Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-09-11 · Heft 37 (11.9.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 37 (11.9.1913)
Date
1913-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621883--2388-2623486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 37. durch eine imposante Kundgebung vor aller Welt zu dokumentieren, was die Betätigung der Pflicht bedeutet: תתן לך בכל שעריך selbst 3u wählen die Vertreter und Wortführer seiner Interessen, die Hüter seiner Rechte, die Bahnbrecher einer verheißungsvollen Zukunft. Und darum eben horcht auch selbst der Fernstehende, selbst der grundsätzliche Gegner der jungjüdischen Bewegung init gespanntester Aufmerksamkeit auf das Wort, das vor dem Forum dieses Kongresses gesprochen wird. Tenn unwillkürlich bemächtigt sich jedermanns das Gefühl, daß wir liier ein wahres, unverfälschtes Volksgericht vor uns haben, den würdigen Sprechwart unserer ganzen Nation, der ,ושפטו את העם משפט יברר mit klareil Worten, aber noch mehr init nachdrücklichcn Taten seines Volkes Heil und Ehre fordert. Dennoch sind viele Herzen der ganzen zioni!tischen Bewegung gegenüber von mannigfachem Zweifel und Bedenken erfüllt. Aus Unkenntnis der mit dieser Bewegung zusammenhängenden koinplizicrten Fragen zeigen sich gar manche mißtrauisch gegen ihre Ziele und Forderungen und wollen sic nicht als den treuen Ausdruck des Mchrhcitswillens unseres Volkes anerkennen. Zum Teil spielt hierbei auch die Angst vor dem Urteile der uns umgebenden Völker eine große, ja übergroße Nolle, weil sie ein jüdischnationales und politisch zionistisches Bekenntnis leicht zur Verdächtigung unserer staatsbürgerlichen Treue und Anhänglichkeit mißbrauchen und uns hierdurch unmittelbar in dem Genuß unserer bürgerlichen Rechte schaden könnten. Zum Teil sind es wicderunl die immerhin noch für weittragende Pläne zu geringen Mittel, die heute dein Judentume zur Verfügung stehen, was weite Streife von der Mitarbeit zurückhält und sic wie einst die ängstlichen Naturen bei der Wahl Sauls zum Volksfürsten sprechen läßt: מה ישענו זה was kann uns der helfen, was können wir von solchen kleinen Anfängen erhoffen? Dieses gegnerische, resp. pasiive Verhalten zum Zionismus ist aber um so weniger am Platze und gerechtfertigt, als ja das ganze zionistischc Bestreben vor allem nur das Ziel verfolgt, jenen Millionen unserer armen Brüder eine sichere Wohn- und Zufluchtsstätte zu schasfen, die ihren Wohnort nicht als ihr Heimatsland mit allen Rechten eines solchen betrachten dürfen und die ständig in Gefahr schweben, zum Wanderstabc greife» zu müssen. Was hingegen diejenigen unserer Stammesgenosscn betrifft, welche in den Ländern unserer Diaspora in glücklichcit geordneten Verhältnissen leben könneu und in ihnen auch bleiben wollen, wird selbst die vollendetste Realisierung des Judensraatcs deren staatsbürgerlichen Beziehungen zu diesen Ländern ebensowenig trüben und bccinren. Sicin Wort will ich hören über ihn, oder so wahr ein Gott lebt, ich laß mich einsperren zu ihm in die Kasematten." ״Tante Guttraud!" rief ich und ntit Tränen der Bewunderung wollte ich ihre Hand fassen, aber sie zog dieselbe zurück. ״Was wunderst du dich," sagte sie befremdet, ״als wäre da weiter was dabei? Sind wir Gojim (Heiden), wo einer auf sein eigen Blut einen Stein werfen kann? Ich bin, Gott sei Dank, ein jüdisch Weib und weiß, was geschrieden steht. Wie ich denke, denkt jede, die nicht ncwajisch haschem (Gotteslästerin) ist. — Red' mit deinem Manne, Bettyleben. Er ist takif (beliebt) bciin Bürgermeister. Beim Parneß (Gemcindcvorsteher) bin ich umsonst gewesen; er sagt, sie dürfen sich nicht hineinmischen, sic sind froh, wenn man sie nicht hincinmischt, aber der Kommissär vom Gefangenhaus, den sie für den größten Rosche (Judenfeind) ausgeschrieen haden, hat mich angchört und hat mir erlaubt, daß ich ihm eine Supp' bringen darf, solang er sitzt; so braucht er wenigstens nicht treifes (Verbotenes) zu essen. Und nun sei mauchel (verzeih'), Betty! Ich will in die Küch', damit er seine Supp' kriegt." ״So ging sie hinaus. Ich verwies die Mädchen mit stummem Blick auf die fromme Dulderin, und als ich ging, sah ich sie in der dunklen Küche den Topf zusctzcn, so sorgfältig, als bereite sie die Suppe für ein krankes Kind." Die Mutter hielt eine Weile in ihrer Erzählung inne und fuhr dann fort: ״Du mußt trächtigen, wie etwa heute die Machthaber des weiten Deutschen Reiches die Absicht haben, die in Ungarn lebenden germanischen Stämme in ihrer patriotischen Gesinnung gegen das Ungarland je nachteilig zu beeinflussen. Wenn daher einem Zeitalter, wie dem unserigen gegönnt ist, voll gewaltigen Tatcndranges eine Weltorganisation fürs Judentum hervorzubringcn, die der alten, stillen Hoffnung eines Märtyrervolkes plötzlich greifbare Formen verleiht und die in Tausenden Herzen bereits erloschenen Hoffnungen auf die Zukunft in raschem Adlerfluge neue belebt, so verdienen Wohl seine Schöpfungen das volle Vertrauen und die weitestgehende Unterstützung des ganzen mitlebenden Geschlechtes. Für sein Wort und seine Entscheidungen aber gilt das bedeutungsvolle Bibelwort aus unserem Wochenabschnitte: ובאת אל השפט איטר יהיה כימים ההם Wende dich nur au den Richter, welcher in jenen Zeiten sein wird. Wolle nicht, fügen unsere Weisen crgänzend zu diesen Worten der Schrift hinzu, zugunstcn der geistigen Größen der früheren Zeit den Bestrebungen deiner Gegenwart die ihnen gebührende Bedeutung absprechcnd, sondern wisie: אץ לך אלא שפט שבימיך daß Gott für jedes Zeitalter geeignete Männer und Richter gibt, die ihres Volkes Recht und Ehre würdig vertreten und mit idealer Begeisterung seiner Zukunft dienen. Aus der Agudas Jisroel- Bewegung. Halberstadt. Ein Jahr ist abgclaufcn, seitdem die erste deutsche Ortsgruppe der ״Agudas Jisroel" in unscrer Stadt gegründet wurde. Dieses Jahr hat nicht nur von der Werbekraft des ״Agudgs Jisroel"-Gedanlens, sondern auch von der begeisterten Hingabe der Leiter unserer Ortsgruppe beredtes Zeugnis abgelegt. Wir haben die Ortsgruppe mit 52 Mitgliedern gcgründet, heute zählt sie bereits deren 110. An Jahresbeiträgen haben lvir im abgclaufencn Jahre 1393 M.. an Spenden: für den Thorafond 137.85 M., für den Palästinafond 0.26 M. und zur Unterstützung der durch die Prcßburger Brandkatastrophe geschädigten Brüder 2024.70 M. der Frankfurter Zentrale zur Verfügung stellen können. Außerdem haben einzelne Mitglieder unserer Ortsgruppe für den Propägandafond namhafte Beiträge gespendet. Die von uns vor