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Jüdische Volksstimme · 1913-09-11 · Heft 37 (11.9.1913) · page 12

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 37 (11.9.1913)
Date
1913-09-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. ,Jüdische Bolksstimme.' 37. Josef Deutsch-Hatvany, der Chefredakteur des Pester Lloyd Siegmund Singer und der Oberbürgermeister von Budapest Dr. Franz Hcltai mit Tod «!׳gegangen. Wie verlautet, dürfte die Regierung in allernächster Zeit die Ernennung neuer jüdischer Magnatcnhausmiiglicdcr in Vorschlag bringen, und zwar werden genannl: der bekannte Industrielle Manfred Wcisz und der ehemalige Rcichstagöabgeordnctc Dr. Moritz Mczy. Wie ein Jude im Mittelalter zwischen der Türkei und Italien Frieden stiftete. Der türkische Krieg mit der Republik Venedig um den Besitz der Insel Cypcrn im Jahre 1570 ist wesentlich durch die Bemühungen eines jüdischen Arztcs bcigelegt worden. Damals wurde die Wcltpolitik von Konstantinopcl aus gemacht. Dieser jüdische Arzt ist eine Art kleiner Bismarck gewesen. Salomon Aschienasy, so dies; dieser Man», war Hofarzt des Königs Sigismund d. Zw. von Polen (1518—72) und später türkischer Diplomat. Abkömmling einer deutschen Familic. aber in Udina in Italien ansässig, kam er in seiner frühen Jugend nach Krakau, wahrscheinlich im Gesolge der italienischen Gattin Sigismunds, Bona, und durch seine bedeutenden Fähigkeiten erlangte er hier die Stellung eines ersten Arztes am fönigIidT7cu, Hofe. Später zog er nach Konstantinopcl, wo er eine große Geschicklichkeit in diplomatischen Dingen entfaltete. Er war Mitglied des Stabs des GroßwcsirS Mahomct Sakolly, der ihn mit viele» wichtigen Aufträgen betraute. Bei der Wahl eines Königs von Polen. 1572, hatte die Türkei einen mächtigen Einfluß. Asckkenasy, der die auswärtigen Angelegenheiten der Türkei praktisch durchzuführcn hatte, entschied sich zugunstcn Heinrichs von Anjou und brachte auch den ansänglich widerstrebenden Großwcsir auf seine Seite. Heinrich, der spätere König Heinrich d. Tr. von Frankreich, wurde auch tatsächlich gewählt. Seinen hierdurch aus Frankreich und Polen gewonnenen Einfluß benutzte Aschkcnasy späterhin, um einen Fricdensschluß zwischen der Türkei und Venedig hcrbcizuführen. 1570 wurde er i» außerordentlicher Sendung, ausgerüstet mit den weitestgehenden Vollmachten nach Venedig gesandt, um den Frieden abzuschlicßcn. Die Republik, die ansänglich sich weigerte, eine» Juden zu empfangen, erwies ihm später die größten Ehren und Aufmerksamkeiten und er konnte nicht nur den Frieden mit der Türkei untcrzcickncn, sondern auch eine von der Republik geplante Vertreibung der Juden rückgängig mache». Ein - Ministerialcrlas! zugunsten der Einwanderer. Der amerikanische Handelsministcr Nagl hat diescr Tage einen Erlaß herausgcgcbcn, der mit Rücksicht ans die große jüdische Ausivandcrung verdient, auch in den jüdischen Kreisen bckanntgcgcbeu zu werden. Laut diesem Erlasse erlangen die Kinder jener amerikanischen Einwanderer, welche das amerikanische Bürgerrecht er-!vorbei, haben, gleichfalls das amerikanische Bürgerrecht von dem Momente an, da sic ihr ursprüngliches Heimatsland verlassen. Diese Vcrsllgung ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil besonders jüdische Familicnvätcr oft selbst nach Amerika auswandcrn, und lasse» ihre Familienmitglieder so lange in der alten Heimat zurück, bis sic sich in der neuen Welt eine Erislenz gegründet habe». Cft ist das Familicnhaupt bereits im Besitze der amerikanischen