Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1913)
- Date
- 1913-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIV|2. Jahrg. Nummer 38 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. W-----—- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Nutzland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. V-—--- s- Herausgeber: Max Hickl. ־־־ Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. Geschästsstelle. Wien:!., Notenturmstratze Nr. 31. Postsparkassakonto Nr. 312.842. Telephon 3009/VIli• Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto bcizufügen. Brünn—Budapest. Wien,KIN^'»^. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Fritz Rosner: Bekenntnis. — 2. Mosenthal: laute Wiittraiiö. — Nalnmi Sokolow: Das jüdische Leben in der Diaspora. — Rabbiner Prof. Tr. N. Grün gestorben. — Versuch eines Prograinnies für die Jüdische Verlagsgesellschaft. — Geza Sllciii, Sofia: Tie Juden und der Balkankrieg.— Rundschau. —!Korrespondenzen. — Elsa Taussig, Dresden: Moderne Antisemiten in Tcutschland. — Bericht des westösterreichischeu Jugendtages. — Teutsche Juden. — Marek Scherlag: Verglonunen. — Literatur. — Lustige Ecke. — Malciibarium. Bekenntnis. Ich bins. Hat es auch lange gedauert, dieses Sichselbstcrkenncn, so kann ich es doch nur zuin Guten auslegen. Denn lange, lange habe ich gewühlt, gewühlt in den tiefsten Tiefen meines Innern und schlver nur allzu schwer gelang es nur, mich., herauszuarbeiteu aus Vorurteilen, die mir Männer eingeimpft, vor denen ich in Achtung aufgeschaut, Folianten gesagt, zu tvelchen Geistesheroen Komentare geschrieben. Nun aber fühl ichs. Tief habe ich den Grundstein gelegt. Dorthin, wo bis jetzt das Kontra gewesen. Doch es ist kein Produkt der Stimmung. Wie bei vielen vielleicht, wo an Stelle des Gelb- Schwarz der Flottenvereinsabzeichen, Blau-Weiß Platz gegriffen hat. Nein, Gottlob! Ein Produkt der reinen Vernunft, die sich emporgeschwuugen zur Frage ob: Sein oder Nichtsein. Obs edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschickes erdulden, oder sich waffneu gegen eine See von Plagen- Wer kennt nicht diese Worte Hamlets? Nun fragte ich weiter: Jsts nicht Pflicht und Schul¬ Feuilleton. Tante Guttraud. Von S. Mosenthal. (Schluß.) ״Was ich in jener schrecklichen Zeit gelitten habe, kann ich dir nicht schildern. Stundenlang saß ich nachts weinend im Bett auf, und nur ein Blick auf meinen Mann und meine Kinder gab mir die Ruhe, wieder einzuschlafen. Tie Tante Guttraud staunte ich nur an, wenn es mir gelang, sie auf ihrem Gang in die Kasematten zu sehen oder zu sprechen. Sie war so ruhig und gottergeben, als wäre es ein Blitzstrahl oder ein Todesfall, den der Allmächtige ohne menschliches Zutun über sie verhängt hätte, und dem man sich schweigend beugen müßte. Die Mädchen verkrochen sich in ihre Kammer und ließen sich vor keinem Menschen sehen. Wir schickten täglich der Reihe nach Essen hinüber, es kam aber faft. unberührt in den Einsatzschüsseln wieder zurück. ״Am nächsten Freitag nachmittags sollte das furchtbare Schauspiel noch auf dem Markte, an der Ecke der Fischgasse, mit seinem hohen Schieferdach und seinen spitzen Türmchen. Unter der Uhr stand der schöne Spruch: ״Eins Manns Red' keins Manns Red', du sollst die Part hören beed". Ich weiß nicht, ob du dich noch daran erdigkeit eines jeden einzelnen Juden, sich für letzteres zu entscheiden? Am Ende nein? Lieber weiter Unterwerfung, Knechtschaft, Schmach und Elend. Nach diesem Satze darf kein Fragezeichen kommen, sondern ein Punkt. So darf es nicht weiter gehen. Das wollten auch sie. Das war auch ihr Programm. Sich waffnen mit Geist und mit Kraft. Weil nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sein könne. Nun hielt ich, und mit mir noch viele, ja alles für eine ganz schöne Sache, der es ja an Phrasen und Schlagworteu nicht mangelt, aber — Ueberzeugung fordert der Mann. Kam deshalb einer daher, ohne Zionist zu sein und begehrte Einlaß, so hatte er meiner Meinung nach ein Recht darauf. Hatte er doch eine Forderung. Analog mir. Freudig kann ich nun konstatieren, daß alles auf seine Rechnung kam. Durch den Einblick ins Leben des praktischen Zionismus ward alles zufriedengestellt. Arbeiten sehen, wollte man ja nur. Und das sah man. Sehnsüchtig erwartcte ich den Abend. Und als ich dieses imposanten Bildes ansichtig wurde, da überkam es mich und eine Träne stahl sich in inerne Augen. Ich konnte kaum den Gedanken fassen, daß dieser ernste Männerkopf dort von der weißen Leinwand der Schöpfer der Renaissancebewegung im Judenturne gewesen. Und ich sagte mir: Ohne Tr. Theodor Herzl hätte ich nie von hier oben heruntergestarrt-— herunter in dieses Meer der Auserlesenen, von denen sich jeder einzelne bewußt war, hierher gekommen zu sein für so und so viele, sich alle bewußt, hierhergekommen zu sein: Um Eins. Ja. um Eines reihte