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Jüdische Volksstimme · 1913-09-18 · Heft 38 (18.9.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 38 (18.9.1913)
Date
1913-09-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. jüdische BolkSstimme." Nr. 38. Das jüdische Leben in der Diaspora/ Von Nahum S o k o l o w. (Schluss) Geehrter Kongreß! Ich will Ihnen zur Bcanttvorjnng dieser Frage, dem Jammerbild der Zerrissenbeit und Ratlosigkeit der Diaspora, ein anderes Bild entgegensetzen: die Diaspora, geographisch wohl zerstreut, aber durch die Existenz eines lebendigen Zentrums gecini; die Diaspora, wenn auch »och mit ihren von äugen hcrcinbrechcndcn Leiden, aber ohne ihr Kleinsein, Dcmütigscin, ohne ihr Versinken, ohne ihre innerlichc Untertänigkeit, ohnmütigc Unterwerfung, ohne Assimilation, die Diaspora mit einer tvirklichcn jüdischeu Solidarität. Der Gedanke ist uns fern, in dem Leben unseres Volkes in der Diaspora nichts als Schatten zu scheu. Rein, so hoffnungslos ist die Sache nicht, und dem, der näher zusicht, wird cs trotz alledem klar, daß das Judentum auch in der Diaspora die Möglichkeiten einer Entwicklung in sich trägt, wenn cs nur verstehen würde, einen Mittelpunkt in Palästina zu gewinnen und die Einhcitskeime in sich zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Das Judentum trägt eine innere Schnsucht nach Befriedigung eines seelischen Triebes in sich, eines Triebes, der ihm sagt: du bist zu etwas höherem geschaffen. Es hört, ob cs will oder nicht, diese Stimme in seinem Innern. Es fühlt etwas, aber cs weiß noch nicht, was ihm fehlt. Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dem Zionismus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen und er wird ihnen sagen: Wir brauchen sic wie das liebe Brot. Aber was er noch nicht weiß, ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewußtscin eine Unmöglichkeit und das Nationalbcwußtscin wiederum nur durch den Zionismus eine dauernde Grundlage gewinnt. Zu keiner Zeit war es wichtiger und notwendiger als jetzt, daß wir für die Selbstverteidigung eine geschloffene Einheit bilden, selbstverständlich mrtcr strenger Wahrung unserer staatsbürgerlichen Pflichten. Es fehlt aber das zu voller Einigung und einträchtigen Zusammenwirken unumgänglich notwendige Volksbewutztscin, das allein eine große Organisation schaffen und erhalten kann. Wir Zionisten habe» eine solche Organisation, die mit der Zeit uns die Mittel liefern wird zu vollständiger gemeinsamer Wahrnehmung unserer Lcbcnsintercffcn, zu gemein- )"unter Beratung, zur Herbeiführung eines möglichst eininütigcn Vorgehens auf allen Gebieten der Bolksrettung. Dieser Gedanke muß sich im Gesamtjudcntum Bahn brechen. Sämtliche Moralpredigten über die Notwendigkeit jüdischer Solidarität sind sonst in den Wind gesprochen. Man mag hier und da etwas Philantropie treiben und sich gegen Pogrome, wenn sie stark auf die Nerven gehen, entrüsten; aber mit der Zeit wird auch die Entrüstung abgeschwächt. Man zuckt nicht mehr zusatnmcn, man zürnt nicht mehr, man nimmt die Dinge mit einer gefühllosen Selbstverständlichkeit hin, die schaudern macht. Und doch könnten wir uns zuweilen auch in der Diaspora mit Erfolg verteidigen, aber uns fehlt die Einheit, uns fehlt die erfrischende nationale Welle, die suggestive Kraft eines Mittelpunktes, die war im Wochenblättchen genau beschrieben), da öffnete sich die kleine Tür des Rathauses in der Fischergassc und sie trat heraus, Tante Guttraud, in den von