kurzem eingerichteten Verkaufsstellen für die Agudas-Jisroel-Marken bewähren sich gut. Bis zum Jahresschluß wurden Marken für 128.05 M. verkauft. Während des Jahres hatten wir vier größere Versammlungen, die sich eines starken Besuches zu erfreuen hatten und viel zur Vertiefung und Verbreitung der Idee von der Zusammengehörigkeit aller Treugesinnten in Israel beigetragcn haben. nicht glauben, Kind, daß es aus ist; das Schrecklichste, das Herrlichste kommt erst jetzt. ״Der Prozeß dauerte wochenlang; da ließ sich nichts machen gegen die Beweise und das eigene Geständnis. Es sind schlimme Dinge da aufgekommen, die böse Menschen gleich verbreiteten und noch vergrößerten, so daß sie der armen Frau nicht verheimlicht blieben. Doch alles das änderte nichts an ihrem Benehmen. Sie trug ihm Tag für Tag das Essen ins Gefangenhaus, erhielt von dem Kommissär sogar die Erlaubnis, ihn zu sehen und in Gegenwart von Zeugen mit ihm zu sprechen. Da sprach sie denn mit ihm, aber nur Worte des Trostes, der Milde, der Begütigung, und hätte auch ohne Gegenwart der Zeugen gewiß nichts anderes zu ihm gesprochen. Sonst wich sie nicht von ihrem Hause, empfing keinen Besuch und trug selbst die Stickereien, die so viel Tränen wie Perlen in sich schlossen, nicht mehr selbst zum Verkaufe. Nur am Abend von Roschhaschonu (Neujahrstag) ging sie wie sonst in die ״Schule"). Tic frommen, geputzten Weibcr wichen ihr freilich aus, aber sie bemerkte es nicht und stand, wie sie immer pflegte, auf ihrer ״Stätte", ohne voni Gebetbuch aufzusehen. Nur bei den Owinu-Malkeinus (Bitt- und Bußlitanci) bei den Worten: ״Gedenke, daß wir nur Staub sind!" hob sie den Blick so inbrünstig und durchdringend zum Himmel, als wolle sie die Barmherzigkeit Gottes für alle Staubgeborenen herunterholen. ״Kurz nach Sukkos (Laubhüttenfest) wurde das Urteil gefällt. Die Meisten kamen als ״Ver- Wir hoffen, daß das nächste Jahr auf dein begonnenen Wege weitere Fortschritte bringen wird. Frankfurt a. M. Noch ist das erste Semester der Tätigkeit unserer wackeren ..Jugendgruppe der Agudas Jisroel" nicht zu Ende, und schon können wir mit einigem Stolze auf das Erreichte zurückblicken. Unsere Jugendgruppe umfaßt, bereits mit ganz verschwindenden Ausnahmen, fast die gesamte gesetzestreue Jugend Frankfurts und zählt augenblicklich zirka 850 Mitglieder, die alle für die Bestrebungen der Agudas Jisroel das lebhafteste Interesse beweisen. Die von der Jugendgruppe eingerichteten Schiurim auf allen Gebieten jüdischen Wissens erfreuten sich auch während der Sommermonate eines überraschend guten Besuchs. Unsere Klublokalitäten sind für die Hunderte auswärtiger jungen Leute, die sonst jeder religiösen Beeinfluffung in ihrer Lebensführung c »traten muhten, ein gemütliches und jederzeit gern ausgesuchtes Heim geworden. Diese Tatsache allein bildet ein Verdienst der Jugendgruppe, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die neuerdings eingerichteten zwanglosen Zusammenfünfte am Sabbatnachmittag bedeuten einen weiteren Fortschritt zur Anbahnung engerer Beziehungen unter den gesetzestreucn Jünglingen der verschiedensten Kreise unserer Stadt. Die wohltuende Wirkung dieses Strebcns wird sich natürlich erst nach Jahren zeigen. Auch im Aufbringen der Geldmittel