sich hier Charakterkopf an Charakterkopf, jeder mit seiner großen Vergangenheit und seiner noch größeren Zukunft — — --- Und es war totenstill im Saal. Das ״Manifest an mein Volk" wurde verlesen. Das sagte alles. Was leider inneu vorging und was draußen geschehen im Wirkungskreis des Zionismus. Nach diesem pro forma begannen sich die Geister zu regen -- Wer kann Sie überwältigende Denkarbeit ermessen, die jedes einzelne dieser Referate er- 'orderte? Einer doch. Und zwar der, dem Heuer zum ersten Male ״offiziell" mit den vielen anderen gedankt wurde. Dafür, daß er der Tonne '0 schön lachen gelehrt, daß er uns vor einem eucharistischen Wetter verschont hatte, lind sie achte wirklich. Des Sonntags auf ein Bild von zirka 1200 jüdischen Turnern nnd auf ein Pu- Kikum von zirka 15.000 Personen, das den Rahmen zu diesem bildete. Hier sah man zum ersten Male, daß man auch unter den Klängen der ״Hatikwah" gilt marschieren könne. Tadelos funktionierte der Apparat. Lauter Prachtkerls. Zum Schlüsse brachte uns noch das Echo den Schöpfer der Idee des Muskeljudentums: Tr. Max Nordau und alles stand unter seinem Banne. Nun denn! Von einem schweren Alpdruck waren alle jene nun befreit, die kamen, sahen und siegten. Wie ich. Ueber die dämonische Gewalt eines Vorurteils, das schuld daran, die vielen überschüssigen Energieen eines Judenjungen zur Passivität verhalten zu haben. Ja, ist's doch die Rücksicht, die Elend läßt zu hohen Jahren kommen. Aber jetzt, wo ich mich frei fühle, wird es keine Ausrede mehr geben. Mit dem kleinsten Jota meiner Seele werde ich Zio- »ist sein. Wenn daher in Bälde die Schofartöne die großen, breiten Massen des jüdischen Volkes vor das Forum der Erkenntnis rufen werden, sei sich schon alles klar darüber: Ob Zionist sein — oder nicht sein. Fritz Rosner. BBBBBBBBBBBOBBBBB Die P. T. Empfänger werden um gefl. sosortige Bezahlung des Abonnementsbetrages ersucht. KiSaHBBBBBBBBBBBBM inner!, kauft? Gerade gegenüber, wo die seligen Großeltern wohnten und gerade an der Ecke war ein Erkertürmchen, zu gleicher Erde auf den Gassenstein stoßend, von außen vergittert, von innen mit einer drehbaren Wand versehen, an die gefesselt der arme Sünder mit entblößter Brust herausgeschoben ward, um den Schimpfwörtern der Menge und den Steinwürfen des Pöbels preisgegeben zu sein. Diese scheußliche Prozedur, die das menschliche Gefühl empört und die tierischeu Leidenschaften aufstachelt. hatte die fromme evangelische Regierung wieder eingeführt, nachdem die gottlosen Franzosen sie bei uns abgeschafft hatten. Und da sollte nun der ausgestellt werden, der, leider Gottes! zu unserer Familie gehörte, auf der kein Untätelchen eines Makels | jemals gehaftet hatte. Ten Tag vergess' ich nie Er war für die ganze Gemeinde ärger als Tischob'af (Zerstörung Jerusalems). Die Läden der Juden blieben alle geschlossen׳, auf der Straße war keiner zu sehen; selbst die Kinder behielt man aus der Schule zu Haufe, damit ihnen die Gassenjungen kein Leid antäten. ״Ich muß dir sagen, Kind, daß ich mir feig und elend vorkam, zu Hause zu bleiben und an mich zu denken, wo die arme Tante Guttraud in Kummer und Herzeleid vergehen mußte. Ist es ein gottgefälliges Werk, zu Sterbenden zu gehen, wie darf man da eine allein lassen, deren Seele eines hundertfältigen Todes stirbt? Ich sagte es deinem Vater. ״Tu', was du willst!" sagte er, ich geb' schon auf die Kinder Obacht." Ich nahm mein Tuch und lief hinüber, ohne mich umzuseheu. aber ich fand die Tür verschlossen und rüttelte vergebens. Tie Nachbarin, die Schneiderin Engelbrecht, kam auf die Stiege nnd sagte mir, die Mädchen hätten sich von innen eingeriegelt und die arme Madam sei fort. Fort! fort! Wohin? ״Weiß inau's denn," sagte die Engelbrechten achselzuckend. ״der Mensch in der Verzweiflung weiß nicht, was er tut. Herrje, die arme Frau dauert mich." Ich schlich davon mit noch schwererem Herzen. Tolltest du's glauden. Kind, ich war imstande, das, was die Frau gedacht, der Heiligen zuzutranen. Ja wohl! Sie hat sich was angetan. Aber wie schämte ich mich, als ich erfuhr, was sie sich angetan hatte!" ״Tie Stunde war gekommen; eine unzäl,- liche Volksmenge füllte den Markt; die brutale Masse freute sich auf das brutale Schauspiel und johlte Tchiinpflieder auf die Juden. Man hatte Polizeidiener und Militär anfgestellt und die nächsten Zugänge zum Rathaus abgefperrl. Vom großen Fenster herab verlas ein Gerichtsjchösfe das Urteil, dem die Menge schallend zujubelte, und nun drehte sich die verhängnisvolle Wand und mit entblößter Brust, das Antlitz gesenkt, das der im Kerker verwilderte Bart noch mehr entstellte, ward der Unglückliche sichtbar. Ein j neues, noch wilderes Geheul. Schon bückte» «ich einzelne nach Kieselsteinen, die den Verbrecher treffen sollten, da — (alles, was ich dir erzähle. Soeben erschienen: ״Hickls Tüd. Volkskalenver"