Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1913)
- Date
- 1913-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 ,^Jüdische BolkSstimme." Sette 3. richtigen Gesinnung und energischen Tätigkeit in der Gegenwart. Gleichwohl kann die nationale Erziehung nur die Keime zur Entwicklung edler Charaktere in die Jugend legen können; die Ausbildung dieser Keime mutz immer dem Leben und eigener Anstrengung überlasten sein. Wenn der junge Jude die Bitterniffe des Goluth schon in seinen Kindesjahren zu spüren bekam und auf eine gewisse Selbstverteidigung angewiesen war, so wird er doch erst als selbständiger Mensch sich der ganzen Schmierigkeitcn und Gefahren bewusst, welche seine festesten Grundsätze bedrohen. Ter eine oder der andere wird vielleicht der Versuchung nicht widerstehen können und durch Ilebcreilung, durch llnkcmitnis der menschliche» Verliältniffe und Mangel an Erfahrung sich zu folgenschlvcrc» Mitzgrisfen verleiten lassen; er wird vielleicht die treulosen llcbcrläufer nachzuahmen suchen. Tann aber ivird er sich wieder besinnen und die Nichtigkeit jener Karriere durchschauen. Er wird erkennen, ivic jene trotz der glänzendsten Erfolge auf ihren Gebieten doch nicht glücklich werden, wie sie sich zur Erreickuing ihrer Ziele tausendmal bücken, wie sie schmcichcln, lügen und heucheln müssen, wie sic immer noch trotz ihres Abfalls und schmachvollen Verrats an den ikrigen und vollständige Hingabe an die andern, von diesen ״Andern" mit beleidigender Hcrablastung oder geradezu mit Verachtung behandelt werden, wie sie schlictzlich. wenn sic ihr Ziel erreicht haben, doch nicht glücklich sind, sondern nur immer weiter auf demselben mübseligen und dornenvollen Wege sorteilen und, loenn ihnen durch Mihgeschick oder Torheit oder durch den natürlichen Lauf der Tinge ein ferneres Fortschreiten unmöglich geworden ist, ohne Würde und ohne Trost dein Elend und dem Jammer, dem Groll ihres eigenen Volkes und dem Gcringschätzcn anderer Völker anheimfallen. Der junge Nationaljude vergleicht dann mit ihren! Streben das seinigc. Er hat für seine Ziele nicht nötig zu betteln und zu kriechen, das Zutrauen, welches er zu seiner Kraft besitzt und die Kühnheit, welche Wahr- Hastigkeit und reine Ziele geben, lasten ihn sich den Mächtigen und Grotzcn ebenbürtig fühlen und erzwingen ihm eine mit Furcht gepaarte Achtung, selbst bei Leuten, die ibn Haffen und vernichten möchten. Sein Selbslbcivutztsein wird ihn über manche Kränkungen erheben, ihn manche Beleidigungen weniger fühlen lasse», als die anderen, er wird viele der seelischen Leiden, die die anderen peinigen, gar nicht oder doch nur in geringcrcm Matze kennen lernen; sein edler Stolz schützt ihn gegen die Kränkungen niederen Ehrgeizes und kleinlicher Eitelkeit. Er verbannt die ängstliche Sorge darüber, ob dieser oder jener!!lichter sein vollständiges Assimilicrtsein anerkennt oder nicht, und die Furcht von Mächtigen und ihre Folgen, die Demütigungen vor demselben und die Empfindungen ihrer Geringschätzung aus seiner Brust. Selbst körperliche Leiden verlieren etwas von ihrer Bitterkeit, wenn einem der Stolz verbietct, dieselben allzu weichlich und offenkundig zu äugern. So wird denn, wenn auch keine vollendete Erlösung, wie wir sic in der Heimstätte erwarten, so doch eine relativ hohe, menschliche Seelenruhe die Frucht redlichen und treuen Strcbens zum Volkswohle sein. Gleichwohl wird man sich der Tatsache nicht versckilictzen dürfen, dah die Befriedigung zum Wohle der eigenen Nation beizutrage», nicht in allen Gemütern einen gleich geeigneten Wohnsitz finden kann. Eine natiouale Jugenderziehung tvürdc allerdings viel zur Pflege eines edlen Stolzes auf redliches Streben und wackerer Taten tun können. Aber cS gibt unzweifelhaft Naturen, in denen der heilige Funkle dieser Bcgcisterung nicht anzufachen ist, aber auch wenn die Zahl jener Männer, welche vorwiegend die Jntcrestcn der Nation zu fördern bestrebt sind, nur gering bleibt, ihr Einslutz würde nicht zu verachten sein. Sie ivürden durch Wort und Schrift und durch das Vorbild ihrer Persönlichkcit in engerem oder weiterem Kreise auf die Volksmaffe, die dem Nachahmen und Bewundern geneigt ist, mächtig cinwirken, sie würden die wahren sittlichen Leiter und Lehrer des jüdischen Volkes sein. «Beifall.