Soldaten abgesperrtcn Raum und statt hindurch zu gehen, blieb sie am Eckstein vor dem Pranger stehen, hob sich am Eisengitter mit der dürren nackten Hand empor und stand, frei und allen sichtbar, dicht neben dem Mann auf der Schandbühne, dem Manne, dem sie unter der ״Chuppe" Treue geschworen hatte. So stand sie stundenlang, und nicht mit der Verzweiflungsmiene, wie man die Mutter unter dem Kreuz abgemalt,sieht, nein, ruhig, als ob sich das von selbst verstünde, init den Lippen nur leise zuckend, als ob sie innerlich bete, und die Augen auf ihn geheftet, der zu ihr hinabsah, während dicke Träneu in seinen Bart liefen, die er sich nicht abtrocknen konnte. ״Das war, wie wenn ein Blitz, nein, wie wenn ein Lichtstrahl von Gott auf die Menge gefallen wäre. Die Schimpfworte und das Gebeul waren verstummt. ״Sein Weib! Sein Weib! Sein unschuldiges Weib!" rief eine Stimme der anderen zu, und so viele schlichen sich davon, dass die Soldaten kein Gedränge mehr abzuwehren hatten. Der Pfarrer Matthias, der zum Abendfegen in die ״Brüdcrkirche" gehen wollte und der das Vorgefallene in der Marktgasse erfuhr, trat nahe heran und zog den Hut ab. ״Wie ein Lauffeuer war's durch die ganze Gemeinde geflogen und nach und nach war alles synthetische Ztisammettfaffnng aller Lebenskräfte und Lcbcttserschciituttgcn in einem festen und einheitlichen Prinzip der Volkscrhaltung. Ohne palästinensischen Zionismus würde das Nationalbcwußtsein nur eine leere Abstraktiott sein. Durch Palästina führt es sich in die Wirklichkeit ein. Die Vcrbindungsbrückc zwischen Zionismus und dem Diasporaproblem ist das jüdische Nationalbclvußtsein. Hier stehen wir auf dem festen Boden eines Programms. So kann und lvird uns Palästina auch hier Helsen, indem cs eine jüdische Solidarität schaffen tvird. Eine Wechselwirkung tritt zlvischen dem Zentrumidcal Palästina und der Umkreiswirklichkctt Diaspora ein. Das Tun gehört noch der Diaspora, der Impuls Palästina. Alles versammelt sich in diesem Gesichtspunkt: Juden verschiedener Stände und Parteien werden durch ihn in gleicher Pflichtmäßigkeit an den allgemeinen Zweck hcrangczogcn, ihre Bahnen begegnen sich. Ter Wille zum Leben tritt in Permanenz. Wir sind nicht mehr ein enthaupteter ׳Körper, wir können nicht mehr stückweise vertilgt werden. Dieser Wandel ist mehr als irgendeine Tat; cs ist eine Acndcrung der Dcnkungsweise, eine Umwertung aller Werte, ein Umschwung, der der ganzen jüdischen Selbstverteidigung in der Diaspora eine einheitliche Richtung gibt. Der sicherste Weg, der zu diesem Ziele führt, ist die nationale Erziehung zur Einheit. (Lebhafter Beifall.) Freilich dürfte das Prinzip der nationalen Solidarität, tote cs soeben angcdeutct wurde, noch allzusehr der praktischen Klarheit und Anwendbarkeit entbehren. Es dürfte die Frage aufgeworfen werden: tvas heißt cs, mit den anderen Juden solidarisch zu fühlen und zu handeln? Bis zu welchem Grade soll der einzelne Jude verpflichtet fein, sein eigenes Wohl, wenn cs mit den Interessen andrer Juden in Konflikt kommt, denselben aufzuopfern? Diese Fragen werden sich in einzclncn konkreten Fällen mit größerer Bestimmtheit beantworten lassen, als in der Allgemeinheit, mit welchcr sic hier ausgestellt sind. Es wird leider der Fehler einer jeden zusammcnfaffcndcn Formel in der Moral eine gewisse Unbestimmtheit bleiben, und dennoch wird man aus die allgemeinen Formeln nicht verzichten könneu. Die Berücksichtigung einzelner bestimmter Fälle dürfte nur ein Katechismus nationaler Pflichten