Bürgcrdokumentc, ivährcnd die Familie noch im Lande der Bedrückung weilt. Es sind nun Fälle vorgekommcn, daß Mitglieder der Familie eines solchen eingeivanderten Bürgers in Neyork aus irgendeinem Grund nicht ans Land gelassen wurde», lvas ganzc Familieniragödicn zur Folge batte. Durch die neue Verfügung des Handclsininislcrs lverden solche traurige Fälle in Zukunft ausgeschlossen Lustige Ecke. Familie. ..Sagen Sic, Herr Lcvi, feiern Sie eigentlich Weihnachten?" — ״Ach nein, meine Frau und ich sind schon z» alt dazu, und meine Kinder sind Eine Fudenfrau batte am Tiichok bcav Schafte»- beu gesucht und sich dabei erkältet und bekam Halsiveb. Sic klagte es dem Arzt. Dieser, ein Deutscher, fragte: ״Seit untim haben Sic es, gute Frau?" Sic wollte nun nicht sagen ״Tischobboss", so sagte sie denn: ״Seit der Zerstörung Jerusalems". — ״Das ist 'ne alle Muck," sagte der Doktor, ״da kann ich nicht mehr Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Hrünn. Literatur I R. Travers Herford: Das pharisäische Judentum.! Verlag Gustav Engel, Leipzig. j Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Pharisäer — welche Verachtung und welchen Hohn > hat die christliche Gclchrtcnwclt in diesen Begriff gc-! legt und doch tvarcn cs Menschen, die in ihrer Pflichtcrfüllung gegen Gott stets zu jedem Opfer bereit, alles für ihre Auffassung taten. Die scheltenden Worte Jesus und seiner Jünger hätten Berechtigung gehabt, wenn sic sich gegen die Rcligionsauffassung der Pharisäer gewandt hätten. Und wie Jesus, waren alle christlichen Forscher von dieser Geringschätzung gegen hie Pharisäer beseelt; sic konnten ihnen nicht gerecht werden, weil sie sich nicht in ihre Auffassung cinlcbcn konnten. Vollkommen unbegreiflich war ihnen dieses ״Geschäft mit Gott", wie es die christlichen Gelehrten auffaßten, dies Erfüllen der Gebote, um im Jenseits den Lohn zu empsangen. Sic kannten scheinbar den Satz des Talmud nicht oder lvutztcn ihn nicht richtig zu deuten, daß man ein Gebot niemals ausüben dürfe al menas lekabcl p'ras, um Lohn zu empfangen, sondern daß in dem Augenblicke, in dem ein solcher Gedanke im Hirn des Pharisäers auftauchtc, er auch des Lohnes für seine Gcbotccrfüllung verlustig ging. Sic gingen hierbei von der irrigen Voraussetzung aus, der Talmud wäre ein Komplex, den man nicht vollständig beherrschen könne, um einzelne Disziplinen desselben zu begreifen, während der wahre Kenner des Talmud lvciß, ein wie schwieriges Gebiet dieses Buch der gesamten Wissenschaften der Juden auch einem tüch- Ligen Gelehrten bietet. Ich möchte da nur eine Anekdotc Mitteilen, die mir hierfür charakteristisch erscheint. Der Berühmte Talmudforschcr Strack soll stundenlang über den Satz gegrübelt haben: Tanc akros koc (wörtlich: der Lehrer stellt sich aus den Vers), weil er ״Tanc alarc koc" las und cs mit «der Lehrer stellt sich auf den Kür- bis" übersetzte. Nicht genug gerühmt werden kann daher die mühevolle Arbeit eines englischen Gelehrten des unitarischcn Geistlichen Herford, der nach dreißigjähriger Talmudforschung cs unternommen hat, eine Ehrenrettung der Pharisäer durchzuführcn. Er weist an der Hand des Talinud und der Bibel nach, daß nur ein Mißverstehen und N ichbrgre isenlönnen« der Feindschaft zwischen dem Judentum des Pharisäers und dem Christentum, das neu entstand, führte und führen mußte. ״Denn nur ein Jude, dem gleichsam der Talmud in den Adern fließt, laitn den Geist des Pharisäismus voll und ganz versiehe״." Der Pharisäismus, der feinen Ursprung auf Esra zurückführt, ist