Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-09-18 · Heft 38 (18.9.1913) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 38 (18.9.1913)
Date
1913-09-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621884--2399-2623498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 38. dieses tausendjährigen Studiums und Forschens unbarmherzig der Vergessenheit überliefern. Ferner wird an die Verbreitung guter jüdischer Vorträge geschritten werden. Parallel mit der Tätigkeit der Verlagsgesellschüft wird über die Entwicklung der jüdischen Literatur fortlaufend berichtet werden. Es ist kein leichtes Beginnen, die jüdisch. Literatur aus ihrem bleischweren Schlummer zu erwecken.!Noch schwerer wird es sein, die jüdischcn Kreise davon zu überzeugen, daß wir eine Literatur besitzen, die jeder anderen mindestens gleichwertig ist. Ist cs uns jedoch erst gelungen, die Bücher aus ihrer passiven und die Menschen aus ihrer aktiven Teilnahmslosigkeit wachzurütteln, dann wird für Judentum und Judenheit eine neue Glanzcpochc anstcigen. Leopold G r ü n h u t. Die Juden und der Balkankrieg. Einige interessante Episoden, mitgeteilt von G e z a Klei n, Sofia. An einem kühlen Junimorgen des Jahres 1913 wurde einer Abteilung bulgarischer Soldaten der Befehl erteilt, eines der vielen Forts Adrianopels zu besetzen. Trotz dieses Befehles weigerten sich einige, vorzurücken. Es mußte dabei schnell vorwärts gestürmt werden, da man sonst Gefahr lief, seine eroberten Stellungen zu verlieren. Die Feinde hatten jedoch dieses Vorhaben bemerkt und eröffncten ein heftiges Gewchrfeucr. Plötzlich entstand eine Pause: Die Türken hatten die weiße Flagge als Zeichen ihrer Kapitulation gehißt. Die bulgarischen Soldaten wollten sich den türkischen nähern, als in diesem Augenblick ein jüdischer bulgarischer Soldat von der Festung herbeieiltc und folgendes erzählte: Es sei ihm gelungen, sich in die Nähe der Türken zu schleichen und er habe erfahren, daß die Hissung der weißen Flagge nur die Bulgaren täuschen und zur Annäherung veranlassen sollte, worauf die Türken ganz gewiß eine furchtbare, vernichtende Gewehrsalve auf die Bulgaren abgegeben hätten. So aber wurde diese Türkenlist durch den Juden vereitelt und die Bulgaren vor sichern! Untergange betvahrt. An! nächsten Morgen machten die bulgarischen Kriegcr einen kühnen Ausfall, die Türken ergriffen die Flucht und eine reiche Beute fiel in die Hände der Sieger. I. L., ein jüdischer Soldat vom 5. Artillcrieregiment in Schumcn, wurde init der Tapferkcitsmcdaillc ausgezeichnet. Diese hatte er sich bei folgendem Anlasse erworben: Bei Tschataldscha fand ein großer Zusaininenstoß zwischen bulgarischer und türkischer Artillerie statt. Die Türken bestürmten heftig die bulgarische Front, welche der Uebcrmacht nicht standhalten konnte, Schritt für Schritt zurückwich und die Geschütze im Stich ließ. Nur ein Soldat konnte durchaus nicht zum Verlassen seiner Kanone bewegt werden, deren Bedienung ohnehin schon gänzlich wcggcschossen war״, und dies war I. L. — Er besorgte selbst die Füllung seines Geschosses, und schoß mit Todesverachtung gegen die heranstürinendcn Türken weiter, bis ihn! eine neue bulgarische Verstärkung zu Hilfe kam. Bei Kirkkilissc unternahmen die bulgarischen Soldaten einen heftigen Angriff auf die türkische Front, ihnen voran ein Jude vom 1. Sofiaer Regiment, welcher, trotzdcn! er an fünf gefährlichen Wunden blutete, eine türkische Fahne erbeutete, welche seine Hand noch in! Sterben krampfhaft fcsthielt. Aber nicht nur an! Kriegsschauplätze taten sich die Inden, die Gut und Blut für ihr Vaterland selbstlos opferten, ruhmvoll hervor, auch in der Diplomatie hatte einer ihrer Brüder Gelegenheit, diesem Vaterlande einen guten Dienst zu erweisen. Bis nun wußte niemand, wen! eigentlich die jetzigen Verhandlungen zwischen Bulgarien und der Türkei zu verdanken sind. Als nämlich Bulgarien sah, daß