlee moIIcik, :uit ,M.iun üu'lK'it in protzen;J,ü!1c!t ein Bild um! der L.ige oc-j indischen Voltes in den verschiedenen Ländern entworfen. Wieder haven wir ein Kapitel unserer Ow- Feuilleton. Schlemilchen. Von S. H. M o s e n t h a l. Eigentlich hieß sie ״Emilcheu", wie man bei uns die Namensschwestern der Galotti in Deminutiv zu nennen pflegte, und war die Tochter unserer Eousine Katz, die, früh verwitwet nur dies einzige Kind besaß. Ta es von schwächlichem Körperbau und schon in früher Kindhei: mit Krämpfen behaftet war, die sich bis zu seiner spätern Entwicklung öfter wiederholten und sei neu Bewegungen etwas Unsicheres, Stoßhafte gaben, so wurde es von der beiorgten Mutter verhätschelt und gleichsam in Baumwolle ge wickelt, und diese allein hatte keine Augen sür das linkische, unbeholfene Wesen des armen Mädchens, das ihm jenen ״Spitznamen" in der ganzen Gemeinde erworben hatte. Als nämlich der alte Lcwy, der Witz- und Spaßmacher der Gemeinde, der in der Marktgasse ein Lädchen mit Nadeln und Zwirn führte, und dessen Zunge noch spitzer als seine Nadeln war, sie zum ersten Male bei einer Musik in der ״Au" herumzappeln und dem einen oder andern aus die Füße treten sah, fragte er: ״Wie heißt die Menuwelte?" (Häßliche), und als man ihm antwortete: ״Emilchen", sagte er endlich: ״Schlemilchen sollte sie heißen!" Ter Name war ihr dann auch geblieben. Wenn ich den Rest meiner hebräischen Studien ans der Erinnerung sammle, so heißt Schelau—mi—el ein Gottverlassener. Aber man versteht darunter den Widerpart eines ״Glückskindes", einen ״Pechvogel", um mich eines bnrschikosen Ausdrucks zu bedienen׳, und Ehamisso hat das Wort in der deutschen Literatur eingebürgert, indem er den seelenguten Menschen schiß derte, der unselig durchs Leben wandern muß weil ihm ein Schatten fehlt! Ja, dem ״Schle mil" fehlt nichts als ein Schatten oder vielmehr ein Licht, ein Glanz, ein Tust, den die Grazien über den Sterblichen hauchen, wenn sie an seiner Wiege stehen. Aber auch dieser Hauch der Grazien ist der unfehlbare Empfehlungsbrief für die Welt, und wer ihn entbehrt, kann ihn durch alle vier Kardiualtugenden hienieden nicht ersetzen Nur das göttliche Auge sieht nicht darauf, und sicher ist unser gutes ״Schlemilchen" auch ohne den Kuß der Grazien in den Himmel gekom men. So wie ich mich ihrer erinnere, war sie ein langes Mädchen mit dunklem Haar, großen dunklen Augen und einem sehr großen Mund, mit unregelmäßigen, schadhaften Zähnen, Groß ' waren auch ihre Hände und noch größer ihre Füße, mit denn sie nach allen Leiten ausschlug j und an denen ein Schuhband nachschleifte oder!ein abgerissener Knopf wackelte, je nachdem ihre ,Fußbekleidung zum Binden oder zum Knöpfen . war. Einige Haarzipfel guckten stets, wie neu-!gieriges Frühlingsgras, aus ihren Zöpfen hervor oder flatterten über ihre Slir», aus der sie sie mit der Hand oder dem Ellenbogen fruchklos zu verbannen bemühl war. Sie verstand es. bei dem trockenste» Wetter ihre Röcke bis hoch bi 11 auf mit Kot zu verbrämen, indem sie mit füll nein Tritt in die Straßeugosse palsckne׳. nicht minder geübt war sie, eine irisch mit Telsarbe angestrichene Haustür mit ihrem Shawi oder Mantel abzuwischeu oder mit ihrem Hut unbe greiflicherweise an einer Gewölbelaterne hängen zu bleiben, der, wenn sie ihn mir ihren breiten vKinden in die Fasson znrechlznbiegen bemüht war, an Grazie dadurch nicht viel gewann. Wollte sie eines der kleinen Kinder der Familie lieb kosen, so fuhr sie ihm mit den streichelnden Han den sicher in die Auge», worüber sie dann frei lich herberen Schmer״, empfand als das weinende Kind. Auch durfte sie trotz ihrer stürmischen Bit ten keines herumtragen, weil sie sicher mit tbin über einen Zwirnsfaden gestolpert wäre! Seine sie sich nieder, so spielte ihr der Zufall Den wan kelmütigen Stuhl unter die Beine, mit dem sie grotesk zusammenbrach, und in der Tan׳,stunde zitterten alle Mädchen für die Volants ihrer Mullkleider, denn ihre erzbeschlagenen Tan׳, schritte bedrohten ihre Nachbarn ohne Unterschied des Geschlechts. Deshalb saß ne auch bei jeder ״Aufforderung" so lange einsam an ihren! Schnupftuch zupfend, bis der kleine Tanzmeiiter Albrecht mit einem Blick stummer Resignation sie einlud, die Lücke im vis-a-vis zu ergänzen. Toch alles ertrug sie ohne Bitterkeit uud der Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei.

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