vor dieser Zeit stets der wahre Hüter der jüdischen Lehre gclvescn und mit Recht sagt der Vcrfasset/ daß ohne die Strenge, die Esra allen seinen Beschien zugrunde legte, ohne dies Verlangen, sich nötigenfalls ganz zu opfern, nur um den Geboten Gottes nachzukomuic», Israel voraussichtlich zugrunde gegangen wäre und so ist es ganz natürlich, daß sich unter den Rabbinen allmählich die Idee des ״Sjog" immer mehr hcrausgcbildct bat, daß die strikteste Beobachtung auch nur des geringsten Gesetzes, das die Nabbinen aus der Thora abgeleitet haben, mit Strenge gefordert wurde, daß der Zaun um die Thora immer mehr und mehr Gebiet in sid) schloß, damit die Gesetzesübertretung niemals an das Tboragcbot hcranrcichc. Tic Halacha bcivirtlc cs, bemerkte der Verfasser richtig, daß der Jude in allein, was er tat, Gottes Willen zu erfüllen, bcstrebt ivar, und deshalb hat es nicht geschehen können, daß er das eine als gering, das andere als wichtig einschätzte, sondern alles nach bestem Können tat. Nicht die Größe der Tat machte den Scchut aus, sondern der Wille Gottes damit zu dienen. Daß diese Strenge der Gebote bei vereinzelten Pharisäern zur Heuchelei führte, wer wollte dies leugnen, aber niemals kann uui» hieraus den Pharisäern als solchen einen Vorwurf zu machen. Das Gebet: ״Gepriesen seist du, o Herr, der du nicht inich als Weib geschaffen", findet seine rein ideale und von tiefster Gottesverchrung zcugcitde Erklärung. Da »ach jüdischem Gesetz für die Frau viele Gebote nicht bindend sind, so war dies ein Taut dafür, daß Gott ihm schon durch Geburt Gclcgcnheit geboten habe, allen seinen Geboten gehorchen zu können; also ein Standpunkt tiefster Gottesvcrchrung. Wer an das- Ende diesesspannenden und von einer wirklich objektiven Auffassung des Pharisäertums getragenen Buches kommt, der lvird dem Verfasser für diese, für einen Christen überaus große Leistung, Dank wissen. Der Leser wird sein Urteil über die Pharisäer gründlich ändern müssen und ivird zum Schlüsse kammen müssen, daß die Pharisäer Männer tvarcn, die Gott fürchteten und Gerechtigkeit übte» und tief über geistige Probleme nachdachtcn. Das Vorwort von Felix Perlcs ist gut geschrieben und trägt viel zum Verständnis des Buches Lei. Papier und Ausstattung sind hcrvorzuhebcn. Thomas Earlyle: Helden und Heldenverehrung. Verlag Eugen Diederichs, Jena. Uebersetzt von Ernst Wicklcin. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Ein jeder Literoturfrcund wird diese neue lieberfetzung begrüßen, die vor den bisherigen einen großen Vorteil hat: daß sic den Weg vom Inhalt zur Form nimmt und nicht umgekehrt. Der Ucbersetzer hat es sich zur Aufgabe gesetzt, den ursprünglich Schaffenden — soweit dies in einer llcberfetzung nur möglich ist — zu uns sprechen zu lassen. Dies ist ihm tatsächlich gelungen. — Es steht daher zu erwarten, daß auch diesem Buche Carlylcs, der ja ohnedies mit deutscher Literatur. Dichtkunst und Philosophie viele Berührungspunkte hat, bei dem deutschen Leser eine warme Aufnahme zuteil lverden wird. Denn wiewohl seine Ausführungen unserer an Glauben so armen Zeit fremd zu sein schcineu, wir fühlen alle, daß hier ein Mann einen crbittcrten Kampf führt gegen den Materialismus unserer Zeit/der uns, trotzdem die Wissenschaft eine gewaltige Höhe erreicht hat, einsam macht. Carlylcs Verdienst ist cs nun, den Krebsschaden der heutigen Kulturmenschheit aufgcdeckt zu haben: den Mangel an Aufopferungsfähigkeit, an Heldentaten. Dies ist, wie er in dem vorliegenden Buche ausführt, das wahre Heldentum, das