- Und in der Tat schcir.t die Zahl der Naturen, die sich im Stillen durch das Streben »ach Achtung vor!ich selbst leiten lasten, nick׳! allzu gering zu sein. Sind wir doch ein Volk, das im allgemeinen an Idealisten reich ist; je kräftiger und grötzcr aber eine Natur ist, je empfindlicher sic für geistige Genüsse, je mehr sie hochherzigen und edlen Ncgungen zugänglich, je mehr sie geläutert ist durch Nachdenken und Geistesbildung, um so mehr pflegt sie Verständnis lind Empfänglichkeit zu besitzen für die tiefen und unerschöpfliche» Befried!- gnngen. welche ein Mensch empfindet, der sich mit seinein Volke eins fühlt und der sich für ein wackeres und tätiges Mitglied seines Volkes hält. So wird durch nationale Erziehung und Propaganda auch das jüdische Leben in der Diaspora von scincnl Zwiespalt und seiner Zerrissenheit einem inneren Ausgleich näher kommen. Mit dieser Tätigkeit wird sich der Zionismus zu befassen haben. Es ist eine lang-!vierige Arbeit und wir haben unmittelbare Aufgaben in der eigentlichen Arbeit in Palästina, die für uns die Hauptsache bildet. Aber wir werden uns auch mit diesem Problem immer mehr zu befassen haben. Geehrter Kongress! Werden unsere Schilderungen und unsere Ratschlüge endlich Licht bringen den Augen jener, die berufen sind, zu sehen? Noch ist'S nicht zu spät, aber die zwölfte Stunde naht. Möge sich unser Volk aufraffen und aus dem Traum erwachen, in den cs die Untätigkeit gelullt. Wir hoffen cs, und um dies zu erreichen fahren wir fort, unsere Arbeit zu tun. Unsere Idee, sagen manche, trete aggressiv auf und wir verslictzcn fortwährend gegen die milde, friedfertige Gemütsjtimmung und Behaglichkeit. Wir gestehen, dah wir vieles aus der Nacht ans Licht gezogen haben. Aber noch weit mehr kann man uns vorlverfen. Auch an tiefen Problemen haben wir gerührt, haben die Krankheitssymptome analysiert und Heilung gesucht für die Schäden der Zeit. Wir erwarten ohne Furcht den Wahrspruch der Geschichte. Sie wird sage», dass wir die Augen unbeweglich auf ein Ideal gerichtet, niemandem zu Leid und unserem Volke zum Segen, auch in das Lebei! der Diaspora ordnend und klärend eingegriffen haben, und dass wir mit ernstem Sinn in die Ursachen und Zusammenhänge eingedrungen sind, durch die das einzige Nettungswerk für die Diaspora, die jüdische Einheit, geschaffen werden mutz. Ja, das Leben der Juden in der Diaspora ist noch ein Chaos, aber es regen sich schon die Keime vieler Gedanke», die mehr und mehr ans Licht gelangen! Verborgen und rein wie das Gold in den Tiefen der Erde liegt die gestaltende Kraft im Chaos: Der Zionismus in der Diaspora! Dieser Kraft gehört die ,Zukunft! 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Wehmütig umstanden zahlreiche seincr gewesenen Schüler die Tranerbahre des allgemein beliebten Lehrers. Mit Prof. Grün schied einer jener Pädagogen, die ihren Schülern nicht bloß Lehrer, sondern auch über die Schulzeit hinaus warme Freunde und gute Berater sind. Prof. Grün wurde als Sohn eines durch jüdische Gelehrsamkeit ausgezeichneten Kaufmannes in Hunfalo im Zipfer •Stomttat im Jahre 1841 geboren. Nach Absolvierung seiner Gmunasial- und jüdisch-theologischen Studien in Preßburg, promovierte er im Jahre 1807 an der Wiener Universität und übernahm hierauf die Leitung der Unterrealschule in Lipto-Szent- MikloS. Vier Jahre später wurde er als Gemeinderabbiner nach Prag berufen und mit der Leitung, der eben begründeten Gemeindebibliothek betraut. Oie er als Organisator zu einer wahren Fundgrube für hebräische und lokalhistorische Forschung ausgestaltete. Hier schöpfte er selbst Material für seine trefflichen Vorträge im Verein Afike Jehuda und seine Schriften über die Prager isr. Gemeinde. Als Fachmann gab er ein vierteiliges, auch i!1S Tschechische übersetztes Lehrbuch für den Religionsunterricht