seine Bitten, betreffend der Zugehörigkeit Adrianopels, bei allen Großinächtcn erfolglos blieben, entsandte es Herrn Natschewitsch nach Konstantinopel. Der türkische Geschäftsführer hieß El Botani. Doch erfolgte keine Annäherung zwischen diesen beiden Persönlichkcitcn. Nun lebte in Konstantinopel ein assyrischer Jude, Ascher Saphir mit Namen, der ein berühmter Journalist ist und seine Rechtsstildien in Jerusalem absolvierte. Dieser Jude war mit beiden Diplomaten sehr gut bekannt. vermittelte eine Aussprache zwischen ihnen und bald begannen die türkisch-bulgarischen Ver- Handlungen, die bis zur Stunde noch nicht bcendet sind. Die bulgarischen Juden stellten ihre ganzen Kräfte in den Dienst des Vaterlandes. Sie öfflieten bereitwillig ihre Schulen den unglücklichen Verwundeten und richteten sie als Lazarette ein. Wenn noch vor den Kriegen Antisemitismus geherrscht hatte, jetzt bestand er nicht mehr. Die jüdischen und bulgarischen Gemeinden verteilten Lebensmittel unter den vielen brotlos gewordenen Familien ohne Unterschied der Konfession. Die Bulgaren anerkannten die Hilfe und Aufopferung der Juden, welche nun vollständig gleichberechtigt sind. Möge das gute Einvernehmen, welches zwischeu Bulgaren und Juden gegenwärtig herrscht, lange fortdauern zur Ehre des Judentums und der ganzen Menschheit! NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNGS-GESELL- SCHAFT, WIEN, L, ASPERNPLATZ 1. im eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen Reserven ciika 116 Millionen Kronen. — Billigste Tariie, Mitarbeiter werden Oberall gesucht — Unser neuester Tarü mit 5010 jinrlich fallender garantierte Pilmle, General-Agentur für Wien, I., Aspernplatz 1, Leiter David Nebenzahl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinandsstr. 20. neu, Leiter Robert Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, SzaJoucha 3. Leiter LObi Taubes. General-Agentur für Krakau Nathan ROssner, St Sebastians 10, Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Heitling. Hauptagentur für Brflnn, Wawrastrasse 10. Laiter: Samuel Reiniger. Neujahrswünsche Seit vielen Jahren ist es Sitte geworden, anläßlich des Roschhaschono-Festes den Geschäftsfreunden in einem jüdischen Blatte durch eine entsprechende Anzeige zum Neujahrsfeste Glückwünsche zu entbieten. Ties empfiehlt sich insbesondere für Gefchäftslcute, Hoteliers, Cafetiers, Wirte, Kultusbeamte usw. Auch in diesem Jahre werden wir eine besondere Rubrik für Neujahrsgratulationen zu ראש השנה in der ״Jüdischen Volksstimmc" errichten, die wir allen Interessenten bestens empfehlen. Infolge der immer zunehmenden Verbreitung der ״Jüdischen Volksstimme" ist die Gewähr vorhanden, daß die Ncujahrsinserate wirklich gelesen werden und somit ihren Zweck erfüllen. Um unseren Lesern die Aufgabe eines Inseratcs zu erleichtern, haben wir die Preise äußcrst billig gestellt, und zwar kostet die Einschaltung des' Inserates fünf Kronen. Administrativn ״Jüdische Volksstimme". |{undfcfuuj. Hochzeit jüdischer Zwerge. Der ״Jcwish Chronicle" berichtet über ein seltenes Ercigins, das sich dieser Tage in einer Londoner Synagoge zugctragen hat: In der East London Synagoge wurde vor einiger Zeit eine Hochzeit von außcrgcwöhnlichem Jnteresie gefeiert. Zum erstenmal in der Geschichte der Gemeinde wurden die Beamten aufgefordert, das eheliche Band unter solch klei- 11cm Brautpaar zu knüpfen, wie diejenigen waren, die unter dem Trauhimmcl standen. Kein Wunder deshalb, daß die Trauung eines drei Fuß hohen Bräutigams mit einer Braut die 5 Zoll größer war, eine Menge von über 2000 Leuten anzog, von denen eine große Anzahl Bezichungcn zu der theatralischen und musikalischen Hallenwclt hatte.. Der Bräutigam war Jean Nickolay, welcher mit seinem Vater. Baron Nickolay, mit einigem Erfolg auf der Bühne der Musikhalle, wo sie als ״russische Zwerge" erscheinen, ausgetreten sind. Er war van seinem Vater begleitet, der