für die Erhaltung ihrer Institutionen und Veranstaltungen leistet unsere Jugendgruppe das ihrige. In Mitglicdsbeiträgen vereinnahmte sie bis jetzt 2500 M-, für den Mict- und Einrichtungsfond zirka 4000 M. In den Lokalitäten der Jugcndgruppe wurden Agudas Jisroel-Marken für 100 M. verkauft. Wie aus den Aeutzerungen der zahlreichen Besucher unserer Lokalitäten von Nah und Fern zu entnehmen ist, werden unsere Einrichtungen in aller Kürze in vielen Städten des In- und Auslandes Nachahmung finden. Bialystok. Der Sommer ist nicht gerade der geeignetste Zeitpunkt für eine Propaganda für die Agudas Jisroel, namentlich unter den in unserem Lande obwaltenden Schwierigkeiten. Um so mehr gereicht es uns zur Freude, Mitteilen zu können, daß die Idee der Agudas Jisroel in allen Kreisen unserer Stadt mit Begeisterung ausgenommen wurde und die Anrcgung, hier die Gründung einer Ortsgruppe einzuleiten, hat bei den Führern der hiesigen Orthodoxie zündend gewirkt. Die Vorsteher sämtlicher Bethäuser haben sich zu einem Komitee vereinigt, das sich die Aufgabe stellte, die Bestrebungen der Agudas Jisroel in unserer Stadt zu verbreiten. Mehr als 600 Mitglicdcr traten sofort bei und das Komitee hält allwöchentlich einmal eine Sitzung ab, in der die weiteren Maßnahmen zur Stärkung unserer Ortsgruppe beraten werden. Präsident unseres Lokalkomitees ist der weit über unser Land hinaus bekannte Philantrop und Palästinafreund (der Gründer der Kolonie ״Kirjas Mosche" in der Nähe Jerusalems) Herr M. M. Manaflewitz, Vizepräsident Herr Bankier A. Horodhschz, Kasiier Herr Salomon Heilprin, Schriftführer die Herren Samuel Riwkind und M. W. Grodsensky. Das Ansehen und die vielfach bewährte Tatkraft der leitendcn Vorstandsmitglieder unserer Ortsgruppe sind führte" mit leichteren Strafen davon; der Rädelsführer wurde zu zehn Jahren in Eisen verurteilt und, inich fchauderts jetzt noch, wenn ich cs ausfprechen soll, zur drei Stunden langen öffentlichen Ausstellung am ״Pranger". ״Dieses Urteil war ein Schreckensschlag für die ganze Geineinde. Wäre er kein Jude gewcfen, sagte man allgemein, so wäre die Schande, die man feit zehn Jahren bei uns nicht erlebt hatte, gewiß nicht über ihn verhängt worden. Aber die Regierung war damals zum Danke für die errungene ״deutsche Freiheit" sehr fromm und feierte den 18. Oktober nicht nur durch ein Freudenfeuer am ״Kratzenberg", sondern sie hätte auch gern auf dem Holzstoße dort alle Juden verbrannt. Dein guter Vater lief wieder zum Bürgermeister Schomburg, der ein freisinniger Mann war, nahm noch zwei Deputierte au§• der Gemeinde mit, und sie beschworen den Bürgermeister, diese Schande von der Gemeinde abzuwenden; der Pöbel könnte sie zu einem Krawall ausbeuten und bei allen Juden die Fenster einschlagen; der Bürgermeister zuckte die Achsein; er wußte zu gut, woher der Wind blies; ״da sei nichts zu machen; für die Sicherheit der andern werde schon Sorge getragen werden." Nun brachte man unter den Verwandten hundert Taler.zusammen und gab sie dem Leibkammerdiener des Kurfürsten, der bei ihm sehr einflußreich war, damit er ein gutes Wort einlegte; die hundert Taler blieben bei ihm, aber es blieb auch bei dem entsetzlichen Richtsprüche. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.