heraus. Er verstand eS, die Zuhörer in der Hochsynagoge im VortragS- und Schulsaal für sein Thema zu interessieren und zu fesseln. Durch die populäre Auffassung der Materie und durch urwüchsigen Humor. Eine treffliche Würdigung Prof. Grüns als Lehrer, Forscher und Schriftstellet׳ gab Oberrabbiner Tr. Heinrich B r o d y in seiner Gedenkrede, die er an der Bahre.des Toten auf dem alten Gottesacker in Prag hielt. Und die Hunderte, die gekomiiieu waren, dem greisen Lehrer das letzte Geleite zu geben, waren ergriffen von den aus dem Herzen kommenden Worten unseres Oberhirten. Vertreter der Gemcinderepräsentaiiz, sämtliche in Prag wei lenden Nabbiner und Religionslehrer, Vertreter der Schulbehörden und der Anstalten, an welchen Prof. Grün gewirkt hatte, zahlreiche jüdische Körperschaften waren erschienen, um dem Gelehrten die letzte Ehre zu erweisen. Ten Abschiedsgruß als Schüler und Nachfolger im Lehramte sprach namens des Lehrkörpers des deutschen Realgymnasiums auf der Altstadt Herr Prof. Tr. Hugo S. Liebe n. Tie von warm dankbarer Empfindung getragene Rede gab in knappen Umrissen ein Bild von der Bedeutung des verblichenen Gelehrten, dessen Andenken in seinen Freunden und Schülern fortleben wird. W i l h e l 11t M l e i n. Versuch eines Programmes für die jüdische Verlagsgesellschaft*). Tie Tätigkeit der Perlagsgesellschaft muß zunächst eine organisatorische sein. Unter den vielen Tausenden von jüdischen Werken, die heute nichts weiter als Bibliotheksnummern bedeuten, müßten die besten und zur Aufrüttelung des jüdischen Gewissens geeignetesten zusammeiigestellt werden. Tenn es handelt sich ja vor allem darum, das jüdische L a i e n Publikum für die Idee zu gewinnen und das Interesse der Ingeud zu wecken. Wir haben Ueberfluß an ltzelehrtentum und Mangel an Judentum. Zwecks einheitlicher Turchführung des Arbeitsplanes wäre ein drei- oder fünfgliedriger Arbeitsausschuß mit der Nominierung der herauszugebenden Werke sowie damit zu betrauen, alle jüdisch-literarischen Neuerscheinungen genau zu verfolgen und über die Ablaufzeit der gesetzlichen Schutzfrist von bedeutenderen jüb־ ׳ Werken des vergangenen Jahrhunderts (2. R. Hirsch! > Register zu führen. Eine Hauptaufgabe muß es auch sein, die öffentlichen Bibliotheken zu veranlassen, besondere Abteilungen für jüdische Literatur zu eröffnen. Bei der ungehenren Fülle jüdischen (Ristes schabes müssen naturgemäß alle Richtungen und jüdisch-wissenschaftlichen Kategorien gle: berücksichtigt und jede Einseitigkeit vermieden werden. Nichtsdestoweniger wird namentlich in den ersten Jahren, gewissen besonders wichtigen Fa: toren erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken sein. Vor allem einer von positiven Standpunk teu ausgehenden geschichtsphilosophischen Litera tur, die sich mit dem Judentum selbst und dessen einzigartigen Stellung beschäftigt. Von den andern Notwendigkeiten seien hervorgehoben: Bibeleregese; .Kenntnis der ge: stigen Glanzperiode in Babylonien und der ba bistonische Talmud durch Ausgabe wohlfeiler, leichtfaßlich-übersetzter Talmudtraktate! Religiousgesetz und Entwicklung der Liturgie; die Werke des Maimonides; Pflege der jüdischen und hebräischen Grammatik. Eine der wichtigsten Aufgaben wird es sein, die Liebe zur heiligen Sprache und das Interesse .für die geistige und materielle Judenfrage zu wecken. Tie Verlagsgesellschaft wird aber nicht nur für die Erlialtung der bereits vorhandenen jü- Oischeu Werke sorgen, sondern auch den heutigen jüdischen Autoren, die bei Veröfientlichung ihrer Werke bekanntlich aus große Schwierigkeiten stoßen, in jeder Weise entgegeiizukviiimeii trachteu. Teiiu wenn eine Literatur ernste Förde rung verdient, ist es die jüdische. Tas jüdische Volk hat nicht dazu Jahrtausende hin durch die jüdische Wissenschaft gepflegt 1mD gefördert, daß wir beute die herrlichen .Resultate *1 Wir eröffnen hiermit über die zu grün- Sende Jüdische Verlagsgesellschaft eine Tiskussiou und bitten alle Interessenten, zur Gründung dieser Verlagsgefellschaft resp. zum Programme Stellung zu nehmen.