ungefähr 6 Zoll kleiner ist als er. Sein Name wurde in das Register eingetragen als Leo Dorfmann, 24 Jahre alt, Musikhallenkünstler. Seine Braut, deren Name angegeben war als Minnic Rott, 28 Jahre alt. Schneiderin, war von ihrer Mutter begleitet, die selbst eine sehr kleine Frau war. Erstere war in ein hellblaues Gewand gekleidet und trug einen Weißen Hut, sie benahm sich mit großer Ruhe während der Feier, die von Rabbiner I. Miller feierlich vollzogen wurde. Nach dem Gottesdienst war die Menge des Volkes, die lvartete, uni die Abfahrt des Brautpaares zu sehen, so groß, daß in dem Gedränge Gefahr für die Teilnehmer der Feier entstand. Eine kraftvolle Bemühung von seiten einer großen Anzahl Männer verhüteten jeden Unfall, aber des Bräutigams Mutter wurde in einer Art Ohnmacht in den Wagen gehoben. Einem Vertreter des ״Jewish Chronicle" sagte der Bräutigam, daß er von einer Zwergenfamilie stamme. Mit seinem Vater, hat unser kleiner jüdischer Mitbruder über acht Jahre die Musikhallcn dieses Landes bereist, überall mit großer Begeisterung aufgenonunen. Auch in dem ganzen russischen Reich haben sie den Ruf als Musikhallenkünstler erworben. Sehr gute Schul-u. Konzerlviolinen - ■*■ס—‘** . Karl Goll, vormals Ignatz Beer, I. Musikinstrumenten» u. ©eitenerjeugung in Mähren. Brün«, Schwertgaffe Nr. 6. M. Oberbürgermeister Franz Heltai als Jude. Anläßlich des Ablebens des Budapestcr Oberbürgcrnieisters Dr. Franz Heltai, teilt das Budapestcr ungarisch-jüdische Blatt einige sehr interessante Eharakterstriche des Verstorbenen mit. Als es bereits bekannt war, daß Dr. Heltai zum Oberbürgermeister ernannt werden wird, suchte ihn ein Vertreter des genannten Blattes auf und bat ihn, den Lesern seine Stellung im Juden turne bekanntzugeben. Dr. Heltai antwortote: ״Sagen Sie, ich bitte, dem Herrn Redakteur, daß ich Jude bin und auch Jude bleibe und meine Religion niemals verlassen werde. Das Organ der ungarischen Juden ״Cgyenloscg" kann daher mit vollem Recht meine Kandidatur, beziehnngsweise meine Wahl zum Oberbürgermeister von Budapest registrieren." Dann fügte er noch hinzu: ״Jetzt bitte ich Sie aber noch, in Betracht zu ziehen, daß uns nur noch zwei Tage von jener Generalversammlung der Hauptstadt treuneu, in welcher meine Wahl entschieden werden wird. Ich möchte in dieser Generalversaniinlung alle konfeffioncllen Exzesse vermieden sehen. Das Organ der Antisemiten greift mich auch schon wegen meiner Zugehörigkeit zum Judentum an. Deshalb bitte ich Sie, nehmen Sie meine vorherige Erklärung einfach zur Kenntnis, betonen Sic aber mit Rücksicht auf die Ruhe und die Wichtigkeit der entscheidenden Plenarsitzung den Inhalt meiner Erklärung nicht allzu stark." Das Blatt hat seinerzeit-diesem Wunsch auch Rechnung getragen. Als Oberbürgermeister Dr. Heltai nun starb, da gab es in! Budapestcr Rat- Haus einige Verlegenheit. Die Kommune hatte den Wunsch geäußert, daß im Traucrhause wohl eine Art rituelle Abschiedsfeier veranstaltet werde, die Beisetzung aber im hauptstädtischen Zentralfriedhofe erfolgen möge, wo die Stadt ihm auf dem sogenannten Bürgermeisterwege, wo sämtliche verstorbene Oberbürgermeister und Bürgermeister der Stadt Budapest nebeneinander liegen, ein Ehrengrab bestimmt hatte. Die Pcstcr Chcwra-Kadischa hatte jedoch mit Bernfung auf Religion, Tradition und Sitte gegen eine solche Verfügung Einspruch erhoben und die Leiche des jüdischen Oberbürgermeisters zur Bestattung auf dem jüdischen Friedhöfe für sich reklamiert. Der Magistrat der Stadt Budapest hat diese Argumente gewürdigt und schließlich eingewilligt, daß Heltai auf dem jüdischen Fried- Hofe bestattet werde. Einen geradezu überwältigenden Eindruck niachte es, als der Oberrabbiner von Ofen, Dr. Arnold Kiß, in einem poetischen Nachrufe auch jene schöne Episode aus den letzten Lebensmonaten Heltais erzählte, die sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.