bieten können, von diesem Standpunkte aus eine der verdienstvollsten Aufgaben für unsere nationalen Denker und Führer. Im übrigen werden sich trotz alledem einige bcstitnmtc Grundsätze aufstcllen laffcn. So wird alles, was zur dauernden Erhaltung und zum Wohlsein uh־ sercr Nation beizutragcn gcignet ist, der Befriedigung eines ihrer momentanen, vorübergehenden Bcdürfniffc, jeder dauernde Nutzen einem kurzen Genuß vorzuziehen sein. Ferner: alles, was für die Jntercffen eines großctt Teiles der Nation erforderlich ist, wird höher geschätzt werden müssen alsd as, was die Interessen weniger fördert. Der national empfindende Jude wird den Wert der einzelnen Faktoren der Interessen seines Volkes abwägen und zugleich die natürliche unzertrennliche Perknüpfung einzelner vorübergehender, geringerer und auf wenige beschränkter Annehmlichkeiten und Genüsse mit dauerndem, heftigen und über viele verbreiteten Leiden sowie den ursächlichen Zusammenhang, der häufig zwischen geringen Schmerzen und dauerndem Wohlsein besteht, in Erwägung ziehen müssen. Es wird oft auf den Markt geströmt. Das Gefühl der Schande war aus allen Herzen gewichen und hatte dem des Stolzes Platz geinacht. Das Verbrechen war überall und zu allen Zeiten erhört; unerhört war nur das Märtyrertum der ehelichen Treue. Das war ein stilles Bewundern, ein Kopfschütteln, ein Zunicken, ein Schluchzen der Rührung, und der alte Raf (Rabbiner) hob die Hände cmpor und rief laut: ״Gott verzeih' mir's, so alt ich biu, weiß ich doch nicht, was man darüber für eine Broche (Scgcnsfpruch) machen soll." ״Ich glaube immer, cs war auf des Bürgcrmeisters Schomburg Einschreiten, daß die Zeit abgekürzt wurde und der Arme bald darauf den Blicken entschwand. Nun wollte die Menge das Spalier durchbrechen; sie hätten vielleicht auf den Händen die Tante Guttraud nach Hause getragen, aber sie war durch dasselbe Türlein verschwanden, durch das sie eingetreten war. Man hatte sie auch vergebens besuchen wollen, obwohl der Parneß und die ganze Gemeinde jetzt auf einmal den Weg zu ihr fanden. Sie war bei ihm in seiner Zelle oder schloß sich mit den Ihrigen ein. Einnial fand ich sic nach vielen fruchtlosen Versuchen, und es zog mir die Kniee herab, als wenn man Kaurim fällt (der Fußfall am Versöhnungstag), aber sie sah mich mit strafenden Blicken an und sagte: ״Betty, was tust du für eine Eweire (Sünde)! Was würde deine Mutter, der Friede sei mit ihr! denken; sie war zehnmal besser als ich." — ernster Ucbetlegung, gegenseitiger Beratung zahlreicher, durch Meuscheualter gesammelter Erfahruttge» bedürseit, utn in manchen Vcrhältnisscu das :liechte zu treffen und vor allen Dingen wird es von großer Bedeutung sein, die Neigungen und Bedürfnisse der cinzelnen Volkskreise, Naturen und Charaktere zu studieren, damit man bei dem redlichsten Streben für das Wohl des Volkes nicht in die Lage mancher Regierungen kommt, tvelche ihre Untertanen wider ihren Willen glücklich zu machen versuchen, indem sie ihnen, in der Ucbcrzeugung höherer Einsicht, vorschrcibcn,!vorüber sie sich glücklich zu fühlen haben. Bedauerlicherweise treten zutveilen Aspirationen dieser Art seitens westeuropäischer Juden im Verhältnis zu ihren ostprcußischcn Brüdern in Erschcinung. Dazu brauchen wir eine nationale Erziehung. Wird der Jugend durch die Erziehung die lieberzeugung cingeflößt, daß tvir ein Volk sind, dessen Mitglicdcr gegenseitig Pflichten und Aufgaben haben, daß selbst in dem schtvächsten unter uns die Kraft liegt, dein