zu allen Zeiten dasselbe war. Die Menschen sind cs, die je nach der Höhe ihrer Kultur, diese von der Natur zur Wahrheit berufenen, das cinemal als Gott anbcten, das anderemal als Schriftsteller bewundern. Besonders ist ein Held nach Carlylcs Ansicht der Reformator, der den Glauben» der im Laufe der Zeit wankend geworden ist, als Bote Gottes mit dem derzeitigen Wissen in Einklang zu bringen strebt. Nicht minder auch ein Herrscher, der nach dem Sturze des Schcinherrschcrs, die Herrschaft führt und in selbstloser Weise den zerrütteten Staat wieder aufrichtet. Paul Schulze-Berghof: ״Die Königskerze." Ein fricdcrizianischcr Roman. G. K. Sarasin, Leipzig. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Abgewirtschaftet haben nur die Dahn, Eckstein und Ebers, also die Produzenten zugeschnittcner Historien u. kostümierter Drahtpuppen. Am Leben bleiben Meyers Novellen, Flaubcrts ״Salambo" oder Jacobscns ״Marie Grubbe", weil sic wirkliche Menschen vorsühren und sich nicht an Acußcrlichkciten verlieren. Schulze-Berghof tut eine» glücklichen Griff indem er die fast zur mythischcn Ucbcrgrötzc emporragcnde Gestalt des großen Fritz dem Leser menschlich nahebringt und mit einem Tornenkränzchcn ein Haupt umgibt, das Glorienschein umglänzt. Das Dornenkränzlcin ist eine schmcrzcnsreiche, entsagungsvolle Jugendliebe des Prinzen. Althcidelbcrgstimmung hat er über diese Gestalt gebreitet und damit die künstlerische Wirkung beeinträchtigl. aber den Leser erobert. Tics wäre der Hauptvorwurf gegen den Verfasser, der sonst ein Streben nach tünsilcrischcn Zielen hier crlvcist. Auch das Spiel mit dem Symbol der Königskerze wird manchem eben nur spie- Icrisch scheinen. Was dem Buche Bedeutung gibt, ist die Fülle an Gestalten, die Leben atmen. Im Mittel- Punkt steht die anmutige Heldin, ein zweites Klärchen. Sehr wirkungsvoll ist die Szene, wo ihr Sohn vor dem König steht und in ihm wehmütige Erinnerungen an die verstorbene Jugcndgelicbtc weckt. Was war ihm diese Liebe und lvas konnte sic. ihm sein? Nicht als Mensch durste er sich auslcbcn, sondern als Prinz verzichtcn. So hat cs die Staatsraison, so der gestrenge Vater gefordert. Der gestrenge Vater? Es ist der Absolutismus, das Alter ist cs, das eifersüchtig gegen Humanität und Jugend kämpft. König und Prinz stehen sich als Kontrasigurcn gegenüber und tragen einen urcloiycn Kampf aus. Wie der Verlag ankttndigt, soll der Verfasser die Absicht baden, noch zwei Romane aus der friederizianischcn Zeit zu veröffentlichen. ״Der vorliegende bietet nur das erste Stück einer Epopöe, die das Licbeslcbcn Friedrichs des Großen bis zu seiner Thronbesteigung in drei typischen Bildern darstcllen soll." M. S. Heinrich Fcdrrer: ,.Berge und Menschen.". G. Grote, Berlin. Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. Kein Geringerer als I. V- Widmann hat Federcrs Erstling ״Lachweilcr Geschichten" verheißend bcgrüßt. Und nun wieder ein Treffer: ״Berge und Menscheu." Nicht etwa ein Roman im landläufigen Sinn, und dennoch spannend, stellenweise packend. Man muß sich nur so recht hineinlcsen, hineinlcbcn. Es ist diesem wuchtigen Werke mit wenigen Worten nicht bcizukommen, als erdrückte der Reichtum den, der ihn kritisch beleuchten und andern vorwcisen will. Was soll er zucrst'hcrvorhcbcn? Soll er das ergreifende Grundmotiv behandeln? Die Läuterung einiger nicht ganz gewöhnlichcr Alltagsmcnschcn zu Adelsmenschcn? Das Emporblühen einer mannhaften Edcltat aus abgründiger Ju- € £ s £ מ

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