Volke Gutes zu tun, wird ein lebhaftes Interesse am jüdischen Volke überhaupt und ein allgemeines jüdisches Empfinden geweckt, so tvürden Männer hcranwachscn, die anstatt eines matthcrzigen Geschchenlassens die Selbsthilfe als ihre Devise aufnchmcn tvürden. Man tvird durch eine nationale Erziehung viel' zur Ausbildung dieser Gesinnung tun können, und besonders Charaktere von glänzenden Fähigkeiten und einer gelvissen natürlichen Größe und Kraft könnte man durch Erweckung eines hochherzigen, uneigennützigen Stolzes zum Segen unserer Nation, der Verteidigung seiner bcrchtigten Interessen dienstbar machen. Es liegt in der Macht der Erziehung, Geister dieser Art durch den Hinweis auf die Taten großer Männer zu edlem Wetteifer anzusporncn und in ihrem Innern ein reincres und Hähers Gelvissen zu erziehen, ein Gewissen, das unabhängig ist von dem Urteile kurzsichtiger Zeitgenossen. Man müßte sie lehren, ihre Taten und Gesinnungcn innerlich zu prüfen, ob sie jene großen Volksgenossen billigen könnten, tvelche die Bannerträger und Märtyrer der jüdischen Nationalität gewesen sind. Es tvird sich in ihnen ein reineres Gelvissen und ein weiter Blick in Vergangenheit und Zukunft entwickeln lassen, ein Blick, welcher Festigkeit aus den Vorbildern der Vergangenheit zu schöpfen und sich selbst an dem erhofften Beifall späterer erleuchteter glücklicherer und freierer Geschlechter unseres Volkes in der Zukunft zu weiden imstande ist. So imaginär der Beifall von Vergangcnheit und Zukunft von Menschen, die nicht mehr sind, und solchen, welche erst kommen sollen, zu sein scheint, so ist doch auf alle großctt Geister, vielleicht bis zu einem gewissen Grad auf alle Menschen, das Vorbild von Leistungen 'der Vergangenheit — unser ,.S'chuth Aboth" — und die Hoffnung auf den Nachrühm und das Nachwtrkcn ihrer Ideen in fernen Jahr- Hunderten ein bedeutender Antrieb zu ihren großen Lcistungen und Taten gewesen, und dieses Streben, eS der Vergangenheit gleich zu tun und der Zukunft zum Vorbildc zu dienen, tvar ein wesentlicher und vielleicht der glänzendste Teil jüdischer Leistungen. Deshalb ist auch die Ucbcrzeugung von der Sicherheit einer Zukunft des jüdischen Volkes eine Vorbcdingung für die psychologische Möglichkeit einer auf- ״Als die Kurprinzessin auf die Welt kam, wurden viele begnadigt und vielen die Strafzeit abgekürzt. Da ist er auch herausgekoinmen. Aber iu den feuchten Kasematten waren feine Hände und Füße gichtbrüchig geworden, und fo lag er den Rest seines Lebens darnieder, wie du ihn noch gesehen hast, eingewickelt in Kampferkissen und von feinem treuen Weibe gepflegt wie ein krankes Kind. Die Familie steuerte eine bescheidcne Jahresrcnte zusammen, die durch Veriuittlung der Mädchen dem kleinen Haushalte zugute kam. ״Kurz nachdem du unsere Stadt verlassen hattest, ward er von seinem Leiden erlöst. Die Lebensaufgabe der Dulderin war vollendet; da sie nichts mehr auf Erden zu tun hatte, rief sie Gott bald darauf in seinen Vaterschoß zurück. Die älteste Tochter ist Lehrerin in einer Arbeitsschule geworden, die jüngere hat einen Landlchrer geheiratet. ״Das ist die Geschichte der Heiligen, die unter diesem Steine ruht." Die Mutter erhob sich, hinter dem Eichen- Wäldchen sank die Sonne und sendete einen letzten Strahl, der sich in dem tränenfeuchten Auge der Mutter spiegelte. ״Gibt es noch solche Weiber in Israel?" fragte sie. Ich sah sie schweigend an und drückte ihr die geliebten Hände.

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